Zwei Weihttarhtsgabeir.
25. Dezember.
Dar es ein güusiiges Geschick, war e» Zufall, oder war es nur die deutsche Ncichrpost, was uns am ersten Weihnachtsfeiertag zwei ; sehr verschiedene Gaben auf den Frühstückstisch legte? Doch lassen ; wir tui8 an der Thatsachc genügen, daß diese Gaben zu einer Zeit i rintrafen, wo nus Muße ward, sie anzusehcn. Die eine, und diese f wollen wir zunächst betrachten, entpuppte sich, als wir siedem Streif- I band entnahmen, als ein ultramontaueS Blatt, das, in der Regel k unter kecker Offenbarung eines sehr geschäftlichen Standpunktes, | nämlich des Abonnenten- und Jnscratensauges, die Tagblalihetze ' mit der fanatischen Inbrunst betreibt, wie etwa ein Peter [ von RrbueS, ein Thomas de Torqucmado oder andere Ketzer- | und Hcxcurichter zur Ehre Gottes (d. h. in diesem Falle: der Kirdx) das Veibrenneu und Bermögeneinziehen von unglückliche», schuldlosen Mitmenschen betrieben. Wir haben dieser Hetze niemals £ geachtet, einmal, weil sie so durchsichtig war, daß Jeder, der über : de» Naud eines Gebetbuches auch nur etwas Hinwegzuschauen ver- k Mtog, ihre materielle Absicht erkannte, und zum andern, weil sie uns f zu mibedcutcnd erschien und weil wir etwas Anderes gii thun i haben, als uns mit Jedem herunizubeisicn, der, wenn wir ruhig ■ nufcues Weges gehen, uns aus irgend einem Winkel wüthcnd anstäfft.
Wir werden auch fürder selbstverständlich den gleichen, einzig f würdigen Standpunkt vertreten, oder höchstens, wenn diese Rempeleien i tollpatschiger Heisssporne, die einem diplomatischen, seinem Pricster- - staat wirklich dieiiendcn Klerus in heutiger Zeit sicherlich nicht : angenehm sein können, weiter überhand nehmen, durch eine Reihe ■ von kundigen Federn geschriebener, rein sachlichdargeslcllter, für sich - leibst sprechender und die naivsten Gcmüther hinreichend ansklärender | Kapitel aus der älteren und neueren Rcligions- und Kirchen- V geschichte antworten. Sapienti sat!
Wenn wir nun aber den blauangestrichene», offenbar von einem jagdgerechten Theologen geschriebenen Artikel in dem betreffenden i Slaüe überhaupt hier erwähne!', so thnn wir dies, weil er uns
Wirsbaiifiirr
Verlag: Lauggasse 27,
Abonnenten.
1897
Drettstag) den 28. Dezember
Ko. 604
Bezirks Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abendausgabe
auS-
da nicht so genau genommen, — wir werden es durch geschloffenes Vorgehen auch noch durchsetzen, daß wir äusser der längst versprochenen McdizinaIreformdie erwünschte A e r z t e -O r d n u n g und mit ihr hoffentlich auch ein einheitliches Ehrengericht erhalten, dessen grade der ärztliche Stand mit seiner hohen Verantwortlichkeit und unantastbar zu haltenden moralischen Stellung als
Die rechte Kurirfreihelt.
Von Dr. ined. van SNeffrn.
^Schluß ans der Morgen-Ausgabe Nr. 603.)
-85. Jahrgang.
Erscheint in zwei Bnsgabcu. — Bezugs PreiS: durch den Verlag 50 Psg, monatlich, durch die Post 1 Mk. «6 Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben ziisammtn.
herantrcten zu lasten, sondern endlich mehr im Ton der Forderung das zu verlangen, Ivas ihm zusteht. Statt überängstlicher Befassung mit den internen Angelegenheiten der StandeSrepntation, so berechtigt dieselben au sich auch sind, heißt eS fortan: in corpore nach außen zur Erreichung besserer Daseiusbedinguiigeu vorzngehen und vom Staat endlich auch die allseitig dem Stande gebührende materielle Würdigung zu erringen.
Dabei ist der Kampf gegen den unlauteren Wettbewerb Seitens der Knrpsnscherei ein im Juleresse der Allgemeinheit unerläßliches Mittel zum Zweck.
Eine den heutigen Ansprüchen gerecht werdende ärztliche Taxe und Gebührenordnung haben wir endlich durchgcsetzt, — die nicht approbirtcn Heilkünstler brauchen sich das nicht gefallen zu lassen, sie sind für ihren Gewinn nicht an eine Taxe gebunden, sic bedürfen der Gesetze nur znni Schutz ihrer Rechte, mit den Pflichten wird cS
Skttreigcn-Pretsi
Die einspaltige Petitzeile für locake Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
gemeint ist, der sich als eine Folge von Fachstudien und fortschreitender Erkenntuiß bezüglich früher geltender Maximen herans- stellt — das Wort „Aberglaube" ist hier recht schlecht gewählt, „Jrrlhntu" wäre weit zutreffender und „Irren ist menschlich", oder noch besser gesagt: „Es irrt der Mensch, so lange er strebt" —, sondern es giebt in der That noch einen Aberglauben in der Welt, der ihr, ganz abgesehen von religiösen Dingen, von derZeit priesterlicher Mysterien in der Medizin anliastet. Wenn, wie in aller- neuester Zeit, sonst in der Bildung hinter Anderen nicht zurück- stehende und hochgestellte Personen sich aus den Fingerringen, , „ Socken und andere» Leidcuszcicheu von „Heilkünstlcrn" mit ost l Diszipliuarmittcl entschieden nicht weniger bedarf, als der der Anwälte großem Zulauf ihre Krankheit feststcllen lassen, so kann hier füglich I und des Offiziers z. B., ohne damit sagen zit wollen, daß der Militär»
treiben kann. Wenn z. B. Jemand öffentlich behauptet, daß er unter allem Anderen auch die ererbten Geschlechtskrankheiten heilt, oder wenn einAnderer auch wiederum neben diesem und jenem voiiAerzteii ausgegebeneuLeiden sämmtlicheKrebse ohne Netzen, Kratzen und Schneiden zu heilen im Stande sein will, wenn ein militärischer „a. D." im Knrgarteu die gedruckten Prospekte seines Heilverfahrens an auSerwädltc Kurgäste zum Einsangen derselben vertheilt, wenn schließlich in einer hiesigen Kneippschen Kuranstalt eine immatriknlirte puella publica ihrem Gewerbe obliegt, so bedarf es kaum vieler Ueberlegnng, solches als unzulässigen Unfug, gelinde gesagt, zu kennzeichnen. (Die Verantwortung für diese Behauptungen müssen wir selbstverständlich voll und ganz dem Herr» Einsender überlassen. D. R.) Das und ähnliche Dinge sind die traurigen Folgen der gemeinsamen Gewerbc- sreibeit sür die Heilkunde.
Wenn wir Aerzte mit allen Mitteln hier Abhülse zu schasse» suchen und eine eigene A e r zt e - O r d n u n g mit eigener, unverzweigter ministerieller Bertrelung energisch ai,streben urrd fordern, so wird mau das dem Staude als solchem nur zur Ehre anrechuen können und darin gleichzeitig einen Nutze» für die Allgemeinheit erblicken, denn die Schädigung durch einen Theil jener Elemente liegt nicht nur auf moralischem Gebier, sondern sie ist ost eine direkte materielle AnSbenlnug, da die Heilküustler von der Sorte der Schwindler sich proo-oder poktnumeramlo, gewöhnlich aber auS„Vorsicht" nach ersterem Modus, im Vergleich zu ihren oft recht fraglichen Leistungen meist ganz exorbitante Summen bezahlen lasse».
Nein, will man dem Ottergezücht de? betrügerischen Heil- schwindlcrihums, das im Uebrigcn schon nmiidje fahrlässige Körperverletzung verschuldet hat, gründlich dcu GarauS machen, so lege man ihm gesetzlich das Handwerk.
Noch eins. Es wird von dem Einsender aus die „bedeutenden Privilegien" hingewiese», die trotz der G werbesreiheit den approdirlen Aerzlen eingeräumt worden sind. Von den Pflichten, die denselben bis zur Erreichung der Approbation und später beim Mitwirken au der össcntlicheu Wohlfahrt von Staats wegen anserlegl werden, ist jedoch nicht die Rede. DeS Mediziners Art ist cs nicht, immer Aeqnivalent sür die Mitarbeiterschaft in den hygieinischen Ansgaben des Gemeinwesens zu verlangen, obwohl sieh hier oft recht berechtigte Forderungen geltend machen ließen; auch hält der Arzt die hohe» und immer mehr aus eigenem Lbutrieb steigende» Ansprüche an seinen Bildungsgang wie an seine Fertigkeiten sür diirchaus berechtigt, aber als logische Kousegiieiiz dieser Aiisordkrungeti muß er, hier mal vornehmlich in seinem eigensten Interesse, verlangen, daß, wo ein gleiches Recht der £f ii r i i fr ei Ijcit bestehen soll,auch von allen Vertretern der Heilknnde, sei cs welcher Richtung immer, auch die gleichen Aufgaben für einen BefähiguugS- nachweis nubedingt verlangt werden. Man hört bcutznlage so viel von dem beliebten Parteischlagwort: „Gleiches Recht sür Alle!" Heißt eS aber mal: „Gleiche Pflicht", dann will man von dem “Ilie Rhodus — hic salta” meist nichts wissen.
Wo siiid beim die Schulen der nicht approbirtcn Hcillüiistler? Oder siiid die letzteren lauter Genick, die alles Das nicht zu wissen brauchen, was der Aizt in einem säst 15-jährigcu Bildnngs- gaiige sich anzneigneu bemüht sein muß?
Im Gegensatz zn des Einsenders Ansicht vom „Aberglauben", vor dem allerdings die Vorlage einen Theil der Laicnwclt auch bewahrt Kiffen möchte, sei hier kurz betont, daß nicht der „Aberglaiibe"
iHimlnit« für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur „ächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
gestellt werden können. Soll man erst warten, bis der Staats- ; anwalt eingrcist? Was nützt es, wenn hier und da mal ein ! Individuum des medizinischen Ungeziefers gefaiigen wird, orbcutlid) l wird ihm der Prozeß doch nicht gemacht, im besten Fall wird es " mit geringer Buße nachsichtig lausen gelaffen, damit es umso un- L verfrorener fein unlauteres Wesen vo» Neuem mit frecher Stirn
An der Gesundheitriehre participiren Heulzulage nicht schließlich die Mediziner, obwohl sie das Verdienst in Anspruch nehmen dürfen, die Hygieine auf allen Gebieten geschaffen, ihre Schöpfungen inspirirt zu habe». Techniker, Ingenieure, Baumcister,
doch mir von einem „Aberglauben" in des Wortes wahrem Sinn die Rede fein.
Wenn der Kranke in seiner Roth nichts unversucht läßt, so ist solches sehr erklärlich; auch hier muß aber gegenüber dem Einsender bemerkt werden, daß die Nnndreisepatieuteu, die den nicht-ärztlichen Heilmethoden zneilteu, zum größten Tbcil wieder beim Mediziner nach kürzeren oder längeren Irrfahrten strandeten. Diejenigen, die dort Heilung fanden, hätten sie. wenn sie zur rechten ärztliche» Ouelle gegangen wären, auch da gleich gut gesunden. Worin liegt denn der Grund zu jene» scheinbar ost wunderbaren Erfolgen von Kucipp z. B., nachdem angeblich „nichts mwersiicht gebliebe» war"? Weil die im llebereiser Seitens eines vielleicht kurzsichtigen ArztcS mallraitirte Natur durch eine physiologische und gesunde Lebensweise oder durch ein wohllhätigcs Nichtsthun sich von dem wohlgemeinten liebel des Zuviel erhöh» und somit gefunden konnte.
Mancher Arzt ist, das muß zngegeben werden, nicht ohne Schuld daran, daß Mancher von der Schulmedizin nichts wiffeu will. Man mnß nur der Wahrheit die Ehre geben und nicht nur sich, sondern eist recht dem Klienten eingesteben, daß cs bei dem kolossalen Umfang der medizinischen Wissenschaft ein absolutes Ding der Unmöglichkeit ist. Alles selbst am besten wissen zn wollen, man lasse Andere zu, welche die reichere Erfahrung haben und in dem oder jenem Fall dem Betreffenden überlegen sind. Der materielle Vortheil bars im ärztlichen Beruf nun und nimmer dcu AnLschlag geben. Andererseits muß der Patient an die rechte Schmiede gehen, was bei einer Auswahl unter einer so großen Anzahl, wie z. B. hier in Wiesbaden, allerdings nicht ganz leicht ist. Häufiges Wechseln ist hier gleich vom liebel Ivie da« erfolglose Jmponircnlasseu von Einem, der vielleicht sich durch nichts Anderes zu empfehlen wcißMs durch die oft nur persönlichen Empfehlungen seitens Anderer. Fide, ecd cui vide! Die Schuld liegt ferner an zum Theil veralletcn Traditionen im ärztlichen Stand selbst. Er sollte als solcher korporativ heutzutage mehr Fühlung mit der Tagespreise in geeigneter, für den größeren Leserkreis ansklärender Weise nehmen. Welcher Laic lieft denn die medizinische Fachlittcralur? Und doch ist der dabeimcist interessirte Theil eben die Allgemeinheit, das Laienpublikum.
Im Großen und Ganze» soll auch die ärztliche Fachpresse, soweit sic rein wissenschaftlich ist, ein Ncgal des Mediziner« bleiben wie das Studium und die Ausübung seiner Kunst bis zu einem gewisse» Grade eine Art geheiligtes Mysterium ist und bleibt, aber der Laie hat ein Recht auf Aufklärung in medizinischen Dingen, und dazu eignet sich nächst der Broschüre am besten das beste KorMtuni- kationsmitlcl, die Organe der gelesenen Tagesblätler.
Wenn schließlich v. E. sagt: „Die nöthige Abhülse vermag der Stand n n r in sich selbst zn schaffen", so trifft da« auch nicht zn. Der ärztliche Stand fängt an, die Dinge weniger an sich
. Pädagogen sind allmählich zn den Medizinern hier und da über* । legeuen Experten geworden. Wenn der Staat demnach in einschlägigen Fällen fid) an diese um Rath wendet, so wird er das zuständige Tribunal zur Erlheilung des Bcsähignngsnachweises sicher 2 fo toiiftituiren, fei es nun als Faktor der Aerztekaiuniern resp. von bereu Ausschuß, ober im Anschluß an die akademischen Instanzen der Universitäten, daß eine fndjiid) objektive Prüfung der fraglichen neuen Methode zu Theil wird, daß dieselbe, wenn sic einen guten i Kern hat, sich zn ihrem Recht verhelfen kau». Wir leben nicht mehr T zu ben Zeiten de« Job, and) nicht in der Medizin, und wenn man ' meint, daß wir uns die brauchbaren und luiiflid) originellen t Leistungen des Bauern Prießnitz und des Pastors Kneipp nicht zu | eigen gemacht haben, dann hält man den Mediziner doch für bell schränktcr als andere Stände. Mit neidloser Bewunderung schicken Acrzte zahllose Patienten zn dem bekannten Hessing in Göppingen, - weil er cS, obwohl kein Mediziner von Haus au«, wie wenige ver- : steht, z. B. ein orthopädisches Korsett zu machen.
Wer etwas leistet, wird fid) and) vor dem slrcugstcn „Tribunal" von Experten Geltung verschaffen, in das — darüber kann man beruhigt fei» — nicht Männer berufen werden sollen, die nur ihre StandcSinIeressen int Ange haben, sondern solche, tvelche die Aus- gaben ihres menschlichen Berufes zu vertreten redlich bemüht fein werden, nämlich Helfer der Menschheit in der Roth zu sein und zwar mit allen nur möglichen und anwendbaren Mitteln, mag es t nun gelegentlich auch ein Schäfer oder ein geistlicher Hirt sein, der i irgend ein heilkräftiges Mittel oder Verfahren erlernten hat.
= Es wird „ein freies Feld für alle Arten Heilmethoden" f auch so geschaffen bleiben, und alle fleißige» Hände werden 3 sich „rühren dürscn". In der Medizin giebt cs keinen | Rückschritt. Wen» ein akademisclier Beruf dem uuaushalt-
1 sameu Fortschritt huldig«, so ist eS der ärztliche. Ist
er doch der einzige unter den akademische» Ständen, der, abgesehen F von einer Minderzahl beamteter und Militärärzte, fid) seine völlige 8. Unabhängigkeit gewahrt hat und hoffentlid) and) zn wahren wisse» wird. Der Staat hat Beamte genug zu ernähren, brum ist bet fe- Arzt stolz darauf, krast seines selbstgeschaffeneu Amtes, wenn aud) ost mühselig genug, feinen Weg zu gehen und dem Gemeinwesen wie kaum ein Anderer unentbehrlid) geworden zn fein. Ein „offen»
- barer Rückschritt" wird also burd) ein nicht beabsichtigtes „Jusragc- f stellen der unserer Kultur- und Anschauungssorm so natürlich ent» i sprechenden Grundsätze" keineswegs zu befürchten fein, wohl aber ein eminenter Fortschritt. Nämlich der:
Wenn her Einsender glaubt, „daß der Schutz der Publikums ; gegen ausbeuterische Kurpfuscherei ein zureichender ist", so irrt er : abermals. Der Schutz ist bei der Gcwerbefreiheit für die Hcilknnst | in der That n «zureichend, und wunderbar genug bleibt es, wie I gerade in Wiesbaden, wo das Qnacksalberthnm der Kurpfuscherei 6 ganz außerordentlich int Flore ist — da» hiesige Klima muß ihm ; sehr zuträglich sein —, dergleichen unzutreffende Behauptungen auf«
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Gelegenheit zu Betrachtungen und Entschlüssen gab, die für unsere Leser vielleicht nicht ganz uninteressant sind.
Der betreffende Artikel, Überschrieben: „Was lehrte Jesu«?", wird mit der Erklärung eiiigeleilet, man wolle das bei Dümmler in Berlin erschienene Buch Wolfgang Kirchbachs nicht um feiner selbst willen etwas beleuchten, sondern nur deshalb, weil ihm das „Tagblatt" einen ganzen Artikel voll der Lobes als Adveutsbetrachlung gewidmet habe und weil es später noch in zwei Artikeln wiederum äußerst „belobigend" und anerfemitnb. darauf zurückgekommeu sei. Dieser Eingang sagt genug. Nur weil das „Tagblalt" seiner publizistischen Pflicht, ein Spiegelbild der Zeit und ihrer Strömungen zu fein, nachgekommen ist und einem Bud), bas die ganze gebildete Welt in Aufregung versetzte, die Aufmerksamkeit schenkte, die ihm gebührte,kommt man auf dieses Buch zurück. EinköstlichcS Gestäudniß., Wäre das Dasein dieses vermuthlich aus dem Index stehenden, „ketzerischen" Buches, das fid) ehrlich bemüht, die reine Lehre Christi, von allen kirchlichen, dogmatifcheu Zuthaten befreit, so bar» zustelleu, daß jeder gebildete Mensch, ber fid) vielleicht schon zweifelnd abgcwendet, fid) ihr wieder freudig zuweuden kann, von uns nicht so freventlich verrathen worden, dann hätte man das unbequeme Ding einfach todtgeschwiegen. Todlschweigcn, das ist ja die neue Praktik für die alte, für das grausige und unchristliche, aber sehr kirchliche: Anathema sit! Er sei verflucht! Da ersteres nun zum großen Kummer vieler gewerbsmäßiger Glaubeureiferer nicht wohl mehr möglich, fo geht man zu letzterem über.
Es hieße den Kölner Dom von seiner eigenen Geistlichkeit au« die Spitze stelle», wenn das Kirchbachsche Buch in orthodoxen Kreisen, seien sie nun protestantisch oder katholisch, lobende Att- erkeniiitug erführe. Und so kommt denn auch der Verfasser des betreffenden Artikels natürlich zur schärfstenVernrthcilnng des Werke». Wir sind sehr weit davon entfernt, ihm das zu verübeln, ja, wir wollen nicht einmal mnthmaßen, er habe mit seiner Vernrtheilnng des Buches nur die ihn nährende Mutter, feine Brodgcberin, die Kirche, schützen ivollen. Er nrtheilt, wie man es ihn gelehrt hat in der Schule, im Priesterseminar; und wenn er überdies aus Eigenem noch kritisirt. so thut er dies gewiß aus voller Ueberzengung feines.
dogmatisch befangenen Geistes. Es mag and) sein, daß er — vielleicht — in diesem ober jenem Punkte Recht hat, aber darüber zu rechte» und zn polemisircn, dazu ist hier nicht der Ort. Wird von einer so bekannte» und geachteten, ernst zu nehmenden, publizistischen Persönlichkeit, wie cs Kirchhad) ist, in einer so vernunftgemäßen und ehrlichen Weise, wie er sic offenbart, fein Buch gründlich widerlegt, fo wird eine solche Widerlegung im Tagblatt ebenso gut fach- mänuisd) beurtheilt werden wie das epochemachende Buch selbst. Ein als scharssimiiger, nuerschrockener Publizist bekannter Philologe hat das Kirchbachsche Buch im Tagblatt besprochen, ein gebildeter Laie hat dann daraus hiugcwiescn, daß ein evangelischer Pfarrer kurz vorher bereits zn ähnlichen Folgerungen kam, und ein theologisch gebildeter, vonirtheilsloser Mann hat schließlich noch einmal in einem Artikel auf das Werk Bezug genommen, während die Redaktion selber in einzelnen Notizen über ausfällige Effekte berichtete, die das Werk erzielte, und zivar speziell in Kreisen, die sicherlich auch vom rein wissensd)aftlichen Fach-Standpunkt aus zu nuterscheiden wissen, ob dem Kirchbachschen Buch Bedeutung znkommt ober nicht. Damit haben wir nuferer publizistischen Pflicht in dieser Sad)e Genüge gethan und können nur alle Leser jede» BekemitnisseS, bie sich für solche Dinge interesfiren, nochmals auffordern, selber zu prüfen und sich ihre Ansicht zu bilden. Wir haben nicht die edle Dreistigkeit und Anmaßung, bie^on uns und unseren Mitarbeitern vertretenen Ansichten für ein absolut unantastbares Evangelium zn halten, beim wir find viel zu sehr durchdrungen von dem Bewußtsein menschlicher Unvollkommenheit. Wir begnügen uns damit, kräftige Anregungen auf Grund veinunftgemäßer Erwägungen aiiSzustreiten, und freuen uns von Herzen, wenn dies« Saat ordentlich aufgeht, wie es im vorliegenden Falle offenbar geschieht. Wenigstens spricht das Wehegeschrei des Widersachers dafür,
Dem tingeuaunten polemifirendeu ultramontaurn Leitartikler aber stimmen wir in Einem von ganzem Herzen bei, darin, daß er am Schluffe seines Aufsatzes den Menschen ans Erden Friede» wünscht, den Menschen, bie guten Willen» sind. Wir gehen sogar noch weiter und wünschen, in Konsequenz der echt christlichen Lehre,, al len Menschen Frieden, denn was man in Wirklichkeit
