45. Jahrgang.
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|(|0. 364. Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe.
(Nachdruck verboten.)
Gefnhr im Derzug.
Unser Pariser s-Korrespondent schreibt uns unterm 5. ds.: Es ist eine Hauptregel für die Nadfahrkunst wie für die Politik, bei Wendepunkten die Aufmerksamkeit zu verdoppeln. Als ein für Frankreich wichtiger historischer Wendepunkt wird heute von den französischen Politikern die Auflösung des Handelsvertrages zwischen England und Deutschland bezeichnet. Und auch in der französischen Haudelswclt weckt dieses Ereigniß ernste Bedenken. Achtung! Gefahr im Verzug! — hört man von allen Seiten rufen. Bedeutet dies nicht eine Schwächung der liberalen Ideen im Nachbarlande? Will man etwa auch dort der Schutzzoll-Gottheit huldigen? — fragt der „Temps", und die Befürchtung, daß der Triumph des Schutzzollsystems in England ernste Störungen in der französischen Waaren- Erzeugung nach sich ziehen könnte, findet einen lebhaften Widerhall in der ganzen französischen Tagespresse. England ist Frankreichs bester Kunde, es hat ihm im letzten Jahre für mehr als eine Milliarde Waare abgenommen, eine Summe, welche dem Dritttheil des gesammten französischen Ausfuhrhandels gleichkommt. Wenn England daher einen Schutzmall gegen fremde Waaren errichtet, so ist es der französische Handel in erster Reihe, der den Schaden davontragen würde. Was bedeutet im Angesichte solcher Gefahr der Hinweis des kanadischen General-Kommissariats auf die vorzüglichen Resultate, die Frankreich aus der volkswirthschaft- lichcn Politik Kanadas ziehen könnte? Ja, sogar die direkte Aufforderung zur Befestigung und Belebung der Handelsverbindungen zwischen Kanada und Frankreich, die der kanadische Premierminister Laurier in seiner gestrigen glanzvollen Rede im Hotel Terminus an Frankreich ergehen ließ, ist nicht von weittragender Bedeutung. Die unvortheilhafte französische Zollgesetzgebung ist es einerseits, welche sich der Erweiterung des französischen Marktes hemmend in den Weg stellt, während andererseits ein scharfer Ucberblick von allgemein politischem Standpunkte die Gefahr für Frankreich noch von einer anderen Seite beleuchtet. Dem etwas phantastischen Traume des Panamerikanismus folgte in England schon seit geraumer Zeit die solidere Tendenz zur Bildung einer englischen Weltmacht, ein Streben, das von der kurzsichtigen französischen Handelspolitik nur begünstigt wurde.
In einem längeren Artikel behandelt Maroussem im „Figaro" diese Frage. An der Hand eines geschichtlichen Ueberblicks beweist er, daß England seit jeher die ökonomische und politische Feindin Frankreichs gewesen. England hat Frankreich Stück für Stück die neuen Ländergebiete in Indien und Nordamerika entrissen, es hat den französischen Bergwerksreichthum bis zu einem Grade vermindert, der ihn kampfunfähig machte. Nach 1870 hat England auf dem Festlande den deutschen Soldaten gegen Frankreich ins Feld geführt. Roßbach, Leipzig, Waterloo, Sedan sind die Meilensteine, welche den Siegeslauf dieser Politik bezeichnen. Das Werk Nichelieus — die germanische Uneinigkeit — wurde durch das größere Werk des deutschen Richelieu-
Samstag, den 7. August.
Bezirks-Fernsprecher No. 52. 1897.
Bismarck, durch Deutschlands Einheit, zerstört. Nach Richelieu l kam Colbert, dessen finanzielles Genie zu einer Erweiterung der französischen Handels- und Seemacht drängte. Der deutsche Colbert — wer könnte daran zweifeln? — ist Kaiser Wilhelm II. Diese Leidenschaft für die deutsche Schifffahrt, die Durchbrechung des Kieler Kanals, Hamburgs wachsende Macht, die über die ganze Welt verstreuten deutschen Schiffahrt-Gesellschaften — sind dies nicht Wirkungen des deutschen Colbert-Gcnies, und zwar zu einer Zeit, da in Frankreich auf einen Colbert ein Boucher und auf die großen Seefahrt-Gesellschaften ein Panama erfolgte! Und während die Franzosen in ihrer Kurzsichtigkeit die Engländer, diese „neuen Seeräuber, die Phönizier der Neuzeit", wie es in einem Werke des österreichischen Reichstags-Abgeordneten Peer heißt — noch immer mit bewundernden Blicken angaffen, fühlen diese gar wohl die wachsende Konkurrenz der deutschen Arbeit. Sie sehen sich nach einer Stütze um und finden diese in dem geschwächten und nicht mehr gefürchteten Feinde. Daher Albions liebenswürdige Koketterie mit der französischen Republik. Lord Dufferin verkündet die „entente cordiale“, Stanley mahnt auf seiner Durchreise in Paris: „Verbinden wir uns gegen das germanische Element, sonst ist in zehn Jahren sein Sieg gesichert." Man hebt in gelehrten Büchern die Ueberlegenheit der Angelsachsen hervor, hie und da durchsickert schon englisches Kapital die wichtigsten Pariser Angelegenheiten. Methodistische englische Missionen verbreiten sich über die Bretagne, die Auvergne, den Osten Frankreichs und Algerien. Die Lage ändert sich: ehe zwei Jahre ins Land gehen, wird Frankreich Englands Soldat auf dem Festlande sein. Der Deutschenhaß wird geschürt, das arme Straßburg-Monument wird unversehens zu einem Kollegen des Kornelius Herz.
Hat nun Maroussem mit seinem ganzen Kraftanfwande Sturm geläutet, so bringt er nur etwas kleinlaut seine Hülfsmittel in Vorschlag. Er spricht von den Vorrathskräften, die Frankreich in seiner Landbevölkerung besitzt, von der Industrie und dem Handel, deren Niedergang er vorher selbst zugestanden, von Arbeitsliebe und Sparsamkeit, von den Hoffnungen, die sich an die russische Freundschaft knüpfen, und ermangelt auch nicht, nach echt französischer Art, das Gespenst der alten „gloire“ wieder in Erscheinung zu rufen. Doch dieses Gaukelspiel, so sehr es auch der nationalen Eitelkeit schmeichelt, beruhigt nicht die ernsteren Politiker. Diese sehen wohl ein, daß Frankreich an der Wende des zwanzigsten Jahrhunderts vor der ernsten Frage steht, nicht ob es seinen bisherigen Rang behalten, sondern ob es überhaupt mitzählen wird. Während die englischen Minister — Männer des Wissens und der That — in aller Stille die wichtigsten Staatsmaßregeln vollführen, ergießen die französischen Minister, die Galeerensklaven des persönlichen Ehrgeizes, eine Fluth von Reden und Versprechungen über das Land. Für sie giebt es eben nichts Wichtigeres als die kommenden Wahlen. Wenn aber die französischen Staatsmänner am Wendepunkt der Handelspolitik ihre Aufmerksamkeit nicht verdoppeln, wenn sie den Bruch des englisch-deutschen Bündnisses unbenutzt vorübergehen lassen, dann wird ihnen bald nichts Anderes übrig bleiben, als über den Untergang des französischen Handels Klagelieder anzustimmen. „Achtung! Gefahr im Verzug!" rufen daher Frankreichs Politiker.
Deutsches Kelch.
* fiof- und Versonal-Uachrichtrn. Die kaiserlichen Prinzen reisen am 10. d. M. von Tegernsee ab, die älteren nach Plön zum Schulbesuch, die jüngeren nach Wlhelmshöhc. — Unterstaatssekretär Dr. Fischer genießt, wie die Deutsche VerkehrSztg." feststellen zu müssen glaubt, zur Zeit lediglich einen Urlaub zur Wiederherstellung seiner Gesundheit. Alle weiteren Nachrichten seien nichts als Vermuthungen. Ernsthafte Erörterungen über die ander- weite Besetzung der Unterstaatssekretärstelle hätten nicht stattgefunden.
* Gin Krsuch des Kaisers in Ungarn wird im September statlfindcn. Nach den bisherigen Anordnungen trifft, der „Köln. Ztg." zufolge, Kaiser Wilhelm zur Theilnahme an den großen Manovern bei Totis am 12. September ein und wird den bis 15. September dauernden Uebungeu beiwohne». Dann treten beide Kaiser mit ihrem Gefolge die Fahrt nach Mohacs an, um in den Jagdgründen des Erzherzogs Friedrich auf Hochwild zu pürschen. Erzherzog Friedrich wird mit seinen Gästen auf einem Dampfer eine Jagd- sahrt unternehmen, auf der die erste Morgeupürsch stattflnden soll. Im Ganzen sollen acht Jagden stattfiudeu. Kaiser Wilhelm wird während der Jagden im Forsthaus Karabancsa Wohnung nehmen. Am 20. September begeben sich die Kaiser nach Pest.
* Zur Lage. In einem längeren Artikel, betitelt: „Ein Rückblick aus die Minister-Krise", bespricht die „KreuUtg." die letzten Vorgänge innerhalb der Ncichsregieruug. Das Blatt bestätigt in seinen Auslassungen, daß das Verhalten Boettichers in der ReichStagSsitzung vom 18. Mai bei Besprechung des Antrags, betreffend ein VereinS-Nothgcsetz, lediglich nur ganz allein den Anstoß zu seiner Demission gegeben habe. Am 2. Juni, Mittags, sei Herrn v. Boetticher der „nachgesuchte" Abschied crtheilt »ud fein Rücktritt vom Amt auf den Schluß der damaligen bis zum 22. Juni snspendirten Reichrtagssefsion festgesetzt worden. Weiter tadelt das Blatt die Handelspolitik des Herrn v. Marschall und betont, daß der eigentliche Grund seines Rücktritts in seinem angegriffenen Gesundheitszustand zu suchen sei. Die Ernennung des Serrit v. Thielmann zum Schatzsekrctär stehe außer Zweifel. Zum chluß sagt die „Kreuzztg.": Die Hoffnung auf einen Systcmivechsel müßte in recht bescheidenen Grenzen gehalten werden.
* Postreformen. Der Staatssekräter des ReichspostamteS, Pod bielski, hat sich einem Vertreter der Presse gegenüber über seine Stellung zu den gewünschten und geplanten Reformen seines Ressorts geäußert. Er betonte vor Allem, daß er alle Reformen von Grund aus vollständig planmäßig durchzusühren gedenke, daß er daher alle Versuche zurückweisen müsse, ihn zur sofortigen Beseitigung einzelner Mißstände zu drängen, selbst wenn er die Berechtigung der Klagen auch anerkennen müsse. Insbesondere gedenke Podbielski, das laufende Jahr der Reform d«s Postportos zu widmen und im nächsten Jahr an die Reform des Postzeitungstarifs und des Telephonwefeus zu gehen. In letzterer Beziehung sind bereits einschneidende Reformen geplant. Schon jetzt sei sich der Generalpostmeister darüber klar, daß eine Verbilligung der Telephongebühren im Allgemeinen unter allen Umständen angestrcbt werden müsse. Podbielski hat bereits Maßnahmen ergriffen, um sich über die einschlägigen Perhältnisse in anderen Staaten zu inforniiren. So sind allein vier Beamte zum eingehenden Studium der Telephon-Verhältnisse nach Schweden gesandt worden. Bekanntlich hat Stockholm das ausgcbreitetste Trlephonnetz aller Städte der Welt.
* Zum Mcingrsrtz. Eine Versammlung von WeiugntS- besttzern und Wcinhändlern ans dem Wahlkreise Mainz-Oppenheim in Mainz hat beschlossen, den Aba. Dr. Schmitt zu beauftragen, im Reichstag dahin zu wirken, daß 1. ein vollständiges Verbot der Herstellung von sogenanntem Knnstwein erfolgt und Zuwiderhandlungen mit Gesängniß bestraft würden. Die Herstellung von sogenanntem Tresterwein znm Haustrank soll gestattet sein; 2. soll der Verschnitt von italienischem Rothwei» mit deutschem Weißwein verboten werden; 3. soll die Verzuckerung des im Herbste eiu- geerntcten Mostes nach dem 15. Dezember nicht mehr stattsinden. Der Zusatz von Zuckerlösung soll nicht über 15 pCt. betragen. Die Kontrolle soll durch eine Ortskoinmission und außerdem durch Selbst- dcklaration des gebauten Weines und des Zukaufsweincs erfolgen.
* Militärisches. Infolge wiederholten Schießens auf Posten wurden in Danzig auf Kommandanturbefehl sämmlliche isolirt stehenden Posten mit scharfen Patronen versehen.
(Nachdruck verboten.)
Schuldig?
Von Anna Scyffcrt.
„Da mein Herr Bräutigam nun einmal auf seinem Willen besteht, so wünsche ich mir eine Brillantengarnitur, denn ich habe nicht ein einziges, repräsentables Schmuckstück aufzuweisen. Ich betone aber nochmals, daß mich schon der Besitz dieses schlichten Goldreifes unsagbar glücklich macht —"
Komtesse Dora Veltheim hob die weiße Hand ein wenig, deren vierten Finger der schwere VerlobungLring aus edelstem Metall in mattem Glanz umschloß. Die blauen Augen der schönen Braut aber leuchteten auf in verklärtem Glück.
Freiherr Gisbert v. Roggatz zog die kleine Hand liebkosend zu sich heran und schloß Doras Mund mit heißen Küssen.
„Diese kleine Extrafreude schulde ich Dir wohl, mein Liebling, nach all den Jahren des Entsagens und der siegreich erprobten Treue., Der Brillantenschmuck wird gleichsam ein Talisman für unser Glück sein, denn ich habe das kleine Kapital dazu mit vielen, hoffnungsftohen Gedanken au die Zukunft zusammengespart."
Die Neuverlobten hatten den Erker verlaffen. Die Mütter der Beiden sahen ihnen erwartungsvoll entgegen.
„Ein Brillanlenschmuck soll es sein, meine Damen — bleibt nur noch die Frage offen, ob wir uns zu einem Juwelier begeben wollen, oder ob wir einen solchen hierher beordern."
„Ein Spaziergang würde uns Allen bei dem herrlichen Wetter gut thun. Dabei könnten wir bequem den Einkauf besorgen oder doch uns Schmuckstücke zur Auswahl vorlegen 'offen", bemerkte die Freiin v. Roggatz, Gisberts Mutter, eine kleine, zarte Dame mit einem edelgeschnittenen Gesicht, von dem aber selbst jetzt, als sie mit stolzer Befriedigung an
den beiden hohen, imposanten Gestalten des Brautpaares emporblickte, ein Schatten geheimnißvoller Trauer nicht ganz schwand. Sie mußte in ihrer Jugend bezaubernd lieblich gewesen sein, jetzt aber wurde ihre gelblich-blasse, von zwei tiefen Querfalten durchzogene Stirn bereis von weißem Haar umrahmt. In ihren Wangen war, während Gisbert sprach, eine hektische Röthe aufgetaucht, und ihre braunen Augen, die für gewöhnlich madonnenhaft-sanft blickten, hatten einen unsteten Ausdruck angenommen.
Ein schweres Schicksal war ihr beschieden gewesen. Nach kaum zweijähriger Ehe hatte ihr Gatte in einem Anfall von Geistesgestörtheit, wie man allgemein zu sagen wußte, Selbstmord begangen.
Gisbert liebte und verehrte seine Mutter abgöttisch. Freilich hatte es ihn oft befremdet und gekränkt, daß sie ihn nur wenige Tage besuchsweise in ihrer Nähe duldete, doch war ihm niemals der Gedanke gekommen, sie könne ein Ge- heimniß vor ihm zu verbergen haben.
Man stimmte dem Vorschläge der Freiin eifrig zu, und so begab sich denn die kleine Gesellschaft bald, zum Ausgang gerüstet, auf den Weg zum ersten Juwelier der kleinen, vornehmen Garnisonstadt.
Am Markt befand sich das Geschäft, und als der Inhaber desselben die vier Personen über den Platz und auf seinen Laden zukommen sah, eilte er in das nebengelegene Wohnzimmer, wo seine Gattin und seine Schwester sich befanden.
„Schnell!" rief der Hausherr, „Ihr müßt alle Beide heran, die v. Roggatz kommen!"
Die Frauen wechselten einen bedeutungsvollen Blick und erhoben sich sofort.
„Du, Frauchen, stellst Dich in den Laden hinter die Portiere, beobachtest scharf und giebst mit, sobald sich etwas
ereignet hat, das bestimmte Zeichen! Und Du, Adele, halte Dich hier im Wohnzimmer bereit! Wenn ich den Laden verlaffe, erscheinst Du auf der Bildfläche und unterhältst Dich höflich und angelegentlich mit den Damen.
Als der Rittmeister die Hand aus die Thürklinke legte, wurde von innen bereits geöffnet, und unter tiefen, devoten Verbeugungen begrüßte der Juwelier die vornehmen Herrschaften und fragte nach dem Begehr.
Bald strahlte und funkelte es auf dem Ladentisch in blendender Fülle. Jedenfalls war der Verkäufer derlei Aufträge gewärtig.
Ausrufe des Entzückens entschlüpften unwillkürlich den Lippen der Damen. Sowohl Dora, als auch die beiden Matronen nahmen dieses oder jenes Etui in die Hand, begaben sich damit in die Nähe der Thür, um die Brillanten im Strahl der Sonne in den wunderbaren Farbentönen aufleuchten zu lassen, kritisirien und bewunderten nach Herzenslust und waren augenscheinlich ganz Interesse.
Soeben trat Dora zu der Freiin heran.
„Ich möchte mich für diese Blüthenzweige entscheiden, liebe Mama; finden dieselben auch Ihren Beifall?"
„Sie sind wunderbar fein und duftig gearbeitet," entgegnete die Freiin, mit Kennermiene sich in den Anblick der im reinsten Feuer spielenden Steine vertiefend, „ich kann Ihnen nur beipflichten, liebes Kind, Ihre Wahl verräth gediegenen Geschmack."
„Die Brosche mit dem Rubin als Mittelstück und den rofettenartig darum gruppirten Brillanten ist gleichfalls einzig schön," bemerkte der Freiherr, indem er dem Ladentisch zuschritt und die Augen suchend umherschweiftn ließ, „die Ohrgehänge dazu sind entzückend. . . . Haben Sie die Garnitur mit den Rubinen wieder weggesteflt?" wandte er
