Einzelbild herunterladen
 

Seite 2. 13. April 1898. Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag: Langgasse 27. 46. Jahrgang. No. 170.

.....

— Di- hi-stg-n Freund- Egidqfchrr Gedanke« unb Bestrebungen beabsichtigen die Konstituirung einer Egidy-Vereinigung. Zn diesem Zweck ist eine Versammlung auf Freitag, den 15. d. M., Abends 8'/-Uhr, im Damensaal der Hotel» .Nonnenhof" anberaumt worden. ES unterliegt keinem Zweifel, daß ein Zusammenschluß der Freunde behufs gemeinsamer Erörterung der Verbreitung dieser Bestrebungen nur dienlich sein kann.

Ausland.

* Italien. Nom, 12. April. Der „Ofscrvotore Romano" veröffentlicht Schriftstücke über das Vorgehen des Papstes in der cubanifcheu Frage. Ferner veröffentlicht das Blatt eine warme Elückwnuschdepesch- des Kaisers bou Oesterreich an den Papst wegen der „glücklichen Wirkung der Intervention.' „Ich wage zu hoffen," ko heißt es in der Depesche, „daß mit Hülse des Allmächtigen die Interessen der Menschlichkeit und des Friedens gewahrt bleiben." Anschließend an die amtlichen Schriftstücke veröffentlicht der .Osservalore Nomano" eine Depesche aus Washington vom 11. April Abends, die lautet: „Die Einstellung der Feind­seligkeiten macht einen ausgezeichneten Eindruck. Ich zweifle nicht, daß der Friede aufrecht erhalten bleibt. Es wird im Kongreß kriegerische Reden geben, die aber wirkungslos fein werden. Der Einfluß des Papstes, der die Einstelluna der Feindseligkeiten erlangt hat, wird von dem amerikanischen Volke voll anerkannt und dankbar anfgenommcn." Das Blatt giebt nicht an, aus welcher Quelle diese Depesche stammt. Wahrscheinlich ist der Absender dieser optimistisch gefärbten Depesche der apostolische Delegat Martinelli. Diese Depesche widerspricht in ihrem Optimismus allen Meldungen des Bischofs Irlands, der noch am Samstag telegraphirte, daß die Intervention des Papstes das amerikanische Volk stark aufregte.

* Großbritannien. Der .Daily Chronicle" schreibt: „Die Königin Victoria hat der deutschen Kaiserin, welcher dieAerzte den Genuß von Berglust zur Nachkur angerathen haben, Eckstoß Abergeldie bei Balmoral in den schottischen Hochlanden zur Ver­fügung gestellt. Wahrscheinlich wird das Anerbieten angenommen werden. Sollte Ihre deutsche Majestät in Schottland weilen, so wird ihr kaiserlicher Gemahl höchst wahrscheinlich auch kommen, ehe der Besuch zu Ende ist. In der That könnte der Aufenthalt der Kaiserin in Schottland die jährlichen Besuche Kaiser Wilhelms in Cowes, die seit seinem Telegramm an den Präsidenten Krüger unter­blieben sind, anbahnen helfen."

* Asien. Die „Times" melden aus Peking vom 11. d.M.: DieKaiserin-Wittwe hat die Absicht kund gegeben, den Prinzen Heinrich von Preußen zu empfangen. — Von russischer Seite wird bemerkt, dje lokalen Ruhestörungen, die jüngst in Kiutschau vor­gekommen seien, machten es vothweudig, daß die Pacht von Kiutschau tu das vop den Russen gepachtete Gebiet mit einbezogen werde.

Aus Kunst und Keben.

— Königlich- Schauspiele. In Flotows Oper „Martha" sang gestern Miß Mary Howe die Titelparlie und errang sich dastiit die Gunst des Publikums in ganz hervorragender Weise. Die süße, glockenreine Sopranstimme, welche ohne die geringste An­strengung jedes Ensemble triumpbirend durchdringt, die vorzügliche Schule, welche sich namentlich auch in der virtuosen Ausführung der gesanglichen Fiorituren im 1. und 3. Akt bekundete, dazu die Grazie de» Vortrag» gewannen der Künstlerin alle Sympathiecn. Das Volkslied „Letzte Rose", welches Miß Howe in englischer Sprache fang, entzückte die Hörer durch Schmelz und Zartheit des Ausdrucks. Die Behandlung des deutschen Textes ließ noch vielfach z» wünschen übrig. Allgemein überrascht war man dagegen von der Darstellung: Miß Howe spielte mit lebendiger Frische und feinem Humor, sodaß da» Publikum in die beste Stimmung gerieth und der interessanten Sängerin eine sehr warme Aufnahme bereitete.

* Verschieden« WitttzrilunskN. Der Knnstwart. Heraus­geber Ferd. Avenarin», Verlag Georg D. W. Callwey, München (vierteljährlich 2 Mk. 50 Pf., das einzelne Heft 50 Pf.). Heft 13 enthält: Tolstoj und die Kunst. Vom Herausgeber. — Vom ijtterar - historischen Prokrustesbette. Von Adolf Bartels. — Litterarische Asterkunst r Von Adolf Bartels. — Berliner Theater. Von Julius Hart. — Die Werthschätzmig der Musik. Von Hans Sommer. Polypbonie? Von Richard Batka. — Ueber Kunstpflege iin Mittelstände. HI. "Son Panl Schultze-Naumburg. — Soldaten lind Kunst. Von Eduard Platzhoff.—Lose Blätter: Aus GobineauS „Renaissance". — Vom Tage (Chronik).

Die „Voss. Ztg." schreibt: Der Professor der Kunstakademie in Berlin und Historienmaler Otto Knille ist in Meran ge­storben. Besonders bekannt ist fein „Tannhäuser im Venusberg" (187A, der in der Nationalgallerst^stinen Platz gefunden hat.

Ans Stadt nnd §and.

Wiesbaden, 13. April.

— Grfchichtokalender» 13. April. 1598. Edikt zu Nantes )u Gunsten der Hugenotten durch Heinrich IV. 1739. Daniel Schubert, Dichter und Komponist, * Sontheim. 1784. Friedrich Heinrich Ernst Graf v. Wraugel, preußischer General, * Stettin. 1795. Jean de Lafontaine, französischer Fabeldichter, f Paris. 1824. Friedrich Kapp, deutsch-amerikanischer Schriftsteller, * Hamm an der Lippe. 1830. Ed. Lassen, Komponist, * Kopenhagen. 1838. Gustav Gabler, preußischer Staatsmann, * Naumburg a. S. 1864. Rudolf Wagner, Physiolog und Anatom, t Göttingen. 1868. Theodor II., Kaiser von Abessynien, f (Selbstmord) Magdala.

--- Dor 50 Jahren. 13. April. In Baden zieht Hecker mit dem in Konstanz gesammelten ersten Schlachthanfen von im Ganzen 57 Mann unter strömendem Regen an? der Seestadt. Bei der zurückhaltenden Stellung der Bevölkerung mußte das Unter­nehmen scheitern. Das kleine Häuflein aber war für die deutsche Republik begeistert und zog siegessicher auf Stockach zu. Hier be­gann man mit der Organisation der Republik. Tie Regiernug des SeekreiseS wurde für aufgelöst erklärt und der demokratische Abgeordnete Peter, bisher Regierungsdirektor, ward zum Statt­halter der neuen republikanischen Regierung ernannt. — Die

Dänen waren schon am 9. in Flensburg eingerückt und gingen in den nächsten Tagen über Schleswig bis in die Nähe Hon Rendsburg vor. Der König zog am 13. in Schleswig ein, verließ es jedoch infolge der deutschen Gesinnung der Bevölkerung bald wieder. Da auch Eckernförde besetzt worden war, so war es mithin den Däueu gelungen, im Laufe weniger Tage ganz Schleswig ein« znnehmen. Die Bürgerschaft wurde in den Städten entwaffnet und Haussuchungen abgehalien. — Seit dem 10. stand der preußische Oberst Bonin in der Stadt Schleswig. Er machte den Dänen Mittheilung, daß Preußen jeden weiteren Angriff auf Schleswig-Holstein als Kriegserklärung gegen sich auffassen werde. Er erhielt daraus einen Brief der König» von Dänemark, in dem dieser auffordert, die sofortige Einstellung aller RegierungS- handlnugen der provisorischen Regierung zu veranlassen, worauf Bonin wieder antwortet, daß die preußischen Truppen nicht an die Eider gerückt seien, um die provisorische Regierung zu stürzen, sondern um die verfaffungSmäßigen Rechte der beiden Herzogthümer aufrecht zu erhalten. — Die preußische Politik war jedoch offenbar sehr widerspruchsvoll. Denn der in außerordentlicher Mission nach Kopenhagen geschickte Herr v. Wildenbruch schrieb am 8. April an die dänische Regierung, daß Preußen gekommen sei, nm die republika­nischen Elemente aus der schleswig-holsteinischen Bewegung fern= zuhalten und die Gründung einer nord-albingischeu Republik zu verhindern.

-o- Dir Ankunft §r. Majestät des Kaisers erfolgt morgen Nachmittag um 6 Uhr 20 Mm. auf dem Tannusbahnhof.

— Nersonat-Uachricht-n. DerRegierungSassessorv. Roques zu Wiesbaden ist der Kgl. Negierung zu Kassel zur weiteren dienst­lichen Verwendung überwiesen worden. — Dem Bergwerks-Direktor Bergrath Beel zu Weilburg wurde der Rothe Adler-Orden vierter Klasse verliehen.

— Königliche Schauspiele. Za den morgen beginnenden, aus Allerhöchsten Befehl im hiesigen König!. Theater stattfindcnden vier Vorstellungen gehen Gesuche um BilletS so zahlreich ein, daß dieselben voraussichtlich kaum zur Hälfte Berücksichtigung finden können, zumal auch biefelben fast ausnahmslos die Platzbezeichnnng „rechts" enthalten. Da es nun, wie bei den früheren Vorstellungen, welchen Se. Majestät der Kaiser hier beiwohnte, auch bei den jetzigen nicht ausgeschlossen ist, daß Se. Majestät in der großen königlichen Mittelloge Platz nimmt, so dürfte überhaupt eine Bezeichnung rechts ober links nicht angebracht fein.

— Königliche LandeobiblioiheK. In ber Abtheilung „Schriften zur Tagesgeschichte" ist neu ausgestellt: „Henrik Ibsen" (12 Bände), barunter auch der eben erschienene zweite Band seiner sämmtlichen Werke mit einigen bisher noch nugednickten Dramen des Dichters.

— Knrhauo. Anläßlich des zur Zeit hier tagenden 16. Kon­gresses für innere Medizin findet morgen, Donnerstag, Nachmittags 6 Uhr, ein Festessen im großen Saale des Kurhauses statt, wodurch es unmöglich ist, Konzerte im Saale au diesem Tage abzuhallen. Das Nachmittagskonzert kann daher mir bei sehr günstiger Wilteriing im Kurgarten abgehalteu werden, während das Abeubkonzert über­haupt ausfallen muß, ba bie jetzige Jahreszeit Abenbkonzerte im Freien noch verbietet.

gs. Restdenz-Theater. In dem am Donnerstag zur Auf- führnng gelangenden beliebten und bekannten Schwank „Madame Bonivard" wird die Titelrolle durch Fräulein Clara Krause dar­gestellt. In den anderen weiblichen Hauptrollen sind die Damen Timling und Friedan beschäftigt. Die männlichen Hauptrollen spielen die Herren Schwartze, Mannssi, Hkckmann, Schuhmann. Herr Unger, der bewährte Regisseur, setzt das Stück in Scene.

-o- Kurhaus-Ueubau. Die von anderer Seite gebrachte Nachricht, daß Herr Architekt Maenz zu Bremen, der Verfasser des mit dem ersten Preise gekrönten Konknrrenz-Entwurss für einen Kurhaus-Neubau, wegen der Platzfrage zu Rathegezogen worden sei, ist, wie wir von maßgebender Seite erfahren, so weit die berufenen Faktoren, als welche einzig und allein die Organe der Stadtverwaltiing gelten könneii, in Betracht kommen, unzutreffend. Es wäre ja auch uiiverständlich, einen in bie internen Verhältnisse weniger Eingeweihten über eine Frage zu hören, bie boch nur ein mit allen Einzelheiten von ästhetischer und praktischer Bebeutuug Vertrauter benrtheilcil kann. Das von ber mit bin Vorarbeiten beauftragten Kommission beschlossene Mobell, an Hanb bissen bie Platzfrage einer Prüfung unb Entscheidung unterzogen wird, ist in Arbeit. Die Fertigstellung wird jedoch noch einige Zeit in Anspruch nehmen.

- o- Kirchliches. Herr Kreisschulinspektor, Dekan und Pfarrer Schneider zu Buchenau, Kreis Biedenkopf, ist am 12. d. M. im 68. Lebensjahre gestorben. Er war am 19. Februar 1831 zu Hatz­feld geboren, wurde in 1856 ordinirt, war dann Pfarrasststent in Vöhl, Vikar in Eckelshausen unb feit 1867 Pfarrer in Buchenau. In 1892 erfolgte feine Ernennung zum Dekan des Dekanats Biedenkopf.

— Kontroll-Versammlungen. Zu denselben haben zu er- fcheineu: Morgen, Donnerstag, den 14. April 1898, Vormittags 9 Uhr: bie Mannschaften des Beurlaubtenstandes des Gardecorps und der Proviuzial-Jnsanterie (ausschließlich Ersatz-Neserve) des Jahrgangs 1893. Vormittags 11 Uhr: der Jahrgang 1894. Nach­mittags 3 Uhr: bie Mannschaften des Beurlaubteilstandes ber Marine, Jäger, Kavallerie, Felbartillerie, Fußartillerie, Pioniere, Eisenbahntruppeu, Train (einschließlich Krankenträger), Sanitäts- unb Veterinärpersonal unb sonstige Mannschaften (Oekonomie- Haudwerker,Arbeitssoldaten:c.) der Jahrgänge 1892 unb 1893. Die Kontroll-Versammlungen finden aus dem großen Exercirplatz an der Schiersteilierstraße, unmittelbar an der Mauer des Kafernements, statt.

— Uoigt« Konservatorium (Höheres Musik-Institut), Markt- -straße 14 und Ellenbogengasse 2. Am Montag, den 18. d. M., nimmt das Sommertrimester seinen Anfang unb beginnen in den Elementar-, Mittel- und Oberklassen neue Kurse in folgenden Fächern der Tonkunst: Klavier, Solo- unb Chorgesang, Violine, Cello, Harfe, Theorie, Ensemblespiel, Harmonium :c. Der Unterricht wird von ersten Lehrkräften ertheilt, unb bie Schülerzahl ist in allen Klassen auf zwei Theilnehmer festgesetzt. Nenanmeldungen nimmt täglich entgegen berDirektor Benno Voigt, Pianist.

— Gmnibno Sonnenberg- Mirobaden. Wie uns mit- getheilt wird, verkehren bie Omnibusse jetzt von 9 bi» 12'/» Uhr Vor­mittags, 1'/» bis 9'/» Uhr Nachmittags ab Wiesbaden (Haltestelle: Solinenbergerstraße) unb von 9'/» bis 12 Uhr Vormittags und 1 bis 10 Uhr Nachmittags ab Sonnenberg alle halbe Staube, sodaß jetzt die doppelte Anzahl Fahrgelegenheiten gegen früher vorhanden. Einer der Omnibusse fährt momentan versuchsweise an heißen Tagen offen, und an den anberen Wagen sollen, wenn sich die Sache be­währt, die Scheiben auch entfernt werden.

— Stenographisches. Der in stenographischen Kreisen al» bedeiitender Praktiker und gewandter Redner bekannte ParlamentS- steuograph Max Bäckler ans Berlin spricht im Auftrage der Stenographieschule am nächsten Freitag, Abends 8'/, Uhr, im Wahlsaale de» Rathhauses über: „Die Aussichten auf ein deutsches stenographisches Einheitssystem". Stenographen aller Systeme sowie Freunde der Kurzschrift sind willkonnneN. n

- o- Dohe» Alter. Im 93. Lebensjahre starb gestern die Wittwe des LaudwirthsPhilipp Momberger, Saalgaffe32,wohl eine der ältesten hiesigen Einwohnerinnen.

- o- Selbstmord. Heute Vormittag ist auf dem alten Friedhof au ber Platterstraße ein Mann erhängt aufgesniiben worben. Nach einem Zettel, bin mau bei ihm saub, ist der Betreffende ans Mainz unb hat infolge Zerwürfnisses mit seiner Frau seinem Leben ein gewaltsames Ende bereitet.

-o- Ungtiicksfälle. Am zweiten Osterseiertag verunglückte ein Fiihrniiternehmcr in der Wallmühlstraße bei dem Ausreiten eines Pferdes. Das Thier wurde unruhig unb überschlug sich, wobei ber Reiter unter basselde zu liegen kam nnd den rechten Oberschenkel brach. — Gestern Nachmittag gegen 6 Uhr stürzte ein fünfjähriger Knabe auf dem Rietherberg von einem mit Langholz beladenen, in der Fahrt befindlichen Wagen. ES ging ihm dabei ein Hinterrad über den Rücken, ohne daß jedoch das Kind verletzt worben wäre. — In verflossener Nacht gegen 12 Uhr ist ber Theaterwächter L.aus seiner im ersten St.ck bis Hauses Adlerstraße 20 belegcnen Wohnung aus Unvorsichtigkeit durch ein Fenster auf die Straße gestürzt unb hat beide Beine gebrochen. Er wurde alsbald in das nahegelegene Krankenhaus gebracht. — Heute Vormittag gegen 6'/< Uhr sprang eine geistesgestörte Frauensperson aus dem im dritten Stock be= legenen Gangsenster ihrer Wohnung in der Bleichstraße aus einer Höhe von ca. 12 Meter in den Hof. Die Bedanernswerthe erlitt dadurch einen doppelten Beinbruch.

-o- Vsberfallen und mißhandelt wurde vorgestern Nacht in der Bahnhofstraße ein Bäcker von einem Schuster. Letzterer schlug dem elfteren ohne jede Veranlassung derart ins Gesicht, daß er zu Boden fiel unb ihm ein Schneidezahn abbrach.

— Kleine Notizen. In dem Arlikel über bie von der Kronenbrauerei ansgegebeneu Bier-Syphons (Selbstschünker) muß es heißen: „Eine Explosionsgefahr ist „gänzlich" aus­geschlossen." — Die silberne Hochzeit feiern am 14. April bie Eheleute Karl Müller, Sebanstraße 11.

w. Gbertahnstri», 12. April. Heute unb morgen findet in unserer Stabt bie Jahresversammlung bc8 Allgemeinen Lehrervereins im Reg.-Bez. Wiesbaden statt. Schon bie Morgenzüge ber Rhein- und Lahnbahn brachten zahlreiche Besucher. Nach einer vorangegangenen Sitzung des Centralvorstands eröffnete der Vorsitzende des Vereins, Herr Rektor Müll er-Wiesbaden, um 3 Uhr bie Delegirtenversamnilung in der Aula des Realgymnasium» mit bem Wunsche, baß auch bie diesjährige Jahresversammlung dazu beitrage, bas Banb ber Einheit immer fester zu schlingen. Zn ber Versaminlmig hatten nur bie legitimirten Vertreter bet Zweigvereine und bie Mitglieder de» Centralvorstands Zutritt. Der Kaffenbericht lag gebrückt vor unb ergab ein günstiges Bild, sobaß die Mitglieder- beiträge auch für baS laufende Jahr wieder aus 3 Mark festges.tzt werden konnten. Die einzelnen Slnhägt wurden nach eingehender Diskussion meisten» im Siime der Antragsteller erledigt, mit Ans» nähme des Antrags auf Gründung einer eigenen VereinS-Brand- versicherungskaffe. Dem Verein „Hinterland" waren durch die vorig; jährige JahreSversammlimg die Vorarbeiten für diese Gründung übertragen worden. Derselbe hatte sich feiner Ausgabe auf da» Gewissenhafteste entledigt unb ber Versammlung eingehenb anS- gearbeitete Statuten zur Beschlußfassung unterbreitet. Diese lehnte jedoch mit allen gegen vier Stimmen bie Gründung von Seiten de» Vereins ab. Die ausscheibenben Mitglleber bes Kuratoriums ber Wilhelm-Augusta - Stiftung, bie Herren Wenig und Gabriel- Diez, würben wiebergewählt. Ebenso ergab die Ergänzungswahl des Centralvorstands bie eirrstinnnige Wiederwahl der Herren Rektor Müller-Wiesbaden, Rektor Müller-Höchst, Hanptlehrec Demmer-Eschborn und Hauptlehrer Laut-Danborn. Heute Abend findet im „Hotel Weiland" eine Abenduuterhaltung statt.

•• Homburg, 12. April. Ter Kaiser wird nach seiner Rück­kehr ans Wiesbaden bis zu feiner Abreise zu den Jubilanmsfeierlich-

zu Tage treten. ES ist interessant, das große Ausstellungs- werk auch im Stadium des Werdens zu beobachten. Auf dem Champ de Mars, an der Brücke Alexander III., auf den Champs Elysees, überall herrscht reges Leben und rastlose Thätigkeit, die sich jedoch bisher meist im Zerstören äußert. Man glaubt im Umkreise einer vom Krieg, oder Erdbeben verwüsteten Stadt zu weilen. Alles, was im Jahre 1889 Schönheit, Anmuth, Bewegung und Lust verbreitete, existirt nicht mehr. Nur die Maschinenhalle erhebt sich unversehrt mitten unter den Ruinen, und von der anderen Seite der Riesenebene ragt die schwindelnde Höhe des Eiffelthurms den Wolken entgegen. Das alte Mars­feld, der Schauplatz so vieler Ereignisse, wo zuerst im An­trieb edler Brüderlichkeit das Bundesfest gefeiert wurde, wo dann in Zwietracht französisches Blut floß, wo Napoleon durch das Maifest die Harmonie wiederherzustellen suchte, wo die Armee sich kampffähig machte, wo endlich unter Lustklängen und Freudenrausch die schönsten Musterproben der Weitindustrie den Blicken der ganzen Welt geboten wurden, das alie Marsseld wird in neuer Gestalt erscheinen, deren langsamer Entwickelung wir beiwohnen. Am linken Ufer an der Alexanderbrücke sind die Arbeiten mit kom- primirter Luft beendet und die Fundameute gelegt; am rechten Ufer sieht man den Oberbau sich bereits er­heben. Auf den Champs Elysees schreitet die Arbeit am sichtlichsten fort. Achthundert Arbeiter sind hier täglich beschäftigt. Alle schweren Arbeiten, wie das Heben, Sägen und Feilen der Steine, werden automatisch, mittels Elektricität bewirkt; eine ungeheure Kreissäge mit Djamanteuspitzen vollbringt die Arbeit von 100 Menschen. Die zwei Hauptpaläste, der kleinere der Stadt Paris und der große Kunstpalast, sind bereits zu sehen und können

nach den ausgestellten Modellen in Gedanken vervollständigt werden. Die Ornamentik ist so zart unb subtil, daß an dem großen Palast allein sieben Bildhauer ein ganzes Jahr gearbeitet haben. Auf der Fronlfassade wird die Geschichte der Kunst vom Alterthum bis auf die heutige Zeit in Relief dargestellt fein. In Bezug auf die Berkehrserleichternng während der Ausstellung sind alle Hoffnungen auf die Entwicklung der Automobiles gerichtet. Bisher hat dieses Verkehrsmittel jedoch erst die Bedeutung eine» Sports. Gegenwärtig feiert das Automobil feinen Eintritt in die Politik. Der bekannte Elektriker Deuayrouse wird, wie man berichtet, seine nächste Wahltonrnee auf diesem modernsten Fahrzeug vollziehen.

Schwarx-weiß-AusstelUmg bei Kanger.

Bangers Kunstsaloii zeichnet sich feit feinem Bestehen da­durch aus, daß in ihm fortgefetzt kleineSonber-Ausstelluiigeu bervor- ragenber Meister zur Ansicht gebracht werben. Die letzten Monate erst zeigten interessante unb künstlerisch höchst bedeutungsvolle Kollektionen von Hans Thom a, von Selbmann, von Kuhnert, von Storm van'» Gravefande, von Sinnig jr. unb von Bracht, unb seitbern nun der schöne Oberlichtfaal eingewciht wurde, dürste das höchst verständnißvolle Bemühen des Herrn Banger, bei möglichst sorgfältiger Auswahl der Objekte seiner Ausstellung den Charakter einer wirklich vornehmen Knnst- stätte zu wahren, noch bester als bisher zur Geltung ge­langen. Fast möchte mau sagen, man sieht es den werthvolleren Bildern ordentlich an, daß sie sich dort wohl fühlen, nnd der Faun von Hans Thoma, der eben in einem ungemein stimmungsvollen Waldinterienr — er handelt sich vielleicht um das beste Bild des be­rühmten Frankfurter Meister» — bem mächtigen Urhirsch Bracht», den Kuhnertschen Thieren der Wübniß und den Stnckschen Serpentiutäiizerinnen etwas auf der Flöte vorbläst, freut sich offenbar, daß er sich in so guter Gesellschaft befindet. Sehr anzuerkennen ist e», daß Herr Banger sich nicht einseitig auf Gemälde beschränkt, und

baß er namentlich der Schwarz-weiß-Kunst gerecht zu werden strebt. Wir erwähnten schon, daß er jüngst kleine Sonber-AuSstcllungen von Rabiriingen Sinnige unb Storm bau’» GravesanbeS arrangirtk. Soeben läßt er nun einen hochbebeutenben Schweizer Meister ber Nadirnadel in einer großen Anzahl seiner Blätter zu Worte kommen, nämlich ben seit einigen Jahren zu Ansehen gelangten, 1864 in Winterthur geborenen Hermann Hirzel, ein seltene» Talent, das sich in ernstem Schaffensgange meist aus sich selbst fortbildete und eine nicht gewöhnliche Vollkommenheit erreichte. Ein sonveraiiier Beherrscher ber Zeichnung, hat er es verstauben, durch sie in Litho- graphiecn nnd Radirungen fein hohes poetisches Empfinden, fein malerisches Sehen und sein intimes Naturkennen zum fesselndsten Ausdruck zu bringen, „Peintre-Gravenr", Maler-Radirer unb Dichter in einer Person. Was er un» da vor Augen stellt, seien cS Motive aus der Heimath oder aus Italien, wo er länger M stillem Wirken an sich weiter bildete, oder seien es Gebilde seiner Phantasie, immer sprechen sie von seinem starken inneren Empfinden. Da lebt jedes Zweiglein, ba wärmt das Sonnenlicht, und ein Hauch von Leben geht aus von den wechselreichen Blättern, bie oft wie eine liebliche Idylle, oft wie ein geheimnißvolleS Räthsel anmuthen. Wie sich der Künstler in seine Motive vertieft hat, so fühlt sich der Beschauer angenehm gezwungen, sich in bie Kunstwerke wiederum zu vertiefen, und es kommt da zur Geltung, was einst Professor Jakov Burckharbt zu seinen Schüler» sagte: „WaS ist es, bas oft einen Baum und einen Bretterzaun, eine Sanbbüne unb einen Busch io nahe an unser Innerstes rückt? Hier stehen wir vor der verschlossenen Pforte; ich will sie Ihnen öffnen: Dieser Baum und diese Düne, dieser Busch und dieser Bretterzaun find : durch die unsterbliche Seele eines großen Künstler» hinburchgegangen- Capiat qui capere potest: „Begreife, wer'» begreifen kann"; übet hierin liegt ba» Geheimniß. Diese Worte, bie Dr. Geßler in einet Charakteristik des Künstler» in Erinnerung bringt, passen in bet That vortrefflich als Motto zu dem Schaffen Hermann Hirzeltz dessen Liebe zur Natur ebcnfall» in ben reizvollen Pflayzen? Ornamenten zum Ausdruck gelangt, mit denen viele feiner Radir üngeN geschmückt erscheinen. Auch der Goldschmiebekunst hat er seicht ornamentale Begabung dienstbar gemacht, und wundervolle Arbeiten aus schwerem Golde, ohne Verwendung von Steinen, find nach, seinen Entwürfen eiitstanbeu und auf Verlangen bei Banger ein; zusehen. Hirzel hat es auch nicht verschmäht, bem KimMcwfMhurch