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45. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post a Mk. «4» Psg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Verlag: Lauggafse 27.

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für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächsterschcinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

1897.

Montag» den 15. November.

Ko. 534

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend «Ausgabe.

Wahlrechts-Erörterungen.

Im nächsten Jahre finden die Neuwahlen zum Neichs- >ag statt. Dies kommende Ereigniß wirft seine Schatten auch insofern voraus, als die seit längerer Zeit zur Tages­ordnung gehörende Erörterung der sog. Wahlrechts-Reformen wieder eine besonders lebhafte Form angenommen hat. Einer der Wunsche, die hierbei mit einem großen Aufwand von Bcgrilndultgsversuchen geltend gemacht werden, ist der Ersatz der geheimen Abstimmung durch die öffentliche. Man begründet diese Forderung mit einem großen Aufwand von Phrasen über den Manuesmuth der Ueberzeugung und ähn­liche schöne Dinge. Einen solchen Muth wird auch der Nicht­mameluk gern zeigen, wenn er damit Denen wohlgefällt, von denen er direkt oder auch indirekt abhängig ist. Im anderen Falle den Muth der Ueberzeugung zu zeigen, könnte oft mit schweren Opfern verbunden sein, zu denen nicht Jeder sich entschließen wird. In dieser Frage gilt noch heute, was der einstige Vertrauensmann des Fürsten Bismarck, Wageuer, zutreffend auSgeführt hat, daß das öffentliche Wahlrecht zu verwerfen sei, solange geheime Abstimmung und freie Abstimmung noch nach den politischen und sozialen Verhältnissen des Landes dasselbe sei. Es ist aber auch eilte falsche Anschauung, daß die öffentliche Abstimmung mit Nothwendigkeit der Negierung wohlgefällige Wahlen erzeugen müsse. Die Erfahrungen, die man mit dem preußischen Wahlrecht in der Konfliktszeit gemacht hat, sprechen dagegen. Aus diesen und manchen anderen Gründen heraus wird die Forderung der Oeffentlichkeit des Wahlrechts sogar auch vou einem Theil der konservativen Presse verworfen.

Desto eifriger wird das Heilmittel für alle Uebel der Zeit, die Heraufsetzung der Wahlmnndigkeit auf das dreißigste Lebensjahr, empfohlen. Glaubt mau auf konservativer Seite im Ernst, ans diese Weise der oppositionellen Stimmung Abbruch thun zu könnens Daß in den Jahrgängen vom 25. bis zum 30. Jahre durch die Aberkennung des Wahl­rechts eine besondere freundliche Gesinnung gegen Diejenigen, denen sie die Aberkennung des Rechtes verdanken, in erster Reihe gegen die Regierung, erweckt werden sollte, wird man kaum annehmen wollen. Ganz zweifellos würde jene Maß­regel vielmehr die Unzufriedenheit mit den bestehenden Zu­ständen verstärken. Auch muß bedacht werden, daß die Legislaturperiode bei uns fünf Jahre dauert, sodaß viele Wähler bis zu ihrem 35. Lebensjahre warten müßten, bis sie in den Genuß ihres Wahlrechts treten könnten. Bedarf die politische Reife wirklich einer so langen Vorbereitung? Wir haben nicht wenig Männer unter 30 Jahren, die sich in Nichterämteru, in Verwaltungsstellen oder in anderen sehr verantwortungsvollen Posten befinden. Mit welchem Rechte soll den Männern in diesem Alter die Ausübung des Wahlrechts abgesprochen werdens Weit verantwortungs­voller als in Gemeinschaft mit vielen tausend Anderen einen Neichstagsabgeordneten zu wählen, ist es, selbst ein Reichs- tagsmandat auszuüben. Aber der jetzige Oberpräsident von Ostpreußen, Graf Wilhelm Bismarck, war gleich manchen Anderen noch mehrere Jahre von der geforderten Alters­grenze entfernt, als er feinen Reichstagssitz einnahm.

Eine weitere Forderung, die mehrfach erhoben wird, ist

die der Einführung des Wahlzwanges. Diese Frage ist weniger leicht zu beurtheilen als die beiden vorerwähnten. Rein grundsätzlich betrachtet, könnte man sich vielleicht für die Einführung bc5 Wahlzwanges entscheiden, denn die Nichtausübung des ersten politischen Rechtes, des Wahl­rechts, ist unter allen Umstünden zu "verurtheilen. Auch die Parteien hätten vielleicht nach einer Richtung hin Ursache, mit dieser Neuernng zufrieden zu sein, denn sie erspart ihnen die Mühe, die Wähler mit Anstrengung zur Wahl heranzuzieheii. Aber man muß die Kehrseite der Medaille betrachten. Der Wahlzwang ist nur durchzuführen, wenn über den säumigen Wähler eine entsprechende Strafe ver­hängt wird. Würde nicht dieser Zwang und diese Strnf- androhnng voraussichtlich einen großen Theil der zahlreichen Wähler, die jetzt der Urne fern bleiben, veranlassen, ihrer Uiiznfriedeiiheit über den auf sie ausgeübteu Zwang durch die Stimmabgabe für die radikalste Opposition Lust zu machen? Welche uiiendlicheit Scherereien würden ferner dadurch entstehen, daß bei zahlreichen Wählern im Einzelnen festgestellt werden müßte, ob sie mit genügender oder ohne genügende Entschuldigung gefehlt haben! Welche unendliche Fülle von Strafprozessen würde endlich dadurch entstehen, daß in sicherlich zahlreichen Fällen gegen das Strafmandat Widerspruch erhoben würde! Man wird fürs Erste be­zweifeln können, ob in einem so großen Gemeinwesen, wie es das Deutsche Reich ist, die Dnrchführllug des Wahl­zwanges überhaupt nöthig wäre. Zweifellos aber ist, daß durch alle diese Erörterungen über die Abänderung des Wahlrechts lediglich die Bcsorgniß zahlreicher Wähler vor einer Verkümmerung ihres Wahlrechts genährt und so Wasser auf die Mühle der Sozialdemokratie geführt wird.

Deutsches Welch.

* Kof- und personal-Llnchelchten. DerReichsanz." veröffentlicht die Abberufung des Gesandten am portugiesische» Hofe, v. Dereuthall, von diesem Posten behufs anderweitiger dtenstlicher Verwenduiig. Wie man ans Darmstadt meldet, wird Staa tSminister Finger noch vor Ablauf dieser Jahres, seines hohen Alters wegen, in den Nnheftand treten. Zn feinem Nach­folger ist Kreisrath Haas-Offenbach a. M., der jetzige Präsident der Zweiten Kammer, in Aussicht genommen. Weitere bedeutende Pelsonalverändernngen sollen bevorstehen, über die jedoch bis jetzt noch nichts Bestimmtes mitgetheilt werden kann.

* Bayern und die Entschädigung unschuldig Uer- urthetitrr. Angesichts der vielen Erörternugen über die Ent­schädigung für unschuldig erlittene Haststrase mag daran erinnert werden, daß in Bayern schon seit Jahre» das Jnstizminislerim» sich vom Landtag einen Kredit von 2500 Mark pro Jahr hierfür be­willigen läßt. ES wird aber diese Summe nicht verbraucht; so wurden im Jahre 1894 mir 269 Mark als Entschädigung ausbezahlt und im Jahre 1895 ebenfalls mir 335 Mark. Das bayrische Jnstiz- niinifterium läßt sich auch seit Jahren einen Kredit von 5000 Mark pro Jahr für die Vergütung der Auslage» freigesproche»er Angeklagten »ach § 499, Absatz 2, der Strafprozeßorduung bewilligen. Diese Summe reicht aber meist nicht aus; so wurden im Jahre 1894 hier­für 7308 Mark und im Jahre 1895 sogar 7546 Mark verausgabt.

ZochrettomedniUc. Wie offiziell mitgetheilt wird, liegt dem amtlichen Preisausschreiben für den Entwurf einer Hochzeits- medaille ober Plakette die Absicht zu Grunde, die einheimische Medailleurkuust zu förbern mib bnrch Stellung einer Ausgabe, welche bas Interesse weiter Kreise zu erregen geeignet erscheint, die Auf­merksamkeit der Künstler, sowie bie Theilnahme des Publikums einem Kunstzweige zuzuweuben, ber in Deutschlanb in früheren Zeiten mehr als jetzt gepflegt unb im Volke beliebt war. Nach Inhalt bes Preisausschreibens beabsichtigt der KultnSminister für einen ober mehrere preisgekrönte Entwürfe beit zur Ausführung der Medaille

erforderlichen Prägestempel Herstellen zu lassen. ES wird dadurch den Privatleuten Gelegenheit gegeben werden, nach Vereinbarung mit dem Künstler Exemplare der Medaille oder Plakette zu mäßigem Preise zu erwerben und mit der in jedem Fall besonders ein« zugravirenden Inschrift bei Hochzeiten als Geschenk für die ©belegte oder als Erinnerungsgabe für deren Angehörige zu verwenden. All eine amtliche Verleihung der Medaille ist dabei selbstverständlich gar nicht gedacht worden. Diese offizielle Mittheiluug, resp. Klarstellung ist sehr erfreulich, da man im Publikum schon vermuthet hatte, eS handle sich um eine nette Förderung des Auszeichnungswesens, da­mit Spangen, Schnüren und Medaillen dem Geist der auf Ver­einfachung und Gleichheit gerichteten Zeitströmnug eilte Gegen­strömung zu schaffen sucht.

* Rundschau im Reiche. Der wegen Majestüts- beleidigtin» uerurtbeilte Herausgeber der »Kritik" Dr. Richard SBrebe hatte um einen Strafaufschub von zwei Mouaten at(S Gesundheitsrücksichten gebeten und die nölhigeu Atteste zur U»ter= stütznug seines Gesuches beigebracht. Der dirigirende Arzt des städtischen Krankenhauses am Friedrichshain Geh. Medizinalrath Proseffor Dr. Fürbringer ebenso wie der zuständige PhysiknS haben den von Dr. Wrede »achgesnchten Strafaufschub zur Kräftigung seiner Gesundheit für nothwendig erklärt. Nichtsdestoweniger wurde Seitens ber Staatsanwaltschaft bem Gesuche keine Folge gegebeff. Dr. Wrede verbüßt zur Zeit seine Strafe in ber Festung Weichsel munde. Ein kirchlich-sozialer Kongreß, einberufeii ooy Stöcker und GesintiungSgenossen, tagt gegenwärtig in Barmen. Die Verhandlungen bieten nichts BemerkenSwertheS oder Neues, so daß keine Veranlaffung vorliegt, davon eingehender Notiz zu nehme». Ei»e neue D olchkoppel mit Schloß hat nach einer imMar.- Ver.-Bl." veröffentlichten Kabinetts-Ordre der Kaiser für die See­kadetten unb Kadetten der Marine genehmigt. DieKarlsruher Ztg." schreibt: lieber die Errichtung einer eigenen russischen Gesandtschaft in Karlsruhe mit einem ständigen Geschäfts­träger an der Spitze habe» schon vor längerer Zeit zwischen den beiderseitigen auswärtigen Ministerien Besprechungen ftattaesunden. Die Errichtung einer eigenen, ständigen Gesandtschaft in Karlsruhe an Stelle der bisherigen mit bem Sitze in Stuttgart ist ein Beweis für die guten Beziehungen, die zwischen den Höfen von Petersburg und Karlsruhe bestehen. Diese Beziehungen müssen allerdings gut geworden fein, wenn sich Rußland einen Gesandten leistet, der viel Geld bezieht, aber in Karlsruhe schwerlich viel Diplomatie aitszü- übcii hat.

Ausland.

* Oesterreich-Ungarn. Ans Wien, 13. November, wird berichtet: Die Universität war heule Mittag während des Bummels uenerdings der Schauplatz turbulenter Scene». Zwischen denjüdisch- freifiniiigen Verbindungen Fidelitas und Hedone einerseits und den jüdisch-nationalen sarbentrageiiben Verbindungen andererseits kam es zu arge« Zusammenstößen. Die letzteren, welche die ersteren pro» Dockten, machten denselben ihre Theilnahme an den vorgestrigen SJemonftratione» zum Vorwurf und griffen dieselben mit Stocken an. Der Kanzleidirektor Burghard und ber Oberpedell, welche Ruhe stiften wollte», lunrben arg mitgenommen. Schließlich gelang es mit Hülfe der übrigen Studentenschaft die jüdisch-nationalen Ver- bitibiingeii aus ber Universität hinauszudräugen. Die Polizei ualM 15 Verhaftungen vor.

* Frankreich. DerSoleil" versichert, daß die Unibilbiing des französische» Artillerieinaterials bereits soweit vorgeschritten ist, baß 100 Latterieen mit dem neuen Material ausgerüstet werden können. In einer von republikanischen Kreisen veranstalteten Ver- fammliing in Bordeaux hielt Waldeck-Ronffeau eine Rede, in welcher er ausführlicher über Die innere Politik sprach »nd,hervorhob, während Frankreich sich mit Kämpfen im Innern beschäftigte, hat sich um uns herum ein neues Europa gebildet, in dem Alles sich zusammen» schart, um die Industrie und beii Handel mnznbilben und den Lauf, welchen die Dinge Jahrhundertelang genommen haben, in andere Wege zu lenken unb Neues zu schaffe»: eilt neues Europa, in bem bas Geräusch bet Werkstätten selbst bett Lärm ber Arnteen Übertönt. Unser Nationalgenie ist mächtig genug, um an ber Spitze dieser furchtbaren Bewegung wieder den Platz einzunehuten, der ihm zu- kommt, nämlich de» ersten, aber es ist keine Zeit zu verlieren.

* Spanien. Trotz der Intervention des Papstes unterstützt der Klerus die Agitationen und Rüstungetr ber Kariisten aufs eifrigste. Amtlich wird tonftatirt, daß die letzteren ernstlich

ALnigliche Schauspiele.

Sonntag, den 14. November: Rigoletto". Oper in vier Akten vou G. Verdi.

Es ist unerfindlich, was die Intendanz bestimmt hat, diese schon etwas abgeblaßte Oper wieder vorzusucheit, deren Ersolg hauptsäch­lich auf das gewichtige Eintreten eines vollendeten Gesangs- und Bühnenkünstlers für die Titelrolle begründet ist. Man wird sich des gewaltigen Eindrucks erinnern, welchen ein d'Andrade in ber Rolle bes genarrten Hofnarren hervorrief: um einer solchen Meister­schaft willen nimmt man gewiß so manche Schwächen des Werkes gern mit in den Kauf; diese müssen sich aber bei einer Wiedergabe durch unzulängliche-Kräste nur unwillkommen bem Hörer ausdränge», während zugleich die unleugbaren Vorzüge der Partitur nicht kräftig genug zum Austrag gelangen können. Wenn die sinnfälligen Melodieen, die ihrer Zeit das Entzücken des Publikums ausmachten, uns jetzt znm Theil schal und abgestanden erscheinen, so überrascht doch auch heute noch die scharfe musikalisch-dramatische Charakteristik einzelner Situationen: sie kann z. B. in der düsteren Nachtscene zwischen Nigoletto und dem Mörder Sparasncile geradezu meister­haft genannt werde»; und ebenso in dem letzten großen Quartett« satz, wo die verschiedenartigen Empfindungen der beteiligten Personen mit höchster Treffsicherheit auSeinandergehalten werden, ohne daß der einheitliche musikalische Zug und Fluß des Eanzeii gefährdet wird. Auch die nachfolgende Schilderung der Gewittemacht, wo der Chor hinter der Scene das unheimliche Heulen des Sturmes durch chromatische Terzengänge ausmalt, darf ebenfalls den genialen Einfällen des Komponisten beigezählt werden, uur müßte die Lokalisation nicht, wie gestern, hell und offen, sondern »voll» bocca chiusa mit geschloffenem Munde «Hingen.

Auf die Widerwärtigkeiten des ganzen Sujets endlich braucht wohl nicht besonders hiugewiesen zu werden; kaum, daß es der Musik gelingt, im letzten Akt über die marteruoüeu ©eenen mit lindernder Hand hinwegzuleiten. Der Hanptheld die einzige von wirklich dramatischem Leben beseelte Figur: Nigoletto ist mit vielen wirksamen Einzelsceuen bedacht und an den meisten Eusemblesatzen beteiligt, sodaß er thatsächlich die Scene beherrscht. Herr Greiff, bisher eilt recht annehmbarer Vertreter zweiter Barytou-Partieen, hatte sich der anspruchsvollen Rolle mit sichtlicher Liebe und Sorgfalt hingegeben, sie übersteigt inbeß zur Zeit noch seine Kräfte. Die Stimme beS Herrn Greiff ist in ihrer lyrischen Eigenart für den Ausdruck des Weichen und zart EmpfiudungSvollen hervorragend geeignet. Der Abschied Rigolettos von der Tochter (im 2. Akt) konnte z. B. sehr wirkungsreich im Ton abschattirt werden; aber gerade für die Höhepunkte der Aufgabe, für die vielfachen schroffen Uebergänge der Stimmung, für die Accente der Wuth unb Verzweiflung mangelt dem Organ neben bet physischen Kraft vor Allem bie echt bramatische Färbung und AbwaudlnngSsähigkeit des ToncS; man erkannte wohl die kühnen Ansätze dazu, aber mau fühlte sich davon nicht überzeugt, nicht innerlich ergriffen. Die Darstellung, obgleich in ihren Grundzügen etwas aufgeregt unb polternd, zeugte von offenbarem Schauspieler- Talent und war in vielen Einzelheiten sehr fleißig durchgearbeitet. Das Publikum bereitete Herrn Greiff eine aufpornende freundliche Aufnahuie. Der größte Beifall galt aber gestern der beliebten Frau Appelt-Peunarini, welche für die sonst undankbare Figur der Gilda, Rigolettos Tochter, eine tiefere Autheilnahme zu erwecken wußte. Es ist keine im Verdi scheu Sinne glänzende, sondern eine mehr zierliche Filigran-Kunst, welche Frau Peunarini für die reich kolorirte Partie einsetzt. Diese Auffassung entspricht dem

schmächtigen Organ der Sängerin, das bei solch zarter Behandlung feine lieblichsten Reize enthüllt. So war es namentlich der zweite Akt, und hier die stimmnugsreiche Arie mit den schmelzenden Siebes- seufzern, wo Fran Appelt-Peunarini die Weichheit unb Schmieg­samkeit ihres mezza voce, auch in den höchsten Tonlagen, bewundern ließ. Den leidenschaftlicheren Accenten im weiteren S8en lauf der Oper fehlte dagegen oft der gehörige Nachdruck. In dem Herzog des Herrn Traun fand unsere Gilda gerade keine sehr aufmunternbe Unterstützung. Der Künstler hat noch bei jeber neuen Partie eine gewisse Aeugstlichkeit vielleicht auch nur die Furcht vor der Aeugstlichkeit zu übettoinben und sieht sich daher an der vollen Eutsaltuiig feiner Kräfte behindert. Der verliebten Gilda stellt sich der Herzog im zweiten Akt alsStudent und mittellos" vor. So schlimm ist es nun nicht, aber jedenfalls paffen die Mittel des Herrn Traun nicht für den üppigen herzoglichen Don Juan- nicht für die feurige Sinnlichkeit der Verbifchen Melodik. Das berühmte La Donna e mobile ging spurlos vorüber. Gegenüber ber Anfängerfchaft bes jungen Säugers ist es Sache des Dirigenten oder eines Lehrers, die nöthigen Winke und Anweisungen zu geben; die Kritik kann für jetzt nur anerkennen, daß Herr Traun Alles thut, was er kann, und so wird ja wohl auch bie Zeit kommen, wo er Alles kann, was er thut. Aus der Zahl der kleineren Partieen hob sich die düstere Gestalt des den boshaften Narren verfluchenden Grafen Monterone dank Herrn Ruffenis sicherem Eingreifen in kräftigeren Umriffen hervor. Fräulein Brodmaitn war eine verführerische Maddalena, Herr Schwegler vortrefflich als Raubmörder Sparafucile. Herr KapÄlmeiftrr S chla r hatte die Oper mit bemerkbarem Fleiß emstudirt unb leitete sie bis auf geringe Unebenheiten mit glücklicher Hand. 0. D.