Mksbs-emr 3agblatt
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Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Wo. 249
Bezirks-Fernsprecher N». 52.
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Seit vielen, vielen Jahren hat keine Rechtssache die öffentliche Neinuilg Berlins so erregt, wie der Prozeß v. Tausch, dessen Ver-
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Morgen ■ Ausgabe.
(Nachdmck verboten.)
Drr Prozeß v. Tausch.
Bon Conrad Alberti.
Kertin, 28. Mai.
Nnzeigen-Preitzr
Die einspaltige Petitzeile für loeake Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 60 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Generalstab, nicht ohne die Polizei-Agenten bestehen können, denen zum TbeN sehr kitzliche Dienstleistungen znfallen, daß die brauchbarsten Agenten oft die unlautersten seien, denen man nm de« Staates willen viele persönliche schlechte Streiche Nachsehen iniiffe, sodaß das Staatswohl oft in der Hand der schlechtesten Subjekte im ganzen Staate ruht. „
Eine hochinteressante Gestalt ist v.Lühow, der zweite Angeklagte, wie o. Tausch ein ehemaliger Offizier. Er wirkt geradezu wie ein Modell Lombrvsor, er ist ein soziologisches und psychologisches Demonstrirobjekt. Er ist dar Musterstück des deklasfirten Junker», der alle hervorragenden Eigenschaften seiner Raffe besitzt, Zähigkeit, Unerschrockenheit, Schlauheit, Sicherheit des Auftretens, — aber alle diese Eigenschaften sind bei ihm krankhaft ins Perverse verkehrt, aus den Kopf gestellt und zum Schlechten gewandt — &. velours, wie Huysmans sagt. Mit solch eiserner Siir» hat vielleicht noch nie ein Mensch gelogen, mit solcher Leidenschaft noch nie ein Mensch seinen verlorene» Posten vertheidigt. Mit eiserner Konsequenz hält er seinen Standpunkt fest, und die ergreifendsten Vorhaltungen des Vorsitzenden gleiten eindruckslos an ihm ab; er habe ganz unter dem dämonischen Banne Tausch« gestanden, dem er vertraut habe, den er geliebt habe „wie der Sohn den Vater", dem er blindlings die niedrigsten und erniedrigensten Austräge, wie die Ausforschung von Spionen, ansgesührt habe, weil Tausch mit dem einen Wort „Staalsinteresse" alle feine Bedenken niederschlng. Jetzt aber seien ihm die Ange» ausgegange», er sehe, daß Tausch seine kindliche Unerfahrenheit (L. ist 40 Jahre alt) elend zu seinen persönlichen Zwecken mißbraucht und ihn ins Unglück gebracht habe, und er handle jetzt nur in der Nothwehr, wenn er die ganze Niederträchtigkeit seines Kumpans enthülle.
Im Gegensatz zu Tausch ist ihm die Gabe des Redens in erstaunlichem Maße verliehe». Er redet Alles nieder, er gebärdet sich wie ein Schauspieler, seine Angaben, seine Gründe werden immer nebelhafter, er sucht Richter und Geschworene mit Worten zu ertränken und mischt da» Unzusammenhängendste durcheinander. Er redet stundenlang, er aairt, gcstikulirt, unterbricht den Borfitzendeu, wühlt in Papieren, er schreit, flüstert, deklamirt, weint, tänzelt. Diese hagere, sehnige Gestalt, an der Alle« spitz und eckig ist. Rase, Kinn, Ellenbogen, diese Miene der Verzweifelten, der nm die letzte Möglichkeit seiner gesellschaftlichen und sittlichen Weiterexistenz kämpft, bekommt dann etwas Dämonenhafte«. Während Tausch durch die leichte Untersuchungshaft völlig gebrochen ist, hat Lützow die Ge- fängnißluft offenbar nicht da« Mindeste geschadet. Er ringt mit dem Präsidenten um jede Minute Redefreiheit, er gebärdet sich, als sei er Herr im Saale und leite die Verhandlung. Gerade wie er e» bedarf, stellt er fein Gedächtniß ein: Bald entsinnt er sich des kleinsten, Jahre zurückliegenden Nebennmstaude», bald weiß er von der jüngsten Vergangenheit nicht mehr da» Mindeste. Mit der sichersten Frechheit hat er einst, ohne ein Wimperzucken, im Gerichttsaal einen unbescholtenen Mann beschuldigt, eine Quittung unterschrieben zu haben, die er selbst gefälscht hatte, obgleich jener Ehrenmann vor ihm weinte— mit derselben Ruhe erhebt er heute die schwersten Bezichtigungen gegen Tausch, der umsonst die glühendste» Blicke gegen ihn richtet, und erst am Ende des dritten Tage« des Verhör», als die Ver- theidiger Tausch» ihm mit mehreren Kenlenschlägen dicht ans den Leib rückten, ihn de« Mißbrauch« seines Offiziersehrenwort», der Berufung auf da« Andenken seiner Elter», der wahnwitzigsten Lüge» in Bezug auf dir höchsten Staatsbeamten und der groben Majestätr- beleidigung beschuldigten, ihm Nameu und Daten vorhieltrn, wurde er wankend und brach innerlich zusammen.
Während sonst in Kriminalprozesien die Angeklagten unter einer Decke zu stecken pflegen, stehen sie sich hier al» Todseinde gegenüber, mit unversöhnlichem Haß, jeden Augenblick bricht der wüthende Kampf zwischen ihnen aus. Das verleiht dem Prozeß eine dämonische Spannung, ein tiefe« psychologische« Interesse. Die Rettung des Einen ist der Untergang de« Anderen — darum muß Jeder sich wehren wie ein Wolf. Ein leidenschastdnrchpulster Kampf zweier geriebener Unholde, die durch die feinsten Schulen de« Verbrecher- thum« gegangen find und nute, stützt werden von je zwei der sichersten und gewandtesten Advokaten Berlin«, bereit jeder sich bestrebt, den befferen Theil seine« Klienten zu erwecken und zur Geltung zu bringen. Jeder der Prozeßbeiheiligten beherrscht die juristischen Formen mit völliger Freiheit nud kennt alle kriminalistischen Erfordernisse und Vortdeile. Daher schleppt die Verhandlung nie, Schlag fällt auf Schlag, ununterbrochen, ti ist ein glänzende» Fechten und Parircn — ein soreufische» Schauspiel vom feinsten und feffelndsten Reiz.
Aus Stadt und Kand.
Wiesbaden, 30. Mai.
— Veschichtskalrnder. 30. Mai. 1431. Die Jungfrau von Orleans in Rouen al« Zauberin verbrannt. 1525. Der Bauern- führrr Thoma« Münzer zu Mühlhausen hingerichtet. 1640. Peter Paul Ruben», Maler, t Antwerpen. 1744. Alexander Pope, engl. Dichter, + Stoickeuham. 1778. Fr. Marie Aronet de Voltaire, franz. Philosoph und Geschichtschreiber, f Paris. 1794. I. Moschele», Dichter, Komponist, * Prag. 1797. K. Fr. v. Naumann, Geolog und Mineralog, * Dresden. 1814. Erster Pariser Friede. 1816. Robert Prutz, Dichter undLitteraturhistoriker, »Stettin. 1835. Alfr.Austin, englischer Dichter, * bei Leeds. 1837. W. v. Wedell-Pierdorff, preußischer Staatsmann, * Frankfurt a. d. O. 1861. Michael Fürst Gortschakow, russischer Feldherr, f Warschau. 1861. Theod. Mundt, Schriftsteller, t Berlin.
— Personal-zlachrichtett. Die Prinzen Hugo und Heinrich von Schönburg-Waldenburg find hier eiugetroffen und im Wctoria-Hotel abgestiegen. — Ihre Durchlaucht Fürstin von MetscherSky ist aus Rußland bitt eingetroffen und hat im Rheinhotel Wohnung genommen. — Herr Intendant Kammerherr v.Hülsen wird in Kürze einen längeren Erholungsurlaub antreten.— Der Amtsrichter vr. Rasso w in Magdeburg ist nach Rüdesheim versetzt. In die Liste der RechtSauwälte ist eingetragen der Gerichts- affeffor Heintzmann au» Stettin bei dem Landgericht in Wiesbaden. — Frau Bilma Pariaghy, die bekannte Porträtmalerin, welche fich von hier zum Kurgebrauch nach Langenschwalbach begeben hat, ist vom Kaiser während seine« hiesigen Aufenthalte» zu einer Malsitzung nicht empfangen worden.
— Nassauische finneakten. Nachdem Se. Mas. der Kaiser die von Sr. Kgl. Hoheit dem Großherzog von Luxemburg erbetene Genehmigung zur Auslieferung der noch im hiesigen Kgl. Archiv befindlichen nassauischen Hausakten bereitwilligst ertheilt hat, wird nunmehr eine von der Grotzherzoglichen Hausverwaltung vorgeschlagene Kommfffion nassauischer Historiker in Gemeinschaft mit der hiesigen Kgl. Archiv-Verwaltung die Ausscheidung der von der Archiv-Verwaltung zu diesem Zweck bereit» gesicherten Akten vornehmen.
Sereltte - Nachrichten. ____
Ifurje sachliche Berichte werden bereiwilligft unter dieser Ueberschrisl ausoenamae».
* Am Himmelfahrttag unternahm der „Wiesbadener Radfahr-Verein" feine altgewohnte Tour durch das Wisper- thal, die wieder alle Theilnehmer auf da» Höchste befriedigte. Während die meisten Radler pünktlich um 6 Uhr frub pom ©tart abfuhren, benutzte ein kleinerer Theil die Bahn zur Station Eiserne Hand. Ein gemeinsame» Frühstück vereinigte alle Ausflügler im Kurhaus zu Langenschwalbach. Von hier ging e» durch da» Wisperthal zur Lauckenmühle zu einem gemülhlichen Frühschoppen, bei welchem das Klubmitglied Herr Julius Jacob von der fröhliche« Gesellschaft, 14 Damen und 46 Herren, eine photographische Ausnahme machte. Um 11'/. Uhr wurde die Fahrt ühn Lorch yiüh Bachargch fortgesetzt und daselbst im .Hotel Vastuu»
für die Abend-Ausgabe bi» 11 Uhr Vormittaar, für die Morgen-Ausgabe bi« 3 Uhr Nachmittag,. - Für die Aufnahme spLter eingereichter Anzeigen zur -Armaymr nächsterschemenden Ausgabe wird »eine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
Neinuilg Berlin» so erregt, wie der Prozeß v. Lausch, dessen Verhandlung Montag, den 24., im großen Schwurgerichtssaal in Moabit begann — ein Handel von so ungeheurer Ausdehniing, daß am Abend de» dritten Lage« noch nicht einmal die Einleitung, dic Ver- r nng der beiden Angeklagten, beendet war. Gegen 80 Zi zu hören, sodaß di« Sitzungen vielleicht Wochen lang dc
— Kchulnachrtcht. Am Anfang de» Schuljahre» 1897/98 wurden in de» städtischen Mittel- und Elementarschulen inSgesammt 1276 sechsjährige Kinder, gegen 1134 im Vorjahre^ auf- genommen. Dieselben vertheilen sich auf die einzelnen Schulen wie folgt: a. Elementarschulen: Bleichstraßschule: 251, 128 Knaben und 123 Mädchen, Marktschule: 116, 56 Knaben und 60 Mädchen, Cafiellstraße: 218, 105 Knaben und 113 Mädchen, Schulberg: 239, 111 Knaben und 128 Mädchen, Vehrstraße: 161, 87 Knaben und 74 Mädchen, und Clarenthal: 4, 3 Knaben und 1 Mädchen; b. neue Mittelschulen: Rheinstrabe: 200,105 Knaben und 95Mädchen, Stift« strciße: 87, 49 Knaben und 38 Mädchen. Von den A-B-C-Schützen entfallen auf die Elementarschulen 989, und zwar 490 Knaben und 499 Mädchen, auf die neuen Mittelschulen 287, wovon 154Knaben und 133Mädchen sind. Die gesammte Schülerzahl der städtischen Volks- und Mittelschulen betrug zu Anfang 1896/97 7492, die Zahl der Abtheilungen 140, zu Anfang 1897/9 8 7939 und die Zahl der Abtheilimgeu 144. Die Schüler vertheilen sich auf die einzelnen Schiilen wie folgt: Elementarschulen 5479 in 92 Abtheilungen, alte Mittelschulen (seit Ostern d. I. nur noch Klaffe! und H, Vund VI) 1598 in32 Abtheilungen und neue Mittelschule» 862 in20 Abtheilungen. Die größte Schülerzahl hat die Schule in der Bleichstraße mit 1642 in 26 Abth., dann folgt die Schule in der Castellstraße mit 1582 in 26 Abth. Von de» am 10. Mai vorhandenen Schulkindern waren 4004 Knaben und 3935 Mädchen, 5356 evangelisch, 2453 katholisch, darunter 41 altkatholisch, 70 sonstige christliche Religion und 60 israelitisch. Zu Ostern 1898 kommen 786 Kinder, 468 in den Elementarschule» und 318 in den Mittelschulen, zur Entlassung.
e. Inl> Uiiunis-Ausstellung. Es wird uns geschriebeii: Von dem Maler Richard H end o rf, zur Zeit Lehrer an der Kunstschule zu Berlin, sind znr Jnbilänms-Anestelluug des „Kiinstvereins" etwas verspätet 14 Aquarelle und 2 Stillleben emgetroffen. Erstere wurden von der ffoiuuiiffioii so bedeutend gefunden, daß wenigstens für 9 noch Platz geschaffen wurde (minderwerthige Sachen von anderer Seite wurde» bei Seite gestellt), während die 2 großen Stillleben einstweilen in der Gemäldegallerie de» Museums ausgestellt find. Richard Hendorf, der Sohii eines nassauischen Lehrers, bittet so schöne Leistungen, daß mir nus gedrungen fühlen, gelegentlich seiner ersten Ausstellung iu feiner engeren Heimath besonder» auf ihn aufmerksam zu mache». Bis zu seinem 20. Lebensjahre (jetzt wird er 36 Jahre zäblen) war er gewöhiilicher ©tubeumalcr und bei einem hiesige» Dekorationsmaler (Dehme) in Stellung. Nachdem er einige Semester die Kiinstgewerbefchule zu Dresden besucht, erhielt er eine Lehrerstelle an der kunstgewerblichen Fachschule zu Köln, sodann infolge feiner vorzüglichen Leistungen ein Stipendium der preußischen Negiermig für die Kunstgewerbeschule in Berlin. Hier zeichnete er sich in hervorragender Weise au«, sodaß er ein Neifestipendinm für Italien und bald daraus ein zweite« für Frankreich zum Zweck des Studium« der künstlerischen dekorativen Malereien beider Länder erhielt. Im Oberlichthof des Berliner Museum» waren vor einigen Jahren über 100 Aquarelle und Oelsarbenfkizzen von Hendorf ausgestellt, unddieKritikrühmtdaS iiiigewöhuliche,au»aereifte Talent, die Fülle und Vielseitigkeit seine» Schaffens, den Fleiß und die Arbeitskraft des Künstlers. Architektur, Innendekoration, Landschaft, Marine in bunter Aufeinanderfolge, ausgenommen in Venedig, Verona, Florenz, Rom, Pompeji, Neapel, Capri, Sizilien, sogar an« dem fernen Tunis und Egypten, erregten die größte Bewunderung. Auch im „Knnstverein" zu Dresden waren wohlgelungeue Aufnahme» von Landschaften, Interieur«, Deckengemälde, Gobelin«, Fresken, Ornamente und Gefäße in Oel und Aquarell von Hendorf ausgestellt, und auch dort hat man „den echten Künstler von innerlicher Kraft der Stimmung, sowie seine souveräne Aquarelltechnik" rühmend anerkannt.
— Schwurgericht. Die Ansloosnng der Geschworenen für die am 21. Juni er. beginnende Schwnrgerichtstagnng findet am 1. Juni, Vormittags 11 Uhr, statt.
— Turnerische». Da« Feldbergfest wird am 13. Juul und da» Kreis-Turnfest de» Mittelrheinkreises vom 10. bi» 14. Juli er. in Homburg v. d. H. abgehalten. Da» Turnfest de» Gaue» Wiesbaden ist für Sonntag, den 8. August, und als Festplatz ein Tbeil des großen Exercirplatze» an der Schier» steinerstraße in Aussicht genommen. Die Genehmigung der Militärbehörde, welche nachgesucht ist, wird wahrscheinlich ertheilt. Für die turnerischen Massenaufführungen dürste der große Platz von be» fonberem Vortheil fein.
— Langer» Kunstsalon (Taunurstraße 6). Ren ausgestellt; Kollektion Walther Leistikow (Berlin): Oelgemälde, Aquarelle, Radirungen; Hans Dahl (Berlin): „Das Schwein ist los , „Im Mondenschein"; L. Dettmann (Berlin): In der Sommer- frische"; W. Feldmann (Berlin): .Abenddämmerung", „Burg am Rhein"; O. Frenzel (Berlin): „Märkische Landschaft^, „Meuterei"; H. Völker (München): „Marine"; Starhle (München): „Feierabend"; Höniger (Berlin): vier Pastelle; Müller - Knrzwelly (Berlin): „Meeresstille", Landschaft; E. v. Röge (Frankfurt): „Weiblicher Studienkopf", Portrait; Krezzer: „Am Waldsee", Aquarell; A. Hüser (Düffeldorf): „Waldinneres". Ferner wird nächste Woche eine Ausstellung französischer Plakate eröffnet werden.
— Das panorama-Photoplastik, Langgaffe 25, erfreut sich fortwährend eine» guten Besuch». In dieser Woche gelangen zwei Serien zur Ausstellung. Von Sonntag bi» Mittwoch Abend kommt Berlin mit den neuesten Ereignissen, sowie die Gewerbe-Ausstellung vom vergangenen Sommer zur Ansicht. Von Donnerstag 6t» Samstag folgt Spanien und Portugal.
i — Verhaftet wurde gestern die Wittwe Schütze, welche vor einigen Wochen von Berlin hierher verzogen ist und zuletzt in der Bärenstraße wohnte. Sie steht im dringenden Verdacht, fich an ihrer eigenen 15-jährigen Tochter der Kuppelei schuldig gemacht zu haben. ____________
45. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgabe«. — vezngs-PrelS: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werben.
werden.
Berlin hat in den letzten 50 Jahren eigentlich nur drei politische Prozesfe ersten Range» gehabt: den Waldeck-, den Arnim- und den Tauschprozeß. Der eine, ein „Bubenstück, gemacht, um einen ehrlichen Raun zu verderben" — der Kamps einer verrottete» Clique gegen >en tadellosen Vertreter einer neuen, aufstrebenden Gesellschaftsklasse, lerer Tmporflug es zu unterdrücken galt — der Konflikt zweier formten Schichten. Der andere da» Dnell zweier Männer, beide ausgezeichnet und wohlverdient: der Vernichtungsschlag de» herrschbewußten Genie» gegen da» Talxnt, dar eigene Wege znchvandeln wagen will. Der dritte die amtliche Kriegserklärung zwischen zwei hochwichtigen Staatsbehörden, dem Auswärtigen Amt und der politischen Polizei, die im beruflichen Jnnenverkehr sich längst ab=
Man entsinnt sich noch der aufregenden Dezembertage des S vorigen Jahres, an denen der Prozeß Leckert-Lützow verhandelt wurde. Jeder Tag brachte damal» überraschende Wendungen: bte L Entlarvung de» Abkömmling» einer hochadlige» preußischen Familie I al» gemeinen Fälscher», die Enthüllung de» politischen Redakteur» i einer große» Berliner Zeitung al» Poiizeiagenten, die Verhaftung ' de» bekanntesten Berliner Kriminalkommiffar» wegen vermuthlichen Meineid» — ein hochdramatischer Moment jagte den andern. Dte höchsten Beamten des Reich» erschienen mit langen Reden im Gerichts- I saal, der Staatssekretär Frhr. v. Marschall erhob die schwersten An- t klagen gegen die politische Polizei.
Schon dieser Prozeß hatte die befremdendsten Streiflichter aus 1 die höchsten Gesellschaftsklassen geworfen, hatte »»s zwei Munster gezeigt, von denen der eine den anderen der schlimmsten Jutrignen und Indiskretionen gegen ihn für fähig hielt — und kaum beginnt der neue Prozeß, so zeigt sich uns schon wieder einer dieser früheren i Minister, den schlimmsten Verdacht gegen einen hohen Beamten und Bertraueiismann des Kaiser» hegend.
Der öffentliche Kampf zweier hohen Behörden gegeneniander, der diesem Prozeß sein besonderes Kochet flieht, ist eine erstmalige Abweichung von den UeberNeferungen der preußischen Beamtenschule. Er ist nur dadurch möglich, daß augenblicklich die höchsten Beamten de« Reichs Süddeutsche find. Wahrend da» preußische Prinzip dahingeht, uuter allen Umständen den Eindruck der Homologie aller Staatsbehörden vor der Oeffentlichkeit aufrecht zu erhalten und jede AnSwechsluiig einzelner Theile der Staatsmaschnie, jede Beseitigung partieller Hemmniffe im Geheimen vorzuiiehmen, gestattet die süddeutsche Diplomatenschule der Oeffentlichkeit gelegentlich freiere Einblick in das interne VerwaltuiigSleben. Der Zufall will, daß die erste Anwendung diese» „neuen Kurses" fich auch gerade gegen einen Süddeutsche» kehrt: v. Tausch ist ein Landsmann des Fürsten Reichskanzlers.
Der Zudrang de» Publikum» ist sehr stark, aber man ist bei der Ausgabe der Einlaßkarten sehr vorsichtig gewesen. Journaliften, höhere Polizeibeamte, frühere Kollegen de» Herrn v. Tausch, höhere Offiziere, Angehörige der Geschworenen und Anwälte düdeu e» zum größten Theil. Die Geschworenen find sehr würdige und korrekte Herren, größtentdeil« dem Kaufmannsstande angehörig. Sie stehen den verwickelten Verhältnissen der Preffe ebenso fern wie der schwierigen Matenr der Politik, aber man lieft auf ihren Gesichtern den Pflichteifer, mit dem sie der endlosen Verhandlung folgen und sich in da» fernlieaende Stoffgebiet einzuleben bemühe».
Eine prachwolle Gestalt ist der Vorsitzende, Landgerichtsdirektor Rösler, der den tiefsten Ernst mit der gütigsten Menschlichkeit vereint, Allem bi» ins kleinste Detail nachforscht, aber den Angeklagten und ihren Vertheidigern den weitesten Spielraum läßt. Der Angeklagte v. Lützow hat in dem früheren Prozeß eine Art Getzändniß abgelegt und versprochen, die volle Wahrheit zu sagen und ein neues, 1 ehrbare» Leben zu beginnen — unablässig ermahnt ihn der Vorsitzende, bei der vollen Wahrheit zu bleiven und nicht, nm fich zu retten, den Bankgenoffen fälschlich zu bezichtigen. Er will, daß man auch von den Angeklagten nicht zu viel verlange, daß man nicht jebe« Wort auf die Goldwaage lege, nicht ihnen aus kleinen, verzeihlichen Jrrthümern Fallstricke drehe: wenn jeder Mensch von jeder Minute seine» Leden» nach Jahren genaue eidliche Rechenschaft geben müffe, meint er, bann möge Gott jeden behüten, als Kuge vor Gericht geladen zu werde».
Die beiden Angeklagten sind grundverschiedeue Naturen. Tausch, in dessen Diensten Lützow so lange geheim gestanden, bi« dieser den Speer umkehrte und nun zum schärfsten Ankläger seines ehemaligen Brichherru wurde, erscheint al» der minder Bedeutende und Jiiter- effaute Er hat bei Allen, die ihn kannten, auch auf der Höhe seiner Wirksamkeit, immer für eintu ziemlich inferioren Menschen «aalten. Tausch sitzt auf der Sufiagebank in sich zusamuien- gejuüken, mit seiner fcharsen Hakennase, seinen glühenden Augen 5 dem magere» Gesicht, wie ein Geier auf feinem Baumast im Käfig de» zoologischen Garten». Er war Zett seines 8dxfl8 der Mann der Neinen Jnttigue und der großen Em- bWung. Wer mit ihm in Btrühung kam, den strebte er zu «einen ' Verbrechen zu verleiten, um ihn bann ganz in der Hand zu haben und zu seinen unsauberen Diensten zu zwingen. Er wirkt wie «ne Gestalt au» den Kolportage-Romanen, wie eint Figur au» der Zeit der plumpen Nachahmungen Eugen Sue». Er denkt scharf, ist aber kein Redner, er spricht stockend, sucht nervö» nach den Worten und bückt dankbar zum Vorsitzenden, wenn dieser ihm zu Hülfe kommt. Niemand bleibt unbewegt bei dem fich ausrollenden Bilde diese» zeitlebens vonWucherern undGlänbigern gehetztenKriminalkommiffarS, der tagsüber auf der Berufsjagd nach Schurken und Verbrechern, Andere verfolgend, bei der Heimkunft, im eigenen Haufe selbst der Gejagte, Friedlose ist, um geheimer Schuld wlllen. E». berührt nicht unsympathisch, wie er mit, wenn au» vielleicht künstlicher Pietät von seinen verstorbenen Ches» spnchtt und die Enthüllungen, die er über Polizeiamt und P-lizelbienst macht, seffeln da» Publikum. Er sagt, daß die höchsten Behörden, wie da» Ministerium, der
