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Wiesbadener Tngblatt

«5. Jahrgang.

Verlag: Langgaffe 27.

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U-. 446

Freitag, den 24. September.

189Z

BezirkS-Fcrnsprcchcr No. 52.

BezirkS-Fernsprecher No. 52.

(Nachdruck verböte».)

Pariser Kries.

(Eigener Bericht für dar .Wiesbadener Tagblatt".) Paris belebt fitT). — Kallen des Vergnügens. — Theater. — Der GouverneitiSposten sür Sllgier. — Ein belagerter BergwerkSbesitzer. — Eine Advokatin. — Radfahrerschlacht.

Karlo, 21. September.

Paris belebt sich: Die Boulevards sind wieder fieberhaft bewegt, das Bois de Boulogne, noch immer köstlich, trotz seines rostgeflecktcn Laubes, wird durcheilt von männlichen und weiblichen Radfahrern, welche in Kostümen chic, chic, mit Windeseile in der frischen Morgenbrise dahinfliegen. Je zwei nnd drei Reihen elegant bespannter Wagen sieht man wieder die Avenue hinauf und hinunter rollen, und im Vorbei­flüge erhascht man nianch niedliches Pariser Gesichtchen halb versteckt in einer reichen Umrahmung von Federn und Spitzen. Paris belebt sich: Die Theater eröffnen die Saison mit auf- gefcischtcn Räumen und aufgewärmten Stücken. Modistinnen und Klciderkünstlcriuncn lassen ihre neuesten Modelle vom Stapel, neue Talente werden entdeckt und Sterne erster und zweiter Größe leuchten auf am Firmamcnte der edlen und der heiteren Kunst, und lustig schwimmen im Fahrwasser des Reporterklatsches zahlreiche. Zeitungsenten umher. All das Getriebe aber in seiner Gesammthcit bedeutet die Wieder- aufuahme des Pariser Lebens, das in seiner Intensität und Mannigfaltigkeit „hors do concours“ dasteht. Gehl man daran, aus den einzelnen Elementen dieses Lebens das Demerkens- werthe herauszuhebcn, so wird man unwillkürlich bestimmt, mit Demjenigen zu beginnen, das sich der öffentlichen Auf­merksamkeit am zudringlichsten ausdrängt. Auf den großen

Boulevards treten Einem bei jedem Schritte riesige groteske Bilder auf rollenden Karren entgegen, und das Auge wird geblendet von grell erleuchteten Sternen, Bogen, Monogrammen und Aufschriften, welche unwiderstehlich zur Besichtigung der neuhergerichteten „Hallen des Vergnügens" locken.

Hier das glänzende Kasino von Paris bietet einen Kinematograph, dessen Figuren am Schluß der Darstellung ins Riesenhafte wachsen und, in den Zuschauerraum cmpor- schwebend, sich unter der Decke verflüchtigen. Dort bereitet die Olympia dem staunenden Auge eine wahre Licht- und Farbenorgie, indem sie ihre Mitzy-Chromos durch unaufhörliche Verwandlungen der Bewegungen und Lichleffekte die farben­prächtigsten Blumen darstcllen läßt. Ein anderes „Etablissement" läßt allabendlich vor den Augen des Publikums alle Merk­würdigkeiten des Zukunfts-Paris vorüberziehen und zeigt zum Schluß der Revue vom Eheleben der Zukunft ein Bild, „das Steine erweichen, Menschen rasend machen kann". Die beiden Geschlechter haben hier die Rollen vertauscht und zwar nach dem Grundsatz, daß sie alle Schwächen und Fehler des anderen Geschlechts, aber keine einzige seiner Tugenden sich aneigneten, lind während auf den westlich gelegenen Boulevards die Conzert-Cafes sich mehren und in den Markthallen der Sinnlichkeit die unermüdlichen Verkäuferinnen immer größere Schwärme von Käufern herbcilocken, soll auf der östlichen Seite das berühmte Etablissement Alcazar vom Schauplatze ver­schwinden. Seine glänzendsten Zeiten während des zweiten Kaiserreichs, sind mit dem Auftreten der zuerst sentimentale», dann komischen Sängerin Theresa verknüpft, für welche der Maler und Dichter Houssot seine beliebtesten Lieder dichtete. Als mit dem kommenden Alter Theresas Stern erlosch und

Verhandlung. Frhr. v. Mirbach, der nicht erschienen war, wurde durch Rechtsanwcilt Dr. Sello vertreten. Dieser bestritt nicht, daß sein Klient Worte gebraucht habe, die das Treiben des Klägers deutlich keiinzeichneii. Der Gerichtshof erkannte nach kurzer Berathung auf Freisprechung, da cs nicht in der Absicht des Angeklagten gelegen habe, Herrn Sedlatzck zu beleidige».

Dem „Berl. Tagebl." zufolge verlautet aus Mnrinekreisen, daß trotz aller Dementis die Erwerbung einer Flotten- und Kohle n- station in Ostasien bevorsteht. Die Verhandlimgcn foUcndem Abschluß nahe sei». Es seien nur einige Formalitäten mit der

Die Frage der unterseeischen Boote bat in den letzte» Jahren die Marincverwaltilngen verschiedener Nationen lebhaft beschäftigt, unter denen »eben Rußland nnd den Vereinigten Staate» von Nordamerika Frankreich an erster Stelle zu nennen ist. Wenn

(Nachdruck verboten.)

Das nnlerseeische Ssot „le G»ubet".

Deutsches Delch.

* Hof- und Urrsottal-Nachrichten. Die „Nordd. Allgem. Ztg." bleibt eiitgegeu anderweitige» Blättcrineldnngc» bei ihren früheren Mittheilnngen, daß für de» deutschen Dolfchafterposten in Washington der prenßifche Gesandte in Stuttgart, v. Holleben, an Stelle des Freiherrn v. Thieleniann anserskhen fei.

* Krrlin, 24. September. Gestern gelaugte die Privalklage des Herausgebers des anlifeiuitischen „Geiieral-A >izeigkrs",S e d l a tz c k, gegen den Oberhofmeister der Kaiserin, Freiherr» v. Mirbach, zur

chiiicsischcn Negierung zu erledigen, bevor die Besitzergreisung und Besetzung der Station erfolgen könne.

* Nock, dnmnl die tippifche Erbfolge. Es ist jetzt der Taufschkin ie»es Karl Philipp v. Unruh aufgcfnnden ivorden, dessen Herkunft nach den Angaben der fchaumburgischen Parteigänger zweifelhaft sein sollte. Er war der Vater der Modesta v. Unruh, und damit ist nun auch der Zweifel beseitigt, wonach die Zugehörig­keit dieser Stammmutter des jetzigen Biesterseldcr Hauses zum niederen Adel gleichfalls in Frage stand. Wie erwähnen dies kurz, obwohl nach den, Spruch des Schiedsgerichts diese Angelegenheit gar keine Bedeutung mehr hat. Die Lächerlichkeit der gaiizen Ebenbürtigkeitstheori«, „ach der, wie uciilich in einem Blatt ganz richtig bemerkt wurde, auch die Söhne niiseres Kaisers ihres Thronsolzerecht« nicht sicher sind, steht bei allen verständigen Meiischen ohnehin fest, nnd es ist, so meint die „Täzl. Rnndsch.", eigentlich schade um jedes Wort, das überhaupt noch dainber fällt. - Dieser Ansicht ist nur bedingt bciznftimmeii,dcnn so lange diese lächerliche EbenbürtigkeitSsrage nicht vollständig beseitigt ist, kamt man nicht genug mit Fingern auf die veraltete Institution hiiiweisen.

* Saftalpotttiker Tag. Die Tagung der dies­jährigen Geacralvcrsamnilung des „Vereins für soziale Politik" ist gestern iii Köln unter Überaus großer Thcil- nahiiit von Prosessoren u»b Gelehrten aus allen deutschen Gailen eröffnet worden. Anwesend sind u. A. Gcheimrath Thiel au« dem preußischen Landwirtbschastsministcrium, die Professoren Wagner - Berli», Breutano-München, Dietzel-Bonn, Sombart-Bierlau, Hitze-Munster, der Gcueralailwalt der Hirsch -Dunkcrsche» Gewerkvereine, Max Hirsch, Professor v. Mever-Straßburg. Professor Schmoller-Derlin leitete die Verhandlniigeil. Er bezeichnete es als eine Haiiptaufgabc des Vereins, die Gifte zu be­seitigen, die dadurch erwachse», daß sich Arbeiter und Arbeitgeber nicht verstehen und gegenseitig als Feinde betrachten. Der Rückschlag in den Jahren 1894/95 liege vielleicht an der Negierung, die eine Schweiikuiig gemacht habe, wodurch damals die Weiterentwickeluilg der sozialen Frage gehemmt wurde. Redner hofft, im nächsten Jahr- hiindert werde die Verbreitiiug de« Wohlstandes den Massen zu gute kommen. — Oberbürgermeister Becker begrüßte die Versammlung Namen« der Stadt Köln und wünschte dem Verein für die Zukunft weitere Erfolge und eine segensreiche Wirksamkeit und zu der diesjährigen Tagulig besten Erfolg.

* KerUnrr Korrrfp-nbenz. Wie der „Tägl. Rlindsch." von einer dem Finanzminister v. Miguel nahe- stkheuden Seite versichert wird, dürste» die Tage der von Herrn v. Köller gegründeten und unter Herrn von der Recke zur absoluten Bedeutungslosigkeit herabgeslinkeucn „Berliner Korrespondenz" gezählt sein. Herr v. Miguel war der v. Köllerschen Gründung nienials recht grün und bediente sich zu feiner Veröffentlichung immer lieber der Schiocinburgfchen Korrespondenz „B. Pol. R." oder feinesZ«illiiigsgehei,iirathesaIsder„Beil.Korrefpoudei!z". Nun ivill er das Eingehen der letzteren befürworten, wobei ihm Herr von der Necke mir schwache» Widerstand leisten dürfte, da auch dieser Minister sich nicht über das Miß- verhältiiiß zwischen Nutzen nnd Kosten täuschen kann, das bei der Korrespondenz vorliegt. Die Korrespondenz bringt, wie wir au« eigenster Erfahrung bestätigen fönne», selten etwas, das der Wiedergabe in den Zeitungen Werth wäre.

* Da» Zchriftenmnterial der Reick,»druckerek umfaßt, wie in einen! längere» Aufsatz des PostarchivS erwähnt ist, 181 Fraktur-, 28 Schwabacher, 87 Gothische, 28 Kanzlei-, 2 Altdeutsche, 443 Antiqua-, Kursiv-,

Grotesk- nnd Eghpticnne-, 63 fremdsprachliäre, 293 Schreib­und Zierschriften 2C., außerdem 500 Sorten Zeichen, Klammern, Schluß- und Ziellinien und gegen 1300 verschiedene Einfassungen, Eckstiicke, Vignetten re. Man besitzt drei starke Bände mit Schrift­proben. Da« Personal der Setzerei besteht aus 2 Oberfaktoren, 7 Faktoren, 7 HülsSfaktoren, 4 Obersetzern, 12 Korrektoren, 6 Metteurs und 202 Schriftsetzern. Zum Druck der nicht geld- werthen Drucksachen dienen 11 einfache Schnellpresse», 12 Doppel- Schnellpressen und 3 Notationsmaschine», die in zwei große» Halleiisälen uiitergebracht sind.

auch schon in früherer Zeit (Fnlton 1801) derartige Boote konstmirt worden sind, ist die Uiiterseebootfrage doch erst nach Einführung der Torpedos in ein lebhafteres Stadium getreten. Erst kürzlich ist von der französischen Regierung für gute Pläne von Unterseetorpedobooten eine Anzahl Preise vertheilt wordeii. Während es sich nun neuerdings hierbei um den Bau von großen, richtige» Torpedobooten handelt, begnügte man sich früher mit ganz kleinen, nur Raum für 2-3 Mann und die nöthige Maschine zur Fortbewegung enthaltende» Fahr­zeugen, die on der Außenseite Einrichtungen zur Auf­nahme eines Torpedos hatten, der vom Inner» des Bootes lancirt werden konnte. Eine gewisse Berühmtheit unter diesen Tauchbooten hatte der in unserem beiftehenden Bilde dargestellte „Gonbet", über dessen Versuche Frank­reichs Negierung größtes Schweigen beobachtet hat. Trotz­dem konnte nicht Alles geheim bleiben und sind über das Boot die solgenden Angaben an die Oeffeiillichkeit gedrungeii.

Das Fahrzeug ist cigarrenförmig gestaltet und hat bei einem Durchmesser von 4 m eine Länge von 9 m. Durch ein in der oberen Wand des vollständig geschlossenen Bootes angebrachtes Mannloch mit lustdicht schließendem Deckel gelaugt man in das Innere. Das Gewicht de« ganzen Fahrzeugs beträgt 200 Gentner und es ist so stark konstmirt, daß es einem äußeren Druck von 30 Atmosphären widerstehen, also auf etwa 300 m Tiefe tauche» kann. Drei Personen dikden die ganze Besatzung; für diese wird komprimirte Lust in flnblerne» Cylindern mitgenommen. Die verbrauchte Lust wird auegepiimpt. Sine Akkumulatorenbatterie liefert die für die Fort­bewegung mittels einer Schiffsschraube nothwendige Kraft, doch kann das Boot auch, falls ei» Versagen der elektrischen Maschine eintritt, mittels der Riemen („Ruder" sagt der Binnenländer) bewegt werden. Die Schraube ist mittels eines Kugelgelenks so verstellbar, daß sie auch zum Steuern des Bootes nach rechts, links, oben und uirieti be­nutzt werden kann. Durch mehrere starke, runde Glasscheiben in der oberen Bootswand erhält der innere Raum Licht.

Die Lauciervorrichtung für 2 Torpedos befindet sich zu beiden Seiten des Bootes, wie im Bilde ersichtlich gemacht ist. Der untere Theil der Zeichnung stellt das Boots-Jimere dar mit einem rudernden Man» der kleinen Besatzung. Wie verlautet, soll man 250 Schranben- uindrehiingen in der Minute mittel« de« Akkumulatcr n- betriebes erreicht habe», doch fehlen leider die Angavc» über die damit erzielte Geschwindigkeit. In Deiitschlaud ist auch vor langen Jahren ein Unterseeboot konstmirt worden. Dieses, dar bekannte Bauersche Unterseeboot, ist aber bei der Probe aus dem Grunde des Kieler Hafenbeckens liegen geblieben und erst viele Jahre später im Juli 1887 beim Ausbaggeni der Einfahrt zum Werslbassi» wieder oufgefunbcü worden.

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Ein zu friedlichen Zwecken, wie Hebmig untergegangener Schiffe und Schätze, Erforschung der Flußbelte, der Tiefe von Seen und Meeren, bestimmtes Fahrzeug ist in diese» Tagen in Baltimore vom Stapel gelaufen. Es ist 36 Fuß lang, 9 Fuß breit, ganz au« Stahl gebaut und hat am Bug zwei Räder in der Größe gewöhnlicher Wagenräder, am Heck aber ein drittes kleines Rad. Diese Räder dienen zur Fortbewegung des Fahrzeuges auf dem Grunde der Sten, Ströme :c., während es im schwimmenden Zustande durch eine Schraube bewegt wird. Betrlebskraft ist Elektrizität, welche auch die am Bug und an den beiden Seiten befindlichen Scheinwerfer von großer Leuchtkraft speist, welche die Hingebung der Fahrzeuge« in der Tiefe erhellen. Die Geschwindigkeit desselben beträgt auf der Oberfläche des Wassers acht Meilen, auf dem Grunde fünf Meilen die Stunde.

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sie Mette Gnilbert die Bühne räumen mußte, blieb sie doch als Besitzerin des Alcazar — der ihr Schicksal bedeutete — aufs Innigste verknüpft, um erst jetzt, an Schönheit und Vermögen gleich bankerott, in des Vergessens Meer nnlerzusinken.

In den Tempeln der ernsten Muse fühlt sich das Publikum um 10 oder 20 Jahre verjüngt: Die lauge un­gespielten Stücke werden längst vergessene Empfindungen. Das Theater Palais Boyal gab unter dem Titel „Portefeuille" das fünf Jahre alte Stück „Monsieur Coulisset“ von Blum und Toche. Im Theater Porte St. Martin kam eine musikalische Bearbeitung von Shakespeares „Bezähmten Widerspenstigen" unter dem Titel „Megäre Apprivoisee“ mit der Musik Frederic Lekcys zur Aufführung. DaS Athenee Comique — welches das alte Eden-Theater vertritt — gab eine Operette Herves: „Cabinet Piperlin“, die Varietes eröffneten mit „Carnet du Diable“ und das Gymnase mit Abel Hermants Lustspiel: „Carriere“. Die höhere Kunst, die in der Oper ihre Zufluchtsstätte geftmden, bedarf keiner Neuerungen als Lockmittel, die „Comedie Franpaise entzückt schon seit zwei Wochen mit der vor 20 Jahren berühmten „Vie de Boh6me‘, und im Renaissance-Theater wird Sarah Bernhardt in nicht weniger als 8 neuen Stücken, von denen als erstes Harancourts „Jeunosse de Ne'ron“ zur Aufführung gelangt, ihre alte Kunst in neue Gewänder hüllen.

Wenn die Kunst heiter, so ist bekanntlich das Leben ernst, es weist neben dem unvergänglichen Vergnügen auch unaufhörliche Kärnpfe auf. Im Grunde genommen sind Alles nur Kämpfe um die Existenz, doch äußern sie sich ver­schieden auf den mannigfaltigen Gebieten des sozialen Lebens. Am lautesten raffeln in den Spalten der Tageblätter fite