MMener @agblalt
Verlag: Langgasse 27,
14,000 Abonnenten
Für die Aufnahme später eingcreichter Anzeigen zur
»vtrtktiti» sür die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. e®”?*'1»**1 Ö*„ächsterfcheinenden Ausgabe wird kein« Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
1897,
U-. 190
Samstag, den 24. April
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher N». 52.
Abend-Ausgabe
wäre, die
hoffentlich an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts vor einer Gesetzgebung bewahrt bleibe», welche in den Tagen des schottische» ~ " 1 Calvin in Genf
mit besseren Gewehren ausgerüstet als die griechische, die türkischen Truppen sind an Entbehrungen und Strapazen gewöhnt und zeichnen sich durch Standhaftigkeit und Kaltblütigkeit, wovon ja die Nüssen ein Liedchen singen können, aus, und bei den höheren türkischen Offizieren zeigt sich doch der Einfluß der deutschen Instrukteure und der Erfolg des Besuchs unserer Kriegsakademie, sowie der in deutschen Regimentern zugebrachten Dienst- und Lehrjahre. Man kann es daher unseren Generalstäblern kaum verdenken, daß sie die Sache der türkischen Waffen ein wenig zu der ihrigen machen und ihnen auch weiterhin den Erfolg wünschen, den sie von Anfang an vorausgesagt.
Nach dem Leid, welches unser Königshaus durch den Tod des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin betroffen, ist schnell Freude gefolgt durch die Verlobung des Herzogs Ernst Günther von Schleswig-Holstein mit der Prinzessin Maria Dorothea vonSachsen- Coburg. Der Herzog hat hier sehr viele gesellige Beziehungen, und man hofft, daß er nach seiner Vermählung doch wenigstens einen Theil des Jahres in Berlin zubringen wird, wodurch unser Gesellschaftsleben, und nicht bloß das der Hofkreise, eine sehr erwünschte Erweiterung erführe. Der Herzog würde die Lücke ausfüllen, die das Scheiden des Erbgroßherzoglich Badischen Paares hinterlassen, in dessen Salons sich stets eine intcreffante Vereinigung der verschiedensten Stände zusammengefunden und in denen man häufig bekannte Künstler, Gelehrte, Schriftsteller traf, „'ne schlechte Jagd ist noch immer besser wie ein gutes Hoffest", so hat einmal in Potsdam der dort zum ersten Garde-Regiment kommandirt gewesene Erbe eines deutschen Thrones, den er seitdem eingenommen, voll innigster Ueberzeugung aus- gernfen, und er mußte es ja wissen! Auch diese Hoffeste find Dienst, und wahrlich nicht immer ein angenehmer, und man versteht den Drang vieler Fürsten, dem Zwang zu entgehen und einen Verkehr zu pflegender einem nicht tu»
Iüv öie Monate Mai und Juni
aus das
„Wiesbadener Tagblatt"
- ju abonniren, findet sich Gelegenheit im Verlag Langgaffe 27, bei den Ausgabestellen, den Iwcig-Lxxeditionen in den Nachbar- orten und fämmtlichen deutschen Reichspostanstalten.
(Nachdmck verboten.)
Berliner Brief.
^Vierbank-Politlk. - Die Generalstäbler und die Türkei. W Aus der Hofgesellschaft. — Ausstellungen.
Kerlin» 23. April.
ganz ungefährlich sind —, als so einem Politikus auf Gnade und Ungnade überliefert zu sein. „Sehen Sie, hier standen die Griechen, bei Bairakli; Popokapctulos befehligte sie — von dort her, von Karferini, drangen die Türken unter Miatzka-Pascha vor, warfen die Griechen bis hierher, nach Seen- driakos, zurück, dort ist Larissa, wie Sie sehen" — ich sehe aber nur ein Streichholz; auch Popokapetulos und Miatzka Pascha wurden mir in Gestalt zweier Schweden vorgestellt — „nun ist aber die Sache nicht so leicht für die Türken, wie Sie sich das denken; wenn der Kronprinz hier eine Umgehung mit vier Divisionen macht und Edhem Pascha die Reserven abschneidet, so kann die Geschichte recht faul werden. Da giebt's dann nur eine Rettung, nämlich, wenn ich Edhem Pascha wäre — und nun passen Sie mal auf ---" nein, ich passe nicht auf, das ist ja schlimmer, als wenn man den Insurgenten Kretas in die Hände fiele! Himmel, hast Du keine Flinten, um all diese schrecklichen Stammtisch-Kriegspropheten zu beseitigen, die einem den Wein verbittern und das Bier vergällen!
In unseren militärischen Kreisen, zumal in den mit dem Generalstab und Kriegsministerium zusammenhängenden, verfolgt man natürlich die Ereignisse auf dem Kriegsschauplatz mit dem lebhaftesten Interesse und empfängt fast täglich direkte Berichte. Ein aktiver deutscher Offizier hat in offiziellem Auftrage der Beförderung der türkischen Truppen und ihrem Aufmärsche an der Grenze beigewohnt, und seine eingehenden, an hiesige hohe Stellen gerichteten Mittheilungen sind voll Bewunderung über die Schnelligkeit und Sicherkeit der Mobilisirung und zumal über den vortrefflich funktionirenden Eisenbahntransport, wobei besonders ins Gewicht fällt, daß den türkischen Behörden nur eine Eisenbahnlinie zur Verfügung stand, die, im Privatbesitz befindlich, bezüglich ihrer Beschaffenheit Manches zu wünschen übrig ließ. An dem Erfolg der Türken hatte man hier nie Zweifel gehegt, die türkische Infanterie ist
gewesen und habe in einer Umgebung gelebt, die nicht das Vertrauen der Bevölkerung genoß. Infolge dessen habe die Nachricht von seinem Tode im Lande keine» tiefere» Eindruck gemacht. Diese gleichgültige Stimmnug sei aber seit einigen Tagen in das Geaentheil uulgcschlagcn, seit man erfuhr, ei» wie trauriges Ende der Großhcrzoa genommen hat. Die privaten Mittheilnngen über den Unglückssall lauten noch weit schlimmer als die amtlichen. Nach Meldungen aus zuverlässiger Quelle soll der Grobherzog bei dem unglücklichen Sturz beide Beine, verschiedene Nippen und die Wirbelsäule gebrochen haben. Das Ende soll so furchtbar gewesen sein, dab Diejenigen, die bei dem Tode anwesend waren, noch heute bei der bloße». Erinnerung in Erregung gcrathen. Ein Selbstmord wird allgemein für ausgeschlossen gehalten, schon aus dem Grunde, weil der Großhcrzog bei seiner sehr feinfühligen Natur sicher eine andere Todcsart als de» Sturz in die Tiefe gewählt hätte und auch eine solche hätte finden können, da verschiedene Morphinmflaschen in seiner uumiltelbaren Nähe standen. Die Großherzogin-Wittwe, eine russische Grobsürsti», wird sich, wie die „Voss. Zig." weiter meldet, am Freitag wieder nach Cannes bcgeben, eine Thatsache, die den unerquicklichen Gerüchten über das Verhältuiß der beiden Gatten zu einander neue Nahrung zusühren wird.
* Rundschau tm Heid)«. Die Morgeublätter melden aus Lissa: Die hiesige Etraskammer verhandelte gestern gegen den früheren Distriktskommissar aus Opalenitza, v. Carnap, der jetzt in Berlin wohnhaft ist. Derselbe hatte sich wegen zweier im Amte begangenerKörpcr verletz un gen zuveraittworien. v. Carnap wurde zu einer Geldstrafe von 200 Mk. vernriheilt. Der Staatsanwalt hatte 6 Wochen Gefängnis; beantragt.
(Nachdruck verboten.)
Kunst und Strafrecht.
Von JustttS.
Seit Jahren mache» sich in Deutschland beachteiiSwerthe Bestrebungen geltend, deren Ziel es ist, die Gesetzgrdung zum Zweck der umfangreicheren Verfolgung solcher litterarischeu oder künstlerischen Äzeuguisse zn verschärse», die in sittlicher Hinsicht Aergeruiß zu erregen geeignet sind. Das geltende Strafrecht bedroht die unzüchtige Darstellung mit Strafe; das Gemälde und die Statue, welche an sich unsittlich sind, unterliegen der Strafandrohung nicht minder wie das Buch, auf welches die gleicheCharakterisirung anwendbar ist. Die Rechtsprechung hat den Begriff „unzüchtig" keineswegs in ein- - ichräukcndcm Sinne ausgelegt, im Gegentheil, mau kann auch hierbei - «an einer ausdchucnden Interpretation sprechen und es ist eine ' Thatsache, die gar nicht bestritte» werden kann, daß, wenn heute die lttassiker der deutschen Littcratur lebten und das veröffentlichten, was sie geschrieben haben, sie sich Anklagen und Bestrafungen auf Grund des § 181 des Strafgesetzbuchs ausfetzc» würden. Es gilt ; dies vor Allem von Goethe und Wielaud, aber auch Schiller würde sich in dieser Hinsicht keiner Sicherheit zu ersreucu habe». Ein Bedürfuiß s zur Ausdehnung des Strafrechts gegenüber der Kunst uudLitteralur ist a8o mit Nichte» vorhanden oder gar nachweisbar und wenn gleichwohl t beantragt wird, das Strasverbot auch auf Darstellungen und Ver- öffeutlichuugen ausziidehnen, welche zwar nicht unzüchtig sind, aber :i durch Verletzung des Schamgefühls Acrgerniß erregen, so geht dies - weit über die Grenzen hinaus, welche der moderne Staat der h Kunst und Littcratur gegenüber einhalten muß. Man wird sich k ohne Weiteres damit einverstanden erklären können, daß die porno- *_ graphische Produktion in der Kunst wie in der Littcratur streng r und unnachsichtlich verfolgt werde, sie hat mit der Kunst Nichts l Mitein, sie veredelt nicht, sondern sie vergiftet die Volksseele, sie wendet sich an das Thierischc und versperrt der guten l Kunst nicht minder den Weg wie der guten Litteratur. Handelte : er sich lediglich um sie, wahrlich, man würde den schärfsten Maßregeln und Vorschriften vorbehaltlos zustimmen. Allein at gegen sie richten sich die vorgeschlageneu Strafbestimmungen, er» gegen die freie Kunst und Littcratur, welche mit echter Sittlichkeit die ewigen Probleme behandelt; sie verkennen t den Uuterfchied zwischen Sittlichkeit und Konvcnieuz; die Konvciiienz gilt für das Leben, die Sittlichkeit dagegen für Kunst und Litteratur, -7 weder die «ine noch die andere dürfen den Schranken und Fesseln > der Konvention nnterworscn werden, wenn anders sie ihrer hohen Aufgabe gerecht werden sollen. Der Konvention widerspricht es, dm menschlichen Körper nilbekleidet zu zeigen, der für die Kunst allein maßgebenden Sittlichkeit widerspricht es dagegen : mit Nichten, wenn der Künstler die Ambrosische Göttin in b« Schönheit des nackten Körpers darstellt. Die Venus Don Milo kann niemals unsittlich sein und pervers, durch und durch verdorben wäre Derjenige, welcher bei dem Betrachten dieses Götterbildes an unsittliche Handlungen dächte. Würden aber die Bestrebungen Gesetz, so wäre es für die Direktoren der Museen : und Kunstsammlungen sehr bedenklich, Nachbilbtingen der Milosischcn Witin auszustcllen, denn wer will behaupten, daß es keine all«
Deutsches Keich.
* Kof- n»d Personiil-Nnchrichten. Der Kaiser ist gestern Dormiiiag, 10 Uhr, in Strehlen eingetroffen. König Albert war zu seinem Empfaug auf dem Bahnhof anwesend. Die Begrüßung der beiden Monarchen war ungemein herzlich. Sie begaben sich zu Fuß zur Villa Strehlen, woselbst Nachmittags Familieittasel stattfand. Um 12 Uhr traf die Kaiserin in Strehlen ein, von Prinzessinnen des königlichen Hanfes empfangen. In VillaStrehlen wurde die Kaiserin vom Kaiser und dem sächsische» Königspaare begrüßt. — Trotzdes Dementis einer Münchener Hof-Korrespondenz bestätigt es sich, wie der „Tegcrnsee'cr Seegeist" meldet, daß die deutsche Kaiserin in der ersten Juli-Woche in Tegernsee mit Hofstaat, Gefolge und Dinerschaft, im Ganzen etwa 60 Personen, eintreffen und bis Mitte Augnst dort verweilen wird. Die Kaiserin nimmt Wohnung im Scnger-Schloß, während der Kronprinz und die übrigen königlichen Prinzen in einer Privat-Villa Quartier nehmen.
* Ium Tode des Großherrogs von Mecklenburg schreibt die „Voff. Ztg.", der Großhcrzog sei durch seine lange Entfernung von Mecklenburg seinem Lande nahezu ganz entfremdet
Auzetgen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Aiizcigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Ausland.
* Gesteeeeich-Lingar». In einiger Entfermnig von der Station Wolfraiuitzkirchcn erlitt der Souder zag Kaiser Wilhelms infolge eines Maschiuendcsekls eine "/«-stündige Verspätung. Ein Unfall ereignete sich dabei nicht. Zwei Neservemaschiueu bcsördertcn den Zug weiter nach Dresden.
* Italien. Das Königspaar begab sich gestern in die Kirche bei Sudario, um Gott für die Errettung des Königs zu danken. Aus dem Wege dorthin wurde es überall von der jubelnden Volksmenge begrüßt. — Der Römische Berichterstatter des „Figaro" mar beim Eintreffen König Lumberts aus dem Rennplätze in dessen unmittelbarer Nähe und versichert laut der „Voss. Ztg.", aus des Königs Munde folgende Darstellung des Anschlags gehört zu haben: Außerhalb der San Giovaunithores bemerkte ich rechts von der Straße einen ziemlich ärmlich gekleideten Menschen ohne sichtbaren Hemdkragen und ohne Halsbinde, der in etwas unruhiger nud verwirrter Haltung dastand. Ich sah zerstreut nach ihm hin, als der Mensch plötzlich mit einem Satz nach meinem Wagen sprang und in der Richtung zu mir seine mit einem farbigen Taschentuch umwundene Hand vorschucllte. Ich sah die Klinge eines scharfen Mcffers blitzen, that mechanisch einen Sprung zur Seite und schlug mit einer ebenfalls triebhafte» Bewegung der Rechten, in der ich meinen Spazierstock hielt, nach dem Arm des Mörders. Die Spitze feiner Waffe, der ich durch meinen Sprung ausgcwichen war, drang in das Wagenkiffen, mein Stockslrcich schleuderte jedoch den Dolch aus dem Wagen. Der Mörder bückte sich, um ihn aufzuraffen, und er hatte ihn schon wieder erfaßt, als zweiKarabinieri zu Pferde, die folgten, sich aus ihn stürzte» nud ihn verhinderten, einen neuen Stich nach mir zu führen. Ich sah daun deutlich, wie der Mensch seine Waffe über eine Hecke ins anstoßende Feld warf, und das war Alles. Sic scheu, fügte der König lächelnd hinzu, cs ist nicht viel.
* Belgien. Aus Brüssel, 22.April, wird uns geschrieben: Trotz aller Bcschöuigungsverfuche hat es schließlich doch nicht länger verborgen bleiben können, in welch jämmerlichem Zustand sich die hiesige Ausstellung, oder was als eine solche bezeichnet wird, befindet. Schon seit längerer Zeit wurde» Versuche gemacht, das Ausland über die wahre Sachlage zn unterrichten, aber die nach allen Seiten hin lau eilten Nachrichten von den riesigen Fortschritte», die gemacht werden rc., täuschten darüber, wie die Dinge standen. Noch bis
«5. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
Reformators John Knox und zu den Zeiten, da Calvii mit unrrbittlicher Strenge herrschte, verständlich gewesen . ... aber in unserer Zeit als ein durch Nichts gerechtfertigter Anachronismus bczcichtict werden müßte.
jüiigfcrlich denkenden Böotier gebe, welche an dem unverhüllten Körper Anstoß nehmen und sich tu ihrem SchamhaftigkeitS- gefühl dadurch verletzt fühlten? Unmöglich würde cs unter der Herrschaft der neuen Vorschriften, Michelangelos Leda in der Dresdener Gallerte, Corrcgios Leda im Berliner Musenm auSzustcllen, unmöglich für die Leiter der Müncheuer Pinakothek, ihre reichen Sammlungen der Werke Tizians und Rubens noch fernerhin zur Freude und Erholung barbieten zu können. Nicht minder einschneidend würde aber die Wirkung dieser Aeudernng des Strafgesetzbuchs bezüglich der Littcratur sein; wie könnte noch, um nur von den Klassikern zu sprechen, eine lieber« sctznng von Juvcnal nud Aristophaiies vcröffculicht werden, welcher Verleger könnte es wagen, Goethes Elegien in die Gcdichten- ausgabe aufznnehmen, welcher Verfolgung würde sich der Buchhändler aussctzen, der Mantegazza, Zola und die modernen Realisten in dem Schaufenster semes Ladens zum Verkaufe auS- stellte? Die Nachthcile einer derartige» Erweiterung des deutschen Strafrechts wären für das geistige und künstlerische Lebe» in Deutschland unermeßlich, deutsche Kunst und deutsche Litteratur würden, dazn verurtheilt, den von ihnen eingenommenen Rang an Völker abzutreteii, welche minder engherzigen Ansichten huldigen, welche nicht auf dem Boden der Meinung ftchcn, daß Kunst und Litteratur sich dem Bedürfuiß von Knabe» und Mädchen atipaffen müssen. Ob man mittels diefer Verschärfung die pornographischen Darstellunge» in ausreichendem Maße treffen könnte, ist znm Mindesten zweifelhaft, denn es ist eine Eigenthümlichkeit dieser, das Halbverhüllte zu verkörpern, sie spreche» verblümt, i» verständlichen Zweideutigkeiten, sie zeigen nns die Natur nur durch de» Schleier und wirken gerade um deswillen entsittlichend. Bekannte Illustrationen würden ungeachtet ihres verderblichen Charakters auch nach dieser Aeudernng in Deutschland unverfolgt vertrieben werde» können, wogegen wahre Kunstwerke ersten Ranges unter die rigorosen Vorschriften sielen. Nigorismns und Prüderie sind die Todfeinde von Kunst und Litteratur, wo sie herrsche», können diese nicht gedeihen; in allen Zeiten, in welchen unter dem Einfinß asketischer Gedaukett- richtuna sich der rigorose Puritanismus Geltung und Macht zu verschaffen gcwnßt hat, war ein Entfalte» des künstlerischen Genius ebenso unmöglich wie eine Entwickclmtg der Litteratur: als der asketisch-sozialistische Eiferer Savauarola predigte und die Gläubigen wie verzückt den Doniterworteit des seltsamen Mannes lauschten, verbrannte Fro Bartolomeo seine Jugendbilder und 7 herrliche Schöpfungen gingen dadurch der Menschheit verloren, welche bereits von dem Geiste der Renaissance beherrscht waren. Deutschland wird
Br, das waren schlimme Feiertage, die uns das diesmalige Ostern bescheert: Regen und Wind und Wind tob Regen war die Festmusik der Natur, und selbst der Mn Eierlegen noch so leidenschaftlichst aufgelegte Osterhase Drrkroch sich in eine warme Ecke, überließ diesmal die Eiergeschichte gern den klügeren Menschen und bat Frau Häsin «och um ein weiteres Glas steifen Grogs. „Das war ein Wetter, herrlich eingerichtet, dorthin zu geh'«, wo Kneipen «ran errichtet" — so konnte man die Worte des Säkkinger Trompeters etwas ummodeln, und statt ins Freie und Grüne hinaus zog man in die modernen Tempelstätten des Bacchus und Gambrinus und ließ sich dort mit staunenswerther AuS- dtmer nieder.
t Vermochte man nicht Doktor Faustens Osterspaziergang in die Wirklichkeit zu übertragen, so doch wenigstens ein Theilchen davon, die Unterhaltung der ehrbaren Bürger, die nichts Besseres wissen „an Sonn- und Feiertagen, als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei, wenn hinten, weit in der Türkei, die Völker aufeinander schlagen". Und red- ! sich wurden diese Gespräche geführt, man hatte bereits an f vielen Stellen Nachricht von der türkischen Kriegserklärung erhalten und erwog des Langen und Breiten die f Vortheile, Schwächen und Vorzüge der beiden Gegner. Wehe, wer so einem Bier- oder Weinbankpolitiker in die Hände fällt! Lieber will ich die am wenigsten jüngste Statistin Unseres Opernhauses nach ihrem Geburtsjahr fragen, will mich mit Herrn Liebling über die Berliner Musikkritik unterhalten oder für den sittlichen Werth der Tänze und Gesänge btt kleinen BarrisonS eintreten — alles Dinge, die nicht
