Berlage ;nm Wiesbadener Cagblatt
43. Jahrgang. 1897. .
Dienstag, den 26. Getoben
Uo. 500. Abend-Ausgabe
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(17. Fortsetzung.)
(Nachdruck verboten.)
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Gemeinsame Ortskrankenkasse. *
Vcrsch. gort, pr. Aepfel im Ctr. zu vk. Jahnstr. 5, H. 13247
überhaupt alle Drucksachen für den
Privat- und Geschäftsverkehr
Wiesbaden, den 21. October 1897.
§.341
13758
Visitenkarte», GratlUatronskarten, Einladungskarten, Rerlodnngskarten,
Man hat keinen Geschmack, wenn mau nur einen einseitigen Geschmack hat; aber oft ist man desto parteiischer.
Lessing.
bewohner alle ihre Bedarfsartikel zu wenig mehr als dem Selbstkostenpreis einkanfen können. Das oberste Stockwerk enthält Lesesaal, Bibliothek, Musiksaal und eine große Halle für Festlichkeiten und öffentliche Versammlungen. Zweimal in der Woche findet hier ein Hausball statt, an den übrigen Abenden werden lehrreiche Vorträge und am Sonntag Predigt gehalten.
Wie glücklich sich die Mädchen in dieser gesunden, lichtvollen Umgebung fühlten! Alles, was ein Mädchenherz Gutes und Edles enthält, entfaltete sich zur herrlichsten Blüthe, und alle unlauteren Regungen wagten sich nicht mehr an die Oberfläche und verschwanden. Auch die Engel im Himmel würden sich sicherlich in böse Dämonen verwandelt haben, hätte man sie der irdischen Roth, dem Mangel und den Leiden ausgesetzt, denn selbst das Verbrechen ist unter dem Druck bitterer Nothwendigkeit entstanden. — Die Bewohnerinnen selber verwalteten das ganze Haus und führten eine Art verantwortliche Selbstregierung. Sie wählten aus ihrer Mitte die Aufsichts-Comite's, die Alles zu inspiziren hatten, verwalteten selber die Verkaufsläden, kontrollirten die Bücher und wachten darüber, daß Einkäufe zum Originalpreise der Waare gemacht würden, sodaß kein schachernder Mittelsmann sich zwischen sie und ihren Lieferanten einschleichen konnte. Bald waren die Frauenschntz-Häuser zu einer solchen Prosperität emporgeblüht, daß sie sich vollständig aus eigenen Mitteln erhalten konnten. Die Mädchen bezogen jetzt Löhne doppelt und dreifach so hoch als früher bei ihren ausbeuterischen Brodherrcn und lebten hier in einer Art praktischen Kommunismus, der indeß so geartet war, daß er die individuelle Selbstständigkeit nicht aufhob. Ein Feuer gab Hunderten von ihnen behagliche Wärme; eine einzige Maschine setzte alle ihre Nähmaschinen in Bewegung; dieselbe Musik erfreute Tausende von ihnen, und derselbe Kochherd bereitete Hunderten eine gesunde Nahrung. Einige tüchtige Frauen hatten wir als Hausmütter angestellt, die die oberste Aufsicht über das ganze Haus führen mußten und die darüber wachten, daß Reinlichkeit, Pünktlichkeit, guter Verkehrston und Sittenstrenge überall walteten. — Die äußere Erscheinung der Mädchen begann unter solch segensreichen Einrichtungen ebenfalls, eine wundervolle Wandlung durchzumachen. Ihre Gesichter wurden voller, auf ihren Wangen erschien die Gluth der Gesundheit, ihre Kleidung verfeinerte sich unter ihren fleißigen Händen, und ans den armen Fabrikmädchen int rauhen Kittel waren gebildete und wohlerzogene junge Dämchen geworden, deren ganze Haltung von Selbstbewußtsein, Unabhängigkeit und Lebensfreude sprach. Da sie nicht mehr den Insulten unverschämter männlicher Fabrikaufseher ausgesetzt waren, so wurde auch ihr Betragen und ihre Redeweise höflicher und anständiger, denn jedes Weib hat schon von Haus ans das instinktive Verlangen, sich als „Dame" zu benehmen.
Diese Frauenschutz-Häuser wurden, je mehr wir sie vervollkommneten, ein kleines, irdisches Paradies. Wir führten
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Di- G»U>fi«schr.
Ein allegorisches Traumgesicht von Ignatius Donnelky. Deutsch von Wolfgang Schaumburg.
Darauf begann Sophie in verschiedenen Städten irn- r ' geheute Gebäude aufzuführen, zehn und fünfzehn Stockwerke hoch, zu denen sie sogar die Pläne selber angedeutet und entworfen hatte. Im Erdgeschoß wurden unsere bis dahin bloß eingemietheten Verkaufsläden untergebracht, die mittleren Stockwerke enthielten die Arbeitsräume und die oberen die Wohnungen und Schlafstellen für die Mädchen und alleinstehenden Frauen. Jedes Stockwerk enthält eine vollständig eingerichtete Küche und einen Kaufladen, wo die Haus-
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später auch allerhand Fortbildnngsklassen ein, in denen wir alle möglichen, für Mädchen und Frauen passende Bcrufs- arteu praktisch lehren ließen, wir bildeten Setzerinnen, Maschin-Schreiberinnen, Stenographinnen, Telegraphistinnen und Telephonistinnen, Buchhändlerinnen und Buchhalterinnen aus, kurz wir lehrten jeden Berufszweig, zu welchem nur irgend eines unserer Mädchen Lust und Geschick bezeigte. Männlichen Besuchern war es gestattet, ihre Freundinnen und Verwandten in den Empfangsräumen zu sprechen, und außerdem wareu sie selbstredend bei den Hausbällen, welche unter Aufsicht stattfanden, eingeladen; der einzige Vorbehalt, den wir dabei machten, war der, daß wir keinen Mann zuließen, dessen Ruf nicht ganz tadellos rein wäre. Aber selbst die rohesten unter diesen Besuchern wurden gar bald inne, daß unsere Arbeiterinnen jetzt auf einer höheren Sittlichkeitsstufe standen, die eine allzu vertrauliche Annäherung als sehr gewagt erscheinen ließ; sie waren ja nicht mehr abhängig und verachtet und unterdrückt und unterstützungsbedürftig, sie waren im besten Sinne des Wortes junge Damen geworden, und viele von ihnen waren eifrig umworben, denn der bessere Theil der Männerwelt weiß sehr gut, daß Mädchen, die in sittenreiner Umgebung leben, auch gute Hausfrauen und Mütter abgeben.
Sophie in ihrer großherzigen, Alles umfassenden Wohl- thätigkeit bestand darauf, daß kein Weib, welches in unseren Franenschutz-Häusern ein Zimmer oder auch nur eine Schlafstelle nahm, jemals um ihr Vorleben befragt würde. Es genügte uns, wenn jede, die bei uns anklopfte, sittenstreng, fleißig und anständig sich führte, nachdem sie bei uns Aufnahme gefunden hatte. Keines der Mädchen durfte einem andern Vorwürfe über seine Vergangenheit machen, wenn es über dieselbe etwas Nachtheiliges wußte. Diese Bestimmung allein schon hatte den wohlihätigen Erfolg, daß sich die Nachricht von unserem großen Reformwerk unter Tausenden von verlorenen und gefallenen Mädchen verbreitete, und Tag für Tag erschienen immer neue Zuzüge jener Unglücklichen, die nur durch Noth und Elend der Schande in die Arme getrieben worden waren, und baten flehentlich um Aufnahme. Sie verließen ihre ekeln Schlupfwinkel in den verrufensten Gassen der Stadt und begannen ein neues, gesittetes Leben; sie eroberten sich die Achtung ihrer Kameradinnen und fühlten sich in der Gesellschaft der Guten so glücklich, daß keine Versuchung sie jemals wieder auf den allen Weg hätte zurücklocken können. Die Megären, welche des Abends auf die Münnerjagd gehen, verschlvanden nach und nach von den Straßen, und die Häuser der Schande sahen sich gezwungen, ihren „Vorrath" nunmehr aus andern Städten zu beziehen, wo intelligente Kaufleute, hervorragende Bürger und sonstige Honoratioren noch mit vielem Eifer der edeln Beschäftigung nachgehen, das Weib systematisch dem sittlichen Tode nnd dem Verbrechen in die Arme zu treiben. —
Sophie war entzückt, als sie ihre guten Erfolge sah, und arbeitete von früh bis spät an ihrem großen Werk. Alle gutgesinnten Bewohner der Stadt waren aufrichtig erfreut. Sie kamen in großer Anzahl zu den Abend- Unterhaltungen und Bällen und Predigten. Und wenn sie dann die netten, wohlgekleideten Mädchen und Frauen sahen und bedachten, daß diese glückliche Wandlung weder ihnen noch sonst wem, ausgenommen etwa ihren früheren Ausbeutern und Unterdrückern, auch nur einen Pfennig gekostet hatte, so waren sie fast geneigt, an ein Wunder zu glauben. Hier war ja ein großes „Wohlthätigkeits"-Jnstitut, das eigentlich gar nicht durch Wohlthätigkeit entstanden war!
Sophie erweiterte das Unternehmen bald zu einer „Nationalen Frauen-Liga", warf ihre Netze über das ganze Land und sandte nach Nord und Süd und Ost und West ihre Apostel aus, um für das große Reformwerk Stimmung zu machen, Lüden zu öffnen und überall Schutzhäuser nach dem Muster unserer ersten Anlagen zu bauen. Die Zeitungen alle, bis hinab zum kleinsten Winkelblättchen, nahmen sich sehr warm der guten Sache an, nnd bald durchfluthete eine große Welle humaner Empfindungen gegen das schwächere Geschlecht das ganze Volk von einer Küste bis zur andern;
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Der erste Vorsitzende. Carl Schnegelberger. — ■■■ ■ ■■ ■ -------
Nach erfolgter Genehmigung unseres abgeänderten Kaffevstatuts hat die Ziitheilung zu den Mitglieder-Classen nunmehr nach dem l Alter und Lohn zu geschehen, und ersuchen wir deshalb die Herren Arbeitgeber, künftig bei Neuaiimeldungen die Alters- und - Znval.-Karte oder das Arbeitsbuch des Anzumeldeuden gefälligst
k oorruzeiaen. Bei Anmeldungen solcher Personen, die bereits Mitglieder der Kasse sind, genügt, tote früher, die Mitgliedskarte. Gleichzeitig geben wir bekannt, daß, um den Geschäftsinhabern Weiterungen zu ersparen, die Feststellung des Alters der bereits der Kaffe angehörenden Mitglieder demnächst von Beanftragten des Kassen-Vorstandes vorgenommeu wird, nnd richten wir an die t Herren Arbeitgeber das höfliche Ersuchen, den mit diesen Erhebungen Beauftragten die Arbeitsbücher oder die Alt.- und Jnval.-Karte der von ihnen beschäftigten Personen vorlegen zu wollen.
Das neue Statut tritt mit dem 31. October 1897 in Kraft.
| Makatfahrpkan |> § Wiesbadener Tagblalt ।
Winter 189798
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wohlgesinnte Männer und Frauen fanden sich überall- welche dem großen Reformwerk Bahn brachen, bis es int ganzen Lande fast kein weibliches Wesen mehr gab, das der „Nationalen Frauen-Liga" nicht angehört hätte und sich feierlich verpflichtet hatte, Maaren, die durch Frauenarbeit erzeugt wurden, nur direkt aus Frauenhand zu kaufen, in andern Worten: in den Magazinen unserer Frauen- Schutzhäuser. Das war eine so einfache Verpflichtung — aber in ihren Folgen von solch ungeheurer Tragweite, deren letzte Consequenz in einer Erhebung und Veredelung des ganzen Menschengeschlechts bestand, beim der Zufluß neuen und verjüngten Menschenlebens strömt umso klarer und reiner hervor, je reiner seine Quelle ist: das Weib.
llub welches namenlose Glück, welche Daseinsfreube int ganzen Bereich der Sonnenstrahlen aus dieser Quelle sprudelt, sobald man sie nur rein erhält!
Wir erhielten einen Begriff davon durch das Wenige- was wir bisher geleistet hatten. Wo wir unsere Frauen- Schutzhäuser aufbauteu, da hörte auch der Hunger, dieser schrecklichste Feind aller Lebewesen, — hörte auf, wie ein Krebs an dem zarten Organismus der Frauen und Mädchen zu nagen; auch die Kälte konnte ihnen nichts mehr anhaben, denn wenn sie früher bei ihren schlechtgeheizteu Oefen saßen und grübelten, was wohl bitterer wäre, Hunger ober Kälte, ob sie lieber Brod ober jene kostbaren „schwarzen Diamanten" kaufen sollten, so burchzog jetzt behagliche Wärme ihre Behausung. Das Weib war nicht mehr gezwungen, an den allerhauptsächlichsten Bedürfnissen beS. Lebens Mangel zu leiden.
Sogar die Arbeiter selber freuten sich des guten Werkes, beim sie sahen bald ein, baß die Erniedrigung des Weibes eine Hauptursache mit gewesen war, ihre eigenen Löhne herabzubrücken, beim bie Frauenarbeit seiber war ihrerseits gezwungen gewesen, bie männlichen Löhne zu unterbieten, damit die Arbeiterinnen überhaupt nur leben konnten. Die eigenen Schwestern der Arbeiter waren also bereu Feinde gewesen; ihre eigenen Töchter mußten ihnen den Boden unter den Füßen abgraben!
Den Frauen schien es, als ob Gott wirklich wieder zur Erde herabgestiegen sei und den Teufel in seinen Schlupfwinkel zurückgetrieben habe. Es wurden zwischen den armen Arbeiterinnen und der wohlhabenden Damenwelt überall freundliche Beziehungen hergestellt, der geschlechtliche Corps« geist in ihnen erwachte zu ungeahnter Verschwisterung, und Alle fühlten sich als Töchter derselben Mutter aller Lebenden. Alle großen Unternehmungen, welche bas Franengeschlecht betrafen, führten bie reichen Damen jetzt Hand in Hand mit den armen Arbeiterinnen aus, und die Erbe verschönte sich unter ihren Hänben, je eifriger sie bas Gebot des großen NazarenerS: „Liebet Euch unter einander!" befolgten. Auch den reichen Damen wurde es zum Segen, beim wo sie früher ihre Tage mit eitlen und müßigen Dingen vertändelt hatten, mit jenem leeren Geschwätz über Wetter und Moden und Dienerschaft, welches den Unterhaltungsstoff vornehmer SalonS bildete, da fanden sie jetzt etwas zu thun, was nicht nur ihre Hände und ihren Kopf, sondern auch ihr Herz beschäftigte; etwas, was nicht nur dazu diente, die Langeweile tobtzuschlagen, nein, eine Thätigkeit, von bet ihnen ihr Gewissen, ihr guter Genius sagte, baß sie segenbringend auch für sie selber sei: die Veredelung ihrer Mitschwestern und bie Fürsorge für bereu Kinder. — Die vornehme Damenwelt war bald mit ganzer Seele bei dem großen Reformwerke thätig. Man bildete überall Zweiggesellschaften, sammelte Gelder und berief Versammlungen zur Berathung über bereit Verwenbirng; kurz, sie arbeiteten jnit einer Hingebung und einem Feuereifer für bie ganze Sache ihres Geschlechts, daß es bald im ganzen weiten Gebiet, welches die amerikanische Nation bewohnt, keine gefallenen Mädchen ihrer eigenen Nationalität mehr geben wird, sondern höchstens noch solche, welche die Länder Europas auSgestoßeu und an die amerikanische Küste angespült haben, jene schrecklichen Länder der Ungerechtigkeit, der Unterdrückung und Grausamkest auch gegen das Weib. 3
(Fortsetzung folgt.)
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