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1898

Donnerstag, den 14. April

Fernsprecher No. 52.

Wo. 172

Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe

Wiesbaden.

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6.

16. Kongreß für innere Medizin

(Offizieller Bericht.)

Ucber die Nachmittagssitzimg sei nur bemerkt, daß Privaidozent Dr. H. Nosin-Bcrlin über die Behandlung der Bleichsucht mit beißen Bädern sprach. Rosin hat im vergangenen Winter eine große Anzahl Bleichsüchtiger mit Bädern von 32 Grad Reanmnr sehr erfolgreich behandelt, während andere Kurmelhoden in diesen Fällen versagten. Bei der Heißbäder-Behandlung werden besonders die Mnskelschmerzen, an denen die Bleichsüchtigen leiden, rasch beseitigt. Vier Wochen genügen zur Kur. Privatdozent Dr. M. Mendelfobn-Verlin sprach über die therapeutische Verwendung sehr hoher Temperaturen. Bei Bewegiingshemmungeu infolge von chronischem Rheumatismus, Gicht und sonstigen Keleukaffektionen tritt der heilende Effekt auf das der Wärme-Einwirkung (bis 120 und 140 Grad Celsius) unterzogene Glied sofort deutlich hervor. Zur Heilung bedarf es jedoch einer längeren Anwendung dieser Methode.

willige Mitarbeit der Tbiere, die Gott schon in dem ersten Kapitel des Moses dem Menschen übergeben hat, daß er über sie herrsche. Ein Herrscher hat auch da« Recht über Leben und Tod! (Ob er das moralische Recht über Leben und Tod hat, darüber sind die Ansichten denn doch noch sehr verschieden: jedenfalls hat cm Herrscher fein Recht zu den grausamsten, entsetzlichsten Foltern an Wehrlosen.) Wir Alle laffen uns nicht zu nahe treten durch Zweifel an unserer Liebe auch zu den Thieren, aber ohne Thierversuche kein Fortschritt in der Medizin, ohne Tdierversuche keine Besserung der Erkeuntmß und der Behandlung der Krankheiten der Mengen, unserer Brüder I Die Zeiten, in denen man zum Tode verurtheilte Verbrecher zu solchen Versnchen benutzte, sind vorüber. Navigare necesse est, vivere non est neceese 1 Meine Herren! Da« Zusanimensassen der Medizin erwarte ich nicht von dem großen Manne der Zukunft, au» kaum von der freiwilligen Beschränkung des nngebührlich angewachsenen UmfangeS der einzelnen Veröffentlichung aus ein bescheideneres, aber zugleich inhaltsreicheres Maß, ich glaube aber, daß diele Politik der Sammlung eine der Hauptaufgaben unserer Kongresse sein wird, besonders wenn auf allen Seiten auch die Grenzgebiete Berücksichtigung finden, wie es auch auf dem diesmaligen Kongreß der Fall sein wird. Aus die Kongresse mögen die Forscher kommen und hier die reifen und auch die noch nicht ganz reifen Fruchte ihrer Studien und Versuche bringen »nd sie da zum allgemeiuen Besten aus dem Altar der Wissenschaft niederlegen. Wir aber wollen uns au« ihnen die für unsere allgemeii>eu und spezielle» medizinischen Bedürfnisse wichtigen herauslesen. Wir wissen aus der Obstkunde, daß ein Theil der Fruchte unreif abgepflückt werden muß und eilt mit der Zeit im Liegen reis wird. In gewissem Sinne sind ja alle unsere Untersuchungen und alle die Fruchte unserer Studien unreif, weil sie einer weiteren Entwickelung fähig sind und viele die Bedingungen des weiteren Reifen« in sich tragen. Ob es vielleicht, wie Manche wünschen, nöihig werden wird, die Früchte vor deren Opferung auf ihre Reise und ihre Genießbarkeit durch eine Voruntersuchung zu prüfen und darauf, auf welchem Spezialaltar sie uiedergelegt werden sollen, das mag die Zukunft lehren, für jetzt scheint mir ein dringende« Bedürsniß dasur nicht vorhanden. Da« hindert ja nicht, daß, wenn wir wissen, daß ein bestimmter Forscher ganz besonders reife und gute Früchte einer gewissen Gattung gezeitigt hat, daß wir diesen vor Anderen auf- sordern, uns dieselben hier mitzntheilen allein oder in Gemeinschatt mit einem Kollegen, der sich die Erzeugung derselben Fruchtgattnng zur Aufgabe gestellt hat. Kommen Sie also Alle heran, menie Herren, die Sie dem Kongreß Mittheilmigen ziigesicheri haben! Wir sehen den Fruchten Ihrer Studien und Beobachtungen mit größtem Interesse entgegen. Meine Herren! Ich erkläre die 16. Tagung des Kongresse« für innere Medizin für eröffnet!

Als erster «Referent über den medizinisch-klinischen Unterricht sprach Geheimrath H. v. Ziem ßen-München: I. Der medizinisch-klinische Unterricht bedarf in mancher Hinsicht einer Erweiterung und Ver­besserung, insbesondere in der Richtung der praktisch-technischen Ausbildung der jungen Aerzte. II. Als Vorbedingung für eine solche Vertiefung des medizinisch-klinischen Unterrichts muffen neben den bisherigen Grundlagen des Stndienganges gefordert werben: 1. Verlängerung der Studienzeit auf 10 Semester; 2. Praktische Laboratoriumsthätigkeit in der Chemie, Anatomie, Physiologie, patholog. Anatomie und Pharmakologie; 3. Grundlegende Vor- lefungen über das Gesammtgebiet der allgemeiilen und fpeziellen Pathologie und Therapie. III. Für die praktisch-technische AuS- bildiing sind neben der Klinik erforderlich: 1. Praktische Kurse in allen diagnostischen Methoden. (Außer den physikalischen Unterrichts­methoden im engeren Sinne die mikroskopische, chemische, bakteno- skopische und Neuro-Diagnostik, laryngoskopische Kurse, endlich all­gemeine diagnostische Uebungen am Krankenbette); 2. Systrniatische, mit prakt.scheu Demonstrationen und Uebungen verbundene Vortrage über die allgemeinen Heilmethoden (Diätetik, Hydrotherapie, Mechano- therapie, Elektrotherapie, JnhalaltioiiStderapie, Balneotherapie); 3. Praktische Kurse der klinisch-therapeutischen Technik am Krankenbette. IV. Die prakiischen Hebungen und demonstrativen Vorträge sind von den Fakultäten pflichtmäßig zu überwachen und zu fördern; die dieselben abhaltenden Prof-fforen und Doeeuleu sind an die klinischen Institute heranzuziehen und in ihrer Lehrthätigkeit durch Ueberlaffuiig von Lehrmitteln, Krankenmaterial K. möglichst zu fördern. V. Die für die praktischen Hebungen erforderlichen Lehr­mittel (Apparate, Instrumente, besonders Mikroskope, Modelle, Gipsabgüsse, Atlanten, Tafeln), ebenso die für da« praktische «tudium der physikalischen Heilmethoden nothwendigen Räume und Em- richtuugen mäffen als unentbehrliche Bedürfnisse des inedizinisch- klinischen Unterrichts von der Staatsregierung postulirt werden. VI. Die medizinische Poliklinik ist für die praktische Ausbildung der jungen Aerzte von großem Nutzen, wen» das Hauptgewicht auf die Ausnützui.g des Ambulatoriums unter R-fpieienz des Vorstehenden gelegt wird. Das Praktiziren der Kandidaten in der Stadt bat einen im Berhältniß zu dem Zeitverluste geringen Werth und fuhrt leicht zu einer gewissen Verflachung und Routinehafcherei. VII. Nach­weise über den Besuch der .Praktika sind wunschenswerth für die anatomische, physiologische und chemische Laboratoriumsthätigkeit, sowie für die Klinik und Poliklinik. Entbehrlich sind die für die übrigen Praktika, vorausgesetzt, daß das aus denselben zu schöpfende Wissen und Können in der Approbationsptüsung wirklich gefordert wird. VIII. Ein praktischer Jahr in der Stellung einer Volontärarztes an einem größeren Krankenhanfe über an einer staatlichen Poliklinik soll den Schlußstein einer gründlichen wissenschaftlichen und prak­tischen Durchbildung des jungen Arzte« bilden. Den gewünschten Erfolg wird diese Einrichtung aber nur dann haben, wenn die Funktion erst nach Volleiiduiig der Approbatlousprüfiing angetreten wird, und wenn der junge Arzt alle Pflichten und die volle Verantwortung eines Assistenten übernehmen muß. Der Korreferent: Prof. v. Jaksch- Prag saßt feine Ausführungen in folgenden Schlußsätzen zusammen: 1. Die Stiidienzeit für den Mediziner ist zu verlängern. 2. Die erstredeuswerthen Aendermtgen des medizinischen Studium« sind im Rahmen der gegenwärtigen Universitäts-Einrichtungen durchzuführen. 3. Eine gründliche Ausbildung des Mediziners in den naturwissen­schaftlichen Fächern ist unbedingt erforderlich. 4. Die innere Klinik ist vier Semester 10 Stunden wöchentlich zu ireguentiren. 5. Der Studirende ist zu verpflichten, einen Unterricht in den klinischen Untersuchungsmethoden zu besuchen. 6. Der ge­jammte klinische Unterricht soll einheitlich fein und unter der Berautwortting und Leitung de« kUnifchen Vorstandes stehen. 7. Der Unterricht des Mediziners in der Hygieine, Psychiatrie, Dermatologie und Syphilis, Kinderheilkunde, Ohrenheilkunde, ferner Laryngoskopie, Hydrotherapie, den diätetischen und mechanischen Unterrichtsmethoden ist unbedingt erforderlich. 8. Unentbehrlich ist ferner der poliklinische Unterricht. Er soll am Schluffe der Studien ertheitt werden und sämmtliche Fächer der praktischen Medizin um­fassen. 9. Die Kliniken sind durch Vermehrung de« Hnlfsperfonalr.

IO. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Psg. monatlich, durch die Post 1 Mk. 60 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

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Nachdem eine Anzahl der bereit« erschienenen Theilnehmer im F Weiusalon der Kurhauses am Vorabend des Kongresse« sich zur Begrüßung eiiigefundeii, eröffnete heute Mittwoch, den 13. April, f Vormittag« 0 Uhr, im Weißen Saale de« Kurhauses Herr Geh. Roth Pros. Dr. Moritz S ch in i d t - Frankfurt a. M. im Namen dcS GeschäftscomiteS, da» au« den Herren Prof. Quincke-Kiek, v Iaksch-Prag, Senator-Berlin, Nannyn-Straßburg, Pfeiffer, ständiger Sekretär, Wiesbaden, besteht, den 16. Kongreß für innere Medizin. Redner begrüßt die Vertreter der Regierung und der Stadt, wirft einen kurzen Rückblick auf den 15. Kongreß, > welcher 1897 in Berlin ftattfanb, und führt Folgendes ans: Auf unserem diesmaligen Kongresse sehen Wir ebenfalls einer ganzen Anzahl hochinteressanter Mittheilungen an» den verschiedensten Ab­schnitten der inneren Medizin und aus den Grenzgebieten entgegen. t Zum ersten Male wird die Frage des medizinischen Unterrichts von zwei der angesehensten Vertreter der akademischen Lehrthätigkeit er« > Örtert werden. Die Festsetzung diese» Thema» beruht sicherlich auf dem Gefühl, daß e» immer schwieriger wird, sich all' Dasjenige an- ureignen, wa» heutzutage für die Ausübung der ärztlichen Thätigkeit nöchig ist. Ich kenne die Endergebnisse nicht, mit denen die beiden Herren ihre Berichte schließen werden, jedensallS aber werden sie ansklingen darin, daß er heute nicht mehr gilt, was Goethe vor mehr als hundert Jahren sagte: „Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen." Wersen mir einen Blick ans die Programme unserer Kongresse, Werfen wir einen Blick in die medizinischen Journale, werfen mir " einen Blick in die stillen Klausen arbeitsvollen Streben» an den Pflanzstätten unserer Wissenschast, an den Hochschulen, so gewahren § wir, wie dort namentlich auch die jüngeren Kollegen in der emsigsten j Thätigkeit begriffen sind, jeder an seinem Theile die Wiffeiischaft zu g fördern. Fast täglich tauchen neue Untersuchungk- und ForschungS- | Methoden auf, al« deren Endergebnisse wir dann die über« I raschendsten Fortschritte zii verzeichnen haben. Die Freude M darüber wird ein klein wenig getrübt durch die außerordentliche M Mannigfaltigkeit der Arbeiten, durch die Menge, um nicht zu M sagen Massenproduktion, die sich anscheinend in centrifugaler k Richtung vollzieht, so daß eS begreiflich erscheint, Wenn selbst M unsere größten Geister Bedenken empsinden über die anscheinend so x weitgehende Zersplitternng nicht nur in der inneren Medizin, sondern tauf allen Bahnen der Gesammtwisseiifchaft. Selbst ein Mann wie WM unser Virchow hat in dem Januarheft seines Archivs eine säst k refiguirt klingende Ansprache erlassen, an» der die Klage über die M Zunahme des SpeziaUkmu» hervorbricht, sowie darüber, daß x- sich nun auch in seiner besonderen Domäne spezialiftische Be- Ktftrebnngeii geltend machen wollen, denen er sich aber gleichwohl nicht ganz zu entziehen die Absicht hat, da

der Lehrmittel in den Stand zu setzen, Ihrer Aufgabe gerecht jtu werden. 10. Die Berechtigung der Führung de» Titels Spezialist für diese ober jene Krankheit tc. soll an besondere der Ertheilung derVoui» practicandi nachfolgende Studien und Prüfungen geknüpft Werden. Referenten und Korreferent Profeffor v. Jaksch in Prag ernteten lebhaften Beifall. An den angeregten Diskussionen beteiligten sich die Herren Quincke-Kiel, Jürgensen-Tübingen, Moritz-München, A. Hoffmann-Leipzig u. 81. Zu Vicepräsidenten des Kongresse» wurden erwählt: die Herren Profefforen A. Hoffmann-Leipzig, F. Schultze-Bonn und Geheimer Rath Körie-Berlin; zu Schrift« fübrern: die Herren Professor MattheS-Jeua, Dr. F. Blumenthal, 1. Assistent der v. Leydenscheu Klinik-Berlin, und Dr. B. Paquer«

Jahresversammlung -es Allgem. Kehrer- nereins im Reg.-Zex. Wiesbaden.

m. Gberlahnstein, 13. April. Zn unserem gestrigen Bericht über die Jahresversammlung des Allgemeinen Lehrervereins im Reg.-Bez. Wiesbaden sei noch nach« getragen, daß die im „Hotel Weiland" ftattgefuubene Abend« Unterhaltung unter Mitwirkung des mehrfach preisgekrönten Ober» lahnsteiner Mänuer-Gesauavereins in schönster Weise verlaufen ist. Heute Morgen fand die öffentliche Generalversammlung in der Aula des Nealprogymiiasiums statt. Nachdem dieselbe durch Absiugung des Chorals: „Komm' heiliger Geist" eröffnet war, begrüßten Herr Bürgermeister Mensch im Namen der Stadt und der Vorsitzende de« Zweigvereins au der Lahnmündung, Herr Lehrer Schepving, im Namen der hiesigen Lehrerschaft die Versammlung herzlichst. Der Vorsitzende de« Hauptverein«, Herr Rektor Müller« Wiesbaden, dankte für die freundlichen Begrüßungen, bringt die eingegangenen Begrüßnugstelegramme zur Kenntniß und begrüßt bann seinerseits die Versammlung mit dem Wunsche, daß auch btt heutige Versammlnngstag ein Ehrentag des Verein» Werbe. ES folgten dann die beiden auf der Tagesordnung stehenden Vortrage. Zunächst sprach Herr Lehrer Stahl-Aulhausen über da» Thema: „In welcher Richtung und welchem Umfange Wird die Jugend­erziehung durch gewerbliche und laiidwirthschaftliche Kinderarbeit geschädigt?" Der Centralvorstand hat bei den einzelnen Vereins­milgliedern Erhebungen über' den Umfang und die sich zeigenden schädlichen Folgen der Kinderarbeit in unserem Bezirk angestellt. Das eiitgegaitgene Material erstreckt sich im Ganzen auf 25,371 Schüler. Davon Werden 7204 in Gewerben oder in der Landwirthschast beschäftigt, bei 1579 zeigen sich Nach­theile für die Schularbeit, bei 97 ist eine Schädigung der körper­lichen Gesundheit und bei 71 ein sittlicher Nachthetl festgestellt. Schon diese Zahlen genügen, daß der Lehrer und Erzieher seine Aufmerksamkeit auf diese Angelegenheit richtet. Festaestellt ist, daß in manchen Gegenden unsere» Vaterlandes die Kinderarbeit einen Umfang und eine Gestalt angenommen hat, die in erziehlicher Hin­sicht bedenklich erscheinen muß. Wenn die Arbeit den kindlichen Körperkräften entspricht und mit pädagogischem Takt geleitet wird, so kann sie zu einem recht werihvollen Erziehungsmittel werden; denn sie wirkt in diesem Falle günstig auf die leibliche und geistige Ent- roitfelung des Kindes. Dagegen wirkt sie schädlich in körperlicher Hinsicht, wenn sie gegen die Forderungen der Hygieine verstoßt, und in geistiger Hinsicht, wenn sie Gelegenheit zu sittlicher Verrohmig bietet, oder wenn sie an solchen Orten und im Umgang mit solchen Personen geschieht, welche geeignet sind, dem kindlichen Geiste da» Gist der Sittenverderbniß ein,uff äffen. Naturgemäß leiben bann auch Unterricht und Erziehung durch diese Kinderarbeit. — Reicher Beifall der Versammlung lohnte den Herrn Redner für die gründ­liche und erschöpfende Lösung seiner Aufgabe, und die von demselben ausgestellten Thesen, welche im Wesentlichen vorstehend miedergegeben sind. Wurden ohne jede Diskussion angenommen. — Der zweite Redner, Herr Rektor Müller an« Wiesbaden, behandelte das Thema: „Die Wiffeiischastliche und praktische Bedeutung der pädagogischen Pathologie". Die pädagogische Pathologie ist keine „fertige" Wissenschaft, die wir an» Büchern studiren können. Wa» auf diesem Gebiete bis jetzt geschehen ist, bedeutet Wenig mehr al» den Grundriß des Gebäude», das aufgeführt werden soll, und wer auf diesem Gebiete heimisch werden will, der muff selbst suchen, selbst forschen, vor allen Dingen da» Kind in seiner geistigen Entwickelung beobachten. In Welch ausgedehntem Maße dieses von dem Herrn Redner geschehen ist, davon gaben feine Ausführungen den klarsten Beweis, und eine Lust war es, diesem sicheren Führer aus da« uns selbst noch wenig bekannte Gebiet zu solgen. Die pädagogische Pathologie ist die Lehre von den Zustanden und Vor- gängen, welche sich während der Entwickelung des geistigen Leben» im Kindheitsalter bemerkbar machen und durch Welche die erstrebte Jugeiidbilduiig in schädlicher Weise beeinflußt Wird. Wir haben es also hier mit der Erforschung von Erscheinungen zu thun, welche sich als in irgend Welcher Hinsicht der Besserung nebürfhge Fehler darstellen. Es ist auf diesem Gebiete noch unendlich viel zu thun, in»besondere gilt es, die sicheren Kennzeichen der Bildsamkeit sest'zustellen, die Eigenthümlichkeit der einzelnen Fehler zu er­kennen und auf die Vorgänge und Verhältnisse im Seelenleben des Kinde» zurückzuführen, weiche diese Eigenthümlichkeit bedingen, sowie die Veranlassungen zu ergründen, welche sie hervorrn,en. An der Losung dieser Ausgabe kann und soll jeber Lehrer Mit­wirken. Er thut es, Wenn er mit von iedem Boruriheil freiem, durch das Studium der allgemeinen Psychologie geschärftem Blicke die vollständige Entwicklung einzelner Kinder genau verfolgt und endlich durch sorgfältige Vergleichung seiner Beobachtungen ebenso wohl die Psychologie des normalen wie d»e de» nicht normalen Kindes gewinnt. Der Ausbau der pädagogische» Pathologie ist für die pädagogische Wissenschaft und Praxis von hoher Bedeutung. Indem sie den Schwerpunkt in eine genauere Erforschung der zeit­lichen Entwicklungsmeise de« geistigen Leben» >m Kinde nicht nur nach der idealen und normalen, sonderst namentlich neu# Da

f sie durch künstliche Mittel nicht zu beschranken seien. — W Gar manchmal hort man die bange Aeufferung: Wo soll das noch 1 hinsührcn? Vor einiger Zeit konnte man sich mit dem Gedanken kU trösten, daß einmal, verinuthlich im nächsten Jahrhundert, Mieder ein Mann auftreten mürbe, der, ein Universalgenie Wie Schonleiu

II und Virchow, die Gesammtmediziii wieder zusanimenfassen und klaren M- würde. Nach der Entwickelung aber, welche unsere Wissenschast vor E Allem in den letzten zwei Jahrzehnten gewonnen bat, glaube ich, i baff diese Aufgabe selbst die Kräfte eines Uebermenscheu über» U steigen biiiftc, baff es keinem Sterblichen je wieder beschuhen

L fein wird, die dazu nöthigen Kenntnisse in der Gesammtmedizin s in genügender Weise zu vereinigen. Ein solcher Erneuerer E- der Medizin konnte fein Amt doch mir dann au«üben, wenn E xr sich vorher eine gründliche Kenntniß aller in das Gebiet e einschlagenden Einzelfächer verschafft hätte, da er doch nicht ungeprüft | Alles für wahr annehmen konnte, was in einem gegebenen Singen» blick veröffentlicht wird ober bisher worden ist. Er würde daun e- bald in die bedenklichsten Zickzack-Kurse geraten, und wollte er den ehrlichen Versuch machen, feine Kenntnisse in dem einen Spezialfach | zu vervollständigen und auch in der praktischen Ausübung zu prüfen, M so würbe er nachher die unliebsame Entdeckung machen, daß unter« ! dessen alle anderen Zweige unentwegt rasch weiter voran geschritten E- wären, sodaß er mit deren Erforschung wieder beginnen mußte, M und nachdem er so den größten Theil seines Lebens zu« M gebracht hätte, würde er wieder dieselbe Erfahrung machen t- und in . nsem Circulus vitiosus doch nie dahin kommen, daß er ' zu dem Augenblick könnte sagen: Verweile doch. Du bist so schön! •L Die Hoffnung auf den großen Mann der Zukunft also müssen Wir r aufgeben! Sollen mir deswegen an der Zukunft der Medizin her« (£ zweifeln? Dazu in einem Zeitpunkt, in dem mir täglich die t schönsten Entdeckungen kennen lernen, in dem wir unsere Wissenschaft mit Riesenschritten vorwärts schreiten sehen. Nein! und abermals

6 Nein! Im (Segentheil! Wer wird nicht diese Antwort geben, der “ Zeuge gewesen ist der großartigen Entwickelung unserer humanen Medizin in den letzten zwanzig Jahren? Nicht Wie früher zu den Zeiten der natnrphilofophhchen Schule haben die Arbeiten und Studien aus unseren Stndirstubeu und Laboratorien der Entwickelung '■ der Therapie geschadet, nein, wir verdanken gerade ihnen, um nur einen unter den vielen Punkten zu erwähnen, die so segensreiche | Serum-Therapie, deren Wirksamkeit mir noch in einigen wenigen k inselförmigen Bezirken nufere« Vaterlandes bezweifelt wird, die aber Ifc nach der Ansicht der meisten schon vielen Taufenden von Kindern das g- Leben, schon vielen Tausenden von Familien das Glück erhalten hat. i» Wenn in brr letzten Zeit wieder an diesen Studien gemäkelt wirb, A Weil sie zur Thierquälerei führten und nur durch sie zu betreiben fe Wären, so verkennen diese Nörgler untere ehrlichen Forscher im f Dienste der Menschheit, Welche die Thiere doch gewiff nur so weit in £ Mitleidenschaft ziehen, als es unumgänglich (Das eben wird vielfach | bestritten. D. R.) nöthig ist. Daß es recht gut möglich ist, die | Wissenschaftliche Arbeit mit der Liebe zu den Tbieren zu vereinigen, I beweist der vor nicht langer Zeit verstorbene berühmte E Physiologe und Mvisektor Geheimer Rath C. Ludwig in Leipzig, E der zugleich Vorsitzender des Leipziger Thierschutz-Lereins war.

Und wenn all' die Frauen und Jungfrauen, die ihre Hunde und t Katzen lieb haben, zum Kampfe gegen die Thierversuche und Vivi- U sektionen aufgerufen werden, so wollen Wir unsere Verbündeten e Wählen unter all' den Frauen und Müttern, deren liebliche und lieben L Kinder durch da« Diphtherieserum an» schwerer Krankheit errettet - Worden find. Wir wollen sie wählen unter den Millionen von Arbeitern s ynd Kranken, die der antiseptischen und aseptischen Behandlung»« Weise ihre Wiederherstellung und raschere Heilung verdanken. Beide . Fortschritte, wie viele andere in der Medizin, waren nur zu Hreichen durch die freundliche, wenn auch nicht ganz frei­