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Verlag: Langgasse 27,

14,50® Abonnenten.

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1897,

Donnerstag) den 22. Juli

Uo. 335

Vczirks-Fernsprechcr No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Margan-ftusgabe

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Heilung hat dies aber überhaupt nichts zu ttjun, da die Negierung schon jetzt, ohne jede Acuderung detBankverfaffniig, die unbeschränkte Befugniß hat, die Geschäftsgriindsätzc und die Kreditgewährung der Neichsbank ganz nach ihrem Willen zu regeln. Die Verstaatlichung könnte hieran überhaupt nichts ändern, im Gcgentheil würde, da mit der Verstaatlichung das fiskalische Interesse wächst, eher ein Aureiz zu tlieuerer Kreditbewillignng geschaffen werden. Endlich darf nicht übersehen werden, daß durch die Verstaatlichung der Neichsbank und die damit nothwendig werdende Neuregelung des Notendankwesens der Anfang zur Beseitigung auch der anderen Privatnotenbatiken und zur Centralisirung des Banknotenwesens gewacht ist. Durch diese Banken, die durch die Verstaatlichung der Neichsbank in ihrer Exi­stenz bedroht werden, wird aber überall dem kleineren Kreditbebütsinb gedient. Durch da», was die Agrarier anstreben, würde also gerade das Gegentheil von dem erreicht werden, was sie eigentlich erreiche» wolle». UebrigeuS dursten auch ans diesem Grunde, nämlich der Gefährdung der anderen Notenbanken, die Bundesstaaten schwerlich geneigt sei», auf die Verstaatlichung der Neichsbank eiuzugehen.

lerne», und seine rechtmäßige Gattin scheute auch in diesem wie in vielen anderen Punkten nicht die Konkurrenz mit der Halbweltdame.

Langsam zog sich die Sache weiter. Der Offizier machte lange Zeit hindurch die Mode nur im Civil mit, sozusagen incognito. Als die Verallgemeinerung zunahm, scheute auch die Uniform nicht mehr davor zurück, und es gewährte immer einen hübschen Anblick, wen» der stolze Krieger, der Schutz des Vaterlandes, gestützt von der zierlichen Gattin, so wenig martialisch wie möglich auf de» erst ganz kürzlich unmodern gewordene» absatzlose» englischen Schnabel- schuhen über das Trottoir schlürfte!

Danach ging es rasend weiter. Der Beamte, der solide Bürger, schließlich der Handwerker. Und wenn man jetzt des Sonntags über die Straßen geht, so sieht man de» braven Musketier, der vor einem halben Jahr »och sei» Fuder Mist aus den Acker fuhr, jetzt in eleganter Lässig­keit am Arme seines Küchendragoners über die Promenade trampeln.

Die Welt hat sich umgekehrt. Der erste Schritt zur Herrschaft der Frau im großenAußenleben ist gethan,spielend und nebensächlich gethan, kaum beobachtet und noch viel weniger als ein Gruudton angesehen, und doch klingt aus ihm deutlich die Melodie der Zeitfrage hervor

Es sind sehr ost die kleinen Zeichen, die eine Bewegung, einen Fortschritt umrtireu.

Der Kamps gegen die Gleichberechtigung der Frau, den diese, nur der ?Jotb gehorchend, im Ringen um die Arbeit aufnimmt, tobt mit Erbitterung in Wort und Ttzat. Jeden Schritt breit muß sie sich mühsam erobern, überall baut ihr die instinktive Angst des be­drohte» Machtherrschers eiserne Manern auf und über diese hin­weg auf goldenen Brücke» schreitet die unterdrückt und zurück- gedrängt werden Sollende lächelnd au die Spitze der Macht, als öffentliche Führerin und Stütze des Mannes. JSine seltsame Zeit, in der man auf der einen Seite die berechtigten Forderungen empört zurückweist und auf der anderen bewährte und bezeichnende Rechte niißachtend von sich wirst!!

(?) Dotzheim, 21. Juli. Dieser Tage verunglückte ein Knecht von der Linnekohlschen Backsteinfabrik. Er sollte einen Wagen Backsteine »ach Wiesbaden fahren. Statt dessen schlug der Knecht, der erst einige Tage ans der Fabrik war, den Weg ein, der nach Dotzheim führt. Dicser Weg ist ein Hohlweg und geht steil ablvärtS. Der Wagen kam ins Rolle», bevor der Fuhrman» hemmen konnte, und fnhr dadurch dem Pferd in die Beine. Dieses scheute und ging durch. Der Fuhrman» konnte nicht answeiche», und der schwerbeladene Wagen ging ihm über das linke Bei». Der Verttnglückte wurde, nachdem ihm in Dotzheim ein Nothverband angelegt worden war, nach Wiesbaden gebracht. Der Fuß wird wahrscheinlich ab» genommen werden müssen. Das Pferd mit dem Wagen wurde, glücklicher Weise ohne einen weiteren Unglücksfall, im Dorfe in der Nähe des GasthausesZum Löwen" gum Stehen gebracht.

b. Ans A essen, 21. Juli. Dem Allgemeinen Verband der deutschen landwirthschaftlichen Genossenschaften mit dem Sitz in Offenbach hat sich neuerdings der Verband der pfälzischen landwirthschastlichen Genossenschaften mit 256 Spar- und Darlehnskassen und 123 landwirthschastlichen Konsum-Vereine» an­geschloffen.

b. gingen, 21. Juli. Jui benachbarten Trechtingshausen wurde heute Mittag auf einer Bank am Rhein die Leiche eines gut gekleideten Mädchens, etwa 23 Jahre alt, gefunden. Die Unglückliche, anscheinend eine Verkäuferin ans der Umgegend, hatte vorerst nach Genuß einer beträchtlichen Quantität Cognac versucht, sich die Pulsader» zu offnen, damit jedoch ihren Zwcck nicht erreicht, vielmehr gelang es erst nach Znsichnahme eines Fläschchens Opium. Die Leiche wurde vorerst in das Leich:»» Haus zu Trechtiugshause» verbracht. Die Crnvttelun.ieu üb.r die Identität der Todte», die nicht das Geringste bei sich führte, was über ihre Person Ausschluß geben könnte, sind in vollem Gange.

45. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. Bezugs-Preis: durch den Verlag 50 Pfg. monatlich, durch die Post 1 Mk. GO Pfg. vierteljährlich für beide Ausgaben zusammen.

Kleine Chronik.

Ein Ladenmädchen in Dortmund, das beim Diebstahl ab» gefaßt worden war, sprang in selbstmörderischer Absicht aus einem Fenster des dritten Stockes und verletzte sich schwer.

Wenn Westfalen Feste feiern! Bei dem in Jserlo hu finit» gehabte» Schützenfest des Bürgerschützenvereins wurde» verzehrt: 400 Hektoliter Bier, 37 Centner Fleisch, 80 Schinken, 4000 Knack­würstchen und mehr als 30,000 Schnittchen.

Mit dem Import lebender Seehunde beabsichtigt die Hochseefischerei-Gesellschast Drosteu.Comp. in Bremerhaven sich zu befassen. Der Versandt der Thiere, unter denen sich sehr schöne Exemplare befanden, hat bereits in letzter Woche begonnen.

Nach derPfälzer Pr." wurden in Ungstein bei Grünstadt in der Pfalz bereits reife Trauben (Burgunder) gepflückt.

Wegen des Verdachts, ihr neugeborenes Kind gelobtet zu haben, wurde die 15-jährige Tochter eines GcschäftS» mauncs in Würzburg verhaftet.

Leben" von Alexander Römer. Mit dem Geschicke eines einfachen Mädchens, das in raschem Fluge zu hohen Ehren und vermeintlichem Glück emporsteigt, aber erst nach einer Reihe schwerster Prüfungen und Schicksalsschläge wahres echtes Glück findet, ist eine reiche Fülle spannender und seffeluder Episoden verknüpst, die uns alle Schichten der Menschheit, von der Bettlerhütte dis zum Fürsten- palast, in plastischer Klarheit vorsühren. Was die Lektüre des Romans für jeden Gebildeten besonders genußreich macht, ist die bei allem Reichthum an sensationellen Effekte» stets vornehme Sprache. Der RomanNeues Leben" ist ein Familienroman im allerbesten Sinne des Wortes.

Personal-Nachricht. Herr Landgerichts-Präsident Cramer hier hat um seine Pensiouirnug nachgesncht.

Sie Glnchtvunsch-Adresse der Stadt Wiesbaden gum 80. Geburtstag des Großherzogs von Luxemburg, Herzogs von Nassau hat solgcuden Wortlaut:Durchlauchtigster Großherzog! Gnädigster Großherzog und Herr! Euere Königliche Hoheit wolle» huldvollst gestatten, daß der ehrerbietigst uuterzeichuete Magistrat in dankbarer Erinnerung au die der Stadt Wiesbaden gnädigst gewährte Fürsorge und Förderung deren herzliche Glück­wünsche zn Hochdero 80. Geburtstag zum Ausdruck bringe. Mögen Euerer Königlichen Hoheit »och eine Reihe glücklicherTage beschieden fei»! Euerer Königlichen Hoheit ehrerbietigster Magistratder Stadt Wiesbaden."

Ausflug derConcordia" nach Zt. Goar. Wir verweisen nochmals auf die in heutiger Ausgabe (Seite 4) enthaltene Anzeige und bemerken anfWunsch, daß der Fahrpreis für Diejenigen, welche sich bis 12 Uhr (morgen Freitag) in einer der in der Anzeige genannten Anmeldestellen vormerken ließen, nur 2 Mark beträgt. Die Belheilignng scheint eine sehr rege zn werden.

Der Katholische Kaufnrännischo Verein Wiesbaden unternimmt am nächsten Sonntag, den 25. Juli, einen Familien- AuSflng (Rheinfahrt) per Extradampfer mit Musik nach Aßmanus- hausen, Jagdschloß, Niederwald-Denkmal, Rüdesheim. Die ge­meinschaftliche Abfahrt erfolgt Mittags 11 Uhr 56 Minuten, TauiuiS- bahnhof, in reservirle» Wagen nach Biebrich, von dort Abfahrt des Extraschiffes 12 Uhr 30 Minute» nach AßmamiShaiiseu. Von hier Spaziergang »ach dem im Wald so schön gelegenen Jagdschloß; dortselbst genießt man eine prachtvolle Aussicht und wird haupt­sächlich dem geselligen Theil, wie gemeinschastliche Lieder, spiele, Tanz, Musikstücke 2C., Rechnung getragen. Eine gut besetzte Musik­kapelle ist engagirt, welche ihre munteren Weisen ertönen lassen wird. Der Vorstand des Vereins bietet auch bei dieser Veranstaltiing wieder Alles auf, tun de» Theilnehuiern recht fröhliche Stimden z» bereiten. Mitglieder und Freunde des Vereins sind hierzu eiugeladen.

Ausgestellt ist im Schaufenster von Saugers Knnst- falon ein Postellportrait, welches die Beachtung aller Kunst­verständigen verdient. Das Bild ist von ungewöhnlich malerischer, kräftiger Auffaffung und in ganz virtuoser Beherrschnug der Pastelltechnik gemalt. Wie wir hören, ist es das Erstlingswerk einer jungen Münchnerin, Fräulein Lotti Pero, welche sich hier niedergelassen hat. Die junge Dame dürste noch schöne Erfolge in ihrer Kunst zu erwarten haben.

Vom Ginhalrcn.

Eine Leserin schreibt uns:

Jede Zeit hat ihre Modelhorheiie» und Unarten. Einmal zeigen sich dieselben mehr im Salon, ein andermal mehr im öffentlichen Verkehrs- und Straßenleben, nnd gewöhnlich machen sie, von de» Spitzen der Gesellschaft ausgehend, in genauer Reihenfolge der Raugklaffen ihren Weg hinab bis in die Kreise des Volkes.

Es sind ihrer gewöhnlich so viele und meistentheils so ver­gängliches Kleinzeug, daß es kaum lohnt, die Thorheiten, die der eine Tag gebar und der andere wieder begrub, weiter zn betrachte» oder gar zu geißel». Aber zwischendurch taucht dann immer etwas auf, das in seiner Lächerlichkeit, Nachlässigkeit und im Abweichen von gewesener Sitte das scharfe Gepräge der Zeit trägt, und als charakteristisch für dieselbe gelten kann. Das ist bann auch keine Eintagsfliege, sondern es zieht sich durch eine ganze Periode, von der großen Maffe vielleicht nicht einmal beobachtet und als auffällig ' erkannt, zum wenigsten in seinem Ursprung und seiner Logik ver­standen, aber instinktiv und gewohnheitsmäßig nachgeahnit, bis es zur feststehenden Sitte der Zeit wurde, und sei» vorangegangeites Gegentheil zur belächelten Ausuohnie machte.

Seit ungefähr fünf Jahre» beobachte ich eine dieser langsam aber sicher um sich greifenden Neugestaltungen einer alte» zu einer neue» Sitte.

Es ist nämlich von Alters her eine bekannte Gewohnheit, daß i Mann und Frau, wenn sie zu einander gehören, sich bei gemein­same» Wegen unterfassen, und ist dies nach meiner unmaßgeblichen Meinung und einer, wie ich annehme, vernünftigen Logik aus dem Grunde hervorgegangen, daß der Man» die Stütze der Frau wurde, und ebenso wie auf dein großen Lebenswege, auch auf den kleine» - Wegen des Lebens sie liebend und weislich führte.

AUS NNd ZUNd.

Wiesbaden, 22. Juli.

Neuer Roman. Mit dem heutige» Tage beginnen wir der Veröffentlichung des hochiiileresiaiiten RomansNeues

Aon hier entfernt hat sich bcimlich die Kleid er- ma eher tu P., Harlingstraße 8, ohne ihre Nähmädchen zu bezahle» und unter Hinterlassung anderer Schulden. Auch die Versicherungs- farten der Näherinnen hat die schlaue Person luitgeuommeii. Anzeige ist erfolgt.

Kleine Notizen. Heute, Donnerstag, Abend findet im Nestanraut Nheinblick", Adolfsallee, ei» Gartenfest, verbanden mit venetianiicher Nacht, Tanz und Feuerwerk, statt, wobei die Negimentskapelle der 80er kouzertire» wird. Die Festorduung liegt in den bewährten Händen des Tanzlehrers Herrn Karl Metzer hier. Der Eintritt ist frei. Wir sind in der Lage, noch nachträglich die Mittheilnng mache» z» können, daß Herr»Kurdirektor Ferd.Hetz'! zufolge einer Depesche des Dekans der medizinischen Fakultät in Jena, Herrn Professor M. Fürbringer, der ehrenvolle Auftrag zu Thei! wurde, in dem Sterbehause des Herrn ProsefforS Dr. Preyer Tranerkränze von der medizinischen Fakultät, von der medizinisch- naturwissenschaftlichen Gesellschaft, sowie dem Reserir-Abend zu Jena niederlcgeu zu lassen, ebenso von dem physiologischen Institut daselbst.

Vereins - Nachrichten.

tturje sachliche Berichte werden bereitwilliost unter tiefer Ueberfchrift aufgenommen.

* Heule, Donnerstag, Abend findet im Klublokal beSNhein- nnb Taunus-Klub" (ZumKrokodil") Berathung über die am 31. 3uli nnd 1. August c. geplante 7. Hauptwauderung (1 '/--tägig): Moselkern, Burg Eltz, Ruine Pyrmont, Mayen, Niedermendig, Laacber See, Andernach statt. Die diesjährige Herbstmandernug de« Klubs hat die Rhön nnd den Thüringer Wald gum Ziel, wird nm 14. August c. angetreten und hat eine Dauer von 9 Tagen. Das Programm dieser Wanderung ist bis iuS Detail ausgearbeitet und im Klublokal Näheres darüber zu erfahren.

Anzelgen-PreiSr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg, für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reclameu die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Adam und Eva werden uns aus allen Bildern zwar stets nur Hand in Hand vorgestellt, aber ich glaube bestimmt, wenn das erste Elternpaar besonders guter Laune mar, ober wenn es anderniheilS nach der ParadieSaffaire manch mühsamen Weg zu beschreiten galt, dann hat Adam wohl auch zur festeren Stütze nnd innigerem An­schluß den Arm gekrümmt, und die liebende Eva oder die müde Eva bat sich ganz so schwer und fest eingehakt, wie es Tausende von Jahre» hinterher die Frauen des Mittelalters, der Renaissance, der Freiheitskriege und der neueren Zeiten lhateu. Nur der neueren, denn die der neuesten thun es nicht mehr.

Ob ^sie" im Erwachen des Bewußtseins ihrer Gleichberechtigung mit dem Man» dieses Blättchen gewendet hat, ober" in der nervöse» Lässigkeit fehler modernen Empsindniig ein Vergnüge» daran fand, sich von der im Gefühl ihrer Macht und ihres Willens erstarkenden Fran leiten zu lassen--, ich weiß es nicht! Aber

Thatsache ist, daß man i» alle» größere» Städte» und Badeorten und von diesen beiden gehe» Modeneuerunge» aus seit Jahren unter zehn nutergesaßten Paaren mindestens sieben findet, bei denen die Frau das Amt der Führung übernommen hat und in stolzer, gerader Haltung de» etwas lässig gebeugten Ehemann oderBräutigani gütig mit sich schleppt.

Im Anfang konnte man das Auflaucheu dieser sellsanteu Er­scheinung nur in den Verhäliniffen der Halbweltdamen finden. Jedes derartig arrangirte Pärchen trug damit de» Stempel des Außersitllicheu au sich, und das hatte immerhin feine Berechtigung. Da aber leider der größte Theil unserer Mode von der Art dieser Damen ausgeht und nur, wenn er das thut, mit Begeisterung von den sittsamsten Frauen aller Stände angenommen und nachgeahmt wird, so dauerte es nicht lange bis zur Verallgemeinerung der neue» Sitte.

Die Aristokratie der Geburt und des Geldes war die erste, welche den modernen Weg des Außergewöhnlichen gleichfalls ein- jchlng. Der unabhängige Lebemann hatte dabei nichts Neues zu

Die Neichsbank.

'(Don unserem Berliner x-Korrespotidenten.)

Kerlin, 20. Juli.

Mit dem Jahre 1900 läuft das Privilegium der Reichsbank ab, »nd von Seiten der konservativen Partei ist bereits angekündigt worden, daß eines ihrer Losungsworte bei den nächsten Wahlen die Verstaatlichung der Neichsbank fein wird. Zweifellos wird die Frage der Reform der Neichsbank in der nächsten ober ber übernächsten Session zu eingehender Erörterung führe», denn auch diejenigen, welche die bisherige Organisation des Reichsbank-Jnstitnts un­angetastet wissen wollen, halten cs doch für nothwendig, bei Ablauf beS Privilegiums eine weitere Veränderung des Verhältnisses zwischen dem Reich und den Neichsbank-Aktionäre» herbeizuführen.

AIS im Jahre 1875 die Neichsbank in Form einer Kombination zwischen den Systemen ber POvcUbauk und der Staatsbank ge­schaffen wurde, verfolgte man damit die Absicht, der Neichsregiernng hinsichtlich der Beaufsichtigung und Verwaltung der mit privatem Kapital errichteten Bank die weitesten Befugnisse beizulegen, gleich­zeitig aber vorsichtige Schranke» dagegen zu schaffen, daß der Kredit und die Einrichtungen der Bank zu rein fiskalischen, ihren wesentlichen Aufgabe» fremden Zwecken benutzt würden. Gegen den damals angeregten Gedanken, eine reine Staatsbank zu schaffen, verhielt sich die überwältigende Mehrheit des Reichstags und auch die konservative Partei ablehnend. Als im Jahre 1889 die Verlängerung des Privilegiums in Frage kam, wurde derAntrag auf Verstaatlichung der Neichsbank mit großer Mehrheit abgelehiit, und auch von der konservativen Partei traten nur 26 dafür ein. Jetzt soll die Verstaatlichung ber Neichsbank aufs Neue zur Forde­rung erhoben werden, und als Hauptgrund wird dafür geltend gemacht, daß dem Staate dadurch ein Gewinn von vielen Millionen iufaßen würde.

Diese vielen Millionen reduziien sich bei näherem Zusehen ganz L erheblich. Die Besitzer ber Baukautheile erhalten aus dem Rein­gewinn zunächst eine Divibeude von 3'/- pCt. Der darüber hinaiis- geheude Gewinn wird zu gleiche» Theile» unter das Reich und die Aktionäre vertheilt; soweit jedoch der Gewinn 6 pCt. übersteigt, fallen * * s!t dem Reich und '/« den Aktionären z». Der Gewinn, ben die Aktionäre während dieses Jahrzehnts über den Dnrch- schnitisfuß von 3'/- PCt. (das weitere Sinken des Zinsfußes bntirt erst aus den letzte» Jahren) erzielt haben, beträgt Alles in Allem jährlich gegen 2'/- bis 3 Millionen Mark. Um diese Summe also und nicht um viele Millionen handelt es sich bei der Frage der Verstaatlichung und diesem Gewinn tritt das Risiko gegenüber, das im Fall des Ausbruchs eines Kriegs sehr groß wäre. Soweit :s sich aber lediglich um diesen Gewinn handelt, ist es keineswegs aöthig, die Finge auf Verstaatlichung ober Nichtverstaatlichung znznspitzen. Als im Jahre 1889 bie Verlängerung des = Privilegiums beschlossen wurde, wurde entsprechend dem gesunkenen Zinsfuß nnd dem großen Gewinn der Neichsbank die Vorzngs- dioidende, die bis dahin 4'/, pCt. betrug, auf 3'/- und bie Grenze, bis zu bet ber Gewinn zu gleichen Hälften vertheilt wird, von 8 aus 6 pCt. herabgesetzt. Unterdeß ist ber Zinsfuß weiter ge­sunken und ber Gewinn ber Aktionäre ist ein sehr großer gewesen, was schon barauS hervorgeht, daß die mit 115 über« nominellen Anlheile auf ca. 160 stehen. Es ist kein Zweifel darüber, baß bei der Verlängerung beS Privilegiums eine weitere Verkürzung des Gewinns ber privaten Theiluehmer erfolgen wird und muß. Die Forderung ist völlig berechtigt, daß die Vorzugsdivibende auf 3 pCt. unb bie Grenze bis zu ber die Gewinutheilung zn gleichen Hälften erfolgt, ans 5 ober 4'/- pCt. gesetzt wird. Wird eine Einigung auf dieser Grundlage erzielt, so kann die Frage des Gewinns überhaupt aus de» Debatten ansscheiben, beult btefer wäre alsdann nicht mehr so groß, und würde das Risiko und die sonstigen gegen die Verstaatlichung geltend zu machenden Bedenken aufwiegen.

Als weiterer Grund für bie Verstaatlichung ber Neichsbank M wird die Unzufriedenheit mit bet jetzigen Verwaltung und bie an­gebliche Notbwendigkeit angeführt, bie Krebitgewährung ber Reichs- £ bank iu anderer Weise zu otganisiten, sie weiteren Kreisen, d. h. vor allen Dingen weiteren landwirthschaftlichen Kreisen, und zwar zu billigerem Zinsfuß zugänglich zu machen. Diese Forderung ist als eine durchaus unbegründete zu bezeichnen. Die jetzige Leitung der Reichsbank hat sich unter der ausgezeichneten Führung beS Reichsbauk-Präsibenten Dr. Koch als eine vorzügliche bewährt. I» Bezug auf Kreditgewährung könnte auch ein reines Slaatsinstitiit nicht weiter gehen, als die jetzige es - Neichsbank, wen» sie sich nicht von ben gesunde» Grundlagen einer soliden Notenbank entfernen will. Mit ber Frage ber Vcrstaat-

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