Sette 8. 6. Oerover 18V7.
Lviesvasener Tagblatt (Morgen-Ausgabe). Verlag: Langgafse 37.
45. Jahrgang. No. Mtf,
in rieftgen und feinen Exemplaren. Von den Ausstellern sei in erster Reihe die Kaiserin Friedrich, die Protektorat der Ausstellung, genannt, welche von Schloß Friedrichshof die herrlichsten Pfirsiche, Aepsel, Birnen und Weintrauben zur Ausstellung gebracht hat. Die Kgl. Lehranstalt für Obst- und Weinbau in Geisenheim stellt reiche Sortimente von Weintrauben, Aepseln und Birnen zur Schau. Der Versnchsgarten-Verein Sachseii- hauseu ist mit 40 Sorten Aepsel, 85 Sorten Birnen und 15 Sorten der besten Handelsbirnen vertreten. Von Privaten sind besonders rühmend zu erwähnen: Schmidt-Metzler, Harrh Frank-Frankfurt a.M., Zorn Hofheim, Harth-Ingelheim, Dans-Oberrad, Graf Erbach- Schönberg und Freiherr v. Stumm. Von Lehr-Anstalten seien noch rühmend erwähnt: Friedberg, Cafiel und Wiesbaden. Es find vertreten: die Taunusorte, die Bergstraße, der Rheingau mit seinem Obstsegen, der Westerwald, der Vogelsberg, aber auch Baden, Bayern, Württemberg, Sachsen, Braunschweig, Mecklenburg, Schleswig- Holstein und Ungarn fehlen nicht. Die Privatanssteller und Liebhaber vertheilen sich, von den Produzenten von Berus und von Gärtnern abgesehen, auf Beamte, Gelehrte, Kaufleute und Handwerker, und es offenbart sich in dieser Beobachtung die Thatsache, daß der Obstbau nicht mir einen wirthschaftlichen, sondern auch einen ethischen Werth hat. Vo» einer fachmännischen Besprechung müssen wir absehen, aber wir können nicht unterlassen, nuferen Lesern den Besuch der Ausstellung, welche bis zum 11. d. M. dauert, dringend zu empsehlen.
Aus Kunst und Leben.
* Wiesbadener Kunstsäle. Durch den stetigen Wechsel der ausgesteUlen Kunstwerke hat sich das Gefammtbild der Ansstellung so verändert, daß es an der Zeit ist, die Neuigkeiten kurz Revue passiren zu lassen. Da haben wir, um damit anzufangen, ein ge- müthvolleS Bildchen, „Die Festkiste" betitelt. Daß eben diese Festkiste mit dem Brief von Muttern, der seiner stilistischen, wie orthographischen Vollendung eben entgegengeht, einem unserer jüngsten Voterlandsvertheidiger mit der nächsten Post als Soldateu- packet für 20 Pf. zugehen soll, braucht wohl nicht besonders gesagt zu werden. Etwas ganz Anderes als dieses Bild bietet und will Alex Frenz mit feiner „Nacht", lieber dem riesigen Ball der Erde sehen wir eine übermenschliche Frauengestalt mit Mohnblumen bekränzt, vom fahlen Dämmerlicht beschienen, umflattert von lichtscheuen Eulen, in sanftem Schwünge einen schwarzen Schleier ausbreiten, unter ihr die ruhende Menschheit, über ihr der unendliche HimmelSraum, an dem einzelne Sterne glänzen. Ein sehr ansprechendes Bild ist das .Meeresgestade" von Böhme: ausgewaschene Felsblöcke, an denen die Brandung nagt, sind zum Theil beleuchtet von der Spätnachmittagssoiiiie, deren Reflexe in buntem Wechsel mit den Reflexe» des blauen Himmels auf den Wellen, auf dem Gewölk und auf den schwarzen Felsen spielen. Ein anderer Schilderer des Meeres, Richard Efchke, führt uns inmitten des Oceans; langsam, stetig wachsend, erhebt sich die ungeheure Waffermasse dieser „Oceanwelle", um im nächsten Augenblick, sich überstürzend, niederzugehen, einer anderen Raum gebend. Ruhig, klar, mondbeglänzt ist Petersen-Angelus „Abend in Vlissingen". Das intime Leben der Holländer finden wir dargestellt auf Kirbergs Bilde „Vor dem Feste. Es scheint, al» ob die sonst schon so propere holländische Stube in besonderem Glanz erstrahlte. Wirklich fidel nmthet uns Köster» „Lustiger Bries" an. Karl Hofs8 Frauenbildniß ist sehr fein aufgefaßt. Etwa» schwer verständlich ist Hausmanns „Ostern". Es spricht jedoch ein tiefer Ernst aus diesem Bilde. In der Anordnung mlisnt, im Einzelnen aber sehr frei, erscheint W. Süß' „Reigen". Ludwig Dettmann hat da eine kleine hübsche Scene gemalt. Der Besucher wird ebenso neugierig, zu sehen, was die „fleißige Malerin" malt, wie die dargestellten Baueriikinder es waren, die herzugelaufen sind und jetzt starr der Wunderarbeit zuschaneii. In Ton und Stimmung ist L. Mnnthe, der leider kürzlich verstorbene Düsseldorfer Meister, immer hervorragend gewesen. Daß die beiden ausgestellten Bilder zu den besten gehören, die der Künstler geschaffen, dürste nicht zu bezweifeln sein. Ganz anders saßt Lugo die Landschaft auf. Fein stilisirt, nobel und einfach im Gesammtton, liegt in ihr doch warme Sommerstimmung. Die fein«
grauen und graubraunen Töne des Herbstes bringt Nagel in zwei Bildern zur Geltung. Schneebedeckten Wald und klare Winterlust zeigt MühligS Bildchen „Winterlandschaft". Sehr verschiedene Stimmungen und fein gezeichnete Landschaften hat Kubierzky in Lilipntformat geschaffen. Das Stillleben ist gut vertreten durch Frau Kall morgen und Frl. Nees v. Efenbeck. Letztere hat zwei ihrer Arbeiten in Aquarell ausgeführt und bringt dadurch einen neuen Beitrag zu dieser Maltechnik, die bisher nur durch die schon besprochene vorzügliche „Haide" von Schlüter vertreten war. Weitere Aquarelle find von Kubierzky neu an« gekommen, die sowohl bezl. des Gegenstandes als der Behandlung Interesse erregen werden. Sc.
* Eine Todtenfeter bet den Zigeuner». Zn der vorigen Woche starb in dem Zigeunerlager in Lübz in Mecklenburg die Ehefrau des bekannten Zigennerhauptmaims Schalke Petermann ans Kriescht. Alle Familienmitglieder und Verwandten der Verstorbenen legten sofort das Zeichen der Trauer an, dar in einem in das Haar gewundenen rothen oder gelben Bande bestand, ja selbst den Pferden der Angehörigen wurde dieses Trauerzeichen in die Mähnen geflochten. Sobald das Ableben der Hauptmänniii bekannt geworden war, brachten alle Mitglieder der Bande Geschenke dar und legten sie der Tobten auf die Brust. Auch wurde ein Spiel Karten in Kreisform mit Coeur-Acht in der Mitte ansgelegt und Photo- graphiee», auf denen der Heimathsort der Verstorbene» dargestellt ist, ausgebreitet. Sann wurde ein Zelt für die Todie erbaut, davor ein Feuer entzündet, und um dieses Feuer herum faße» die Angehörigen im Halbkreis, erzählten sichtlich ergriffen aus dem Leben der Adgefchiedenen und rühmten ihre guten Eigenschaften. Im Zelte felber war die Verstorbene in einem nach Landcsgebrauch von einem Lübzer Tischler angefertigteil Sarg, dessen Kanten duiikelroth gestrichen waren, und de» rothe Kränze lind Blumen in reicher Fülle zierten, aufgebahrt. Sie war mit einem neuen Seidcn- kleide nebst Schleier bekleidet und mit vielen Schaumünzen bedeckt. Vis zur Beerdigung brannten Tag und Nackt an dem offenen Sarge armdicke Lichter. Zur Beerdigung selber kamen dann noch alle in der Umgegend von Lübz roeikuben Mitglieder des Stammes mit insgesamiut einigen zwanzig Wagen zusammen und schlugen auf dem Lübzer Turnplatz ihr Lager auf. Zur Verrichtung der kirchlichen Funktionen kam auch der katholische Geistliche aus Ludwigslust nach Lübz. Nach der durch ihn vor- genomineuen Einsegnung der Leiche setzte sich der Trauerzug vom Turnplatz zum Friedhof in Lübz in Bewegung. Vorauf ritten sechs Zigeuner. Jhueii folgte das Lübzer Miifikeorps, Choräle spielend, Darauf der Leicheuwagen und hinter diesem gingen die Mitglieder der Truppe, Männer, Frauen und Kinder bunt durcheinander. Auf dem Friedhof wurde die Leiche unter dem Gebet des Geistlichen in die Gruft gesenkt. Eine Zigeunerin brachte nun in einem großen Tuche das Bett der Verstorbene» herbei und warf es gleichfalls in die Gruft hinab. Sau» wurde die Gruft mit Erde angefüllt, während die Musik einige lustige Weise» spielen mnßte. Damit war die Feier auf dem Friedhof beendet, und jetzt zog das ganze Gefolge in einen Gasthof. Dort ging es bei Schmaus und Tanz hoch her, und der Wein soll in Strömen geflossen sein. Uebcrhaupl haben die Zigeuner bei diesem Todesfall wieder einmal bewiesen, daß sie, wen» ce ihnen nöthig erscheint, über recht bedeutende Geldmittel verfügen können. Denn für das erworbene Erbbegräbuiß auf dem Lübzer Friedhof wurde» sofort ein prächtiges Gitter und ein kostbares Grabdenkmal besbllk. Auch wollten die Angehörigen urfprünglich einen Zinksarg für 270 Mk. kaufen, da ihnen aber dieser nicht bunt genug war, entschieden sie sich für beit Holzsarg. Dem Musikdirektor, der für seine Mühewaltung 12 Mk. verlangte, wurden auch sofort 15 Mk. mildem Bemerke» eingehändigl: „Arme Zigeuner immer anständig fein."
Kleine Chronik«
Dem Historienmaler v. R oeßler zu Berlin, einem geborenen Wiesbadener, wurde der Kgl. Kronen-Orden vierter Klaffe verliehe».
Die Fran des Schauspielers Ortgies in Hanau ist nun auch den ihr von ihrem Mann beigebrachten Wunde» erlegen. Beide Ehegatten wurden auf dem städtischen Friedhof in Hanau zur letzten Ruhe bestattet.
Der Schluß der allgemeinen Gartenbau-Ausstellung in Hamburg hat am Montag in feierlicher Weife stattgefunden. Dle Ausstellung hat einen Ueberschnß von etwa 350,000 Mk. und in jeder Beziehung glänzende Erfolge erzielt. Wegen Zuerkennung des Kaiserpreifes ist eine Einigung der Preisrichter bisher nicht erfolgt
In Weimar brannte die elektrische Centrale vollständig ab.
Auf dem Eisenbahnknotenpunkt Aulendorf in Oberschwabett brannte gestern ein 130 m langer Torfschnppen mstüMillionet Stück Torf nieder. Die Hitze war ungeheuer. Anfang» wurden fünf Lokomotiven als Dampfspritzen verwendet, sie mußten jedoch zurückgezogen werden. Zehn Feuerwehren a»8 zum Theil weiter Entfernung wurden telegraphisch berufen. Nur mit Mühe gelang es, das Feuer zu dämpfen.
Am Donnerstag Nachmittag wurde auf dem Bodensee in der Höhe von Langenargen ein in hellen Flammen stehendes Segel Motorschiff gesehen. Das auf der Probefahrt befindliche neue Dampfschiff Gotthard ging zur Hülse ab; auch von Rorschach württembergische Dampser. Nach einer halben Stunde kehrte» die Schiffe zurück. Der württembergische Dampfer Eberhard hatte einen schwer und zwei leicht Verwundete an Bord. Der Brand des Segelschiffes wurde durch die Explosion des Benzinmotors vernrsacht.
Der Glockenlänter Nutzens an der St. Paulskirche in Antwerpen raubte einer Familie Derolliis vor einiger Zeit aus Rache einen von ihm sehr geliebten vierjährigen Knaben und kündete den Eller» an, sie würden ihr Kind nicht Wiedersehen. Bald darauf fand man die Leiche des Nutzens im Kanal von Willebroeck in der Nähe von Brüffel. Er hatte vor seinem Selbstmord seine Drohung wahr gemacht; dieser Tage fand man dik Leiche des Kindes erhängt in einer Ernst der St. Paulskirche.
In Paris stand vor dem Kriegsgericht der Mmiizipalgardist Gorneli; er hatte feiner Geliebten, der Arbeiterin Scanne Faivre, feinen Spieß in den Rücken hiueingetrieben, sodaß er an der Bufft herauskam, und bau» sich selbst den Unterleib mit derselben Waffe anfgeschlitzt. Aber der Tod wollte weder von ihm, noch von feiner Geliebten etwas wissen; beide wurden wieder hergestellt, und da er nur sein Verbrechen ans Eifersucht begangen und er feine Scanne und feine Seanue ihn jetzt oubetet, so fühlten auch die Ossiziere des Kriegsgerichts ein menschliches Rühren, gleich den Civilrichlerii, und sprachen ihn frei.
Ans dem Postamt zn Marseille wurde ein Sack mit eingeschriebenen Briefen gestohlen, die meist bedeutende Werthsummen enthielten. Vom Diebe hat man noch keine Spur.
Am Montag fand die Weinlese im Vatikan statt. Der Papst pflegt die Arbeiten persönlich zu leiten. Sie sind nicht unbedeutend, da der Ertrag im vorigen Fahre 30 hl betrug.
Sn einem kleinen Hotel New-Iork» stieg Abend? eine elegant gekleidete, etwa 40 Fahre alte Dame ab und schrieb sich als Fran Navinius aus Weslpoint ein. 3” ihrer Begleitung befanden sich ein hübscher, kräftig gebauter Sunge von 15 Sabren, ein schöne» Mädchen von 13, ein Knabe von 7 und ei» Mädchen von 3 Sahren. Plorgens fand mau tunt die ganze Familie tobt vor. Der GaS- hahn war offenbar absichtlich geöffnet und Alle waren erstickt.
Letzte Nachrichten.
Tvirltchne», 5. October. Ser Kaiser ist heute Vormittag, 9 Uhr, und) Danzig abgereift.
Athen, 5. October. Mehrere ft re teuf er drangen ans ein im Pirän» liegendes österreichisches Schiff, welches von Prevesa gekommen war, da fid; das Gerücht verbreitet hatte, daß 25 griechische Gefangene an Bord des Schiffes nach Konstantinopel gebracht würden. Ungeachtet des Piotefics des Kommandanten durchsuchten sie alle Theile des Schiffes, ohne irgend etwas zu finden. Eine große Meiffchennieuge sah von dem Quai ans dem Vorgänge zn. Die Polizei war gezwungen, Vcistärknugen heran- znziehen.
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Dis Morgen Ansgave »utljült 3 Beilagen.
Verantwortlich für die Redaktion: C Rötherdt. MotationSpressrndruck u. Verlag der !d. Schelle über g'scheu Hof-Buchdruckerei in Wiesbaden.
dies „WEesbadeaws' TagBsBatt55.
Rciclisbnnk. Der nunmehr vorliegende Ausweis vom 80. September lässt erkennen, dass die an die Bank zum Vierteljahrswechsel gestellten Mehransprüche über die Ziffer der zur selben Zeit imVorjahr geltend gemachten Mehrforderungen nicht hinausgehen, sondern sogar mit der an sich zwar gewaltigen Summe von 298 Millionen Mark noch um 4 Millionen Mark hinter ihnen zurückblieben.. Wenn dessen ungeachtet die üoberschreitung der steuerfreien Notengrenze die gleichzeitige des Vorjahrs noch erheblich übertrifft, so liegt das daran, dass eben, wie oft hervor'gehoben, der Stand der Bank heuer schon vorher viel schwächer war, als selbst in dem vergangenen Jahre, wo bekanntlich die Umlaufsmittel der Bank ungewöhnlich stark in Anspruch genommen waren. Das vermehrte Geldbedürfniss äusserte sich diesmal weniger stark im Wechsel- und Beleihu ngsverkehr, als im Giroverkehr, in welch letzterem etwa 23 Millionen Mark mehr der Bank entzogen wurden, als Ende September 1896. Die Mittel zur Befriedigung des stärkeren Geldbedarfs lieferte zum grösseren Thoil zwar die Notenpresse, indem an Scheinen 206 Millionen Mark (im Vorjahr 209 Millionen Mark) mehr in Umlauf gesetzt wurden, in der ansehnlichen Höhe von 86 Millionen Mark Si. V. 69 Millionen) aber der Metallschatz der Bank, der ladurch auf die äusserst niedrige Ziffer von 756 Millionen Mark (816Mill.) herunterging. Die Bank kam infolge dieser Veränderung feit der Ziffer von 205,834,000 Mk. in die Notensteuer, da ihr ifichtbaar gedeckterNotenumlauf am 30. September 499,234,000 Mk. betrug. Eine Üoberschreitung der steuerfreien Notengrenze von 293,400,000 Mk. in diesem oder ähnlichem Umfange ist bei dor Reichsbank noch nicht dagewesen. Am stärksten war vordem flie Ueberschreitung Ende Dezember 1895, wo sie 148,283,795 Mk. betrug, und demnächst am 30. September 1896, wo sie 119,558,561 Mk. betrug. Voriges Jahr erfolgte dann am 10. October die Erhöhung des Bankzinsfusses auf 5 pCt, nachdem der Ausweis vom 7. October noch einen steuerpflichtigen Umlauf von 78,352,711 Mk. nachgewiesen hatte.
Nicderwaldbah»-Gesellschaft. Betriebs-Ausweis. Einnahmen pro September 1897: Mk. 16,454.01, gegen September 1896 mehr: Mk.716.02, Gesammteinnahme bis 30.September 1897: Mk. 120,971.72, gegen die gleiche Periode 1896 mehr: Mk. 13,585.91.
Eine amerikanische Stimme über Deutschlands Export. Das October-Heft der bei dem Staatsdepartement in Washington eingegangenen Konsularberichte enthält unter Anderen einen Artikel des Generalkonsuls Mason in Frankfurt a. M. über die Ausdehnung des deutschen Handels mit dem Ausland, sowie über die dabei zur Anwendung gebrachten Methoden. Es heisst darin: In England, Frankreich und Südamerika seien Beschwerden darüber laut geworden, dass die deutsche Konkurrenz den heimischen Industriellen den Boden unter den Füssen wegnehme. Diese Beschwerden haben jedoch lediglich dazu gedient, die deutschen Fabrikanten, Kaufleute, Bankiers, Banken, Handelskammern und Dampfer- GeseUschaften und — last but not least — die deutsche Beichsregierung selbst anzuspornen, ihre Anstrengungen zu verdoppeln, um den deutschen Ausfuhrhandel zu noch höherer Entfaltung und Blüthe zu bringen. Generalkonsul Mason versichert, es sei an kompetenter Stelle nichts versäumt worden, was zum Schutz und zur Hebung des deutschen auswärtigen Handels beitragen könne. Die Beichsregierung, ihre diplomatischen Vertreter und Konsularbeamten arbeiten Hand in Hand mit den grossen Berliner, Hamburger und Frankfurter Bankinstituten, den Staatsbahnen, technischen und Gewerbeschulen auf dieses wichtige Ziel hin. Von den bedeutenderen auf die Förderung des Exporthandels gerichteten Unternehmungen erwähnt Generalkonsul Mason die Entsendung einer kommer
ziellen Erforschungs - Expedition nach Ostasien. Die gleiche Methode sei in den südamerikanischen Märkten mit solchen Erfolgen angewendet und verwerthot worden, dass die Deutschen dort ihre Konkurrenten anderer Länder mehr oder weniger vollständig aus dem Felde geschlagen haben.
Die Syndiltatszcclicn. Die „Rhein.-Wcstf. Zeitung“ schreibt untenn 4. d. M.: Nach dem in der heutigen Zechenbesitzer-Versammlung Seitens des Vorstandes gegebenen Bericht über den Verlauf des Monats August betrug die Betheiligung der Syndikatszechen 3,887,335 t, die Förderung 3,626,988 t, mithin eine Einschränkung von 260,387 t oder 6,70 pCt. gegen 7,36 pCt. im Juli dieses Jahres und 10,47 pCt. im August 1896. Es betrug der arbeitstägliche Versand im August an Kohlen 10,580 Doppelwagen, Koks 1971 und Briqucts 323 Doppelwagen, Summa 12,874, gegen Juli 1897 Kohlen plus 102, Koks plus 75, Briquets plus 16, Summa 193 Doppclwagcn gleich 1,19 pCt, und gegen August 1896 Kohlen plus 838, Koks plus 122, Briquets plus 65 Doppelwagen, Summa plus 1025 Doppelwagen gleich 96 pCt. Die Absatzverhältnisse waren durchweg gut. Der gesummte Versand belief sich auf 2,750,726 t, wovon 2,650,726 t auf Rechnung des Syndikats fallen. Nach Punkt 3 der Tagesordnung, betr. die Verlängerung des Kohlensyndikats und des ’ Briquetverkaufsvereins, wurde einstimmig deren Verlängerung auf weitere 2 Jahre beschlossen.
JLrbcitsstörungen. Aus verschiedenen Thcilen der Welt laufen jetzt, wo die Witterung doch gewiss die Löhne unentbehrlich macht, bedeutendere Strikc-Nachricliten ein. So war auf der Ilohenzollerngrubo (Oberschlesien) eine ziemlich umfangreiche Arbeitsniederlegung, welche die ganze Belegschaft wohl nur deshalb nicht ergriffen hat, weil Angesichts der steigenden Lebensmittelpreise eine Theuerungszulage dann sehr rasch bewilligt wurde. Es ist aber wichtig zu konstatiren, dass dio Bergleute keineswegs den glänzenden Gang der Industrie, sowie die geringen Kohlenbestände zu einer Lohnerhöhung benutzt haben. — In Budapest, wo das Baugeschäft gegenwärtig sehr stark geht, ^dürften zunächst 7000 Zimmerleute einen Streik beginnen. Wer da schliesslich nachgeben muss, ist gar nicht vorauszusehen. Im polnischen Dombrowa, wo russische und französische Unternehmer ein Hüttenwerk mit 4500 Arbeitern betreiben, sind die ge- sammten Leute im Ausstand. Indessen haben die russischen Behörden äusserst gewaltsame Methoden, derartige Unregelmässigkeiten schleunigst zu unterdrücken. — Was der Zwist im englischen Maschinenbau betrifft, so bleiben die Prinzipale vorläufig fest, allein die Verhandlungen haben bereits begonnen. Gegenwärtig liegt der Schwerpunkt in Birmingham, was dem gewünschten Achtstundentag nicht gerade förderlich ist. Voraussichtlich werden die Arbeiter ihre vollen Forderungen diesmal nicht durchsetzen können. — Endlich der grosse Formerstreik in Berlin, dessen Folgen sonst weit über die Reichshauptstadt hinaus fühlbar werden dürften, — ist bereits seinem Ausgleich nahe. Denn das Einigungsamt des dortigen Gewerbegerichts, dem Vertreter einflussreicher Arbeitgeber zugezogen waren, hat einen Vergleich formulirt, von dem drei Punkte, wenn sie ehrlich durchgeführt werden, den Streikenden unbedingt entgegenkommen.
4-proeent. russische Südostbahn-Frioritäten. Man macht mit diesem jetzt zur Zeichnung gelangenden Papier dem Course nach (100'/») noch 3,98 pCt., wo die 4-procent. Kursk- Kiew 101,80 stehen, die 4-procent. Kursk-Charkow-Asow 101,20, die 4-procent. Moskau-Woren. 101,40, die 4-procent. Rjäsan- Uralsk 103,40, die 4-procent. Rybinsk 101,70, die 4-procent. Warschau-Wiener 102,90, die 4-procent. Wladikawskas 102,80 und do. von 1895 ca. 101.70. Dabei sind diese hier eben angeführten Papiere durchaus nicht eämmtlich steuerfrei und staatsgarantirt wie die obigen Südost-Obligationen. Indessen
richtet sich die Höhe solcher Werthe, die in erster Linie gerade von Finanzleuten gerne gekauft zu werden pflegen, auch nach der günstigen Situation des Bahnunternehmens selbst Die Staatsgarantie hier ist aber um so wichtiger, als der russische Finanzministcr das Interesse seiner privaten Bahngcsellschaften auch da, wo es ihm dient, rücksichtslos behandelt. In Deutschland findet die Zeichnung bei M. A. v. Rothschild & Söhne in Frankfurt a. M. statt, ferner bei den Firmen Mendelssohn & Con S. Bleichröder, der Diskonto-Gesellschaft und der Berliner Handels-Gesellschaft.
<SriccIiiscIie Anleihen. Merkwürdig genug, dass die Börsen noch immer griechische Fonds kaufen, oder verkaufen, je nachdem dio Depeschen aus Konstantinopel und Athen lauten. Ist es doch ganz sicher, dass dio Griechen zu irgend einer Zahlungssichorung anders als mündlich, in Güte, nicht zu bekommen sind. Einstweilen stellen aber dio grossen Betrüger in Athen ihrem gläubigen Volke die ganze Sache vor, als ob die deutsche Reichsregierung, um gute Wahlen zu erhalten, auf eine griechische Finanzkontrolle dränge. Es ist auch möglich, dass das Anlehen nebst materieller Basis dazu bereits abgeschlossen wäre, falls einzelne einflussreiche Persönlichkeiten sich genügend bezahlt gesehen hätten. Je schlimmer man von gewissen leitenden Gewalten in Athen denkt, 'desto näher dürfte man der Wahrheit sein.
Kleine Voiizcn. Von 410 Fabriken haben nur 246 bisher ihren Beitritt zum Zucker Syndikat erklärt; eine geringe Ziffer, die dadurch nicht werthvoller wird, dass es zur Zeit noch unveröffentlicht ist, welche grossen Etablissements ausstehen. Bekanntlich ist der Produktionsunterschied der einzelnen Zuckerfabriken din höchst bedeutender. — Falls wirklich die Südafrikanische Republik eine neue Bahn von Ermelo nach Mucha droz mit 3Vi pCt. garautiren will, dürfte das Geld wohl in Berlin und Amsterdam zu beschaffen sein. Voraussichtlich betrifft eine solche Garantie nur die Obligationen, da Eisenbahnaktien doch mehr Chancen lassen müssen. — Die Aktien des grossen Unternehmens Alkali-Westeregeln sind seit letzthin gestiegen, sodass die Börse aufmerksam geworden ist. Besonders im' August sollen dio Einnahmen sehr stark gewesen sein, sodass bei der sehr wahrscheinlichen Erhöhung der Dividende auch die Genussscheine endlich zu ihrer Verzinsung gelangen würden. Nach der „Frankf. Ztg.“ würden übrigens auch diesmal Sonderrücklagen gemacht werden. — Wie das „Herl. Tagebl.“ hört, bezieht sich die Beschwerde der Berliner Banken wegen Zurückweisung ihrer Wechsel an diesem Ultimo Seitens der Reichsbank besonders darauf, dass diese den Instituten nich vorher avisirt hatte, dass sie eine solche Rigorosität üben werde. Die Angelegenheit soll in der nächsten Sitzung des Centralausschusses zur Sprache gebracht werden. Herr v. Hansemann persönlich ist bereits bei dem Reichsbankpräsidenten deshalb vorstellig geworden. — Auch bis heute wissen die grossen Berliner Institute von dem Abschluss eines chinesischen Anlehens noch nichts. Die „Times“-Depesche muss sich also auf Vereinbarungen bezogen haben, die einzelne unternehmende Finanzvermittler auf eigene Faust getroffen haben. Die Banken würden aber selbstverständlich nichts ohne Hinzuziehung der Reichsregierung thun.— Die im Mai dieses Jahres ausgegebenen Zwischenscheine der 3‘/i-procentigen Pfandbrief-Anleihe vom Jahre 1896 der Preussischen Central- Bodonkredit-Aktiengesellschaft in Berlin gelangen vom 11. October ab zum Umtausch in fertige Stücke. — Für die Lage des Geldmarktes in diesem Jahre ist charakteristisch, dass aus den französischen Sparkassen in den ersten drei Quartalen d. J. 27,952,480 Francs mehr zurückgezogen als eingezahlt wurden.
