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Wiesbadener Tagblaü

Verlag: Langgasie 27.

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45. Jahrgang.

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Uo. 200. Bezirks-Fernsprecher No. 52. Freitüg, dkN 30. Apki!. Bezirks-Fernsprecher No. 52. 1897.

Deutscher Reichstag.

O Berlin, 29. April.

Der Reichstag setzte heute die erste Lesung des Invaliden- Versicherungsgesetzes fort. Abg. Molkenbuhr (Soz.) führt ans, daß der Ploetzfche Antrag in besserer Form bereits in dem sozial­demokratischen Antrag von 1889 euthalten sei. Er erkenne an, daß die bestehende Gesetzgebung durch die Zahlung der Altersrenten der Landwirthschast zu grobe Lasten auserlege, doch sei der Ploetzsche Weg nicht gangbar. Man möge, da Abhülfe geschaffen werden müsse, sich vorläufig mit dem Antrag Roesicke begnügen, bis eine gründliche Reform voraenommcn werden könne. Abg. Hofmann (nat.-lib.) ist ebenfalls der Ansicht, daß mit der Abhülse der bestehenden Mißstände nicht gewartet werden dürfe, bis eine ganze Reform ge­macht werden könne, und spricht sich daher für den Antrag Roesicke ans. Indessen erscheine es ihm, so wüiischeilSwerlh cs auch fei, doch sehr zweifelhaft, daß der Gesetzentwurf noch in dieser Session zu Staude kommen werde.Abg. Frhr.v. Hertl ing (Centr.) sieht in den anerkannten Mißständen der Bersicheruugs-Gcsetzncbnng den Beweis dafür, daß die Bedenken des Centrums bei Beralhung des Gesetzes von 1889 gerechtfertigt gewesen seien. Seine politischen Freunde hielten aber den Weg der Regierung nktjt für richtig, sondern für bedenklich, und cs tonte deshalb zur zweiten Lesung des Gesetzentwurfs ein Antrag des CcntrumS eiugcbracht werden, der eine gründliche Reform herbeiführen solle. Der Antrag solle den Umfang der ZwangSbcrsicherung eiuschränken und den kleineren und mittleren Grundbesitz, das Handwerk und da« Gesinde unter Wahrung erworbener Rechte davon aiisschlicßcn. Eine Zusammenlegung von Unfall- und Jnvaliditätr-Vcrsichernug werde dann möglich sein. Abg. v. Salisch (kauf.) kann sich nicht mit dem Antrag v. Ploctz ideulifiziren: wer den Vor- theil habe, miiffe auch die Lasten tragen. Hoffentlich lasse sich in der Kommission «in Weg finden, nm wenigstens die schwersten Mißstände zn beseitigen. Abg. Hilpert (b. k. F.) erklärt, daß seine Freunde für den Antrag des Ccntrnms, wenn dieser aber nicht durchdringe, für den Antrag v. Ploetz stimmen würden, damit auf jeden Fall die Landwirlhschast entlastet werde. Abg. Gras Stolberg (foiif.) steht im Wesentlichen ans dem Standpunkt des Antrags v. Ploetz und wünscht vor allen Dingen eine Erhöhung des Rcichszuschusses und eine Vcrthcilung der Lasten auf sämmtliche Vcrficherungsanstalten. Abg. Werner (deutsch- soz. Rcsp.) wünscht eine stärkere Heranziehung des Großkapitals zu den Lasten und deren Vertheilung auf sämmtlicheVersicherungsanstalten,, sowie eine Vereinfachung des Klebegesetzcs. Ein Nothstaudgesetz, tote es der Antrag Roesicke wolle, sei völlig verfehlt. Abg. Aichbtchler (Centr.) spricht sich im Sinne des Abgeordneten Freiherrn v. Hertling und gegen den Antrag v. Ploetz ans. Wg. v. Levetzow (kons.) stellt fest, daß die Belastung der kleinen Laudwirthe durch das bestehende Gesetz nicht zu groß fei; die Unbequemlichkeit liege in dem Kleben, für das sich aber bisher ein Ersatz nicht gesunden habe. Sehr lästig und über­flüssig sei die durch den vorliegenden Entwurf vorgesehene Vermehrung der Aussicht. Die Ucbertragnug der VersicheruugSlasten auf sämmtliche Anstalten sei uothwendig. Der Antrag, den da» Centrnm augcküichigt habe, sei so radikal, daß auch seine Annahme unmöglich sei. Ebenso halte er den Antrag v. Ploetz für unaur- Wrbar. Er beantrage, den Gesetzentwurf mit den beiden Anträgen der Kommission für die Unfallversicherungsuovelle zu überweisen. Nächste Sitzung Freitag, 2 Uhr: Fortsetzung der heutigen Berathung.

* * *

Die Bud getkommission des Reichstag« fuhr Inder heutigen Sitzung in der Berathnug der Gehaltsverbesserunge» der Beamten der Tarisklaffe 3 fort. Bei den Corpsauditeuren wurde das Höchstgehalt nur auf 6300 Mk. statt 6600 Mk. normirt. Für die Bauräthc, die Oberposträthe und Posträthe wurde das Höchst­gehalt nur auf 6900 Mk. statt der geforderten 7200 Mk. bewilligt, ebenso wurde bei den Jutendanturräthen das Höchstgehalt auf nur

Abend-^assgafoe.

6300 Mk. statt 6600 Mk. normirt. Die Verhandlung verzögert sich durch die zähe Vertheidigung jeder Ziffer durch die in der Kom­mission an« den verschiedene» Ressorts anwesenden Negierungs­kommissare überaus.

Die Kommission für die Handwerkervorlage hat die §§ 8t bis 91 b erledigt. Diese Paragraphen handeln von den freien Innungen. Es wurden nur geringsügige Abänderungen be­schlossen, die hauptsächlich bezwecken, die Geuehmianngsklauselu der Behörden abzuschwächen. Ferner wurde der Aufsichtsbehörde das 'Recht verliehen, in dem Falle, daß bei Junungskraukenkaffcn die Wahlen der Gesellcnvertreter nicht zu Staude kommen, solche Ver­treter zu ernennen.

Vreuszischor Landtag.

O Kerli»,, 29. April.

Abgeordnetenhaus.

Das Abgeordnetenhaus setzte heute die zweite Lesung des KultnS- etats, in Verbindung mit derjenigen des Nachtrags zum Normaletat für die Leiter und Lehrer an höheren UuterrichtSaustaltcn und der­jenigen der Antrags Hcydebrand, betreffend das Diensteinkommen der Geistlichen, beim Titel .Besoldung de« Ministers" fort. Abg. Graf zu L i mbnrg-S t ir » m (kons.) betont den gestrigen Aus­führungen des Abg. Seyffardt gegenüber, daß die Regierung in ihrer Stellungnahme zum Religioiisuiiterricht der Dissidentenünder voll- komineu Recht habe, und bedauert den prinzipiellen Standpunkt des Centrums, wie ihn gestern wiederum der Abg. Ro eren be­kundet habe, da die Ansprüche der katholischen Kirche an den Staat an und für sich unannehmbar seien. Die geistlichen Oberen derselben hätten übrigens hinsichtlich des Religionsunterrichts iii der Volks­schule niemals wesentliche Beschlverden vorgebracht. Wir hätten eine große Zahl von katholischen Ministern und Beamten in allen VerwaltuugSjweigen, die treue Glieder ihrer Kirche seien, aber sich trotzdem nicht immer des Beifalls des CentrumS erfreuten. Ein katholischer Regierungspräsident in Posen werde ebenso überzeugt wie ein evangelischer die Gernianisiruugkpolitik des Kultusministers vertreten. Die Behauptung, daß letztere die Protestantisirung bedeute, sei unbediugt falsch. Die streng organisiiten Orden lediglich nach dem VereiuSrecht zu behandeln, gehe nicht an. Tie Politikdeu Polen gegenüber habe leider geschwankt; aber seine Freunde hielten diejenige, die Fürst Bismarck befolgt habe, und die jetzt wieder aufgenommen sei, für richtig. Abg. Dasbach (Ceutr.) ver­langt Nachtoeise über die Verwendung des Dispofitioussonds, trägt eine Reihe von Fällen vor, in denen angeblich die Katholiken zu- rückgesctzt worden sind, und befürwortet die Aushebung des OrdenS- gefttze«. Der K u I t u s in i u i st e r empfiehlt, die Beschwerdesälle dem Ministerium zur Prüfung vorzulegen. Abg. Beumer (nat.-lib.) dringt zur Sprache, daß in dem Ricmenschueiderschen Lesebuche, das für die evangelische» Schulen im Regierungsbezirk Arnsberg vorgeschrieben ist, gute Gedichte au« angeblich sittlichen Eründeit verstümmelt worden seien. Geheimer OberregierungS- rath Vater sagt zu, daß die bei dieser Bearbeitung unter« gelaufenen Philistrosiläten bei neuen Auflagen beseitigt werden sollen. Abg. Motth (Pole) versichert, daß die Polen sich nicht zu Deutschen umstcmpcln laffen würden, aber gleichwohl ihre staatsbürgerliche Pflicht thäten, und verlangt Rückkehr zum System des Grasen Caprivi. Abg. Sattler (nat.-lib.) tritt bezüglich der Disstdentenkinder seinem Fraktionsgenossen Seyffardt bei, charakterisirt die Forderungen des Centrnms in de» Orden«- und Schulsrageu al« Ultramontanirmn» und bringt Bei­spiele für die staatsfeindliche Agitation der Polen bei. Wie sehr auch die der Krankenpflege sich widmenden Orden der Staats­aufsicht bedürften, habe Mariaherg gezeigt; die Urlheilrlosigkeit der llltramontanen sei dadurch bewiesen, daß der Taxilsche Schwindel möglich gewesen sei. Abg. Porsch (Centr.) hält dafür, daß durch diesen abgefeimten Lüguer auch die Freimaurerei fern« proniittirt fei. Er sei übertrieben, daß durch Prozessionen häufig Aurschreitungett veranlaßt würden; vieliäch würden die Katholiken auch provozirt. Redner empfiehlt alle Fälle, in denen sich Katholiken beim Volksunterricht bcuachtheiligt fühlten, in Petitionen vor da« Hans zu bringen. Die Katholiken behielten da« Bewußtsein, daß sie bei Besetzung der Bcamtcnposten zurückgesetzt würden, trotz der Ver­

sicherungen vom Gcgentheil. Geh. Oberregiernngsrath Schneider weist nochmals die llnterstellung zurück, daß die Schulverwaltung imparitätisch verfahre. Nächste Sitzung Freitag, 11 Uhr: For tsetzung der heutigen Berathung.

Deutsches Deich.

* fiof- und Nersounl-Unchrfchl«»». Wie in parlamen­tarischen Kreise» verlautet, beabsichtigt Herr v. B e unigsen zum 1. October da« Amt eines Oberpräsidente» von Hannover nieder­zulegen und sich in dar Privatleben zurückzuziehen.

* Kcrlitt, 30. April. Wie dieTägl. Rundsch." au« wohl­unterrichteter Quelle erfährt, ist auch das neueste im Ministerium des Innern ausgearbeitete Verein sgesetz schon jetzt als ge­scheitert anznsehen. Es wird nicht einmal das Gcsammtministerium sich weiter mit ihm beschäftige». Reben dem Reichskanzler soll sich vor Allem diesmal auch Herr v. Bötticher gegen das geplante Gesetz ausgesprochen haben.

Der politische Redakteur derGermania", Schlesinger, früher Chefredakteur der antisemitischenN-ich«post" in Wien, ist als Aus­länder au« dem Deutschen Reich an «gewiesen worden. Schlesinger war auch bekannt als Herausgeber zahlreicher ultra« montaner Schriften.

* Rundschau im Reich«. Anläßlich der Eröffnung der Linie S a ß n i tz-T relleborganf Rügen fand gestern, 5 Uhr Nachmittags, ei» Festmahl zu Ehren der schwedischen Gäste statt. Oberpräsident v. Puttkamcr brachte da« Hoch auf den Kaiser und den König Oskar an«, und EisciibahnministerThielc» bewillkommnete die schwedischen Gäste. Der schwedische Miriistcr de« Innern Kruscnstjerna erwiderte mit einem Hoch auf Thielen. Alle Redner betonten den Charakter des Friedenstveiks, da« die engere Verbindung der beiden stamm« verwandten Völker fördern werde.

Ans!air>.

* GrogdviLanntrn. Man berichtet au« London: Ein offene« Geheimniß ist es, daß die Mißbräuche in der englischen Hochkirche so inanches fromme Gemüth in die offenen Arme des Katholizismus getrieben haben, und es ist daher in den letzten Jahren sehr viel geschehen, um diese Mißbräuche auSzuroüen. Ein Herr Clarke macht demDaily Chroniele" die folgenden Angaben: Der Pfarrer von St. Katharine Crce verfügt über eilte Gemeinde von 26 Personen und bezieht ein Gehalt von 583 2ft, der von St. Mary Woolnoth predigt 31 Personen, wofür er 1000 Lst. das Jahr bezieht, 1400 2ft. fallen dem Pfarrer von St. Edmunds zu, den niemals mehr al« 80 Per­sonen anl/ören, während der Geistliche von St. Peters, Cornhill, gegen eine Zahlung von 2526 Lst. nur 40 Personen seinen geistlichen Trost zu Thcil werden läßt. Da« Unangenehme bei dieser Sache ist, daß die Einwohner des Kirchcnsprengels die Hohen Kirchen­steuern bezahlen, daß sich die Herren Pastoren durch schlecht be­zahlte Hülssgeistliche vertreten lasse», uud daß es fein Gesetz bi« jetzt giebt, welches diesem Unfug ein Ende machen kann.

* Spanien. Im Ministerium vollzog die Königiii-Regentin gestern das Dekret, betr. die Einführung von Resormeü auf Cuba, nachdem General Weylcr in einer Depesche erklärte, daß im westlichen Thcil der Insel friedliche Zustände hergestellt seien.

31. Sommnnal-Kaudtag des Regierungs- Zexirks Wiesbaden.

Wiesbaden, 30. April.

Nach Eröffnung der Sitzung durch Präsident Hilf-Limburg werden zunächst vom Abg. Dr. Hnniser-Frankfurt Berichte der Ein gaben-Kam Mission erstattet. Eine Eingabe de« Architekten F. Pimmel hier, betr. Beschwerde gegen einen au bei» Neubau der Irren-Anstalt bei Weilmünster beteiligten Unternehmer. Der Berichterstatter bemerkt, daß sich die Eingabe wegen der Ausfälle gegen den Unternehmer nicht zur Vorlesung im Plenum eigne. Der Kommuiial-Landtag werde dann gebeten, dem Petenten eine

(Nachdruck verboten.)

Pariser Srief.

(Von unserem Korrespondeuteii.)

Dl« Eröffnung der SalonS. Das Metier ist hart. Gemälde auf Menschenhai»!. DaS moralische Paris.

Theatralisches. Gegen die Prussicns.

Paris, 27. April.

Die Eröffnung der Salons hat Heuer eine interessante Erscheinung festzustcllen erlaubt: Der Firnißtag hat sich überlebt. Ja,le vernissago, das Wort, welches noch vor wenigen Jahren die fashionabclste Pariserin elektrisirte, hat seinen ganzen Reiz verloren. Wohl drängt sich die Menge in den Salons am Vortage ihrer Eröffnung; nnd doch der Firnißtagexistirt nicht mehr". Es ist dies übrigens keine vereinzelte Erscheinung. Es ist nur eine Wieder­holung des Prozesses, der sich auf anderen Gebieten bereits abgespielt. Alles, wozu man Eintritt erlangen kann, Alles, was gesehen werden kann, interessirt nicht mehr. Nur das Unsichtbare reizt noch. Wer heute in Paris als ein Mann gelten will, der den Ereignissen folgt, muß ihnen voraneilen. Es giebt keine Premieren mehr in Paris; wer nicht auf der Avant-premiere war, zählt nicht. Die Premiere ist bereits ein Postseriptum. Auch dieVernissage" hat ihre Avant-premiere, welche manlaccrochage nennt. Heute geht man in den Salon um die Zeit, wo die Maler ihre Bilder aufhängen. Das Firnissen mögen sich bann die Provinzler und die Fremden anschauen, die als Pariser- gelten möchten.

Das Interesse für die Maler dauert allerdings etwas länger als dieaccrochage; durch eine Woche etwa bilden sie das Gesprächsthema. Man rühmt sie nicht; man be­neidet sie nicht; man beklagt sie. In der That, obwohl die

französischen Nomanschriftsteller so gern Maler zn Helden ihrer Erzählungen wählen, seitdem derarme Jüngling aus gutem Hanse" aus der Mode gekommen, ist baS Loos ber Virtuosen der Palette (auch wenn sie es wirklich sind) keineswegs glänzend. Schon vor dreißig Jahren halle H. Taine dem Amerikaner Thomas Graindorge folgende Worte über den Pariser Maler in den Mund gelegt:Das Metier ist hart. Mit dreißig Jahren, nach zehn Studienjahren, beginnt man zn produziren. Nun muß man verkaufen; um aber dazu zu gelangen, muß der Künstler kaufmännischen Geist besitzen. Viele fasten, suchen Lektionen ober malen Schilder. Mit vierzig Jahren kann man, wenn man wirkliches Talent und Freunde in ber Presse hat, mittels Ausstellungen und Neklamen burchdringen. Nm bas fünfzigste Jahr herum beginnt man etwas Gelb zu verdienen und hat seinen Nheumatismus. DaS Metier ist hart . . . ."

Heute haben sich die Verhältnisse noch verschlimmert. Selbst die Portraitisten, die so lange Zeit von der mensch­lichen Eitelkeit erträglich leben konnten, finden keine Arbeit mehr. Zwei Dinge haben das künstlerische Portrait er­drückt: die Entwickelung des Dilettantismus und die ber Photographie. Die reichen Amateure, welche sich bie ersten Meister zu Lehrern und Nachhelfern nehmen können, kommen unschwer dazu, mittelmäßige Portraits herzustellen. Sie liefern sie umsonst. Und daß eine gute Photographie, Alles in Allem, einem mittelmäßigen Portrait noch über­legen ist, hat man längst festgestellt. Früher hatten die -Naler noch ein letztes Hülfsmittcl in demtour de France. Die älteren Meister haben in ihrer Jugend noch fast alle diese Reise gemacht. Zwar durfte man in der Provinz die Leute nie ä trois quarts portralliren, denn sie be­haupteten, zwei Ohren zn besitzen, während man auf dem Bilde nur eines sähe; man mußte in ber

Schattiruug sehr vorsichtig sein, denn bie Damen pflegten empört auszurnfen, baß sie keinen Tabak schnupften, wenn man den Schatten ber Nase andeutete bei alledem aber konnte ber junge Künstler mit einem ersparten Groschen nach Paris znrückkehren.

Nun hat auch iu ber Provinz bie Photographie befiiiitiv gesiegt. Was sollen bie Maler nun beginnen? Chassagnol, ber Haschischraucher in Goueourts:Manette Salomon giebt ihnen ben liebenswürdigen Rath:des peintres! il faudrait en guillotiner trois mille par an, et anrds <?a on verrait! In ber That: Erwägt man bie immense Ueberprobuktion an Bildern, von ber die zwei Niesenausstellnngen auf ben Elysäischen Feldern nnd auf dein Marsfelde, fommt ben unzähligen kleinen Salons zeugen, so muß man zugeben, baß eine Ableitung dieser Maler-Hochflnth der Kunst nur Nutzen bringen könnte. Man at berechnet, daß in Paris im Laufe von drei Jahren mehr Bilder produzirt wurden, als das 15. und 16. Jahr­hundert zusammen hervorgebracht haben. Freilich stehen ber Werth und die Dauerhaftigkeit dieser Bilder im um­gekehrten Verhältniß zu ihrer Zahl. Nach den soeben ver­öffentlichten Untersuchungen der Chemiker C. Tissier nnd P. Frenndler in denActualites chimiques eröffnet sich für die modernen Bilder eine höchst traurige Perspektive. Ihre Farben werden in wenigen Jahrzehnten völlig zerlegt sein und zwar hauptsächlich darum, weil die Maler aus Billigkeitsrücksichten statt der echten, soliden Farben chemische Surrogate verwenden müssen.

Man kann sich leicht vorstellen, welchen panischen Schrecken, welche Entrüstung in den Kreisen dieser Künstler die Nach­richt Hervorrufen mußte, daß sie demnächst einer besonderen Steuer unterworfen werden sollen. Die Maler, welche nicht einmal so viel verdienen, um sich gute Farben kaufen z»