Wiesbadener Tagblaii
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Du sollst nicht stehlen!
Der ZeitungSleser, der eine» Blick auch in die Rubrik.Gerichtsverhandlungen" wirst, hat zweifellos mit dem Schreiber dieser Zeilen die erschreckende Beobachtung von der Zunahme der Verurtheiliiugen „Jugendlicher" wegen Eigeuthumsvergehen gemacht. Wer aber erst Gelegenheit hat, das Thun und Treiben einer größere» Schaar von Knaben kennen zu lerne», der weiß, daß die allerwenigsten Fälle von Sunden gegen das Eigenthnm znm gerichtlichen Austrag kommen. Ma» könnte lange Spalten füllen mit Berichten über die Thaten jugendlicher Langfinger, die sich an einem einzigen Andreas- mailtc ereignen. Zwar ist zu allen Zeiten gestohlen worden, auch soll zugegeben werden, daß dos Leben nnd Treiben in der grossen Stadl reichliche Gelegenheit zu derartigen Verirrungen bietet, trotzdem aber bleibt die Thatsache bestehen, daß gerade in dieser Beziehung unser Volksleben eine klaffende Wunde zeigt, zu deren Heilung bcizutragen die heiligste Pflicht jedes gute» Menschen ist. Es unleilicgt freilich keinem Zweifel, daß eine Zahl von Dieben von der Natur zu ihrem traurigen Handwerk prädestinirt ist. Die Wissenschaft nennt diese miglückliche Eigenschaft bekanntlich Kleptomanie; doch diese Beschönigung eines sittlichen Makels kommt unstreitig öfter vor, als das Leiden selbst. Auch ist es eine bekannte Sache, daß hiervon in der Regel nur dann die Rede ist, wenn der Dieb aus den sogenannten „besseren" Kreisen stammt und das Stehlen gar nicht nölhig hat. Man kann also getrost behaupten, daß der Spitzbube in den allermeisten Fällen an einem sittlichen Defekt leidet, der bei richtiger erziehlicher Behandlung bei seinem ersten Erscheinen hätte geheilt werden können. Doch der Mensch ist rin Produkt seiner Verhältnisse, nnd zu diesen müssen wir hinab- stkigen, wenn wir das Laster der Unehrlichkeit richtig beurtheileu nnd sei» inasseuweiseS Austreten mit Erfolg bekämpfen wollen.
Es sind in der Hauptsache drei Faktoren, die aus die Entnickelung des jungen Menschen entscheidenden Einfluß haben: die Familie, die Schule und das öffentliche Leben. Sehen wir im llachsolgeudeck, wie sich dieselben zu unserem Gegeufland verhalten. Vie Familie, jene wichtigste Grundlage der Gemeinde und des Staates, hat die größten Rechte und die weitestgehende Macht, auf oie Erziehung zur Ehrlichkeit und Treue hinzuwirken, und zu unserer Beruhigung sei cS gesagt, daß dieselbe sich ihrer Rechte und Pflichten zumeist voll und ganz bewußt ist. Von einer sehr starken Minderheit aber kann da» nicht behauptet werden. Zahllosen Vätern und Müttern fehlt selbst das rechte Gesühb^ür den Unterschied von Mein nnd Dein. Nameutsich sind sie in Heinen Dingen nicht gewissenhaft genug, und gerade am Kleinen entwickelt sich das Gesühl llirS Große, oder es stumpft sich ab. Da bringt, um einen wiikliche» Fall anzusühren, der Knabe eine kleine Sparbüchse mit nach Hanse, wie man sie für zehn Pfennige erstehen kann. Sie sindet Ausstellung bei seinen Siebensachen nnd wird sogar benutzt. Rach einigen Tagen stellt sich bei einer Unter« iuchung i» der Schule zufällig heraus, daß dieselbe gestohlen ist. Lei» Vater wird die Sache mitgetheilt, und nun füllte man doch meinen, er bedanke sich für die Nachricht und ruhe nicht, bis der Gegenstand seinem Eigeuthiimer wieder zugestellt und fein diebischer Sohu bestraft sei. Weit gefehltI Er macht dem Lehrer einen Vorwurf, daß er ihn mit solcher „Lappalie" belästige, und prügelt nun im bestell Fall deshalb, nicht aber um der Sünde willen feinen Un- geraidenen durch. Solchen laxen Anschaunngen in kleinen Dinge» degrgnet man übrigens auch in höheren Gesellschaftskreisen, wie ebenfalls durch ganz bestimmte Fälle ertoitfen werden kann. Viel, uiiendtich viel wäre schon gebessert, wenn alle Eltern stet» bedenken wollten, daß alle große» Diebe in ihrer Jugend mit kleinen Dingen angesangen haben. Auch ist wohl zu erwägen, daß das, was dem Erwachsene» als etwas Ulibedeutendes erscheint, dem Kinde etwas Großes ist; eine Hand voll Kastanien oder eine andere kleine Nascherei gilt ihm so Diel, als dem Defraudanten die Tausende, die er unterschlägt. Ei» großer Fehler wird im Elternhause auch damit gemacht, daß solche Fälle nicht strenge geling bestraft werden, auch wen» man einen derartige» Fehltritt in feiner ganzen Größe richtig beuttheilt. Wuchermigen an unserem Körper schneidet der Arzt unbarmherzig weg, obgleich er den Schmerz wohl ermesse» Ian», den er uns damit zuüigt. Sollte ein vernünftiger Vater anders handeln ? Hier gilt das Wort des alten Weisen: „Wer feine Ruthe schonet, der hasset seinen Sohn I"
Von unseren öffentlichen Schulen darf wohl behauptet werden, daß sie die praktische Behandlung des siebten Gebotes mit der noth- weudige» Strenge durchführen. Im Einzelnen freilich könne» auch dort Fehler gemacht werden in ter Auswahl der Strafe, denn ,e8 irrt der Mensch, so lang' er ftrebi". Der gute Wille, das Beste des Zöglings zn erreichen, ist zweifellos vorhanden, und doch liegen auch bei der Schule Mängel in den Verhältnissen, die ein wirksames Eingreiscii zur Besserung gefährdeter Sch Her »»gemein beeinträchtigen. Da die höhere Schule das Strafm ttel besitzt, gefährliche Elemente anszilweifen, so komiut hier in erster Li <ie die Volksschnle in Betracht, die von diesem Mittel aus eigener Kraft keinen Gebrauch machen kann. Mancher Schiller ist jahrelang eine ungeheuere Gefahr für seine bessere» Kameraden, denn „böse Gefellschasteu verderben gute Sitten". Die Schule sieht den Knabe» von Stufe zu Stufe fiufen. Die häusliche Unterstützung zur Befferiilig derselben fehlt gänzlich, lllid c3 könnte mir die Versetzung des Schüler» in eine bessere Familie oder in eine Eiziehnngsanstalt etwas helfen. Doch unsere Gesetzgebung gestattet diese Unterbringung erst dann, wenn der betreffende Knabe ein wirklicher Verbrecher geworden ist. Er ist dann meist an einem Abgrund angelangt, von dem ihn Menschenhand nicht mehr zurückhalte» kau», während er sehr wohl hätte gerettet lueibeii können, wenn man sich feiner sofort annahui, als die Schule feststellte, daß er in Gefahr sei, zu verwahrlosen. Was aber den Einfluß der Schule auf die häusliche Erziehung fast ganz illusorisch macht, das ist die zu lose Verbindung von Schule und Hans. Diese» Schaden hat man eingesehen und sucht ihn in vielen größeren Städte» dnrch ein wohlfeiles Pflästerchen, genannt Elternabende, jit heilen. Bei einem Glase Bier solle» die Elter» über wichtige Erziehnugsfrage» belehrt und der Zusanimenfchluß von Schule und Hans soll dadurch erreicht werden. Ja, wenn sie nur tarnen, gerade die Eltern, auf welche es abgesehen ist! Da sich erfahrungsgemäß dar EllernhauS wenig um die Schule kümmert, so sollte zu dem umgekehrten Mittel gegriffen werden. Durch Besuche der Lehrer in den Familien, aus denen ihre Schiller stammen, kann allein eine Verbindung der beiden Faktoren erwachsen, wie sie zur Erziehung gerade der gesährdeien Elemente uothwendig ist. Doch auch den guten Willeii Seitei 6 der Lehrerschaft zu diesem schwierigen Werke voraus irsext — wie ist das uiöglich, so lange ein Lehrer 60 Knaben ju unterrichte» hat und das in 30 bis 32 Wochen stunden?
Drittens wurde gesagt, daß auch da» öffentliche Leben, die Allgemeinheit, in einiger Wechselbeziehung steht zu dem Schaden, von dem hier die Rede ist. Egidy, der warmherzige Volkssrennd der Gegenwart, sprach sich gelegentlich eines Vortrags über die Pflichten der Allgemeinheit in beherzigeuswerther Weise dahin aus, daß wir danach ringen müßten, daß das Gefühl der gegenfeitige» Verantwortung wieder ne» belebt werde. Das Schwinden diese» Gefühls ist z» einem Wahrzeichen des großstädtischen Leden» geworben. Was geht e» mich an, was der Andere treibt 1 da» ist eine weitverbreitete Losung. Allerdings geht es mich an, den» jeder Einzelne ist ein wichtiges Glied der Gesellschaft, mit der ich selbst stehe und falle, und in dem Augenblick, in dem ich das Bewußtsein habe, daß mein Mitmensch im Begriff steht, ein Unrecht' zu Ihn», und ich versuche nicht, ihn davon abzuhalten, bin ich sein Mitschuldiger. Und wie achtlos gehen doch die sittlich Höherstehenden zumeist an den kleinen Sündern vorüber! Ei» Wink oder ein einziges Wort könnte ein große» Unrecht verhüten, aber wir fürchten den kleinen Zeitverlust, vielleicht auch die Schimpfreden, die der kleine Miffelhäter obendrein über uns ausschütten könnte. ES wird so oft geklagt über die Rücksichtslosigkeit der Jugend gegen Erwachsene, und doch ist dieser Zustand die natürliche Folge von dem Verhalte» der Allen gegen die Jungen. Letztere haben sich in ein Gefühl der Sicherheit eingewiegt, da» ihnen abgewöhnt werden niiiß. Sie müssen wieder empfinden, daß sie von jedem Vorübergehenden zur Rechenschaft gezogen werden tönnen, und mit dem Respekt vor der Person de» Nächsten wird sich bann auch wieder derjenige vor seinem Eigeirthum verbinden.
Ans Stadt nnd §and.
Wiesbaden, 16. Januar.
— Grschichtvltnlendrr. 16. Januar. 1545. Georg Spalatin, Theolog und Geschichtschreiber, * Altenburg. 1701.1.1. Moser, Dichter, * Stuttgart. 1756. Beginn des 7-jährigen Kriege». 1789. August Neauder, Kirchenhistoriker, * Göttingen. 1794. Edw. Gibbon, eiigl. Gefchichtschreiber, f London. 1818. I. S. Erseh, Gelehrter, Mitbegründer der großen Encyklopädie, f Halle. 1822. Der Herzog von Aumale, Feldherr und Politiker, * Paris. 1828. F.G.Sausfier, franz. General, * Trohe». 1844. Paul Singer, sozialdemokratischer Parteisührer, * Berlin. 1846. Christ. Graf Tatienbach, deutscher Diplomat, ♦.
— Zu bei« Jubiläum de» „Cäriiien-Vereino" Haber, wir noch irachziitragen, daß dem Festkonzerte auch Ihre Königliche Hoheit die Frau Piinzesstli Luise von Preußen von der Mittelloge des Kurharrse» ans beigewohnt hat. Die hohe Frau, die sich von diesem Besuche durch ihr körperliche» Besinden nicht ab- haiten ließ, hat dabei ihrem besonderen Wohlwollen für de» Verein dnrch einen prächtigen Lorbeerkranz Ausdruck gegeben, den sie persönlich dem Vereiiispräsideirten überreichte.
— Likichohallc» - Theater. Heute, Sonntag, beginnt ein neue» Programm. Dasselbe, der jetzige» karnevalistrschen Zeit entsprechend, soll wieder sehr humorvoll »ud unterhaltend zusammen- gestellt fein. Von dem bisherigen Programm sind die fesche Soubrette Fräuleirr Olga Viarda und der Original-Hnmorist R. Willmer» verblieben. Auf vielseitiges Verlangen tritt heute, Sonntag, in beiden Vorstellungen nochmals das beliebte Alker-Trio auf, und wird zugleich, zum Schluß der Prodnktiori, nochmals ein Welt- Tanchen und -Schwimmen zwischen de» Herren Heinr. Effenuieriger nnd Adolf Busch, beide Mitglieder de» Marine-Verein» dahier, statt- finben. Diese interessante Nummer dürste abermals eine große Zugkrasi ausüben und de» „Neichshalleu" ei» volle» Hau» machen.
— Das Wett-Tauchen, zn dem sich zwei Herren des hiesigen „Marine-Vereins" gemeldet hatte», verlief zu Gunsten des Herrn H. Eisenmenger. Sein Partner, Herr 81. Busch, amüfirte da» zahlreich vertretene Publikum durch seine originellen Tancher- Bewegungen. Die genannten Herren versuchten die einzelnen Produktionen des Kunst-Schwimmers Herr» Alker »achznahmen, was Herrn Eisenmenger in anerkennenswerther Weise gelang. Die Dauer des eigentlichen Wetlaucheus betrug für Herrn Eisenmenger 35 und für Herrn Vusch 30 Sekunden, was immerhin schon eine Leistung zn nennen ist. Am Besten ist jedensall» Herr Ehr. Hebinger davoii- gefommen, denn das Hans war bis auf den letzten Platz besetzt.
-o- Kirchliches. Durch das neueste „Kirchliche Amtsblatt" werden die Geistlichen de» Konsistorialbezirks Wiesbaden ersucht, bell von der 7. Bezirks-Synode beschlossenen Protest gegen die Canistiis-Eiichclica de» Papste» am 23. d. M. in dem Hauptgottesdienste den Gemeinden von de» Kanzel» mitzutheile» und im Anschluß hieran eine von dein Konsistorium verfaßte, im „Amtsblatt" veröffentlichte Ansprache zu verlesen. - Die übliche Kircheusammlung für den „Jerusalem-Verein" soll am Sonntag, den 23. d. M., erhoben werde». — Nachdem der zweite Pfarrer Meyer zu Biebrich auf die Annahme der Wahl als erster Pfarrer daselbst noch vor feiner Einführung in dieses Amt verzichtet hat, wird die erste Pfarrstelle zu Viebrich erneut für Bewerber ausgeschrieben. Die Besetzung erfolgt durch Gemeindewahl. Bewerbungen um diese Stelle, welche ein Einkommen von etwa 6000 Mk. neben freier Wohnung hat, sind innerhalb 4 Wochen an den Wahlkommissar, Herrn Dekan Eibach in Dotzheim, z» richten.
— Gtto Schwab t. Am 9. Jamrar starb, wie schon kurz gemeldet, in Sangersharisen i. Th. der Königliche Oberst a. D. Otto Schwab, ein Sohn unserer nassauischen Heimath, der seinem Vater- lande während einer langen Reihe von Jahre» in Treue und Hingebung gedient hat. Am 6. April 1818 z» Hachenburg als Sohn eines herzoglichen Rentmeisters geboren, trat Schwab am 1. Dezember 1834 als Kadett in die Lehreompagnie ein und wurde am 14. October 1835 bei dem 2. Infanterie-Regiment in Wiesbaden affentirt. Am 28. Januar 1838 zum Unterlieutenant im Regiment ernannt, avancirte Schwab am 16. Juli 1842 zum Cberlieutenant und nahm als solcher 1848 im April an dem Feldzug in Südbaden nnd der Erstürmung von Freiburg, im Sommer mit dem fqmbinirten Feldregiment an dem Feldzug in Schleswig-Holstein Theil. Am 17. April 1851 zum Hauptmann im 1. Infanterie-Regiment ernannt, wurde Schwab in diesem Truppentheil am 6. Juni 1859 zum Major, am 22. Juni 1866 zum Oberstlientenant befördert und »ahm als Kommandeur des 1. Bataillon» an dem Feldzuge gegen Preußen Theil. In dem Gefecht bei Zorn am 12. Juli 1866 führte der Oberstlieutenant die Avantgarde, überfiel die feindlichen Vorposten in und bei Zorn und nölhigte die Besatzung, unter Zurücklassung von mehreren Gefangene» zum Abzug. Am 10. November 1866 trat Oberstlieutenant Schwab in Königlich Preußische Dienste über und wurde dem 3. Rheinische» Infanterie- Regiment Nr. 29 in Eoblenz aggregirt; am 10. August 1866 wurde ihm der Abschied bewilligt, nachdem ihm am 23. Juli desselben Jahres der Charakter als Oberst verliehe» worden war. Am
9. März 1869 zum Bezirks-Kommandeur de» 1. Bataillon» 1. Thüriug. Jiif.-Reg. Nr. 31 ernannt, verblieb Oberst Schwab bis 1884 in dieser Stellung. Die Lebensverhältnisse in SangerS- hausen, seiner letzten Garnison, waren Schwab so sympathisch geworden, daß er feinen Wohnsitz in dem thüringischen Städtchen, an da» ihn überdies Familienbaude feffelte», beibehielt, und hier ist er, fast einundachtzigjahrig, aus dem Leben geschieden.
— Rudersport. Nach dem in der Generalversammlung am 14. Dezember erstatteten Jahresbericht hat der „Ruder-Klub Wiesbaden" im Jahre 1897 im Ganzen 582 Fahrten in einer Gesanimtläiige von 3352 Kilometern mit 782 Mitgliedern und Gästen zurückgelegt. Dnrch zweimalige, mehrere Woche» nn- baiiernbe lleberschweunnnngen de» Bootshauses, unterlasseue Regattabesrrche, sowie sonstige Umstände ist die Anzahl der Ruderfahrteri gegen das Vorjahr zurückgeblieben, dahingegen wurden relativ und absolut größere Entfernungen zurückgelegt. Die erste Fahrt wurde bereits am Neujahrstag 1897 mit einer Zweiermannschaft unternommen, den Beschluß machte eine Vierermannschaft am 14. November. Au Fahrmaterial zu Neun-und Uebungrzwecken, sowie für sonstige Verwendung sind 18 Boote im Klub- oder Privatbesitz vorhanden. Der Mitgliederstand hat auch im letzten Jahre eine weitere Zunahme erfahren und hat die Zahl 119 erreicht. An geselligen Unterhaltungen wurden, außer kleineren Veranstaltnugen, ein ©ommerfeft am Bootshaus mit interner Wettfahrt und eine Weihnachtsfeier veranstaltet. Ein Besuch auSwärtigerRegatten fand nicht statt, auch fiel da» Rennen mit der Kasteler Ruder-Gesellschaft entgegeustehender Hindernisse Wege» aus.
— Frauen-Asyl „Liudenhans". Mau schreibt uns: Seit etwa sechs Jahren besteht in unserer Stadt da» Frauen-Asyl „LindeuhauS". Sehr klein und unscheinbar in feinen Anfängen, tat e» sich bald durch stets vermehrte Ansprüche ausgedehnt. Zuerst in der Wellritzstraße 17 sein Heim aufschlagend, hat e» jetzt nach Walkmühlstraße 31 verlegt werden müssen. Sein Zweck ist, tiesgesallenen unglückliche» Mädchen und Frauen die RettnngS- hand zu bieten und mit Gottes Hülse einem geordneten Leben zurückzugeben, und zwar geschieht die Aufnahme ohne Unterschied der Kousessiou. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, daß die Arbeit der Anstalt durchaus nicht vergeblich und hoffnungslos ist, so viel Geduld und Selbstverleugnung sie auch verlangt. In dem neuen Heim können bis zn 20 Pfleglinge aufgenommen werden, die z» maunigsacher Arbeit angehalten und erzogen werden. Da» Asyl steht im Zusammenhang mit dem Nassauischen Gefängniß- Verei», aus dem, und mit dessen Mitwirkung ein Kuratorium gebildet wurde. Es gehören dazu, unter dem Vorsitz des Herrn Konsistorial- präfldkuten a. D. Opitz, die Herren Rentner Abegg, Geh. Sanitätsrath Dr. Brinkmann, Stadtrath Knauer, Admiral z. D. Werner und Pfarrer Ziemendorfs. Für ihren Unterhalt ist die Anstalt lediglich aus diebarmherzige Liebe unserer Mitbürger angewiesen. Der Herr Oherpräsident von Hessen-Nassau bat derselben eine einmalige HauS-Kollekte bewilligt, welche in diesen Tagen wird eiugesamiuelt werden. Wir bitten herzlich, dieser Sammlung nicht unfreundlich als einer neuen Bettelei zu begegnen, sondern al» der Bitte um Milhülfe au einem immer dringender »öthigen Rettungswerk.
— fraurnbrrnf. E» ist eine erfreuliche Thatsache, daß man in unserer Zeit immer mehr bestrebt ist, dem Weibe da» natürliche Recht auf Arbeit zu gewähren. Zahlreiche Berufe lafien die Frau in edlen Wettbewerb mit dem Mann treten, und es wird vielfach anerkannt, daß erstere dem letzteren in Treue und Gewissenhaftigkeit, ja sogar in Ausdauer und Leistnugssähigkeit nicht nachsteht. Die vermehrte Arbeitsgelegenheit für das weibliche Geschlecht ist manchem mit Töchtern reich gesegneten Vater eine große Beruhigung, ist es doch eine anerkannte Thatsache, daß eine stattliche Zahl Mädchen den Beruf der Hanssran und Mutter nicht findet. Dieser natürlichsten Thätigkeit des Weibes die nächstliegende ist außer der Krankenpflege zweifellos der Unterricht und die Erziehung der Jugend. Die Lehrerin hat sich darum auch schon vor vielen Jahren ein geachtetes Arbeitsfeld errungen; namentlich war mau in größeren Städten mit eigener Schulverwaltung bestrebt, möglichst viele weibliche Lehrkräfte anzustelle». Düsseldorf, Aachen, Hannover, Altona, Breslau haben Hunderte von Lehrerinnen im städtischen Dienst; Berlin allein beschäftigt gegen zwölfhundert weibliche Lehrkräfte. Auch in nuferer Stadt, in welcher die Lehrerin bisher nur spärlich vertrete» war, berücksichtigt man dieselben in den letzten Jahren mehr bei Neu- besktzunge»; bei dem nächsten AustellungSterniin sollen wieder drei Lehrerstellen in solche für Lehrerinnen verwandelt werden. Die Schule fanit dies mit Freuden begrüßen, denn es nicht an Mädchenschulen außer dem Handarbeits- nnd Kochunterricht uianche Disziplin, die am zweckmäßigsten von weibliche» Lehrkräfte» übernommen wird. ES fei nur an das Turne» erinnert. Die städtische Verwaltung macht anscheinend mit den Lehrerinnen ein befferes Geschäft, denn sie beziehe» weniger Gehalt al» Lehrer und sind darum billiger. Da» ist jedoch nur ein scheinbarer Vortheil, denn die wöchentliche Stundenzahl der Lehrerin ist eine wesentlich geringere al» diejenige de» Lehrers. Auch ist die Frage nicht ohne Wichtigkeit, ob die jetzt geplante Verwendung der Lehrerin auch au unsere» Volksschule» — bisher waren sie saft nur an Mittel- und höheren Mädchenschulen beschäftigt — zu empfehlen ist. Die durchschnittliche Schülerzahleiner Wiesbadener Volksschulklaffe beträgt unsere» Wissens 56 Schüler. Die unteren Klassen, für welche die jungen Lehrerinnen zunächst nur in Betracht kommen, sind noch stärker, und die großeSchülerzahl bedingt eilte entsprechende Lehrkraft. Auch ist wohl zu bedenken, wieweit der Einwand berechtigt ist, den man in Leipzig gegen die ausgedehntere Verwendung weiblicher Lehrkräfte au Volksschulen vom pädagogischen Standpunkt aus gemacht hat, daß gerade den Volksschülerinnen in den meisten Fällen nicht der Einfluß der Mutter, sondern derjenige der Vater» fehlt, beim für den Mann ist e» Regel, für die Fra» Ausnahme, daß sie einem Erwerbe außerhalb des Haufe» nachgeheu muß. Diese Behauptung dürste auch auf hiesige Verhältnisse durchaus zutreffend fein und ist darum wohl der Erwägung roertb.
— Die Litewka bei der Ztenrr. E» besteht die Absicht, den Beamten Der Verwaltung der indirekte» Steuern vom Oberinspektor abwärts neben dem vorgeschriebeneu Waffenrock nnd dem Ueberrock fJnterimSrock) da» Tragen einer Litewka im Dienste zu gestatten. Auf Veranlaffnng de» Finanzministeriums sind drei Muster solcher Litewken de» Provinzial-Stenerbehörden vorgelegt worden, welche unter Anhörung der Wünsche der Lokalbeamten sich über die Einführung gutachtlich zu äußern haben.
— Platzkarten und Kahnstrigtzarlen. Aus der dem Ab- geordnetenhanse fneben zugegangenen Nederficht über den Eisenbahnverkehr für 1896/97 ist zn ersehen, daß an» dem Verkauf der Platzkarten zu den v-Zügen in diesem Jahre 9,13 pCt. mehr al» im Vorjahr, nämlich 2,420,131 Mk., gelöst worden find, weil die Airzahl der Platzkarten um 4.69 vCt., auf 1/745,330 Stück, gtstiegen ist. E»
