1897
Sonntag, den 8. Angust
Us. 365
Bezirks-Fernsprecher 9?o. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Morgenausgabe
Paul Lindenberg.
Priesterinnen!
Ihre Lage war sehr kritisch. Sie hatten keine Lebensmittel und waren nur schlecht mit Kleidungsstücken versehen. Um eis Uhr Vormittag» war der Himmel einigermaßen klar, und der Ballon befand sich in einer Höhe vou ca. 8000 Fun über dem Meeres-
eisenden hatten natürlich keine Ahnung, wo sie sich befanden. Ganz erfroren tappten sie durch die Schneewüste, bis sie nach 19-stü»digem Umherirren eine Schlittenspur fanden, die sie verfolgten. Endlich gelangten sie an eine kleine Hütte. Dieselbe war leer, aber aus dem Herd glomm ein Feuer, da» verrieth, daß sich lebende Wesen in der Nähe befanden. Es währte denn auch
körperten, und deren Zahl war nicht gering; sein schlicht-gemüths- warincr Wes?» und fein guter, nie verletzender Humor erwarben ihm die aufrichtige» Sympathieen Aller,und sein emsiges litterarischeS Schaffen trug seinen Namen in weite Kreise. Fast auf allen schrift- stcllcrischcu Gebieten war Max Ning mit gewandter Feder zu Hause, nud seine licbciiswiirdigen persöuliche» Eigenschaften spiegeln sich auch in seinen Schriften wieder; heute noch geistig wie körperlich ungemein regsam, wird dem Achtzigjährigen hoffentlich ein langer und fröhlicher Lebensabend beschießen sein.
Einer Anderen, die zu dem eben erwähnten künstlerischen Berlin der Varuhagiuschen Zeit gehörte, war jener nicht vergönnt; aus St. Moritz im Ober-Engadin traf die Trauerkunde vom plötzlichen Ableben Marie Niemaiin-Secbachs ei». Mit ihrem Namen ist eine längstverschwundene Epoche der Berliner und int weiteren Sinne der gesammte» dcntschen Bnbueukuiist eng verknüpft, denn die Dahingeschiedene bedeutete viele Jahre einen glänzenden Stern au llnserem Kuusthimmel, und Viele, die sie vor dreißig, vor vierzig Jahren als Gretbchcn, als Julia, Klärchen, al« Maria Stuart gesehen, sie gerathen noch heute in eine senrige Schlvärnlcrci, wenn sie von der poetischen, fein empfundenen Auffassung und Darstellung jener und anderer Nollen durch Marie Scebach, die diesem ihrem Mädchen-Namen von 1859 an jenen ihres Gatten, des Sängers Albert Niemann, hinznsügtc, erzählen. Die Ehe wurde 1865 wieder getrennt, und Marie Seebach gastirte viele Jahre hindurch, ohne sich a» eine bestimmte Bühne zu binden, überall aber die gleich begeisterte Aufnahme findend. 1887 wurde sie für unser Schauspielhaus verpflichtet, aber die erwartete künstlerische Erbschaft der Fricb- Blumancr fiel ihr nur zum kleineren Theile zu, überhaupt gelangte sie nicht zur rechten Geltung, oder es war auch bei vielen Nollen mit ihrer künstlerischen Spaunkrast zn Ende; dah eine einst so gefeierte Schauspielerin sich mit kleineren, zum Thcil undaiikbareu Aufgaben beschäftigen muhte, wie e« ja in der Natur der Sache lag, verbitterte sie recht häufig und raubte ihr die uöthige Freudigkeit an ihrem Beruf, den sie ans materiellen Gründen nicht hätte ausüben brauchen, von dem zu lassen aber ihr, dem Theater- kind, doch gar zu schwer wurde. Im gesellschaftliche» Leben war die Künstlerin von einer Feinheit imb Liebenswürdigkeit, daß man sich sofort zn ihr hingezogcn fühlte; nicht« erinnerte in ihrem Wesen und Austreten an die lebenslustige Coulissenwelt, nur wcun sie ins Erzählen kam, merkte man sogleich di» begnadete Künstlerin heraus, die mit Meisterschaft alle Dialekte zu gebrauchen wußte und deren trockene Laune all die ocrichiedenen Geschichtchen aus ihrer langen Künstlerlausbahu wundervoll abzurunden verstand. Eine» sic tief iiiederdrückeuden Verlust erlitt sie durch den vor mehreren Jahren erfolgten Tod ihres einzigen Sohnes, den sie abgöttisch geliebt und für den sie mit nimmermüder Kraft und Lust gewirkt und, wie man wohl sagen darf, gedarbt hatte, um ihm, dem Siechen, alle Sorge» vom Lebenswege zu räumen. Aus dem für ihn bestimmt gewesenen Vermöge» von 120,000 Mk. begründete sie dann in Weimar da» Heim für kranke und altersschwache Mitglieder der Genossenschaft Deutscher Bühnenangehöriger und fügte zu ihrem Knnstlerrnfe den des Wohlthun» und der Nächstenliebe. Alle, die mit Marie Seebach in persönlichen Verkehr getreten, werden die Erinnerung an sie lebeuSsrisch und dankbar bewahren; ihr Name aber wird fortleben in der Geschichte der deutschen Biihncukunst als der einer ihrer edelste» und berufensten
Leitung des Herrn Stadtbaumeisters Genzmer sofort in Angriff genommen werden. Sie werden sich im Weseutlichen aus die Ausschmückung der Wilhelmstraße und der Zufahrtstraßen zum Theater erstrecken. Der dein Magistrat unterbreitete Plan des Stadtbau- Meisters umfaßt die Errichtung einer Ehrenpforte am Eingang der Wilhelmstraße, jedoch soll, wie auch bei der letzten Anwesenheit der Allerhöchsten Herrschaften im Mai d. I., diese Ehrenpforte nicht unmittelbar an die Nheinstraße zu stehen komme», sondern etwa» znrückgerückt werden, da sie so mehr zur Geltung kommt. Die Ehrenpforte wird au« zwei mächtigen Pfeilern bestehen, deren ein r in den deutschen, der andere in den italienischen Nationalsarben dekorirt und mit dem preußischen bezw. italienischen Königsadler bekrönt sein wird. Eine besonders sinnige Dekoration wird die sein, daß die Ehrenpforte mit antiken Schiffsschnäbeln geschmückt und dabei der Norden durch die Formen des Wickingerschiffe», der Süden durch die Forme» einer veuetianischen Gondel mit ihreul charakteristischen ferro zum Ausdruck gebracht wird. Am Eingang zur Wilhelmstraße werden venelianische Masten mit der deutsch en Reichs- bezw. der italienischeii Nationalflagge ausgestellt, und die ganze Wilhelmstraße erhält zn beide» Seiten Flaggen- mid Gnirlandenschmuck.
— perfonal-rlachrichte». Der seitherige Militär-Büreau- Diätar Heinrich Barteiiseld ist vom 1. August d. I. ab zum RegieruiigS-Hanplkassenbuchhalter ernannt worden. — Herr Stadt- baunieister Genzmer hat in Anbetracht der tiinsaugreichen Arbeiten aus Anlaß der Feierlichkeiten am 7. September und 18. October feinen ihm bewilligten Urlaub, den er dieser Tage anzntreten gedachte, bi» aus Weitere» aufgebcu müssen.
— Rheinfahrt. Die am Donnerstag stattgesundene vierte Rheiufahrt der Kurdirektion nahm wieder, voin herrlichsten Wetter begünstigt und unter überaus zahlreicher Betheiligung, den besten Verlaus. Das Friihkonzcrt in dem Freiligrath-Heiiu zur „Krone" zu Aß- nianushatisen leitete bei den trefflichen Weinen des Herrn Husuagel und dessen vorzüglicher Küche eine echt rheinische Stimmung ein. Das Mittagsmahl auf dem Jagdschlösse wurde trefflich feroirt; ihm folgten Waldpolonaise und Ball, und an dem National-Denkmal war bei patriotischen Neben und Mnsikklängen auch diesmal die Stimmung wieder eine sehr gehobene. Der Schiffrball und die bengalische Beleuchtung des Biebricher Schlosser gaben der Veranstaltung einen prächtigen Abschluß.
— Kanarr» Knnstsalon. Im Schaufenster der Bangerschen Kunsthaiidluiig sind gegenwärtig drei großeAquarelle ausgestellt, welche die Vorübergehenden in hohem Maße fesseln. „Kairo am Abend", „Die Pyramiden bei Souneuuutergang" und „Sphinx bei Mondschein" sind die Titel der Bilder, welche in ihrer Farbenpracht stet« neue Bewunderung Hervorrufen. Doch die» sind nur drei Aquarelle, während in einem der rückwärtigen Zimmer eine große Reihe Blätter den Besucher der Ausstellung erfreuen. Sie alle verdienten, jede» einzeln, eine kleine Besprechung, denn in jedem steckt ein origineller Künstlergeist, der an» dem Gewirr der prosaischen Einzelheiten in der Natur das ewig Dauernde und ewig Schöne ersaßt und in bestrickend schöner Form und Farbe wieder- iufleben weiß. Es mangelt nn» aber der Raum, deshalb sei hier nur im Allgemeinen aus diese Sammlung hingewiesen. Der Maler hat überall das getreue Lokalkolorit getroffen, dank seiner vor keinem Hinderuiß zurückschreckenden eminenten Aquarelltechuik, welche sich besonders dadurch anszeichnet, daß sie mit großer Sicherheit und Plastik arbeitet. Es ist ein wahrer Genuß, sich der Besichtigung dieser Perlbergscheu Aquarelle hinzugebe». Da die Aquarellkunst von so viele» Laie» geübt wird, dürsten diese ein besondere» Interesse an den Meisterwerken Perlbergs nehmen und dauernden Gewinn aus denselbeu schöpfen.
— Grdrnooerlrihnng. Dem Kammerherrn und Major a.D. Freiherrn v. Malapert-Neusville in Frankfurt a. M. wurde vom Großherzog von Luxemburg das Konithnrkrenz mit Schwertern des Ordens Adolf von Naffau verliehen.
— Zchuluarhrichten. Am 5., 6. und 7. August fanden die mündlichen Prüfungen der externen Maturität» - Aspiranten der Provinzen Rheinland - Westfalen in Trier und Münster statt. Sämmiliche Gym»astal-Oberprimaner de» Pädagogiums Wiesbaden (Direktor: Dr. Lechleitiier) bestanden wieder die Prüfung mit gut bi» recht gut, ein Beweis für die gründliche und gewissenhafte Ausbildung derselbe».
Aus Stadt und Kand.
Wiesbaden, 8. August.
— Grfchilhtskalrndrr. 8. August. 1588. Zerstörung der spanischen Armada durch die Engländer. 1661. Math, von der Schnlenburg, Feldmarschall, * Emden bei Magdeburg. 1807. Emilie Carlen (Flygare-C.), schweb. Noniauschriststellerin, * Ström stad. 1824. Fr. Äug. Wolf, Begründer der Archäologie, f Marseille. 1827. George Caimiug, englischer Staatsniann, f. 1832. Prinz Georg von Sachsen, Feldmarschall, kommandirender General de» XII. Aruieecorps, *.
— gne Kaiferpaar, das italienische KönigSpaar und andere Fürstlichkeiten werden am 7. September hier verweilen, um, wie bekannt, einer Vorstellung im Königlichen Theater beizuwohnen. Aus dieser Veraulassuug hat der Magistrat in seiner letzten Sitzung einen entsprechenden Kredit für die Ausschmückung der Straßen zum Enipfaug der hohen Gäste bewilligt. Tie Arbeiten werden bei der Kürze der noch verbleibenden Zeit Seiten» de» Sitdtbauamt» unter
(Nachdruck verboten.)
Erne abenteuerliche Ballonfahrt.
Von Politiken.
In diesem Augenblick, wo die Welt mit Spannung auf Nachricht ?011 Audröe wartet, wird e» Misere Leser sicher inttreffiren, die Erinnerung an eine der abenteuerlichsten Ballonfahrten anszufrischen, vle jemals auf der Welt ftattgefmiben hat, mid die — in Bezug auf °se Pirückgelegte Strecke — nicht hinter der Ballonfahrt zurücksteht, jjf' der muthige schwedische Lustschiffer momentan über den Nordpol hinweg unternimmt.
Es war am 24. November 1870, zwanzig Minuten vor Mitternacht. als die beiden französischen Luftschiffer Bernhard Dechamp» °nd Paul Nolier ans dem belagerten Pari» vom Gare du Nord aufstiegen.
L _ Der Ballon, der viele Briefe mit sich führte, war für das siid- Me Frankreich beftimmt, der Zufall aber wollte, daß die beiden Franzose» — durch die unerwartete Dazwischenkunft eines Sturmes — • dem Lifjöldet, einige Meilen von Kongsberg in Norwegen, nieder- neien. Um Mitternacht hatte die Auffahrt stattgefunden. Kaum beenden die beiden Franzosen sich in der Luft, als sie bemerkten, daß Ee Itn Norden trieben; gleichzeitig hüllte sie aber ein so starker Mkl ein, daß sie ganz außer Stande waren, zu betirtheilen, wo im ötUeutaum sie sich befanben. Hera blassen konnten sie sich nicht, da |!e furchten mußten, den Deutschen in die Hände zu fallen, war Men da» Leben gekostet haben würde, ganz abgesehen davon, daß Feind sich ihrer sämmtlichen Briefschaften bemächtigt haben «urde. So blieb ihnen denn nichts mehr übrig, als im Nebel s «eitet ^u treiben.
«ei Tagesanbruch vernahmen sie unter dem Ballon ein wnnder- ES hohles, brummendes Geräusch; sie meinten, daß es von einem herrühre, als aber die Sonne nach einer Weile durch
“ 0^tn brach, entdeckten sie zu ihrem Entfetzen, da» sie mit ^_ *”ia»er Geschwindigkeit über da» offene Meer dahintrieben.
(Nachdruck verboten.)
berliner Stimmungsbilder.
(500. Berliner Feuilleton für das „Wiesb. Tagbl.".)
Die erschütternden Nachrichten aus den einzelne» Theilen unseres BaterlandeS über die verheerenden Wasser-Katastrophen habe» hier ein das innigste Mitleid erweckendes, tiefgehende» Echo gesunde», verstärkt noch dadurch, daß die in io Kurzem vernichteten blühenden Gefilde Schlesien» und Sachsen» unzähligen unserer Einwohner bekannt sind und daß wir viele Mittheilungen über die Niiglückstage ganz direkt erhielte», van Sommcrfriidikrn und Touristen, welche sich im Gebiete de» Nieseugebirge» ober der Sächsisch-Böhmischen Schweiz befanben und Zeugen bei unheimlichen Nalur-Ereigniffe waren. Werkthälig regt sich jetzt hier dieNächsten- licbe, und rührig stießen die Geldfpeuden für die von einem schweren Geschick Betroffenen, zunächst für die von privater Seite angeregten Sammlungen, da ja da» Räderwerk unserer Behörden weit langsamer arbeitet und es scheinbar uöthig ist, daß erst eine bestinimteFrist Verläuft, ehe von dieser Seite au» etwa» geschieht. In solchen Fällen aber, wie de» vorliegenden, bewahrheitet sich doppelt da» alte Wort vou dem schnellen Geben, und da Übt die sonst so gern verlästerte und verketzerte Presse ein schöne» und barmherzige» Werk au»; sie ist die erste von allen Hülsrkräften, die sofort lhatkräftig helfend auf dem Plan ist und im Umsehen die reichsten Geldmittel anfbringt — nm nur ein Beispiel zu erwähnen, hat die „Vossische Zeitung" innerhalb drei Tagen s ü ns zehn t an se nd Mark zur Vertheilung nach Schlesien abgehen lasten — die dringendste Noth lindernd und die Verzagten mit neuer Hoffnung erfüllend. Und wenn mau nach berühmtem Muster wieder einmal tüchtig auf die Presse losschlägt, so mag man sich freundlichst auch dieser ihrer Tbätigkeit erinnern, die von ihren Kuliurmissionen doch eben nur eine bedeutet!
Bei derartigen trüben Heimsuchungen durch die nicht immer „gütige" Mutter Natur gedenke» wir in Berlin dankbar der Städte- ßtüuber nuferer Residenz; ob e» Zufall oder Absicht, jedenfalls war die Wahl der Lage nufere» Stadtgebiets eine sehr glückliche. Die brave, gute Spree benimmt sich stets würdig und gesetzt und macht keine übertnüthigen ober gar bösartigen Sprünge; abgesehen vou einem fünften Düsten während einzelner Sommermonate giebt sie nn» zu keinem Tadel Veranlassung und wandelt bieder ihre Bahn, wie e» einer rechtschaffene» Matrone zukowwf. Aber wer weiß, wer weiß, welche Sorgen sie n»S dermaleinst oder unseren Nachkommen noch bereitet I Man will ihr ja frisches Blut, nein Wasser zuführen und sie durch die salzige Ostseefluth gehörig ans- mnntern. Regelmäßig im Hochsommer taucht feit einer ganzen Reihe von Jahren der Plan, Berlin als Seestadt zn erblicken, auf, und auch diesmal wieder fehlte es nicht an feiner ganz ernsthaften Behandlung Seiten» zweier einflußreichen Vereine, des „Bundes der Jndv lcielleu" und de» „Bundes der Berliner Grundbesitzer-Vereine", .die vor Kurzem eine öffentliche Volksversammlung einberufer und auf Grund derselben einen Antrag an die Staateregierung geachtet haben, welcher sich bereit« mit den Wünschenswertheu Tiefeve-Hältnisse» der neuen Wasserstraße zwischen Berlin und Stettin befaßte. So weit ist'» nun noch nicht, und e» wird noch manch Jährchen im Strom der Zeiten verfließen, ehe man direkt von Berlin nach Rügen, nach Kopenhagen und Schweden „gondeln" kann und die bnchtigen Kauffahrer hier im Humboldt- Hasen ober Ergelbecken vor Anker gehen!
Aber baß der obige Plan noch einmal verwirklicht wird, darf man schon jetzt als sicher betrachten, e» kommt eben nur noch auf dar „wie" und „wann" anl Unmöglichkeiten scheint es ja in heutiger Zeit kaum noch zu geben, da» Hat Berlin schon mehrfach bewiesen, und die „alten Berliner", die wir noch habe», sie mögen oft genug ob all der staunenrwertheii Umänderungen verwundert ihre ehrwürdigen Häupter fchütteln. Einer von ihnen freilich nicht, Max Ring, der dieser Tage seinen achtzigsten Geburtstag feierte und der stet» zu den Heroldsrnfern de« in rastlosem Aufschwünge begriffenen neuen Berlin gehörte. In Schlesien geboren nnd i« verschiedenen Stabten später al» praktischer Arzt thätig gewesen, ftebelte er Anfang ber fünfziger Jahre nach Berlin, bo» er in feiner Studentenzeit bereit» genügend kennen gelernt, über, mit wachsendem Erfolge sich der Schriftstellerei widmend und alsbald fein ärztliche»Wirken ganz aufgebend. Er verkehrte viel im Kreise Varuhagen» nnd trat in nahe persönliche Beziehungen zu all Jenen, welche da» damalige geistige und künstlerische Berlin ver
spiegel, als die Franzosen unter sich ein Schiff gewahrten, das sich zu ihrem Leidwesen al» deutsche» Kriegsschiff entpuppte. Im Vorüberfahren feuerte die Besatzung auf den Ballon, ohne ihm jedoch Schaden zuzufügen. Mit zunehnieuder Geschwindigkeit setzte der Ballon seine Reise fort, und die verzweifelten Luftschiffer sahen sich von ihrer Höhe, an» über mehrere Schiffe hinweggesührt, von denen ein einzelnes sogar ihre Signale beantwortete. Sie öffneten da» Luftventil, ehe aber der Ballon den Meeresspiegel erreichte, war da» Schiff bereits außer Sicht. Um wieder auffteigen zu können, mußten sie nun ihren letzten Ballast, sowie ein Packet Briefe auswerf «i. Sie fliegen wieder, und nachdem sie eine Hohe von 12,000 Fuß erreicht hatten, nahm der Sturm zu, und mit immer größerer Geschwindigkeit burchschnitt ber Ballon bie Lust.
Die beiden Lnftschiffer hielten sich jetzt für eine sichere Beute de» Todes. Sie beschlossen, die Qua! abzukürzen, und Rolier kroch in den Ballon-Ring hinauf, um das Gas vermittels eines Streichholzes zur Explosion zn bringen. Während er damit beschäftigt war. sprach sein Kamerad ein Gebet für da» heil ihrer Seelen, und beide erwarteten den Tod, als sie plötzlich eine weiße Wüste unter sich auftauchen sahen und in bet Wüste vereinzelte spitze grüne Bäume erkannten. Der Ballon sank mit rapider Geschwindigkeit, unb ehe bie Franzosen noch Zeit gehabt hatten ein Wort anszutanschen, lagen sie — nach einer 15-stünbigen Luftfahrt — kopfüber im Schnee.
Der Wind entführte schnell den Ballon, die Briefe und die Brieftauben aus ihrem Gesichtskreis.
Die beiden Reifenden hatten natürlich keine Ahnung, wo sie
nicht lange, bi» der Besitzer, ein armer Holzhauer, erschien, nnd seine Ueberrafchnug war natürlich nicht gering, al» er die beiden Männer sah, mit denen er sich natürlich nicht verständigen konnte, und die er schließlich für wahnsinnig hielt, denn sie führten ihn vor die Hütte, zeichneten einen Ballon in den Schnee und schrieben „Paris" darunter.
Der Holzhauer versorgte seine seltsamen Gäste mit Speise und Trank unb führte sie auf endlose» Wegen zum Pfarrer der zunächst gelegenen Gemeinde. Dieser gefftliche Herr verstand so viel Französisch, daß er sich mit den Fremden verständigen konnte. Er beförderte sie am nächsten Tage nach dem Städtchen Kongsberg. Hier verbreitete sich da» Gerücht von ihrer abenteuerlichen Reise wie ein Lauffeuer, und am Abend ihrer Ankunft versammelten sich dreihundert Menschen in dem Hotel, in dem die beiden Franzosen Logi» genommen hatten. Man trank unzählige Gläser Bier, Punsch unb Wein auf ihr Wohl und trug sie schließlich unter Absiiigung der Marseillaise durch den Saal.
Am nächsten Morgen fuhren sie per Dampfer nach Christiania, wo sie am Bahnhof von einer großen Menschenmenge in Empfang genommen wurden, und wo ein Comitö zu einem Fest einlud, da» am nächsten Abend gefeiert wurde, und an dem sich 900 Menschen beteiligten. Nach der Mahlzeit fang der Studeiilen-Verein ein von Sona« Lie verfaßte« Lied, woraus Björuftjerne Bjornson eine begeisterte Rede ausbrachte.
Der Ballon wurde wieder aufgefunden, er enthielt die meisten Briefe und hatte eine Höhe von 68 Fuß. Die beiden Franzosen schenkten ihn der Universität von Christiania. Einige Tage später reiften sie nach England, vo» w» au» sie nach Beendigung de« Kriege» nach Pari» zurückkehrten.
Im Jahre 1887 war Dechamp« in einer Balloufabrik in Mendon angestellt. Er war zu der Zeit ungefähr 60 Jahre alt und trug die Uniform der französischen Ingenieur-Offiziere. Nicht ohne Bewegung erinnerte er sich seiner seltsamen Reise nach dem Norden. Sein Begleiter Rolier sei in Tour» ansässig, erzählte er, doch habe er feit mehreren Jahren nicht» vo» ihm gehött.
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