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Seite s. L7 September 1897. Wiesbadener Tagblatt (Abend-Nusgabe). Verlag r Langgaffe 87.

45; Jahrgang. No. 43T*

Der fernste erreicht- Punkt lag in der Luftlinie 40 km westlich von Stephansort nn der Astrolabebai. Lauterbach erstieg hier einen Berg, von dnu er nach Westen zu zehn Parallelketten mit immer steigender Höhe (von 100 bis 2000 m), nach Norden zu, gegen den Augusta-Flutz, einen 3000 m hohen »nd nach Südwest eine» 4000 bis 5000 m hohen Gebirgsstock (Bismarck-Gebirge) erblickte. Die in ethnographischer Beziehung sehr interessanten Ein­geborenen versorgten die Expedition mit Lebensmitteln. An dem von Südwest her dem Gogol zuflicßenden Nebenflüsse wurde in 3000 m Höhe und 100 km von der Küste entfernt eine Station angelegt »nd dann die Rückreise nach Stephansort angetrete». Später unternahmen die drei Forscher noch «ine dritte Expedition in das Innere. Die Expedition hat am Fuße des großartigen Bisuiarck-Gebirges einen ansehnlichen schiffbaren Strom entdeckt. Er durchfließt eine fruchtbare, stark bevölkerte, ausgedehnte, zur Kultur geeignete Ebene, welche 200 englische Meilen weit erforscht worden ist. Bisher war es noch nie geglückt, im Innern Neu- GuineaS stark bevölkerte Landstriche aufzufinden.

In neuerer Zeit sind die Engländer vielfach von ihrem südlich vom Kaiser Wilhelms-Land liegenden Gebiet aus in das deutsche eiu- gedrungeu und suchten ans verschiedene Weise vollendete Thatsachen zu schaffen, die ihnen ein Uebergreifen in unsere Interessensphäre ge­statten könnten. Deutschland hat mit Rücksicht darauf ein sehr dringliches Interesse, daß das Kaiser Wilhelms-Laud, wenigstens soweit es au Britisch-Ncu-Guinea angrenzt, möglichst rasch örtlich genau abgegrenzt wird.

Im Innern sind englische Expeditionen vielfach schon bis zum Bismarck-Gebirge vorgedrungen, und englische Spekulanten und Gcsell- schasten beginnen an verschiedenen Orten mit Bergbau-Arbeiten. Deshalb wird es nothwendig fein, daß Deutschland so schnell als möglich die definitive Abgrenzung der anstoßenden Gebiete auf Neu- Guinea in London beantragt und auf eine rasche Erledigung dringt.

Deutsches Reich.

* Kerlln, 17. September. Wie demLokal-Anzeiger" aus New-Dork telegraphirt wird, dürften die bekannten blutigen Metzeleien in Hazleton wahrscheinlich auch den deutschen Behörden noch Veranlassung zum Einschreiten geben. Zwei ver­wundete Arbeiter behaupten nämlich, deutsche Unterthaueu zu sein. Hoffentlich machen die betreffenden europäischen Negierungen cs den Aankees recht klar, daß man nicht so ohne Weiteres in ausständige Arbeitermassen hmeinfeuern darf.

Die sozialistische Parteileitung wird sobald als mög­lich vou Hamburg nach Berlin zurückverlegt werden. Ein dies­bezüglicher Antrag wird auf dem Parteitag vom Vorstand ein­gebracht und vom Abgeordneten Singer begründet werden.

* Kongreß für Gesundheitspflege in Karlsruhe. Zn der gestrigen letzten Sitzung der 22. Hauptversammlung desDeutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege" refcrirten Professor Dr. v. Esmarch und Oberbürgermeister Zweigcrt aus Essen über die Wohnungs-Desinfektion. Dr. v. Esmarch fühlte aus: Von Mer Wohnungs-Desinfektion könne vorläufig nicht Abstand genommen werden. In vielen Fällen sei die Desinfektion das einzige Mittel zur Bekämpfung hereinbrcchcnder Epidcmicen. Die Zwaugs-Desinsektion könne auf ganz bestimmte Krankheiten be­schränkt werden, müsse aber unbedingt für Cholera, Ruhr und Diphtherie beibehalten und für Hotels und große MiethSwohnungen bestehen Mcibtik Die mit Formalin angestellten Versuche hätten ergeben, daß Formalin ein vorzügliches Desinfektionsmittel sei. Oberbürgermeister Zweigcrt verlangte die Anstellung besonderer Wohnuugs-DeSinscktorcn. Oberstabsarzt Professor Dr. Pfuhl-Straßburg behauptet unter dem Widerspruch der Versammlung, beim Ausbruch von Typhus-Epidemiecn in Kasernen sei der Typhus-Erreger stets in der Civil-Bevölkerung ge­funden worden. In der Diskusston traten Gegensätze hervor, beten Lösung der Zukunft Vorbehalten bleiben müssen. Es sprach hierauf Geheimrath Dr. Battlehuer ans Karlsruhe über die Verbreitung von ansteckenden Krankheiten in Badeorten und Sommerfrlschen. Er führte aus, die Möglichkeit, daß die Besucher ansteckende Krankheiten in Bäder und Sommerfrischen mitbringen und verbreiten, sei viel geringer als das G-gentheil. Er verlangt, den Aerzten müsse die Anzeigepflicht für ansteckende Krankheiten überall auferlegt werden und die von ansteckenden Krankheiten Bcsalleuen müßten sofort in Asyl-Häuser überführt werden.

* Rundschau im Reiche. Der durch das Hochwasser imKrciscHirschberg angcrichteteSchaden beträgt3,500,585Mk.; davon entfallen 1,107,294 Mk. an öffentlichen und 2,393,291 Mk. an Schäden an Privateigenthum. Die Gcsammtsnmme der ein« gegangenen Unterstützungen beträgt bisher 141,445 Mk.

Ausland.

* Italien. Die katholischen Blätter besprechen die Unent­schlossenheit des Ministeriums Rudini und werfen demselben vor, daß es nicht wisse, ob es mit dem Zwei- oder Dreibunde hallen solle. Dieselbe Unentschlossenheit bestehe in der Politik des Innern sowie in der Afrika-Politik. Der Friede mit Mcnelik sei zwar geschlossen, doch kenne man nicht die Grenze der crythräische» Kolonie, und Niemand wolle als Gouverneur nach Afrika gehen, um sich nicht bloßzustellen, da man nicht wissen könne, wie lange das jetzige Ministerium noch am Ruder sei.

* Schweiz. Don Carlos hatte in den letzten Tagen eine Unterredung mit einem Schweizer, welchen er seit 20 Jahren kennt. Er sprach sich über die Lage in Spanien dahin aus, daß er gegen die jetzige Köuigin-Negeutiu niemals etwas unternehmen werde. Auch werde er nicht an die Höfe appclliren, um seinem Rechte Geltung zu verschaffen. Zu der Unterredung Don Carlos' wird noch gemeldet, daß Don Carlos den Zusammenbruch des jetzigen Regimes in Spanien für unmittelbar bevorstehend hält. (Sine

republikanische Negierung sei aber unmöglich. Er werde di« Königin nicht zur Flucht drängen, aber in Spanien einziehen, sobald dieselbe die Grenze überschritten haben wird.

"-Spanien. Wie demBcrl. Tagebl." ans Madrid ge­meldet wird, leitete, wie daselbst verlautet, die spauische Regierung Verhandlungen mit Frankreich ein über einen Vertrag zur Aus­lieferung von Anarchisten.

* Türkei. DieN.Fr.Pr." meldet aus Konstantinopel: Vorgestern srüh hatten der Großvezir und der Minister des Aenßern eine einstündige Unterredung mit dem Sultan, welcher sich zur An­nahme der Friedensbedingungen, wie diese durch das deutsch-englische Uebercinkommen festgesetzt sind, bereit erklärte. Die Unterzeichnung der Bcdingnngen wird vielleicht in der heutigen Konferenz stattfinden. Die beiden Hauptartikel der Friedens-Präliminarien, wie sie von den Mächten definitiv angenommen worden find, kanten wörtlich folgendermaßen: Art. II. Griechenland zahlt eilte Kriegs­entschädigung von 4 Mill. L. t. Er tvird ein Arrangement getroffen, das die früheren Gläubiger nicht schädigt. Eine aus Vertretern einer jeden Macht bestehende internationale Kommission wird in Athen ernannt. Durch das hellenische Parlament wird in lieber» cinstimmung mit den Mächten ein Gesetz votirt, das die für den Dienst der Kriegsentschädigung und der anderen nationalen Schulden bestimmten Nevenucn sestfetzt und die Art der Erhebung regelt, die unter die direkte Kontrolle dieser Kommission gestellt wird. Art. VI. Die Räumung beginnt in dem Monat, der dem Augen­blicke folgt, in dem die Mächte der Ansicht sind, daß genügende Earantiecn gegeben sind und die Emission stattfindcu wird.

Aus Kunst und Kebeu.

* Rest-enrtsteatrr.Ende gut, Alles gut", dachte Herr Direktor Rauch und ließ gestern seiner Premiere Mosers und Conradis ansprechendes VaudevilleAns Liede zur Kunst" folgen, wobei Fräulein Kattner als Karolinc mit ihrer anmnthigen Er­scheinung, ihrem hübschen Spiel und ihrem frischen Gesang großen Beifall erzielte. Auch die übrigen Hauptdarsteller, Herr Schultze (Knlicke), Herr En gelle (Sterbet) und Herr Stiewk in dem Nebenröllcheu des Neumann hatten Beifall. Die dem Stückchen vorhergehende PremiereDie Kunst im Waffenrock" war offenbar eine Gefälligkeits-Aufführung, aber einen wirklichen Gefallen hat im Grunde genommen die Direktion keinem damit gcthan, weder sich, noch dcm Dichter, noch dem nur etwas kritisch veranlagten Theil des Publikums. Es wurde übrigens nicht gezischt und gepfiffen und die todesumlhig kämpfenden Darsteller erhielten sogar Beifall. Der Rest ist Schweigen. Sch. v. B.

* Wahrheit oder Dichtung? DasAachener Pol. Tagebl.", welches vorgestern die Nachricht von einer morganatischen Vermählung des präsumtiven Thronfolgers von Oesterreich-Ungarn, des Erzherzogs Franz Ferdinand Este, brachte, meldet weiter, daß die Braut die Tochter einer Aachener Familie Namens Hußmann und 25 Jahre "alt ist. Dieselbe weilte in letzter Zeit in Essen, wo sie dem Haushalt ihres Bruders, eines Kruppschen Direktors, vorstand. Vor zwei Jahren lernte die Braut den Erzherzog gelegentlich eines Inkognito-Besuchs desselben kenne». Der Erzherzog machte ihr Besuche, bei welchen er sich als Arzt ausgab, bis schließlich in der letzten Woche im Geheimen in London die Trauung stattfaud. Auch derKöln. Volksztg." wird die Heirath des Erzherzog? Franz Ferdinand von glantavürdiger Seite bestätigt. Die Nachricht wird nicht verfehlen, Sympaihiecn für den Erzherzog zu erwecken. Jeder derartige Schritt eines dem Throne nahestehenden Fürsten bedeutet einen Vorstoß gegen die umiatürliche, die Meuschhcitsrcchte verhöhnende Justitnlion, welche einen Unterschied macht zwischen ebenbürtigen und nichtebenbürligeu Menschen. Jeder anständige Mensch ist vor Gott und der Natur ebenbürtig. Umso eher sollte er es auch vor Fürstenthroiien sein.

* Verschieden» MitthrMmakn. Das früher hier, jetzt in Homburg ausgestellte, oft erwähnte Stickerei-GemäldeDie Sixtinische Madonna" von Fräulein Clara Ripberger erregt auch dort bie Ansmcrksamkcit der Kunstfreunde. Ihre Majestät die Kaiserin Friedrich besichtigte dasselbe gestern und sprach der Künstlerin ihre höchste Anerkennnng über dieses Meisterwerk deutscher Frauenarbeit aus. Das Gemälde wird nun in Frankfurt a. M. zum Besten der Ueberschwcmmten ausgestellt.

Unserem tüchtigen heimischen Thicrmaler A. Weinberger, deffcn Bilder sich allerorts der besten Anerkennung erfreuen, ist vom Herzog von Altenburg die goldene Medaille für Kunst und Wissen­schaft verliehen worden.

Dem ständigen Hülisarbeiter im Auswärtigen Amt, LegationS- rath Ernst v. Wildenbruch, ist der Titel Geh. Lcgatiousrath mit dem Range eines Rathes 3. Klaffe verliehen worden. Das ändert an seiner Bedeutung als Dichter nicht das Mindeste.

Aus Strrdr mrS Zand.

Wiesbaden, 17. September.

Die Eröffruurg derWalhalla".

DasEreigniß" des gestrigen Tages war die Eröffnung der Walhalla", jenes neuen Vergnügungs-Etablissements, von dem vor Kurzem au dieser Stelle eine Schilderung zu geben versucht wurde. Fahnen und (Suirlanben an der Eingangspforte, große Plakate mit Den in Riefeulettern aufgedruckten Namen derStars", welche das Erstlings-Ensemble bilden sollen, und eine Menge kleiner und großer Menschen, die vor dem Theatergebäude schauend Posto faßten vom Morgen bis zum späten Abend, alles Das beutete auf

Außergewöhnliches, auf Festliches hin. Und in der Thal,

wer am Abend das prachtvolle Haus mit seinem vor­nehmen Innern betrat, überall der Glanz der Neuheit und

elektrischer Kerzenschein, überall geputzte, fröhliche Mmfchen, bt merkte sofort, daß die Wiesbadener wieder einmalSonnM MMa. Der Strom des Publikums ergoß sich schon bald üÄch 7 Uhr tu d« dem Frohsinn geweihten mächtigen Hallen, und wer erfft gegen 8 Uhr, die programmmäßige Ansangsstuudc, erschien, der formte nur mij Mühe sich ein Plätzchen ergattern unten in dem weiten, gemächlichen Theatersaal ober oben in den bequem, ähnlich dem Hoschcater ein« gerichteten offenen Logen.Ausverkauft" war überhaupt die Losung der Dircktiou am ersten Tage ihrer öffeuiltchen WrrksamkM und wenn diese Thaisache als Omen betrachtet werden darf, so war« die Znknnst des kostspieligen, in solcher Ausdehnung in einer Mittel stabt immerhin nicht ungewagten Unternehmens wohl gesichert. Wünschen wir das Beste und hoffen, daßWalhalla" stets die Gunst des Publikums sich zu erhalten weiß. Diese Gunst wurde ihr gestern, wie schon gesagt, in hohem Maße.zu Theil. An kleinen Tischen, rechts und links im Saale ausgestellt, hatte in drangvoll fürchterlicher Enge zwar, aber doch in behaglicher Laune ein aus allen Ständen sich refrutirenbe?, erwartungsvolles Auditorium Platz genommen. Die Plätze, d. h. die Rangstufen, sind durch Schnüre vonemanber getrennt. Im Parterre und Pargnet müssen die Damen, so leid es auch manchmal thun mag, sich ihres Hutschmnckcs entfleibcn, wollen sie nicht anderen Gleichberechtigten den Ausblick auf die Bühne schmälern. Eine bequem zu erreichende, sehr aufuahmsfähige Garderobe steht zur Verfügung. Die Bühne, bereit etwas haus­backener Vorhang übrigens nicht so recht zu bem eleganten Interieur zu passen scheint, bietet ein geräumiges Feld zur Entfaltung all der Künste, wie man sie in den Variötäs zu sehen gewohnt ist, und unterstützt die Scene durch hübsche, abwechselnde Dekorationen. Es war selbstredend, baß die artistischen Leiter der Walhalla, Herr Willy Nath, Sohn des leider schwer erkrankten, von hier ab­wesenden Besitzers, nach dessen eigener Idee das ganze Werk erstand, und Herr Lüuser sich nach Kräften höheren Ranges, nach Haupt - Attraktionen", wie die Artistensprache sagt, umsahen, mit denen sie den ersten Schritt in die Oeffentlichkcit wagen wollten, daß sic für ein wackeres Orchester sorgten und daß sie ein mannigfaches, auch den Spezialitäten-Gourmand befriedigendes künstlerisches Menü zum Wiegenfeste beS viel­versprechenden Neulings bereiten ließen. Und wenn trotz allen guten Willens und trotz aller Umsicht und Sachkcimtniß beim ersten Anlauf noch nicht Alles so recht klappen wollte, wer wäre unfehlbar genug, darüber zu rechten? Die Premiöre nahm gleichwohl im Großen und Ganzen einen durchaus erwünschten, die zahllosen Gäste hochbefriedigendeu Verlauf. Das Publi­kum war sehr beifallslustig schon von Anfang an. Gleich Oscar Fürst, der nach einem einleitenden Musikstück:Walhalla- Festmarsch" vou F. W. Timmer, den Prolog zur Weihe des Hauses sprach, wurde beim Erscheinen sympathisch begrüßt. Er ist ein ewig-junger, alter Bekannter der Wiesbadener, und von seinem wieder­holte» Auftreten im Kurhausc her besteht eine gewisse Intimität zwischen ihm und uns, die auch gestern wieder sofort zu be- merkcu war. Fürst sprach die gedankenreichen, bald ernster bald lustiger gestimmten Verse mit schönem Ausdruck in einfacher, zu Herzen gehender Weise. Die Stellen, wo das Urtheil der Hargeloffeneu und der Virrccher über das neueste Theater zum Ausdruck kamen, erregten stürmische Heiterkeit. Der Prolog schloß mit den ebenfalls stark acclamirtcn Worten:Walhalla sei die Halle Eurer Wahl!" Es folgte Webers Jubel-Ouvertüre, für die kleine Kiinstlerschaar des Herrn Kapellmeisters Timmer eine ganz respektable Leistung. Und nun begannen die verschiedenen Spezialitätenkräste sich zu entfalten. Zuerst Emilie Robert, eine Konzertsängerin vou angenehmer Erscheinung und mit ansprechender Stimme, unter­stützt durch verständige Deklamation und lebendigen Vortrag. Ihre drei Lieder hinterließen den besten Eindruck, sic stellte dem Abend das günstige Prognosticum, das sich erfüllen sollte. Zwei an- mulhige Artistinnen wir folgen der Aufreihung der Direktion sind die Geschwister Arbra. Sie nennen sichDoppel- contorsionistinuen", was so viel sagen will wie etwa Jongleusen. Ihre Produktionen auf dem Gebiete der Körperverrenkung, der Getvandtheit und physischen Kraft sind sehr sehenswerth und gefielen ungemein. DieTwo Welsons", Krastturuer in des Wortes verwegenster Bedeutung, sind für das Ensemble von hervorragendem Werth. Man weiß nicht, was man mehr be­ton nbeni soll: da? vollendete Ebenmaß ihres athletischen Wuchses, ober die absolute Ruhe und Sicherheit in ihrer kinderleicht erscheinenden und doch so gefahrvollenArbeit", oder die eminente Muskulatur, mit welcher namentlich der ältere der Brüder ausgestattet ist. Two Welsons können stets und überall ihres Erfolges gewiß sein. Von der Kostüm-Sonbrettc Ella Stella versprach man sich, wie dies ja bei Kostüm-Soubretten auch gauz natürlich und immer der Fall fein wird, umso mehr, als ihr einguter Ruf" vorausgeheu soll. Nun, fit hat nicht enttäuscht, wenn auch der Schwerpunkt ihrer Darbietung mehr auf diebeiden Ersten" dürfen wir im Silbenräthsel sprechet zu suchen sein mag. Sie hat ein liebliches rundes Gesichtchen mit sehr, sehr sprechenden Augen. Ihre Tanzkunst ist noch ei:t= wickuungSsähig, und in ihrerJosesine vou der Heilsarmee" ließe sich der Schlußtrie vielleicht etwas bereuter gestalten; so wie sie gestern ihn gab, möchte er nicht Allen gefallen. Ein elastisch- akrobatischer Akt eines Herrn van Gofre zeigte, wie toeit selbst ein ciuschcinenb keineswegs herkulisch veranlagter Mensch cs in ber Stählung des Körpers bringen kann. Erhantirt", auch mit ben Zähnen mit centnerschweren Eisenkngeln wie bie Katze mit ber Maus und führt Biegungen seines tocelheii Jchs aus, baß es um bas.letztere bcm Zuschauer manchmal bange werben könnte, wenn er nicht wüßte, baß cs eben ein Kanlschnkmann ist, ben er vor sieh hat. Nach einer Panse und dem CorneliuS- marsch von Mendelssohn kam Nr. 9:Chevalier Chambly, Mysteriöser Akt". Eine tvohlklingcnde Anzeige! Man ist gespannt. Der Assistent brr Artisten, der Philipp ans denRcichshallcu", es sind mehrere Renegaten aus bem Reiche Hcbmger nachWalhall" gezogen stellt eine Brücke über bas Orchester zwischen Bühne und Publikum her. Man ist noch gespannter. Endlich erscheint der

schraubte die riesigen Reflektoren in jene Stellung, in der sie das Licht am weitesten hinaussendcn. mußten. Jetzt kamen in längeren Pausen gewaltige Sturmstöße, die sich bald in immer kürzeren Intervallen wiederholten, um schließlich in ein unausgesetztes Heulen und Pfeifen über­zugehen. Gleich gierigen Bestien sprangen die donnernden Brandungswogen bis über die schwere, eisenbeschlagene Eingangspforte empor und leckten an dem Wappenfchilde über derselben.

Ich bin nicht furchtsam, aber mir pochte doch das Herz rascher bei diesem gewaltigen Aufruhr zweier Elemente. Der Alte las ruhig in seiner Bibel; hie und da warf er einen Blick auf seine Kontrollapparate in der Stube und murmelte halb für sich:Noch nicht der Aergste kann aber noch kommen.*

So verging die Nacht, der Morgen graute. Der Alte löschte die Lampen. Hunderte von Mgvögeln, die sich den Kopf an den dicken Scheiben eingcrannt hatten, lagen auf der schmalen Galleric, die die Laterne umzog; wie die Mücken waren sie im Dunkel auf das Licht, aufgcscheucht vom Sturme, zugeflogen.

Mit dcm Wiedereinbruch der Dunkelheit steigerte der Sturm sich zum wüthendsten Orkan. Jetzt krachte ein Kanonenschuß in nicht großer Ferne. Ein zweiter, dritter folgte, genau konnten wir durchs Fenster das Aufblitzen des Pulvers unterscheiden. Nikolaus drückte auf einen Knopf, eine rothe Glaswand schob sich auf der Seite gegen die Insel vor die Lampen, das Zeichen:Schiff in höchster Gefahr". Raketen zischten von dem gefährdeten Fahrzeug in, di» Luft; das Nachtfernrohr zeigte eS zwischen zwei Kippen, halb auf di» Seite gelegt.

Nur mehr ein Grad und noch drei Stunden!" sagte der Alte,da hilft nur Gott. Der wird ärger als jener, der" er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. Welch furchtbare Erinnerung wollte er dahinter wegwischen? Der Sturmmesscr rückte noch einen halben Grad vor. Erst gegen Morgen stieg das Barometer langsam. Das Schiff hatte Stand gehalten, es wurde gerettet.

Ich athmcte auf, als die wilde Tobsucht von Luft und Wasser sich legte. Ich begriff es nicht, wie Jemand jahre­lang mutterseelenallein diesem, jede Fiber furchtbar er­regenden Naturschauspiele, verdammt zu fast vollster Unthätigkeit, zusehen, es mitten in diesem Höllenkonzerte aushalten konnte, ohne wahnsinnig zu werden. Ich äußerte dies auch. Nikolaus sah mich mit einem durchdringenden Blicke an.

Wer büßen will und muß, darf davor nicht zittern," sagte er fest.Ich habe mich selbst hierher verbannt, Herr hier kann ich nützen, im Gefängniß."

Ich starrte ihn an.

Sie sind ein Landsmann," fuhr er fort,geben Sie mir Ihr Wort zu schweigen, so lange ich noch lebe? Gut. Hören Sie."

Ich hatte tolle Streiche gemacht in meiner Jugend, sie trieben mich über das Meer. Meine Eltern starben, meine Geschwister, meine Verlobte welkte dahin. Endlich hatte ich Glück. Ich erwarb ein Vermögen und kaufte dafür das Herz eines Weibes, das mir gefiel. Aber traue der Satan einer Kreolin! Ich wollte meinem Weibe Europa, die Heimath ihres Mannes, zeigen, im sonnigen Italien mich dann niederlassen. Ich verkaufte Alles, was ich drüben besaß. Wir schifften uns ein. Der Kapitän war ein

schmucker Bursche, sein Gesicht weniger zerhackt von den Säbelhieben der Kouföderirten als das meine. Ich sah seine Augen begehrlich über mein Weib hingleiten, und bald hatte ich's heraus, daß auch sie Gefallen fand an dem Beugel.

Die Neberfahrt dauerte Wochen; solange kann auch der abgehärtetste Soldat nicht ununterbrochen wachen. Eines Nachts finde ich das Lager meines Weibes "leer, es war heiß, erstickend heiß, vielleicht auf Deck? nein. Ich lege mich auf die Lauer, da schleicht ein weißeS Etwas die Kambüse entlang, gerade aus der Kapitänskajüte heraus, es ist mein Weib. Sinnlos springe ich auf, schleudere die Ehrvergessene an die Wand und stürme dem Räuber meines Glücks entgegen, der mir mit einem Fußstoß ein Stück Aukertau zwischen die Beine wirft. Als verrückt sperrt man mich in den untersten Schiffsraum tage­lang. Ich werde wirklich nahezu tobsüchtig vor Qual. Da bricht ein Sturm los, das Schiff wird leck, ich soll mit pumpen helfen. In dem Wirrwarr schlüpfe ich auf Deck, ein Messer in der Faust; dem Steuermann, der mich knebeln geholfen, fährt es in die Kehle, ich greife nach dem Steuer, ein Ruck und keine zwei Minuten später kracht der Schiffsrumpf an den Felsenrippen, wo Sie das Wrack noch sehen, auseinander. Alle hat die See ver­schlungen, nur mich spie fie aus, halbnackt; seitdem büße ich da, denn in jeder Sturmnacht meine ich die Ertrunkenen auftauchen zu sehen.Miserioordia! flüsterte er. Der gellende Schrei einer Möve hatte ihm den Angstruf der Versinkenden vorgegaukelt. i

Ein Jahr später war er für ihn verstummt, wie jeder Laut dieser Erde für sein Ohr.