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Beilage zum Wiesllaüener Tagblatt.

Uo. 446. Abend-Ausgabe. Freitag, -en 24. September. 43. Jahrgang. 1897.

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Es giebt gewisse Dinge, in denen die Mittelmäßig­keit unerträglich ist, Poesie, Musik, Malerei und öffentliche Rede.

La Bruyöre.

(5. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.)

Meer und Heide.

Eine Erzählung von de» uordfriesischen Inseln von Georg Aorman«.

Die Frau setzte sich wieder. Der Ausdruck ihres Ge­sichtes hatte noch etwas auffällig Gespanntes, sie schien Ulrich noch blässer als vorher.

Mein Mann!" sagte sie, wie die rauhe Unterbrechung erklärend und entschuldigend.

Wir sahen ihn wohl vorher im Garten?" erwiderte Ulrich, theils um etwas zu antworten, theils um sich über etwas, was ihn interessirte, Aufklärung zu verschaffen.

Sie bejahte, aber es war dem Fragenden, als wenn bas verlegene Zucken ihres Mundes auch auf einen Druck ihres Herzens deutete.

Von Neuem prasselte jetzt der Regen hernieder und E gegen die Scheiben. Ulrich suchte nach einer kung.

Es ist sehr unbescheiden, aber es ist ja nur eine Frage," begann er.Würde es vielleicht erlaubt sein, noch den einen oder anderen Raum des Hauses zu betreten?"

Sofort war wieder ihr Wesen in Freundlichkeit um­gewandelt.Aber natürlich," antwortete sie,wenn die Herren dafür ein Interesse haben."

Sie führte nun die Freunde durch ein paar andere, auch mit Fliesen ausgelegte Zimmer. Ueberall blitzte und blinkte ihnen dieselbe Ordnung und Sauberkeit entgegen. Es gab in der Thal manches Eigenthümliche zu sehen, wie das Bett in tiefer Nische und die Küche mit ihrem holländischen Geschirr. Die Tenne, deren man jetzt nicht mehr bedurfte, seit gegenüber die neuen Baulichkeiten ent­standen waren, war noch da, aber jetzt mit allerlei Gefäßen zum Hausgebrauch gefüllt. Und so war auch Anderes beim Alten geblieben, denn ein enger Gang führte zu einer Scheune und einem Stall, die unter demselben Dach mit den Wohnräumen lagen. Aus dem Stall blickten ihnen zwei starke, braune Rinder verwundert entgegen und wurden von der Frau zärtlich auf den glänzenden Rücken geklopft.

Erst als sie in die Wohnstube zurückkehrten, fiel ihnen ein Zimmerchen auf, das leer zu sein schien. Aber ihre Führerin öffnete ihnen ein paar von den Thüren, die die Wände des Raumes bildeten, und rühmte ihnen den Werth bei nun sichtbar werdenden tiefen Schränke und Gelasse. Ulrichs aufmerksames Auge entdeckte dabei eine schwarze, achteckige Schale auf kurzem Fuß mit eingelegtem, überaus reichem Perlmutter-Zierrath. Trotz eines feinen, gewölbten Deckelchens aus Strohgeflecht, das das Gefäß bedeckte und wohl ursprünglich nicht dazu gehörte, erkannte er die Schale sofort als eine werthvolle ostasiatische Arbeit und stellte eine diesbezügliche Frage.

Statt der Antwort nahm die Frau das Gefäß mit Vorsicht heraus, trug es in die Wohnstube und stellte es dort auf den Tisch.Ich sehe," sagte sie mit leise bewegter Stimme,Sie sind ein Kenner. Da freut es mich, wenn seine Schönheit einmal aus der Verborgenheit hervortritt und Würdigung findet."

Indem sich die Herren wieder setzten, nahm sie das Strohdeckelchen ab und that in die Höhlung desselben eine Anzahl Briefe hinein, die auf dem Grund der Schale ge­ruht hatten.

Jedenfalls ein theures Andenken," bemerkte Ulrich, Indem er das Gefäß zum Licht emporhob und mit dem

Doktor die unendliche Geduld des Künstlers bewunderte, der aus Hunderten von kleinen Perlmntterblättchen diese Ornamente aneinander gefügt hatte.

Es ist bk Erinnerung an einen Todten," bestätigte sie, an einen Spielgefähr.tcn, einen Freund, einen Verlobten, wenn Sie wollen."

Auf der Sre verunglückt?" fragteUlrich mitleiser Stimme.

Trauriger als das," erwiderte sie.Wir friesischen Mädchen sind von Jugend auf an den Gedanken gewöhnt, unser Liebstes der See anvertrauen zn müssen, die uns desselben oft für immer beraubt. Wäre es so, ich trüge an dem allgemeinen Leid, unter dem so viele Frauen und Mädchen dieser Insel still dahingehen und hingcgangen sind. Nein! Sein Schiff, auf dem er Steuermann war, lag in einem chinesischen Hafen. Da wurde er herbeigerufen, Frieden zu stiften in einem Streit, in den seine Leute mit Einheimischen und englischen Matrosen gerathen waren. Als er herbeikam, standen die Leidenschaften schon in Hellen Flammen; sie sahen und hörten nichts mehr. Sein Schiff aber sollte in zwei Tagen fortgehen, und er glaubte um so mehr seine Pflicht thun zu müssen. Er drang in den er­regten Haufen, und es gelang ihm auch, die Erhitzten zu trennen. Aber nicht mehr vor dem Lebenden wichen sie zurück, sondern vor dem zu Tode Getroffenen, der von Messerstichen durchbohrt zwischen ihnen zu Boden sank.

Sie brachten ihn nach einem Hospital, aber der junge Arzt, der sich zuerst mit ihm beschäftigte, sagte sogleich: Der wird die Heimath nicht Wiedersehen! Und er hat recht gehabt."

Ein furchtbarer Tag, an dem Ihr diese Nachricht er­hieltet!" sagte Ulrich theilnahmsvoll, der sich als Verlobter und glücklich Liebender ganz an ihre Stelle versetzte.

Ja, Herr," erwiderte sie.Und doch ein Tag der Erlösung aus fast noch größerer Pein. Eine Kette namen­loser Qual schleppte ich durch die acht Monat, die diesem Tag vorausgingen. Das Labyrinth der endlosen Ungewiß­heit ist entsetzlicher als die traurige Gewißheit. Der Brief, der mit dieser Schale kam, enthielt die letzten Zeilen von ihm. Dann wurde es still, todtcnstill. Jeden Morgen Hoffnung, jeden Abend Verzweiflung, und dann nichts mehr als das. Nein, die Stunde, die die Nachricht von seinem Tode brachte, war dunkel wie die Nacht, aber sie brachte doch endlich auch die Ruhe wie diese."

Durch wen erhieltet Ihr die Trauerkunde?"

Von einem Landsmann, Wolff Blom, der mit ihm ans demselben Schiffe diente. Nun war's ja klar, warum er nicht geschrieben. Mein Bruder, bei dem ich damals wohnte, brachte den Boten zn mir. Ich kannte den Mann genau als ordentlich, wahr und zuverlässig. Ich reichte ihm die Hand und dankte ihm für den schweren Gang, den er auf sich genommen. Der Mann weinte, ich konnte es nicht mehr. Aber ich habe später meinen Kummer in die Heide getragen; dort durste ich stöhnen mit dem Winde."

Die beiden Zuhörer schwiegen ergriffen still.

Und nun," fuhr sie fort, und ein bitteres Lächeln zuckte um ihre Lippen,wundern Sie sich, wie ich dann doch zur Heirath kam. Das geschah Alles ganz einfach, wie eben oft ein Unglück dem anderen folgt.

Ich lebte damals hier in dem Hause gegenüber, in dem Hause meines Bruders, nicht gerade als ein unnützes, aber neben der jungen Frau als ein überflüssiges Etwas. Eine Zeitlang ging es; dann gab man mir zu verstehen, daß ich noch besser am eigenen Herde süße, den ich doch haben könnte, wenn ich nur wollte. Ich wußte, auf wen man zielte, hatte sich doch Bleik Jürgensen, unser Nachbar, schon selbst nicht undeutlich vernehmen lassen. Ich preßte die Lippen zusammen und antwortete Niemandem ein Wort, denn ihr Gerede war mir widerwärtig, wie der Mann, den es betraf. Wohl galt er als einer der Wohlhabendsten auf der Insel, aber er war alt und mürrisch und war nie

draußen gewesen auf den großen Weltmeeren, wie die Männer, die unser Stolz find.

Aber in meinem Zltstande, innerlich geknickt und auf mich selbst zurückgezogen, war ich dem leisen, aber unab­lässigen Drängen der mir Nächsten auf die Dauer nicht gewachsen. Ich fühlte mich aus dem Hause geschoben und wünschte endlich nur noch, daß nian mich in Frieden ließe."

Aber war es denn nicht für Euch möglich, fortzugehen und irgendwo in .der Welt «inen Platz zu gewinnen?" fragte der Doktor.

Herr," entgegnete die Frau,Ihr seid nicht von der Insel. Ich war schon vor dieser Zeit, etwa zwei Jahre, in Hamburg gewesen; das Heimweh hatte mich so elend gemacht, daß man mich hier kaum noch kennen wollte. Und gerade damals, in meiner Versunkenheit, war mir Heide, Meer und Düne Alles; ich hätte sie nicht lassen können. Vielleicht," fügte sie ganz ernst hinzu,ist's auch unmäßiges Freiheitsgefühl, Hochmuth, wenn Ihr wollt, was es uns erschwert, an fremdem Orte leicht auszukommen.. Genug, ich griff, mir selbst nicht gewiß, nach dem nächsten, was mir Unabhängigkeit zu gewähren schien; man sollte mich nur in Ruhe lassen.

Ja, war's ein anderer Mann, ich hätte mich noch ge­scheut und wäre zur Ueberlcgung gekommen, Hier aber konnte der Gedanke nicht aufkommen, daß ich Untreue an dem Todten beging; auch der, der mich nahm, mußte wissen, wo mein Herz war. Und bei Gott, er hat es gewußt," sagte sie finster,aber daß ich mich nicht änderte, war gegen seine Rechnung, und er hat's mich büßen lassen."

Sie hatte zuletzt mehr seufzend und wie unter ver­haltenen Thränen vor sich hingesprochen, wie eine, die ihrem Gram einmal Worte leihen muß. Nun erschrak sie, daß sie sich hatte fortreißen lassen, wußte sich aber mit Anstand zu fassen und sagte zu Ulrich gewandt:Herr, was mußtet Ihr auch nach der Schale fragen, sie hat mir das Herz auf die Zunge gebracht, ohne daß ich's wollte. Und der Reif dort" sie wies auf Ulrichs Derrovnngs'- ringhat mich vollends verleitet."

Die letzten Worte hatte sie, trotz Allem, mit einer ge­wissen Schalkheit gesprochen,, die ihr in diesem Augenblick etwas ungemein Anziehendes gab.

Was bekümmern Sie sich?" antwortete Ulrich auf»- richtig.Wir Alle haben einmal eine Stunde, wo wir das Recht haben, aus uns herauszutreten."

Sie dankte ihm mit Blick und Händedruck.Ich darf annehmen, was Ihr sagt. Denn so heiß mein Herz an der Insel hängt, so lebt mir doch hier kein Mensch mehr, mit dem ich von diesen vergangenen Dingen reden dürfte, ohne dabei Gefahr zu laufen."

Aber so auf sich allein zurückgezogen, kann Niemand auf die Dauer ungestraft leben!" wandte der Doktor ein.

Ihr haltet mich für verlassener als ich bin," entgegnete sie lächelnd.Es fehlt mir nicht an Freunden, nicht an Gefährten. Ich habe mein Hauswesen, meine Blunien, meine Thiere, die mich kennen, wie ich sie kenne, und die auch meine Sprache verstehen. Und dann, dann besitze ich ja diesen Boden wieder, auf dem ich geboren bin und sterben will, denn ich habe ihn mir theuer erkauft. Mein ist wieder Wind und Wasser, Heide und Düne und der unendliche Himmel darüber. Nein, wenn ich auch nicht glücklich bin, so bin ich doch nicht zu beklagen."

Der Regen hatte aufgchört. Die Frau geleitete ihre Gäste bis zur Schwelle des Hauses. Die Scheidenden nahmen bei ihrem Dank Anlaß, ihren Namen und Stand zu nennen, nachdem sich schon vorher gesprächsweise der Name ihres Hotels ergeben hatte. Es schien beiden natürlich, daß sie hier nicht als Fremde schieden; und sie glaubten wahrzunehmen, daß diese Rücksicht erwartet und wohlthueud empfunden wurde.

(Fortsetzung folgt.)

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Auskunft ertheilt der Castellan. F408

Wiesbaden, 8. September 1897.

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