ViksbsdkM TagbM
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Wo. 168
1898,
Dienstag, den 12. April
Ferv^recher N-. 52.
Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Berlin im Glühlicht" den Kampf von Auer und Meteor
n
Berliner Gassenhauer" all die TagcZ-
wiedergab, wo
(Nachdruck verboten.) Uolksbiider.
fahrungs-Thatsache, daß bisher die Volksbüder-Anlagen sich meist nicht als rentabel erwiesen haben. Unsere Forderung lautet: „Jedem Deutschen wöchentlich ein warmes Bad." Und es handelt sich nicht darum, einzelnen besonders bevorzugten Orten diese Wohlthat zu verschaffen, sondern die Gesundheitspflege durch Bäder wirklich zu verallgemeinern. So lange also die gesundheitlichen Bedürfnisse noch so wenig zum Verständniß und noch so wenig zur durchgehenden Befriedigung gelangt sind, steht für praktische Leute der Kostenpunkt in allererster Linie.
Das warme Wannenbad gilt wohl der Mehrheit als das beste, ist auch bisher das gebräuchlichste gewesen. Aber wollte man bei dieser Sitte verharren, so würden für den Bau und den Betrieb der Volksbäder die Mittel fehlen, wie bisher. Nun ist aber das lauwarme Brausebad das einfachste und billigste, in ihm haben wir, meint Lassar, die Badeform der nächsten Zukunft zu sehen. Abgesehen von der Ersparniß an Raum und Kosten hat das Brausebad auch große hygieinische Vorzüge. Den eingeseiften Körper mit lauem Wasser zu berieseln und dann eine erfrischende Abspülung mit kälterem Wasser folgen zu lassen, ist in jeder Jahreszeit angenehm und wirkt nie erschlaffend, vielmehr erfrischend, belebend auf den ganzen Organismus. Im Wannenbade spült der Arbeiter seinen ganzen Schweiß und Schmutz ab und badet zuletzt in schmutzigem Wasser, im Bransebad wird der Körper rein, und das gebrauchte Wasser wird sofort durch reines ersetzt. Ferner ist im Brausebad der einzeln Badende viel vollständiger als im Wannenbade vor der Berührung mit den Schmutzresten seines Vorgängers, also vor Ansteckungsgefahr, gesichert. Dazu kommt, daß im Brausebad eine persönliche Bedienung des Badenden nicht erforderlich ist und eine viel größere Zahl Badender rasch hintereinander abgefertigt werden kann. Kurz, das Brausebad ist zweckmäßig, ist, wie kein anderes, wohlfeil für den Badenden und rentabel für den Unternehmer, es ist auch gesundheitlich vorzuziehen, da es die Ansteckungsgefahr mindert und da die Abhärtung der Haut nicht sicherer zu erlangen ist als durch aufeinanderfolgende laue und kalte Abgießunge», während das warme Vollbad die Gefäße erschlafft.
Die Stadl Breslau überläßt 1000 Liter Wasser für 15 Pf. Zu einem reinlich bemessenen Brausebad gehören 10 Liter Wasser, man könnte schon mit weniger anskommen. Das Wasser für ein Brausebad kostet demnach 0,0015 Mk. Bet diesem Wasserpreise bekommt man für 1 Mk. das Wasser zu 666 Brausebädern, aber nur für 33 Wannenbäder. Der Wasserverbrauch in einem Landkreise von 30,000 Einwohnern, wenn diese wöchentlich je 1 Bad nehmen, kostet also beiBrausebädern 2340 Mk., bei Wannenbädern aber 46,800 Mk. jährlich. Auf ganz Deutschland berechnet, ergiebt sich also eine jährliche Ersparniß zu Gunsten der Brausebäder von 66 Millionen Mark, von 1,48 Mk. auf den Kopf.
Seit Dr. Lassar jenen bahnbrechenden Vortrag gehalten und er und Andere in dieser Richtung praktisch thätig gewesen,
| fanden sich 499 Badeanstalten, d. i. auf 38,000 Ein- IcMer eine. Aber von diesen 338 preußischen Kreisen sind 96, also 30 pCt., ohne Badeanstalten. Der Bauer badet nicht. Bei Russen und Türken steht es in diesem Punkte besser.
Praktischen Sinn zeigt Dr. Lassar z. B. darin, daß er stets dem Kostenpunkt großen Werth beimißt. Aus den Miitheilungen jener 666 Kreisärzte berechnet er, daß der Durchschnittspreis eines Bades 50 Pf. beträgt. Mehrere der Berichte betonen ausdrücklich, der hohe Preis ermögliche die Benutzung des Bades nur den Bemittelten. Es kommen aber neben den hohen auch billige Preise vor, z. B. in Dinkelsbühl 20 Pf., in Freystadt und Halle 15 Pf., in Barmen und Köln 10 Pf. (In unserem Volksbrausebad auch nur 10 Pf. D. R.) Ein sehr niedriger Preis ist aber unbedingt erforderlich, wenn das Ziel erreicht werden soll: jedem Deutschen wöchentlich ein Bad. Mag auch die deutsche Nation im Ganzen reinlicher sein als diese und jene andere, so täusche man sich doch darüber nicht, daß das soeben ausgesprochene Ziel noch sehr fern liegt und nicht leicht zu erreichen ist.
Der Durchschnittspreis von 50 Pf. für ein Warmbad wird von dem gemeinen Mann als unerschwinglich und infolge der geringen hygieinischen Bildung als eine luxuriöse Ausgabe betrachtet. Zu dieser hergebrachten geringen Bewerthung der Gesundheitspflege kommt noch die Er«
(Eigeis." Aussatz für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Auf bVZ 13. Versammlung des Vereins für öffentliche Gesundheitsp^ege stellte Dr. O. Lassar fest, daß im Deutschen Reiche die Mhandenen Gelegenheiten zu wohlfeilen Reitiigungsbädern' s'icht, im Entferntesten dem Bedürfnisse genügen; er gab über' ^ie Ursachen dieses Uebelstandes und über die Beseitigung demselben sehr praktische Winke. Es wäre Illusion, zu glauben, ö.as Volk bade von Morgens früh bis Abends spät und vom Montag bis zum nächsten Sonntag; es badet vielmehr, we^en Mangels an Muße und aus Gewohnheit,-nur Sonntags" oder am Samstag Abend. Als das höchste Erreichbare betrachten wir also ein wöchentliches Bad für jede Person, also 5‘2 im Jahre. Auf je 1000 Einwohner eine Badeanstalt gerechnet, .müßten bei einer Bevölkerung des Deutschen Reiches von 45 Millionen Seelen 45,000 Badeanstalten vorhanden sein, um jedem Deutschen wöchentlich einmal ein warmes Bad zu ermöglichen.
Die nöthige Statistik, um die Größe dcL Mißstandes festzustellen, schuf Dr. Lassar sich selbst, indem er an
-34 ttttrtkw» für die Abend-Ausl»-»« bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgab« bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur CT ■?**»*** nächsterfcheinmden MuSgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
««• Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. - Bezugs-Preis: durch ^en Verlag so Psg. monatlich, durch die Post 1 Mk. oo Pfg. vierteljährlich für beide Ausgal>en zusammen.
deutsche Kreisärzte Fragebogen herumschickte. Von cnßischen Aerzteu allein liefen 666 Antworten ein, welche gefähr ’/s der Einwohner des Deutschen Reiches repräsentiren. : den 888 preußischen Kreisen, welche Antwort gegeben,
sind wir ein gutes Stück vorwärts gekommen. Im Ganze», hat man sich der von Lassar vertretenen Methode angeschlossetfi Die Stadt München z. B. hat solche praktische und woblfeike Volks-Brausebäder, die Städte Hannover und Wiesbaden gleichfalls. Hannover hat vor einigen Monaten ein seh» schönes neues Volksbad eröffnet, welches, im Gegensatz zü den älteren, Brausebäder und Wannenbäder zugleich fließt. Die Männer-Abtheilung ist durch den Mittelgang in zwei Hälften geschieden; rechts sind die Brause-, links die Wanneip bäder, beide höchst geräumig und sauber. Das Wannenbad mit Brause kostet nur 20 Pf. oder, wenn man sich Handtuch und Seife von der Anstalt geben läßt, 25 Pf. Wahrlich, sehr wohlfeil, sehr preiswürdig l
Allgemeine Einführung solcher leicht zugänglicher und billiger Volksbäder ist ohne Zweifel ein mächtiger Hebel für den sozialen Fortschritt. Am leichtesten kann sie in der That durch Brausebäder erreicht werden, doch ist die neue Hannoversche Einrichtung ganz besonders empfeylenswerth, denn — Eines schickt sich nicht für Alle. Nicht Jeder kann sich an das Brausebad gewöhnen.
In Betreff der praktischen Durchführung und Verallgemeinerung hat Dr. Lassar folgenden Rnttz g-g-o«,«. g<a gemeinnütziges llnternehincn erweist sich nur dann als lebenI- stthig, wenn es auf eigenen Füßen stehen kann. Die Volksbäder werden nur dann sich rasch ausbreiten, wenn ffe rentiren; deshalb sollen sie von Erwerbsgesellschafteit eingerichtet werden. Das erforderliche, nicht beträchtliche Kapital soll durch Antheilscheine aufgebracht, aber die Verzinsung soll nicht in Geld gegeben werden, sondern in Benutzungsrechten (Abonnements), wie e8 auch bei anderen gemeinnützigen Anlagen, z. B. zoologischen Gärten, geschieht. Mir scheint jedoch, daß dieser Rath Lassars von dem manchesterlich-demokratischen Geiste angekränkelt ist. Wird nur das „Rentable" ausgefnhrt und nur in privatkapitalistischer Weise, so können die Bewohner der meisten Gegenden lange warten, bis sie des hygieinischen Segens theilhaftig werden. Wenil übrigens dieses Programm der Praxis aus diesem Grunde vom Standpunkte des Sozialliberalismus ans anfechtbar ist, weil es die kapitalistische Wirthschaft als etwas Gegebenes und Unabänderliches betrachtet, so mögen wir doch bedenken: das Ideale ist stets nur die Frucht des Materiellen. Mit Idealen und unentwegten Prinzipien erreicht man den hygieinischen Fortschritt nicht, an dessen Nothwendigkeit kein Vernünftiger mehr zweifelt. Im Anfang war die That. Oder sollen wir nod) länger nns vor Russen und Türken unserer Unsauberkeit schämen? Dr. Karl Schmidt.
Ausland.
* Gesterrelch-Uuaarn. Aus Budapest, 11. April, wird berichtet: Die beiden Häuser des Reichstags hielten heute eine gemeinsame Sitzung ab, in der das vom König janktionirte Gesetz, betreffend die Verewignng der Feier zur Erinnerung an den Erlaß der 1848er Gesetze, verkündet wurde. Nach der Sitzung fuhren die Mitglieder beider Häuser nach der Ofener Königsburg, wo der Präsident des Abgeordnetenhauses Namens der beiden Häuser dem
artige Name des eigenartigsten Theaters, das wohl je bestanden, bekannt. Warum American-Theater? Das Ding hatte so gar nichts Amerikanartiges an sich; es war ein Ur- berliner Produkt, eine Stätte des waschechtesten Berliner Humors, das ureigenste Territorium des urkomischen Martin Bendix, dessen Redensarten bekanntlich Berliner Chronisten in ihre littcrarischen Würdigungen der Reichshauptstadt ausgenommen haben. In dem kleinen Ranchtheater, in welchem Einem, wie man zu sagen pflegt, die Decke auf den Kopf fiel, das aber durch Logen und Fauteuils trotzdem den Anspruch erhob, als Theater zu gelten, hat sich stets das echte Berliner gesellschaftliche und polilische Leben im Gesang und Spiel, im Couplet in der Satyre oder in der aktuellen Burleske wiedergespiegelt. Ob ich auf Jahre zurückgreife und den „Hirsch in der Tanzstunde", ob ich die Schnurren „Unsere Marine" oder „Gambrinus" nenne, ob ich „Berlin, wie es baut und. kracht" anführe oder auf die letzte Zeit Hinweise, wo
Auzelgeu-PreiSr
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Melodien personifizirte» — immer war das American- Theater die Stätte, an welcher das, was aktuell toar{ durch Wort und Sang kritisch beleuchtet wurde, wohin der Bürgersmann mit Weib und Kind des Sonntags pilgerte, wo aber auch der Logenbesucher im Halbdunkel der American-Theater« Prosceniumsloge lächelnd saß, um den drolligen Schlagern des urkomischen Bendix zu lauschen. Und nun verschwinde^ das Haus und mit ihm der genius loci! Und das ist charakteristisch, daß es verschwinden muß. Die absolute Nothwendigkeit eines Postneubaues an jener Stelle ist nicht erbracht, aber weil das American-Theater zu kränkeln begonnen, ist ihm das Ende bereitet worden. Und es kränkelte am Geiste unserer Zeit. Der Sinn für den Humor, den es pflegte, ist im Absterben begriffen, das Verständniß für die politische und gesellschaftliche Satyre verringert sich von Tag zu Tag, und es wird Alles persönlich gcM nommen. So war dem Wesen des American-Theaters de»
und zwei Männer, die in Berlin schon der Vergessenheit anheimgefallen waren, hat es so hold noch gelacht und es war ihnen so verführerisch erschienen, daß sie den stillen Wochen, die ihnen — hinter Gesängnißmauern haben be- schieden fein sollen, aus dem Wege gegangen sind. Es ist etwas harmonisch Abgestimmtes bei diesen beiden Männern zu finden, das sich gleicht: Paul Blumenreich und Charles Maurice l Beide waren Theaterdirektoren. Blumenreich — in Berlin und weit darüber hinaus bekannt als der Gründer des verkrachten Theaters „Alt-Berlin" und „Theater des Westens" — jetzt so stolz „Goethe- Theater" genannt. Maurice — ein Mitglied jener alten, ehrwürdigen Theaterfamilie gleichen Namens in Hamburg, dort nicht gerade rühmlich bekannt, aber hier in Berlin als Leiter des von ihm gepachtet gewesenen „Belle-Alliance- Theaters" von Vielen, die er ums Geld brachte, verflucht! Blumenreich und Maurice sind rechtskräftig zu mehrmonatlichen Gefängnißstrafen verurtheilt, sie riefen aber wahrscheinlich aus: „0 Justitia, das Leben ist doch schön" und zogen vor, es zu genießen — da, wo man ihnen wegen der paar lumpigen Monate nicht steckbrieflich nachstellt. So hat Berlin zur Zeit zwei steckbrieflich verfolgte Theaterdirektoren zu verzeichnen, sie sind von der reichshauptstädtischen Schaubühne durch die Mitte abgegangen oder noch richtiger — in die Versenkung verschwunden.
Sie werde» allerdings im Berliner Theaierleben keine fühlbare Lücke lassen. Anders steht es bei einem Ereigniß, das für Viele höchst wahrscheinlich sehr überraschend kommt: Das American-Theater ist nicht mehr — es hat am ersten Tage der stillen Woche mit lautem Jubel seine Pforten für immer geschlossen. Das kleine Hans wird abgeriffen, ein Post-Neubau wird an seine Stelle kommen. Dieses gänzliche Verschwinden des American-Theaters hat für Berlin eine tiefgreifende Bedeutung. American-Theater! Wer kennt den Namen nicht, wer hätte ihn nicht schon gehört? Nicht nur in Berlin, sondern auch weit draußen im Reiche ist der eigen»
(Nachdruck verboten.)
Airs der Relchshauptstadt.
Von A. SilviuS.
Still geworden.— Zwei Theaterdirektore« auf derFlucht. — DaS Ende dcS Ameriean-ryeaterS. — Der Urkomisch« bei »en Budapestern. — Götterkomödien. — Bungerts
Odysseus. — Der Bungert-Streit.
Still geworden ist in der „stillen Woche" ein Mann, der selbst laut in der Fröhlichkeit immer verstanden hat, laute Fröhlichkeit zu verbreiten. Ernst Form es, einer der wenigen wirklichen Künstler, die auf den Brettern, welche die Welt bedeuten, stehen, ist für immer verstummt. Seine letzte erfolgreiche Schaffensperiode war der Reichshaupistadt gewidmet. Am Berliner Theater, unter Intendant Prasch, heimste er Lorbeeren ein und nun, da fein Mund verstummt ist, erinnert man sich mit dankbarem Empfinden anLeistungen, die Formes so schätzenswerth machten, an seinen Reif- Reiflingen, an seinen Starke in „MeinLeopold", anseinen Felix in „VonStnfe zuSttife". Von Stufe zu Stufe ist es auch mit formes in den letzten Tagen gegangen, bis ihn der Tod is auf die unterste Stufe hinabdrückte. In der stillen Sache ist fein Mund still geworden. — Schon schwebte der ■itgel aus den stillen Gefilden auch um das Haupt eines aderen bedeutenden Mannes, der hier in Berlin, wenigstens k Zeit, da diese Zeilen in Druck gehen, auf den Tod in ner Klinil liegt. (Geheimrath Baensch ist inzwischen ge- orben. D. R.) Es ist der Erbauer des Kaiser Wilhelm- !anals, der Wirkliche Äheime Regierungsrath Baensch, der ch einer schweren Operation unterziehen mußte. Er hat ch im mächtigen deutschen Reiche ein unvergängliches )enkmal gesetzt. Die Wasser rauschen durch den Kanal, sie uthen hin ins große Meer und lösen sich auf. Der leister, der ihnen ihren Lauf gebannt, rüstet zur Einkehr is große Meer der Ewigkeit. So hat auch die stille Woche es Todes sich gezeigt.
Neben Tod und Vergeffenhett aber lacht auch das Leben;
