Wiesbadener Tsgblatt.
45. Jayrgana.
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Verlag: Lauggafse 27.
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Mittwoch, den 9. Imn.
Mo. ī4.
BezirkS-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
18S7.
(Nachdruck verboten.)
Damensport.
Plauderei von Frou-Frou.
Schlank, vornehm in ihrer geschmeidigen Gestalt, mit weit offenen glänzenden Augen, den Hauch blühendster Gesundheit auf dem frischen Gesicht, steigt sie die Stufen zur Terrasse empor. Sie klopft leicht den Staub von der amethpstfarbenen Sporttoilette und schwenkt salutirend ihre mit «in paar Glockenblumen geschmückte Jockeymütze.
„Guten Morgen, Tante Clotilde! Ach, war das schön!"
„Ilka! Bist Du endlich zurück?!" klingt's aus einem der großen Bambusstühle hervor, welche um einen einladend besetzten Frühstückstisch gruppirt sind. Ans flockigen Tüchern und pelzverbrämten Hüllen taucht ein wachsartig gelbes, kaum handgroßes Gesichtchen auf, sehr fein, sehr vornehm, aber verzärtelt, ohne die Frische gesunden Alters, mit gemartertem Ausdruck.
„Endlich?! Ach, Taute Clot, mir sind die zwei Stunden vergangen wie fünf Minuten!" Und Ilka legt ihr Jäckchen 7 ab, zupft ihr Oberhemd von rother Seite zurecht und streckt sich in einen Sessel hinein, tiefathmend, selig in der Er- ? innernng an die herrlich verbrachten Morgenstunden. Dann lächelt sie dem Schinken, den kalten Eiern und dem Brod zu. Doch bevor sie „die Schlacht beginnt", drückt sie auf den Knopf der Klingel.
„Cora und die Hunde", ruft sie dem herbeieilenden Diener zu.
Zwei Minuten, und er bringt auf dem Finger einen Schwefelkakadu, welcher Ilka mit gellendem Geschrei entgegenfliegt, um ihr auf indisch oder hidostanisch stürmische Liebesworte „zuzuflüstern". Die Hunde, Prachtexemplare schottischer Collies, gruppiren sich malerisch und beutelüstern
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suchte sich meist in der neuen Welt, in Amerika und sonderlich in den Vereinigten Staaten, ein neue« Glück, eine neneHeimaih. Eine schematische Darsiellnng zeigt, wie sich der Einwandererstrom, stetig höherschwellend von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, in die Union ergossen "lat und in de» Jahren 1880 bis 1890 aus mehr als 51/. Millionen
(Nachdruck verboten.)
Die Auswanderung aus den europ. Staaten
Vereinigte Staaten von Amerika 6,770.300 Einwanderer.
Einwanderung
nach den Vereinigten Staaten von Amerika seit 1791.
Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt," aber beileibe nicht ohne Rad! Tantchen, Tantchen," schmeichelte Ilka, „darf ich mir in acht Tagen etwa meine Freundinnen und die Vettern einladcn? Mein Bicycle soll getauft werden."
„Kindskopf," murmelt die Tante. „Meinetwegen, ja!"
„Ach, und der Hunger, den man von solcher Morgentour mitbringt. Vier Eier und drei Schnitten mit Schinken hab' ich jetzt intus. Gott weiß, was noch folgen wird! Da, Bube, da Dame," sie wirft den zuschnappcnden Hunden das Fett des Schinkens in die Nachen. „Tantchen, ich schwöre, solchen Hunger hast Du noch nie gehabt!"
„Nein, dem Himmel sei Dank. Zu meiner Zeit war es Sitte, daß junge Mädchen ein paar Weißbrodscheiben halb zwischen den Fingern zerbröckelten, ein Täßchen Thee tranken und höchstens ein feines Schnittchen Braten verspeisten."
Ilka lacht kräftig auf. „Das Mondschein-Prinzessinnen- thum und die Sentimentalität sind ausgcstorben, liebste Tante," ruft sie lustig. Eine neue, gestählte Generation rückt an. Mit irgend einem Mittel mußte doch die Nervosität bekämpft werden, über welche wir die ganze Kindheit hindurch unsere lieben, verweichlichten Mütter klagen hörten." Ilka senkt die Stirn. Um ihren Mund zuckt es. „Ich glaube, wenn die arme Mama nicht das halbe Leben auf der Chaiselongue verbracht hätte, sie lebte heute noch —*
„Meine Schwester war noch zarter als ich," bemerkt die alte Dame seufzend. Schatten der Bekümmerniß gleiten über ihr Dosengesichtchen. Ilka rückt näher. Sie küßt liebevoll die feinen, in Halbhandschuhen steckenden Hände.
„Keine Thrünen, liebes Tantchen, bitte, bitte! Dagegen können auch meine Schiffstaunerven nicht an. — Siehst Du, daß Mama so jung starb, darum grämst Du Dich so
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zu des Mädchens Füßen, vor Freude bellend, als wollten sie etwa einen Einbrecher verscheuchen.
Die alte Dame hält sich die Ohren zu. „Liebste Ilka, wenn Du Nerven hast wie Schiffstaue —"
Ein Fußtritt rechts, ein Fußtritt links — Cora erhält einen „Schnabelstüber" mit der Fleischgabel —, und muck- still sind die Thiere.
Ilka seufzt aus tiefstem Herzen. „Ach, Tantchen, wenn Du Dich entschließen könntest, zu radeln! Du würdest all Deine Rheumatismen und Äeuralgieen los! Du würdest noch einmal jung —"
So verlockend der Nachsatz dem alten Fräulein in die Ohren klingt — sie richtet sich empört auf.
„Ich radeln? Ich diesen ordinären, für Boten und Zeitungs-Austräger passenden Sport mitmachen?!"
„Aber die Gräfin Jtzenplitz ist zehn Jahre älter als Du und sitzt zu Rad — fesch, sag' ich Dir! Und die Mütter von Trude undILilly — von Anita, Else, Jenny —"
„Ach, laß mich mit solchen Müttern in Frieden —"
Ilka klopft sich ein Ei auf. „Tante Clot," ruft sie enthusiastisch, „wenn ich Dir's beschreiben sollte, wie himmlisch solche Radfahrt ist! Siehst Du, als ob einem die ganze Welt gehörte! Wir sind heut fast'bis nach Rosendorf gekommen. Ueber Primelwege, neben blühenden Hecken, ging's dahin, zwischen Feldern hindurch, auf denen das Korn stand wie zartes grünes Haar. Ach, und das Wasser, das uns anzulachen schien 1 Der Kuckuck schrie, und wir fragten ihn wichtige Dinge" — sie küßt Coras gelbes Häubchen —, „bevor wir seine Antwort zu Ende gehört, waren wir schon davongeflogen, irgendwohin. — Ich glaube, die Ammern und Meisen beneideten uns große bunte Vögel, die so dicht über dem Erdboden dahinsausten! — Wie freue ich mich auf die Sommerreise nach Tyrol mit Klitzowsl „Wem
zu erscheinen. — Eine Fahrt bee Soifers nach Palästina soll nach bem „H< ..." "
bas Frühjahr 1898 geplant sein. Da« Blatt läßt sich au« Berlin
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Deutsches Keich«
* «nd Perssnal- y*d)rid)trn. Bei dem Kaiserpaar findet am 11. Juni im Marmor-Palai« ein musikalischer Abenb statt. Die eingklabcuen Gäste haben, wie ber „Konfekt." erfährt, in Kostümen beS Jahres 1797 ober in Uniform
1820 bis 1895 18 Millionen Bürger ans bem AuSlanbe, davon mehr als 15*/> Millionen aus Europa mit fast 5 Millionen aus Deutschland.
Der untere Theil brr Tafel zeigt, wie sich baS EinwanbernngS» verhältniß von 1870 bi« 1891 stellt unb baß auch eine große Zahl von Au«wanberern sich dem britischen Nordamerika znwandte. Das andere Land der Zukunft, Brasilien, dürfte seiner unsicheren politischen Verhältnisse wegen in den letzten Jahren weniger zur Einwanderung gereizt haben, aber e« wird wohl die Zeit kommcn, wo ihm, ebenso wie Argentinien, wieder neue, große Menscheuströine au« Europa zufließen, zumal ja ■ i l.u >, ............ ii lj.. । ii .......... Nordamerika schon angefangen
Ornilllen —
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Locarno nahm, nicht gründlich behoben worden, sondern hat sich, wohl auch unter dem Druck besonder« schwerer Arbeitslast, im Laufe ber Monate noch verschlimmert. SRutje und Erholung für eine längere Zeit sind dagegen die einzigen Mittel, und der Kaiser hat dem Staatssekretär auch zu diesem Zweck den Urlaub bewilligt.
melden, der Bau der evangelischen Erlöserkirche in Jerusalem sei so weit fortgeschritten, daß man schon im vorigen Monat mit der Aussetzung der Thurmspitze beschäftigt war. Die Einweihung der Kirche im Frühjahr 1898 werde um so feierlicher werden, als der Kaiser wiederholt und bestimmt seine Absicht ausgesprochen hat, daran theilnehmen zu wollen. — Reichskanzler Fürst Hohenlohe ist gestern nach Berlin zurückgekehrt. — Der bisherige amerikanische Gesandte am Berliner Hof, Mr. Uhl, hat gestern Vormittag dem Kaiser sein AbberusungSschreiben überreicht. — Zum Urlaub des Frhrn. v. Marschall schreibt ber „Hamb. Korr.": Eia nervöses Magenleiden ist durch ben kurzen Urlaub, den Freiherr v. Marschall im Dezember in
Auskommen und befindet sich trotz ber hohen Steuern unb großen Militärlasten so Wohl unter der Jakobinermütze ber Grande Re- publique, daß da« AuSwanbern fo leicht keinem in den Sinn fällt und da» Sprichwort: „Bleibe im Lande und nähre Dich redlich" hier feine gute Bedeutung hat.
Das Sprüchlein enthält aber einen wenig praktischen Rath für die Bevölkerung eines Landes, in dem der Kampf um die Existenz sich besonders schwierig gestaltet, wo Müh' und Fleiß nur karge Ernte bringen oder wo ein harter, sozialer Druck und üble politische Verhältnisse auf der Bewohnerschaft lasten. Man weiß au» den SchUderuugen der Zeitungen, wie Airglich sich das Leben in Irland gestaltet und in welch traurige Lage namentlich die irische Landbevölkerung unter den Landlords gerathen ist. Kein Wunder daher, daß, wie Frankreich in den letzten 10 Jahren die geringste Au«- wandererzahl stellte, Irland die höchste hatte. Während im ersteren Lande von 100,000 Einwohnern im letzten Decenninm jährlich nur 29 dem Vaterlande den Rucken
kehrten, kommen in Irland auf die gleiche Zahl nicht weniger als 2418, allo mehr als 83-mal fo viel. Dieser riesigen Auswanderung der Iren ist es denn auch hauptsächlich zuzuschreiben, daß Großbritannien in den letzten 25 Jahren, oder vielmehr von 1870 bis 1895 die größte Auswandererzahl erreichte, nämlich 2,726,000 Menschen, also soviel,alr das KönigreichWürttem- berg und da» Großherzogthum Mecklenburg-Schwerin zusammen Einwohner haben. In England ist die Zahl der Auswanderer, wie das unsere Karte au» Profeffor Hickmanns „Universal-Taschen - Atlas" sehr deutlich zeigt, immer mehr gestiegen, in Deutschland hat sie seit fünf Jahren etwas nachgelassen, aber doch ist da» Deutsche Reich das Land, das neben dem
Kertogrep bliche AuUIt von G. Freitag 4 Berndt, Wien Vll l.<
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zu entfremden und eine gewisse Verbindung mit ihnen zu unterhalten, zu ihrem Wohle, wie zum Wohle des Reiches. Bemühungen in diesem Sinne werden wohl bald eine gesetzliche Grundlage erhalten und hoffentlich zum Segen gereichen.
Italien hat in den 25 Jahren von 1870 bis 1895 durch Auswanderung an Bevölkerung verloren: 1,684,000, Spanien 1,119,200, Oesterreich-Ungarn, das an Auswanderungöuulnst Frankreich am nächsten kommt (im letzten Deceunium jährlich 68 auf 100,000), 780,000. Norwegen und Schtveden büßten im Verhältniß zu ihrer geringen Bevölkerung befoubn« viele „Seelen" ein. Und Alle» bas
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Auswanderung.
Verhältnis der überseeischen Auswanderung aus den einzelnen Staaten Europas.
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vorgenannten die meisten Auswanderer zählt; im letzten Vierteljahrhundert fast 2’/a Millionen. Da feine Bevölkerung-Vermehrung, bem Uederfchuß seiner Geburten nach, eine ziemlich starke ist (fünfmal stärker als die Frankreichs), so läßt sich dieser Verlust an ... .. ,nnA .
.Serlenzahl" schon ertragen, wenn man auch wohl daran thut, hat und in den Jahren 1880 bis 1890 aus
Alltg aufzubieten, die scheidenden Söhne des Vaterlandes nicht ganz Einwanderer kam. So gewann die Union
hat, sich die Brüder aus Europa, die es durch ihre Gegenwart beglücken wolle», etwas näher anzusehen und eine gewisse Auslese zu halten. E« ist kaum daran zu denken, daß die Auswanderung nach Amerika so leicht ins Stocken gerathen wird. Der Ueberschutz wird einstweilen meist dort noch Unterkuust suchen. Dieser lieber» schuß aber muß naturgemäß ein immer größerer werden. Können es doch unsere in den letzten Jahren geborenen Kinder noch erleben, daß Europa eine doppelt so große Bevölkerung besitzt wie heute, s.
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; ! Auswanderer aus Deutschland;
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Frankreich hat den geringsten Geburten-Ueberschuß von allen Ländern Europas. Da« Wachsthum seiner Bevölkerung ist ein minimales, und da da« Land ein gesegnete» ist, so macht sich der Konkurrenzkampf, außer in den großen Städten, kaum fühlbar. Die ländliche Bevölkerung hat ihr
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