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4«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: durch den Verlag SO Pfg. monatlich, durch die Post 1 Wk. 60 Pfg. vierteljährlich für beide Ausgabe» zusammen.

Verlag: Langgasse 27.

15,000 Abonnenten.

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Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Ritteigen 25 Pfg. — Reclamcn die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

1898,

Freitag, den 8. April.

Fernsprecher Wo. 52.

U». 165.

Fernsprecher 91». 52.

Z für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittag«, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Ausnahme später eingereichtcr Anzeigen zur

Margen-«^nnayme nächsterscheiuenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Morgen-Ausgabe.

.HM*" Mrgru des Karfreitags erfcheiut die wachste Ausgabe erst am Samstag Nachmittag.

(Nachdruck verboten.)

Karfreitag.

Den Höhepunkt der stillen Woche bildet der Karfreitag. Wie der Gründonnerstag an das knospende Grün des Lenzes erinnert und damit in der befreiten Brust die erste» Hoffnungen auf eine blüthenreiche Zukunft sich regen, so sind der tiefe Ernst der Kar- SitagSstimmung und die freudige Erhebung, welche die komniende terdotschast winkt, untrennbar voneinander. An« dem Schmerz der ErabeSnacht erblüht der Trost des Auferstehnngsmorgens. r Der Karfreitag als Gedächtnißtag des Tode» des Stifters der christlichen Kirche ist von jeher ein Tag tiefernster Trauer gewesen und verdankt diesem Umstande seine» Namen, denn Karfreitag — dies ist die richtige Schreibweise — so srenidlälidisch auch der Name «fugt, ist dennoch echt deutschen Ursprung«. Der Versuch, das Wort Kar von dem griechischen charie (Gnade) oder von dem tetefliifdjc» carus (theuer) abzuleiteii, scheitert schon an dem einen Umstande, datz der Name Karwoche, Karfreitag nur bei den .Deutschen vorkommt. In Karwoche und Karfreitag hat sich das gothische kara (Klage, Trauer), mittelhochdeutsch kar, erhalten. Karfreitag bedeutet also Klagefreitag, und der Tag bat feinen Rainen daher, weil er als Tag des Todestages Jesu in der Kirche durch einen Klagegesang gefeiert wurde, später in den geistlichcii Wielen durch die Klage Marias unter dem Kreuze des Sohnes. Z8e Beziehung Marias zur Kirche gab de» Dichtern Veranlassung, die Trauer der Kirche al» Marienklage zu behandeln, thcils in den PalsionSspielen, die ursprünglich am Karfreitag aufgesührt wurden, Hell« in besonderen Gedichten. Das merkwürdig bewahrte urdentsche Aar »st übrigens in der vollen alten Bedeutung noch erhalten in ;bem Kartag der deutschen Gemeinde» in den vrnctianischen Alpen, das ist der Tag, a» welchem ein Verstorbener unter Klagegeschrei, -beerdigt und daun das Leichenmahl gehalten wird. Bemcikcuswerlh al» ein Wort von geschichtlichem Wcrlhe ist dabei da» Wort Kar- -jammer, d. L das Klagegeschrei über einen Tobten, das eine Pflicht der Verwandten war, zu dem sie, wie dar Volk sagte, „Helsen" mutzten. "Dieses „Helfen" bei der Klage al? Pflicht der Verwandten erscheint öfters im Nibelungenliede. Es ist eine uralte Sitte, dieses Klagegeschrei 4to8 erst, im Verfall der Zeiten seines Gcmülhsinhalts beraubt, oft Mm bloßen Lärm wurde. Auch der Kartummel in Tvrol, wie änftr „karjolen", das grelle Singen, gehört hierher. So ist der Marfreitag der Klagetag, der Tag der Trauer, die Karwoche die Wauerwoche, wie die ihr folgende die der Freude. Schon Kaiser Montzantin der Große hatte sirr die Dauer der Karwoche alle öfferrt- Mchen arbeiten verboten, und die Andacht durste weder durch Tanz 4BUb Schauspiel, noch durch Gesang und Musik gestört werden. Selbst de» kirchlichen Kultus entkleidete er allen Schmucke«. Am t-varfreitag schwiege» die Glockui, die Orgel» verstummten, die Klage- Erder Jeremias' sammt dem Kyrie eleison wurde» gesungen, und !'?»«« Gebet geschah mit leiser, unterdrückter Stimme.

■ UebrißcnS hat das deutsche Volk, das seil Alter« her ein anf- • merksamer Beobachter de« Naturlebens war, auch in die Pflauzeii- welt das Gedächtuiß des Karfreitag« in sinnigster, schlicht-volks- «tzümlicher und zugleich hochpoelischer Sprache eiugeschrieben, daß «an zum Beweise dafür kaum mehr al« Namen zu nennen braucht, wie z. B. das sogenannte Kreuzblatt da» in vielen Arte» tu der deutschen Flora vertretene Kreuzkraut, die Krenzsalbei, ferner die Kreuzraule, die, in der Karwoche gepflückt, heilkräftig fein soll, die Kreuzblume, der Kreuzenzian, auch „Speereustich" genannt, dem do» jeher wirnderbare Heilkraft zugeschriebeu wurde. Aehnlich verhält es sich mit dem sogenannte» „heilig Kreuzholz", dem alten .Helgenholz", der Mistel, die schon in der nordische» Mythologie für besonders heilig, als voui Himmel aus die Aeste anderer äänme herabgefallen galt. Als Arznei wie als Zauber staud sie

beim Volke im höchsten Ansehen, und da« Christenthum nahm dem Volke seine Lieblingepflauze nicht, sondern heiligte sie, und indem das wuuderthätige Holz den Namen „Kreuzholz" erhielt, wies es auf das Wnnder de« Kreuzes von Golgatha hin. Zum Kreuzholz fügen mir die Kreuznessel, dieKrenzdistel, den Kreiizdaum, wie in manchen Gegenden der Feldabor» genannt wird, weil aus feinem Holz das Kreuz Jesu gezimmert worden fein soll, den überall bekannten Kreuzdorn und „Unseres Herrn Marterdorn", die wilde Rose. 3n der Gegend von Tübingen heißt die andere wilde Rofen- art, die Weinrose, „Heilands Dornenkrone", und »ach dem Volks­glauben sollen die aus den Zweige» derselben befindlichen rotheu Punkte vom Blute Christi herrühren. So recht eigentliche den Karfreitags- gedaukeu tragende Pflanzen sind ferner die Wolsstrapp, vom Volke „Christuslanze" genannt, und die Tauerweide, von der die Legende sagt, daß erst, als von der Weide die Nutheu zur Geißelung genommen worden, sie ihre Zweige in Scham und Trauer zur Erde gesenkt und nie wieder aufgerichtet habe.

Wie das deutsche Volk überhaupt mehr denn jedes andere dazu neigt, die Menschenwelt in tiefer Sympathie mit der Pflanzenwelt zu fasse», so hat es auch in der Pflanzenwelt durch seine Namen­gebung die Trauer der ganze» Natur am Karfreitag zum Ausdruck zu bringen und sestzuhalten verfucht.

Aus Stadt und §and.

Wiesbaden, 8. April.

— Geschichtskatrnder. 8. April. 1492. Lorenzo Medici, ital. Staatsmann, Redner und Schriftsteller, i Florenz. 1525. Ostpreußen kommt an Brandenburg. 1733. Franz II. Racoczy, Fürst von Siebenbürgen, f Nodosto. 1818. Christian IV., König von Dänemark, * 1824. Sophie, Großherzogin von Sachsen- Weimar, *. 1832. Alsr. Gras Waldersce, preuß. General, * Potsdam. 1835. Wilh. v. Humboldt, Sprachforscher, f Tegel. 1848. G. Donizetti, ital. Komponist, f Bergamo. 1850. Hoheuzollcru- Hechingen und -Sigmaringen wird preußisch. 1867. E. 81. Roß- mäßler, Naturforscher, t Leipzig.

— Uov 50 Jahren. 8. April. Zn den volkSthümlichsten deiuokratischen Führern in Baden gehörte der Nedaktenr der Sec- blätter, Josef Fickler in Konstanz. Er trat ziemlich »»verblümt für die Vertreibung der Fürste» ein. Von Frankfurt zurückkehreud, hatte er sich in Karlsruhe aufgehalten. Bereit« saß er Morgens, 8 Uhr, wieder im Eisenbahnwagen, um in die Heimath zurück- znkehren, als (ein Freund Maiby, der ihm für viele Wohlthaten zu Dank verpflichtet war, wegen „LandeSverratbS" seine Verhaftung veranlaßte. Diese Verrätherei erregte die öffentliche Entrüstung gegen Mathy. In Mannheim, wohin er sich begab, mußte et durch die Bürgerwehr gegen die Wnlh de« Volkes geschützt werden. — Die schleswig-holsteinische provisorische Remernng erläßt ein Dekret, durch welches jeder Staatsbürger verxflichlri wird, sich dem andriugenden Feiude mit Waffen jeder Art zu widersetzen. „Die vernichtendsten Mittel," heißt es darin, „sind die vorzüglichsten, beim sie führen am schnellsten zum Siege der gerechten Sache." — Italien. Bei dem Städtchen Goito unweit Mantua das erste Treffen zwischen einigen Abiheilnngeu des östericichischeu und d:s piemontesischeii Heere», wobei die letzteren Sieger bleibe». Der Sieg hob das Selbstvertrauen der Italiener und man bestürmte den König Karl Albert von Piemont-Sardiuien, sogleich weiter oor- zugeheu. Diesem schien es jedoch zu gefährlich, sich in das Festungs- Viereck zu wagen.

— Kolols.rl-Krntiildt. Der Andrang zur Ausstellung der Kolossal-Gemälde „Heinrich Heines letzter Traum", „Heiue-Deiikmal", „La sirene moderne“, „Prinzeß Ilse", „Lady Godiva" re. war in­folge de» geringen Eiutrittspreise» von 10 Pfennig außerordentlich zahlreich, und vielfach wurde der Wunsch geäußert, die Dauer der Ausstellung zu verlängern. Jnsolge dessen bleibe» die viel­bewunderten Bilder auch während der Feiertage Wilhelmstraße 16 zum ermäßigten Preise von 10 Pfennigen zu sehen. E« fei darauf hingewiesen, daß die Ausstellung auch am Karfreitag, mit Aus­nahme der kirchliche» Stunde», bis Abends 9 Uhr zu besichtigen ist.

— Aus dem Frankfurter palmeusarten berichtet man uns: Weir» mit der fortschreitenden Jahreszeit die foruienschöne»

Camelieu in ihrer Bläthe Nachlassen, treten andere, nicht minder schöne rind liebliche Bliithengebilde an ihre Stelle, deren Flor nne jetzt erfreut. Et» farbenprächtiges Bild bieten zur Zeit die Blnthen- gallerieen, von denen man ohne Ueberhebung sagen kau», daß jeder Besucher etwas feinem Geschmack Entsprechendes finden wird, so vielseitig ist die Auswahl an Blüthen der verschiedensten Pflanzen- nrten. Vorherrschend sind die Rosen und Azaleen, von denen ein sorgfältig gewähltes Sortiment der edelsten älteren und neueren Sorten vorhanden ist. Da sehen wir unter den Rosen als be­sonder» hervorragende neuere Sorten, n. A. die malvengelbe Albertine Borguet, Charles Gater, karmoisinroth, Clara Watson, lachsfarbig-rosa, Comtesse de Menon, weiß, La Vierzonnaise, zart­rosa, Mad. Abel Chatenay, karminrosa, Alle. Yvonne Gravier, rahmgelb mit zartrosa, Marquise Litta, karminroth, Paul’s Early Blush, hellrosa, Perle de Feu, zinnoberrotb und gelb, Souvenir du President Carnot, zart fleischfarbig-rosa. Andere, ebenfalls schöne ältere Sorten aufzuzählen, würde zu weit führen, und cs genügt wohl, zu bemerken, daß in dem Nordgang der Bliilhengallerie augenblicklich 800 Pflanzen in ca. 250 Sorten in Bliithe stehen. Nicht minder dominirend treten auch die reizenden Azalea indica auf, und man bewundert besonders die noch au« den Beständen des Biebricher Hosgartens stammenden banmartigeu Pflanzen, welche in reicher Blülheusüllc prangen. Ihnen geselle» sich die »eueren Sorten zu, »ud man staunt über das reiche Farbenspiel, den verschieden­artigen Blumeuba» und die zarten Farbenabtönungen bei de» einzelne» Sorten. Unter bett neuesten sind hervorztiheden: Baron Nath. de Rothschild, bunt, Dr. Moore, leuchtend rosa, Mad. van der Cruyssen, lebhaft rosa, Max Wolf, bunt, Paul Weber, bunt, Prosessor Walther, rosa mit weißem Rand. Nächst den vor- genannteir Pflanzen fesseln herrliche Hyazinthen, von denen in der nordöstlichen Ecke ein Sortiment der neuesten holländischen Züchtungen ausgestellt ist, die sich ebenso durch vorzüglich ausgebildete Einzelblüthe», wie auch durch die Größe der Dolden und neue, eigenartige Färbung auszeichnen. Hauptsächlich treten hervor Blancheur ä merveiHe,toci6, Duehess of Norfolk, buntelb!fllt, prachtvolle Dolde, Königin der Niederlande, leuchtend, rosa gefüllt, Lady Derby, rosa, La Victoire, violett gefüllt, Mac Mahon, gelb, Masterpiece, schwarzblan, New Canarybird, hellgelb, und Souvenir, blau. Ihnen reihen fidj dunkelblaue Ciuerarie», angenehm duftender Goldlack, Syringen, die interessante Correa cardinalis, Maiblume», Nhodooendrou, iveißblühender Ginster n. A. m. an. Die Blütbcu- saisou steht aus ihrem Hölnpnukt. — Auch in den Gewächshäusern ist mancherlei zu sehen. Die Jrtsekte» fressenden Pflanzen in Dir. 6, besonders die Sarracenien mit den lebhaft gefärbten, schlauchartig erweiterten Blattgebilde», schicken sich eben au, ihre eigenartige» Bliilheu zu entwickeln. In Nr. 5 bewundern wir die prächtigen Varietäten von Anthuriuni Scherzerianum mit feurig dunkelrothe» Bliithenscheiden, die blauen au« den unteren Blattachseln ent­springenden Bluthenstände von Cocbliostcmma odoratissimum, das schöne Anthuriuni Veitchi und die seltene Palme Phoenicophorium Sechcllarum. Dem Pflanzen- und Blumenfreund ist daher zur Zeit im Palmeiigarten außerordentlich viel geboten.

— Klrrologischco. Die Liebhaber »ud Liebhaberinnen eines schmackhaften Gerstensaftes finden nicht feilen den erhofften Genuß geschmälert durch den Umstand, daß, wen» ihnen dieMöglichkeit fehlt, ihr Lieblingsgeträuk direkt vom Faß zu erhalten, das Bier schal, ohne da« „gewisse EUvas", welches ihm den prickelnden Reiz giebt, aus den Tisch kommt. Selbst beim besten Flaschenbiervertrieb kommen derartige Qnalitätrmängel infolge ungeirügenden Verschlüsse« oder aus andern Ursachen vor, und er ist deshalb von allen Interessenten wohl mit Freuden begrüßt worden, als der rührige Wirth zur „Stadt Frankfurt", Herr Karl Wag »er, Webergaffe 37, seine» Biersaß- Automateu in den Handel brachte, der alle» jenen Miß­ständen beim Bier-Konsum im Hause, in der Familie radikal abztthelfen geeignet erscheint. Besonders lobt man an den Apparaten, daß unbedingt innere Saiiberfeit verbürgt ist, daß kein Metall mit dem Bier in Berührnng kommt, daß deshalb eine Trübung des Bieres ausgeschlossen ist, und daß der Kohlen- säure-Verbrauch eine sehr minimale Ausgabe verursacht. Der Bier-Autotnat ist ein doppelwandiges Faß, dessen inneres Gefäß zur Aufnahme des Bieres dient. Der Zwischenraum zwischen Imre»- und Außengesäß dient als Magazin für

Kequlrm von H. Kerliox.

„Wenn ich davon bedroht wäre, all' meine sämmtlichen Werke verbrannt zu sehe», so wäre e« allein das Requiem, für welches ich nm Gnade bitten würde." Diese Worte au« einem Briefe von Ö. Berlioz sind der Partitnr des Werkes vorauSgedruckt; sie weise» tMCttf hin, mit welch heiligem Ernste der Tondichter seine Ausgabe i» erfassen strebte. Das Regniern ist 1836 auf Anregung de« französischen Minister« der Schönen Künste entstanden und das Jahr darauf im Jnvalideadom zu Paris zum Gedächtniß der bei der Eroberung von Coustantine (Algier) gefallenen Helden erstmalig aufgesührt worden. Nur selten kam es in Deutschland bl ganzer Vollständigkeit zu Gehör, denn auf ungezählte Orchester- masseu hat der Komponist in diesem Werke gerechnet. Neben den drei- und vierfach besetzten Blas- und Streich-Instrumenten mit nicht weniger al« 16 Pauke» — solle» noch vier besondere Orchester, e»8 Trompeten, Posaunen und Tuben bestehend, „im Norden, Osten, Süden und Westen" de« Naume« vertheilt, zur Stelle sei»! 8a« konnte den Komponisten zu solchem enormen Klang-Auswand deraulosse» ? Rücksichten aus die große kriegerische Trauerseier, um die es sich handelte, aus de» Pomp de« katholische» Ritus, aus die gewaltigen Dimeusioneti de« Gotteshauses werde» mit- Leiproche» haben. Aber die Hauptsache: auch die mnsika- Uschen Gedanke» an sich sind in diesem Requiem von Ättoaltiger Natur und forderten z» großen Mittel» heraus. Ein unerhört titanenhaftes Ringen der Phantasie zeitigte, wie in so vielen Berliozschen Werken, fo auch hier, tief-gedachte uud reiu- kmpsnndene Momente. Der zwingende innere Schaffensdrang, die Neuheit uud Selbständigkeit de« Styl« drucken dem Werke den Stempel des Genies auf. Aber ungeheuer wie sein Ringen waren auch feine Jrrthiimer, und es ist kein Geheimniß, daß auch in diesem Requiem ein großer Theil des Glanzes auf Gewaltsamkeiten und Äußerlichkeiten beruht; nicht daß sie effekthaschend ausgetiftelt er- WlikL sie.liegen vielmehr tief begründet in der ganzen Millich er­

regten, heißblütigen Natur und Wesenheit des französischen Meisters, dem in edler Begeisterung nur die höchste» Ziele vorschwebten, — Ziele, die vollkommen zu erreichen ihm vom Schicksal freilich of1 genug versagt blieb. Nur auf die Hauptpmikte des Werke« kau» hier aufmerliam gemacht werden. Nach einer kurzen feierliche» Orchester-Einleitung setzt der Chor mit dem Requiem aeternam ein; ernste Trauer spricht aus de» niufikalischen Motiven, unter beiten das vom Sopran augestimmte Dona eis sich wie in in­brünstigem Gebet emporzuriugen scheint. Durchdringende Klagerufe tönen aus dem Orchester dazwischen, bis die Spauuung sich löst und die wehmnthvolle Stimumug in dem nach Art der katholischen Refponsorien gemurmelten Kyrie eleison leise anetlingt. Mit dem Ausdruck angstvoller Empsinduug beginnen die Soprane das Dies irae; die übrigen Stimmen mischen sich hinein: mit fast eutsekteu Zurufen scheint Einer dem Anderen den „Tag des Schreckens" zu verkünden; da krachen mit markerfchülieruder Gewalt die Pauken und Blech­bläser aller fünf Orchester darein: das Tuba mirum, die Posaune des Weltgerichts, ertönt! Ein Moment von überwältigender Großartigkeit: alle Schauer der Verzweiflung uud des Schreckens male» Chor und Orchester tu wild hereinbrechender Tonfluth, bald trotzig anstürmeud, bald wie in Zerknirschung erstarrend . . . Einen scharfe» Kontrast bildet der vom Männerchor gesungene, nur sparsam accompagnirte Zwischertiatz: Quid sum miser! Dau» ertönen die drohende» Klänge be8 Rex tremendae: grelle Dissonanzen, einschneidende Accente deuten ans die höllischen Qualen der Verdammten. Wie stunngepeitscht rasen die Orchesterlänfe einher, und mit niederschmettentder Gewalt borniert der Chor fein Confutatis maledictis dazwischen. Er ist, al« ob sich Feuerschlünde öffneten! Nun aber, wo die Steigerung nicht mehr zu überbieten ist, ertönt in kindlich frommen Weisen da» deniuth- volle salva me. Ein A capella-Gtjor von ruhiger Gemessenheit und klarem Aufbau ist das folgende Quaerens me. Eindruckrreicher ge­staltet sich da» Lacrymosa, dessen melodische Erfindung, dem Text entsprechend, weichere Linie» aufweist uud in feiner breiten gonngebmtg und iu der Anordnung der Gegensätze den Kompouisten auf

der Höhe feinet Meisterschaft zeigt. Noch einmal wirb hier der volle vokale ttnb orchestrale Prunk entfaltet und damit da» ganze Dies irae in großartiger Farbenpracht zum Abschluß gebracht. Das folgende Offertorium „Domiue Jesu Christe“ Hai Berlioz mit der Nebenbemerkung versehen: „Chor der Seelen im Fegefeuer". Die dramatische, fast theatralische Auffassung beS Komponisten prägt sich hier wiederum mit aller Entschiedenheit ans, die Gesaugs- melodie bewegt sich, gleich trostloseu Seufzern, nur in zwei un­ablässig wiederholten Noten, während das Orchester in kühnen kontrapunktischen Bildungen die tonmalerifche Ausdeutung de« Texte» übernimmt. E» ist die» dasselbe Offertorium, welches Berlioz ans feint« deutschen Konzertreisen gern auf­zuführen pflegte, und das ihm zuerst die Sympathieen weiterer Streife gewann. So berichtete der Komponist an» Leipzig 1843: „Schumann, der fchweigfame Schumann ist ganz elektrisirt von dem Offertorium meines Requiem«. Tag» »ad; der Aufführung hat er den Mund geöffnet!! zum größten Erstaunen seiner Bekannten, um mich bei der Hand zu nehmen mW mit zu fegen: Das Offertorium geht über Alles". . . Da» folgende Hostias, von eigenartiger Klangfärbung, ist dem vierstimmigen Mannerchor, das zartgehaltene Sanctus dem Frauenchor (mit einem Teuorsolo) übertragen. Der Gesammtchor tritt erst wieder mit dem Hosanna ein, das in Form einer groß angelegten dreistimmige» Fuge durchgeführt wird. Das Agnus Bei endlich bringt verschiedene der früheren Haupt- tbema» in freier Wiederholung und beschließt da« Werk in Klängen, die geheimnißvoll und wonnig dahinschweben wie duftender Weihrauch, Versöhnung »ud seligen Friede» kündend.

Die Absichten de» phantasievolle» Tondichter« sollen hiermit nur im allgemeinen Umriß angedeutet sein. Mit welchem Erfolg sich dieselben in lebendige Wirklichkeit umzusetzen vermögen, wird die bevorsteheude. Wiedergabe de» Werke» zu erweisen habe». In jedem Fall bedeutet die Aiifführung des Berliozschen Requiem« in Wie«, haben eine That, ein Ereigniß, nm da» nn» manche berühmte Mnfik- städte zu hfWdeu ligbgi, 0. U