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Wiesbadener Tagblatt.

«s. Jahrgang.

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Uo. 356

Bezirks-Fernsprecher Ro. 52.

Dienstag, den 3. August.

Bezirks-Fernsprecher No. 52. 1897.

Abend-Ausgabe.

Zur Flottenfrage,

i.

Es unterliegt feinem Zweifel mehr, daß wir schon in der nächsten Zeit eine Vorlage vom Reichsmarineamt be­züglich neuer Forderungen für die Vergrößerung unserer Flotte zu erwarten haben. Gut informirte Zeitungen sind der Meinung, daß die s. Z. vom Admiral Holl mann int Reichstag vorgetragenen Pläne demnächst wieder auftanchen werden und ernste, gewichtige Diskussionen zu erwarten sind. Die Versendung der vergleichenden Marinetabellen durch den Kaiser an die Mitglieder der deutschen Parlamente, sowie die Einrichtung eines eigenen Preßbüreaus im l Lleichsmarineamt, an dessen Spitze der Korvettenkapitän v. Heringen gestellt ist und beffen Beruf es fein soll, die große Masse über unsere Flottenverhältnisse anf- ; zuklären, deuten mit Sicherheit darauf hin, daß thatsächlich I solche Neufordernngen zu erwarten sein werden. Ob die­selben, wie man meint, 3400 Millionen betragen werden, oder noch mehr, ist vorderhand gleichgültig; die Hauptsache wird die sein, daß man sich über den Bestand unserer Flotte, sowie über die Ziele und Aufgaben derselben Klarheit zu verschaffen sucht und die Bedürfnißfrage in voller Objektivität und Sachlichkeit prüft. Dabei muß zunächst festgehalten werden, daß für verbrauchte und unsicher gewordene Schiffe vollgültiger Ersatz zu schaffen ist und daß mit den steigenden Anforderungen auch steigende Mittel für die Flotte zur Ver­wendung kommen müssen. Das verlangt die einfache Billig­keit und die Rücksicht auf unsere Marine, die bei aller Meiimngsdifferenz doch stets ein Liebling des deutschen 7 Volkes geblieben ist.

Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, die ersten Anfänge unserer Marine gesehen und als Gymnasiast feinen Fuß wiederholt auf das einzige am Ende der vierziger Jahre existirende, später untergegmtgene kleine Kriegsschiff Amazon e" gesetzt hat, seitdem aber nach Kräften die Entwickelung getreulich verfolgt hat, der ist und bleibt ein Freund unserer Flotte und steht außerhalb des Verdachts, - ihrer Entwickelung mißgünstige und feindselige Stimmungen entgegenznbringen. Blau kann aber ein aufrichtiger Freund unserer braven und musterhaften Marine und doch gewissen Plänen abhold fein, die über das Maß des Bedürfnisses und der vorhandenen Mittel hinansgehen und daher als unzweckmäßig und überschwänglich abgewiesen werden müssen.

_ In der Darstellung dieser Dinge muß man sich der größten Vorsicht und llnbefangeuheit befleißigen und weder nach dieser noch nach jener Richtung tendenziös fein. Ich will dies an einem Beispiel klar machen. Wenn nächstens ein Ersatz für das im Jahre 1878 erbaute Kanonenboot Hyäne" (Schwesterschiff des untergegangenenIltis") ge­fordert wird, so wäre es nicht richtig, denselben zu ver- i sagen. Das Schiff hat zuletzt in mehr als neunjähriger - schwerer und anstrengender Thätigkeit unsere Interessen in Ostasien und der Südsee wahrgenommen, bei entscheidenden

(Nachdruck verboten.)

Aberglaube an Furstenhöfen.

Von Karl v. Roden.

Za, auch an beit Fürstenhöfen ist man vom Aberglauben nicht frei, und wie man sich im Volke durch Irr- und After- s glauben, durch Vorzeiten und Träume beeinflussen läßt, so ist es auch bei den höheren Ständen, so ist es bei den ; obersten Zehntausend, so ist cs in den Königspalästen und " Fürstenschlössern der Fall.

A Ich will ganz absehen von den unterschiedlichenweißen Damen", die sich im Buckingham Palace, ebenso wie in der Wiener Hofburg, dem Berliner und Potsdamer Schlosse, = dem Palazzo Pitti und dem Winterpalais zeigen, und will nur von dem persönlichen, dem nicht geschichtlich überlieferten ß nnd von Generation zu Generation übertragenen Aber- k glauben sprechen.

Am ausgeprägtesten ist wohl der Aberglaube am englischen ; und dänischen Hofe.

K, Wie Jeder, der gern spielt, hat her Prinz von Wales seinen besonderen Spieler-Aberglauben. So pointirt er nur, wenn er zwischen zwei Damen sitzt, vorausgesetzt, daß keine f der beiden ein schwarzes Kleid trägt. Die Karten hebt ' er nur mit der linken Hand ab, nie zählt er seinen Ge- = winn; nie streicht er das Geld mit der rechten Hand ein, e nie schiebt er eS mit der linken Hand zu, und sehr selten ; ist er zu bewegen, am Montag zu spielen, beim ber Montag ist für die englische Königsfamilie bas, was ber Freitag für \ die übrige abergläubische Welt ist. Aehnlichem Spieler- s Aberglauben, nur mit anberen Nuancen, ist Exkönig Milan Serbien unterworfen, ber überhaupt abergläubisch ist |"®,ie ein Kind, nie auf Roth setzt, nichts am Freitag unter­nimmt und vor alten Weibern eine gewaltige Scheu hat, eine abergläubische.

Gelegenheiten erfolgreich eingegriffen und auch während der anderen langen Zeit seiner Thätigkeit sich nach jeder Richtung bewährt. Kein Wunder, wenn der lange Aufenthalt in den Tropen das Schiff nach 20-jähriger treuer Dienstzeit unbrauchbar gemacht haben sollte und ein Ersatz gefordert wird. Dagegen berührte es eigenartig, wenn zum Regierungsjubiläum der Königin von England der PanzerKönig Wilhelm" gesandt wurde, der, obgleich immer noch ein sehr seetüchtiges Schiff, doch von alter Konstruktion ist und immerhin mit dem seemännischen Epithetonalter Kasten" belegt werden darf, ohne daß man übertreibt. Daß zu derartigen Repräsentationen die deutsche Flotte sehr schöne, neue und stattliche Schiffe zur Verfügung hat, wird ja in der allernächsten Zeit die Petersburger Reise unseres Kaisers in überzeugendster Weise darthnn.

Heißspornige Zeitungen machen schon jetzt eifrige Propa­ganda für die denmächstigen Marineforderungen und sprechen ohne Zagen von einer Auflösung des Reichstags, falls die Forderungen abgelehnt werden sollten. Als Haupttrumpf für eine bedeutende Vermehrung der Flotte wird dabei gewöhnlich das Landungsgespenst ausgespielt und die Preisgabe unserer Küsten im Falle eines Krieges. Richtig ist, daß ber wirksame Schutz unserer langgestreckten Küsten eine bebeutenbe Zahl von Schiffen erforbert, wer aber ben Bestaub unserer Flotte auch nur einigermaßen kennt, dem kann nimmermehr ein ernster Zweifel barüber entstehen, baß von einem Preisgeben unserer Küsten gar keine Rebe fein kann. Die Flotte reicht in jedem Falle vollständig dazu ans, den Feind aufs Wirksamste von unfern Küsten fern zu halten und ihm bei guter Gelegenheit eine deutliche und derbe Lektion mit auf ben Weg zu geben; sie reicht aber nebenbei auch aus, unserer Handelsschiffahrt im Kriegsfälle draußen Respekt zu verschaffen, so weit das überhaupt möglich ist. Denn darüber muß man sich klar sein: keine, auch nicht die größte Flotte ist im Stande, ihre sämmtlichen Handelsschiffe vor Ueberfällen durch feindliche Kreuzer zu schützen, das kann selbst die englische Flotte im Kriegsfälle nur tu sehr beschränktem Maße thun, in noch beschränkterem also die deutsche Flotte, welche niemals den Anspruch erheben kann, eine Flotte ersten Ranges zu sein. Deutschland ist keine Kolonialmacht par excellence, seine Kraft wird stets im Landheer ruhen. Bedenkt man nun aber, daß in Kriegs­zeiten die Schiffahrt in der Hauptsache von selbst ruht oder wenigstens stark beschränkt wird, so wird bei dem jetzigen Bestände der deutschen Flotte unser ausländischer Handel gewiß nicht ohne Schutz und Vertretung sein dafür bürgt schon die anerkannte Tüchtigkeit und Umsicht unserer Marine.

Der Kaiser bemerkte in den neuesten Marinetabellen, daß in Amerika kein deutsches Kriegsschiff stationirt sei; da aber die Besetzung der sudamerikanischcn Stationen ein unabweis­bares Bedürfniß ist, so beabsichtigte die Reichsregierung, den Kreuzer zweiter KlassePrinzeß Wilhelm" oderIrene" aus Ostasien zurückznziehen und nach Südamerika zu beordern. Da alsdann noch vier Schiffe in Ostasien verbleiben und damit also dort ausreichende deutsche Seestreitkräfte stationirt sein würden, so hätte der Reichstag gewiß zu dieser Aenderung seine Zustimmung gegeben. Es muß

Daß Königin Victoria häufig Patiencen legt, ist bekannt; ebenso bekannt, daß sie fest an das Orakel derselben glaubt. Aber nicht eine gewöhnliche Whistkarte wird zur Schicksals­karte für sie, sondern viele echte Wahrsagekarten werden von der Königinheimlich" zu Rathe gezogen und üben auf die Stimmung, wie auf die Entschlüsse der Königin einen großen Einfluß ans.

Demselben Karten-Aberglauben ist in ganz hervorragendem Maße auch die Exkönigin Eugenie unterworfen, und nie treffen die beiden greifen Monarchinnen in Balmoral zusammen, ohne sich gegenseitig Karlen zu legen und das Schicksal zu lesen.

Wahrsagerinnen und Wahrsager spielen denn da auch eine große Rolle, und Signor Ruferto, der berühmteste Wahrsager, den London hat, wurde wiederholt nicht nur von der Königin Victoria und der Kaiserin Eugenie, sondern auch von der Prinzessin Beatrice in Anspruch genommen. Diese letztere liegt ganz besonders in den Fesseln des Aber­glaubens durch eine Prophezeiung, die ihr vor vielen, vielen Jahren geworden:Der, den Du liebst," soll ihr von einer Zigeunerin gewahrsagt worden sein,wird nie der Deine werden. Er wird in fremdem Lande sterben, und der, dessen Du wirst, der wird ihm folgen."

Diese Prophezeiung ist nun buchstäblich in Erfüllung gegangen. Prinz Napoleon Prinz Lulu ist, von den Assagais der Zulus durchbohrt, im dunklen Welttheil ge­storben, und er war es, den Prinzessin Beatrice geliebt; der aber, dem sie angehört hat, Prinz Heinrich von Battenberg, ist dem Prinzen Napoleon im Tode gefolgt. Auch er starb tief unten, im schwarzen Erdtheil, im Kriege gegen die Wilden.

Dieselbe Zigeunerin hat übrigens dem Prinzen von Wales auch eine keineswegs erfreuliche Prophezeiung gemacht. Sie lautete wörtlich, wie der Prinz selbst sie erzählt:Ich sehe eine Krone Über Deinem Haupte schweben. Ich sehe, wie Du danach greifst, allein sie wird niemals auf Deinem

auffallen, daß dieser Plan, wie aus den Worten des Kaisers hervorgeht, bis jetzt nicht zur Ausführung gelangt ist. Daß die Entwickelung unserer Flotte ins Stocken gerathen ist, wie manche Organe uns glauben machen wollen, wird aufs Beste widerlegt durch die Mittheilung der That- fache, daß feit dem Regierungsantritt Kaiser Wilhelms II. die Ausgaben für die Marine sich um mehr als daS 2'/--fache gesteigert haben. Während im Jahre 1872 die Gesammt-Ausgaben für die Flotte nur 31 Millionen Mark betrugen, beliefen sich dieselben

1888

auf

51 Millionen Mark,

1889

n

55

ff

ft

1890

n

72

n

ff

1891

n

85

n

II

1892

h

91

V

n

1893

n

81

H

ii

1894

ii

123

ff

n

1895

ii

81

ff

1896

ft

84

ff

ti

1897

129

II

Die vergleichende Statistik

zeigt überdies, daß feit bet

Thronbesteigung Kaiser Wilhelms II. Italien und Oesterreich- Ungarn zusammen nicht so viel für Schiffsbauten ausgegeben haben als Deutschland allein. Wenn neuerdings die be­kannten Ersatz-Kreuzer" abgelehnt wurden, so hat dies möglicher Weise seinen Grund darin, daß der Admiral Hollmann in der Budgetkommission die Kreuzer vorzugsweise für den Dienst in den heimischen Gewässern als nothwendig bezeichnete, um den Schlachtschiffen Seitendeckung zu gewähren, und daß auch anscheinend die vom Stapel gelaufenen Kreuzer in der Heimath thatsächlich Verwendung finden. Vielleicht ändert sich das, da der Kaiser in seiner neuesten Auslassung die Kreuzer für den auswärtigen Dienst als nöthig er­achtet. Ist dies aber der Fall, so dürfte künftig das Parla­ment in der Bewilligung von Kreuzern, bei plausibler Be­gründung Seitens der Regierung, entgegenkommender sein.

Um für die Beurtheilung einer solchen Nothwendigkeit feste Anhaltnngspnukte zu gewinnen, ist es aber nöthig, den Klagen über Mangel an Kreuzern auf den Grund zu gehen und nachzusehen, wo und welche Kreuzer uns etwa fehlen. R. W.

Deutsches Deich.

* Dos- und Versonat-ziachrichten. Der Berliner russische Botschafter, Gros v. d. Osten-Socken, Hot sich vorgestern noch Petersburg begeben, um dem Zusammentreffen der beiden Kaiser beiznwolmcn. Zum Rektor der Berliner Universität für dos Studieuiahr 1897/98 wurde gestern der Professor Gustav Schm oll er gewäblt. Wie derVorwärts" aus Dortmund meldet, wurde der NeichStogsabgeordnete Dr. Sät gen au wegen MojestätSbeleidigung zu drei Monoteu Gefäugniß verurtheilt. Auster dem Botschafter v. Bulow ist gestern auch der KriegSminister v. Göhler in Kiel eiugetroffeu.Reichskanzler Fürst Hohenlohe traf gestern, 11 Uhr Abends, von Russee kommend in Berlin ein.

* v. Köller. Zu der Nachricht derStrastburger Post", dost Staatsminister v. Köller zum Oberpräsidenleu von Schlkswig- Holstein ernannt worden sei, bemerken dieBerl. Neuest. Nachr.", es könne damit nur die amtliche Aussertigung gemeint sei». Die Ernennung selbst sei schon vor Monate» erfolgt.

* Zn der letzte» MintKerrrisr nach Kiel schreibt die Nordd. Allg. Ztg.": Wie neuerdings üblich geworden, hot man

Haupte sitzen." Dcr Prinz von Wales nahm die Prophezeiung damals auf die leichte Achsel, seitdem aber der Tod des Prinzen Sattenberg eingetroffen ist, drückt die ihn be­treffende Prophezeiung schwer auf den Prinzen, der darin fein eigenes, baldiges Ende herauslesen will.

Noch mehr unter ihrem Aberglauben zu leiden hat die kronprinzliche Familie von Dänemark.

Prinz Karl, der eine Sohn des Kroupriuzenpaares, ist bekanntlich ein eingefleischter Spiritist. Er ruft die Klopf­geister, citirt allerlei Geisterspuk und besitzt eine ganze Bücherei von Manuskripten von Geisterhand. Allein auch Prinz Christian und Prinzessin Luise sind Geisterseher, und dies zeigte sich zumal bei ihrer letzten Anwesenheit in Stockholm, wo sie bei dem schwedischen Königspaare zu Besuche waren.

Wie jedes Königsschloß, das sich respektirt, hat neuerlich auch das schwedische Köuigsschloß feine besonderen Gespenster, die allerdings mit dem Hofceremouiell auf sehr gespanntem Fuße zu stehen scheinen. Gleich am Tage der Ankunft der fremden Fürstlichkeiten warfen die Geister auch schon den Oberstkämmerer aus dem Bett; am nächsten Tage oder vielmehr in der Nacht darauf wurde Prinz Christian durch einen Geist aufgeweckt, der ihm mit feiner eisigen Hand über das Gesicht fuhr, und einige Abende später, als Prinzessin Luise in ihrem Boudoir am Schreibtische sinnend Briefe schrieb, sah sie plötzlich auf dem Stuhl ihr gegenüber einen Menschen sitzen. Sie schrie laut auf, und der Mensch, refp. der Geist war verschwunden. Schreckerfüllt rannte die Prinzessin aus dem Zimmer, wer aber kommt ihr im Neben» faalc entgegen? Dasselbe grinsende Gespenst.

Das war für die Prinzessin zu viel, und mit einem schrillen Aufschrei sank sie zu Boden und wurde von der herbeieilenden Dienerschaft in ihr Zimmer getragen. DaS tollste Geistererlebniß aber hatte Prinz Karl einige Tage später. Es war etwa halb elf, da ging der Prinz in den

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