MksbsllkWr Tagblck
45. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
14,000 Avonnrrlten.
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3LHlcirtCil -2LlittrtllUtC - Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittage. — Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur
iiachsterscheinendcn Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen. 4 u "
U-. 143.
Bezirks Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 27. Marx.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
1897.
hinteren Ncrotbal angebrachtes Schutzgeländer wurde umgerissen und in die Tiefe geworfen. Sollte es nicht möglich sein, den im Walde zwecklos hernmschweisenden Vagabunden den Besuch der Walder zu verbieten? Ist es doch gelungen, seit einigen Jahren weibliche Vagabunden vom Besuch der Wälder fernznhalten. B.
Rrrmischtrs.
* Gin Klick ins Jenseits. Zu welch barocken „Geistes"« sprüngcn die apokalyptisch gestimmte Pbantasic frommer Schwärmet verfübrt, dafür liefert die im Jahre 1631 erschienene Schrift eines spanischen Jesuiten „lieber die Beschäftigung der Heiligen im Himmel" einen erheilerndeu Beweis. Die Schrift ist mit Ermächtigung des Ordciisprovinzials veröffentlicht worden, also als ein Erzeugniß zu betrachten, das die Billigung der katholischen Kirche hat. Henriquez schreibt: „Jeder Heilige hat sein eigenes Haiis im Hinimel tnib Jesus Christus selbst besitzt dort einen herrlichen Palast. Es giebt sehr breite Straßen und große Plätze und feste Häuser, die von Mauern umgeben und geschützt sind. Die Engel haben kein eigenes Domizil, für ihr Amüsement ist es besser, bald hierher, bald dorthin flaniren zu können. Die Straßen sind mit Nasenplätzen und Teppichen geschmückt und in die Wände der Häuser sind durch geschickte Skulpturen alle Neuigkeiten der Welt eingegrabcn. Ein hohes Vergnügen ist cs dort, die Körper der Selige» zu umarmen und zn küssens!). — Es ist für angenehme Bäder Sorge getragen, worin die Seligen sich vor einander baden und wie die Fische schwimmen. Auch singen sie so schön wie die Lerchen und Nachtigallen. Die Frauen singen aber schöner als die Männer, damit diese umso mehr Vergnüge» haben. Die Engel stecken sich in weibliche Kleider und erscheinen in solcher Vcrnnimniulig den Seligen als Damen mit frisirtem Haar, gebauschten Nöcken und in reichstem Anzug. Männer und Frauen ergötzen sich an Maskeraden, Gastmählern und Ballets (!!). Die Frauen stehen mit sehr langen Haaren zum seligen Leben auf und putzen sich auch im Himmel wie auf Erden mit Bändern und Coiffuren. Und wie in diesem Leben, so küssen auch in jenem die Gallen sich und ihre Kinder."--Wir haben übrigens — leider! — gar keine Ursache,
uns über den Obskurantismus des 17. Jahrhunderts lustig zn machen, sintemalen im 19. Jahrhundert ganz derselbe Blödsinn noch geschrieben und auch geglaubt wird, wie die Elaborate der Herren Bautz, Leistle und Konsorten beweisen. Für jeden Stein, den die großen Geister unserer Nation dem Tempel der Ausklärung einsügteu, reißen Zeloten und Dunkclmäimcr einen anderen wieder heraus.
* Anmorlstisches. Macht der Gewohnheit. Redakteur (welcher anstatt ein Söhnchen, abermals ein Töchterchen erhält beim Anblick desselben): „Nicht verwendbar, schon dagcwesen!" — — Weiblich. Lina: „Irma, Du wolltest Dich doch scheiden lassen, und jetzt lebst Dn wieder ganz in Frieden mit Deinem Mann?" — Irma: „Ja, siehst Du, lieb-Lina, sobald ich merkte, daß ihm die Scheidung Freude machen würde, gab ich den Gedanken sofort ans!" („Megg. Bl.") — — Unter Freundinnen. Frau X.: „Glauben Sic, was mau von Fräulein Z. sagt?" — Fran x).: „Oh! Gewiß. Es überrascht mich auch garnicht. Aber sagen Sie mir, was sagt mau denn von ihr?"
Morgen-Ausgabe.
A»s Stadt und Zand.
Wiesbaden, 27. März.
—JS. K. N> Urinj Georg hatte auf gestern Nachmittag Herrn Oberhosmarschall v. Liebcnau zur Tafel geladen, welcher jedoch der Einladung nicht Folge leisten konnte.
— Vollrsvrrfammlnng. Sonntag, den 28. b. M., Nachmittags 4 Uhr, findet im „Schlvalbacherhos" eine öffentliche Volks- versamnllnug statt, in welcher der Arbeiter-Sekretär der Schweiz, Herrn. Greulich aus Zürich, über das Thema: „Die materialistische Geschichtsauffassung" sprechen wird.
— Gegen dl» Proresiwnth im Kanrrnstarid anznkämpfen wurde vor Jahren ein Kupferstich herausgegeben, den man jetzt noch hier und da in Dorswirthschaften und wohl auch in Bancr»- wohnungcn hängen steht. Der Kupferstich stellt zwei Bauern dar, die sich um eine Kuh streiten, iudcm der eine aus Leibeskräften an den Hörnern und der andere am Schwanz derselben zieht. I» aller GemüthSrube aber sitzt unter dem Thier ein „Mann des Rechts" und zieht schmunzelnd und mit kundigen Griffen die Milch des Streitobjekts für sich in den Eimer. Das Bild wird durch folgende Verse erläutert: „Seht hier zwei Bauern, Kunz und Haus, Um eine Kuh im Streit und Zorn; Der eine hält das Thier beim Schwanz, der andere bei den Hörnen vorn. Schwanzbauer zum Hornbaner spricht: „Die Kuh ist mein, ich laß sic nicht!" — „Nein, mein ist siel" der Gegner schreit. — Ein dritter Mann sitzt still beim Streit; Er lacht mir wie ein Schelm dazu. Und melkt iudcß — für sich die Kuh. Glaubt Ihr, ich mein den Advokaten? Ich laß Euch Zeit, dies zn errathen!" — Dem Bilde ist noch nachträglich weitere Vcibreilung unter unserer Landbevölkerung zu wünschen!
— Instinkt oder Urderlrgntig? Herr F. Beilstein, Labustraße 3, schreibt uns: „Ich befaß voriges Jahr etwa ein halbes Hundert Hühner, habe dieselben aber nach dem plötzlichen Tode meiner Fran bis auf zehn feiste Hahnen verkauft. Diese zehn, welche ich für die Küche bestimmt hatte, schoß ich nach und nach mit einem Flobcrt; die letzten zwei jedoch wollten sich absolut nicht in das Schicksal ihrer Kameraden fügen. Der eine flüchtete sich unter ein Ncgenfatz und der andere — in die Hundehütte, hinter dem Rücken des Bewohners derselben Schutz suchend und dieser, ein recht bissiger Köter, der übrigens auch nie gut auf das Hühncrvolk zn sprechen war, machte das Vertrauen, das der geängstigte Hahn in feinen Edelmnth setzte, nicht zn Schanden. Er ließ ihn Thcil an seiner Hütte nehmen und nun wohnen Hund und Hahn schon seit zwei Monaten einträchtig znsammen unter einem Dache. Morgens kräht der Hahn dem Tag ^itgcgen, und wenn der Bäcker die Frühstücksbrödchcn bringt, erhebt Waldmann seine geivallige Stimme; keinen aber stört des anderen Mundart im Mindesten: friedlich strecken fie nebeneinander die Köpfe zur Hütte heraus! Hat der Hahn gewußt, als er mit dem gesürchteteu Hausloächter Freundschaft schloß, daß er bei diesem am besten aufgehoben sei und warum hat der Hund gerade in diesem Fall sein Naturell, das ibn Jeden und Alles, was sich seiner Hütte naht, auzusallen heißt, verleugnet? Uebrigcns kann sich Jeder bei mir von der Wahrheit des hier Mitgetheilteu überzeugen."
(W,litte LotalnoUien gehe Nachtrag.)
Vereins - Nachrichten.
Kurze sachliche Berichte werden bereilwNUgst unter dieser Überschrift ausgenommen.
* Der am Donnerstag Abend im Klublokal des „Nhein- >1 n d T a u nu S -K l u b S" („Zum Krokodil") gehaltene Vortrag des Herrn Abich über „Reisen in Ostindien" hatte eine überaus zahlreiche Zuhörerschaft angclockt. Redner weilte 30 Jahre lang in Ostindien und besitzt deshalb gründliche Kenntnisse der dortigen Verhältnisse. Im Besonderen schilderte er eine Reise von Kalkutta i>ach dem im Himalaya gelegenen Nynee-Thal, welche er in den icchziger Jahren ausführte. Die Verkehrsmittel, Eisenbahn, Wagen, Pferde rc., wurden eingehend beschrieben, cbcnso die größeren
I Stationen und die daselbst gebotene Verpflegung. Am Ziel seiner Reise, dem herrlichen Nyncc-Tbale, befinden sich die Erholungsplätzc der Europäer. Redner schloß hier seinen überaus interessante», ^«-stündigen Vortrag, dem später noch einige weitere folgen dürften.
* In dec letzten Versammlnng des „Vereins Wiesbadener Ha nd eis gärtner" hielt Herr Höpfner einen Vortrag über das jlrnnkkukassenweseu der dentschen Gärtner. Die „Krankenkasse für deutsche Gärtner E. H. 9ir. 33" unterliegt dem Kraukeukasseugesctz und wurde im Jahre 1882 von Herrn Karl Sternberg, Handels- gärtncr in Görbersdorf, in 12 Verwaltungsstellen mit 143 Mitgliedern gegründet. Der Sitz der Kaffe und des Hc.uptstvvrstandes ist Hamburg. Obwohl die Kaffe in den ersten Jahren ernste Angriffe zu bekämpfen hatte, ist es ihr bis jetzt doch gelungen, einzig in ihrer Art zu stehen. Sie umfaßt das ganze Deutsche Reich und hat eben 12,327 Mitglieder und 235 Verwaltungsstellen. Für ärztliche Behandlungen, Heilmittel, an Krankenanstalten, Kranken- und Sterbegeldern wurden im Jahre 1896 139,527 Mk. 25 Pf. verausgabt. Der Reservefonds hat die Höhe von 133,800 Mk. erreicht, hat aber laut Gesetz 131,868 Mk. zu betragen. Das Gesamuit- verniögen der Kasse betrug Ende 1896 142,562 Mk. 71 Pf. Der Beitrag eines Miigliedes richtet sich nach der Höhe des Krankengeldes und betrügt monatlich in der 1. Klasse 1 Mk. 50 Pf., in der 2. Klasse 1 Mk. 30 Pf., in der 3. Klaffe 1 Mk. An Krankcn- unterstützung wird gewährt: freie ärztliche Behandlung, sowie Brillen, Bruchbänder und ähnliche Heilmittel, außerdem bei Arbeitsunfähigkeit ein Krankengeld, welches für den Wochentag beträgt: in der 1. Klasse 1 Mk. 85 Pf., 2. Klasse 1 Mk. 60 Ps., 3. Klasse 1 Mk. 20 Pf. In Todesfällen wird ein Sterbegeld gezahlt für die erste Klasse von 75 Mk., zweite Klasse von 65 Mk. und dritte Klasse von 50 Mk. Die Krankenkasse für deutsche Gärtner ist die ausgedehnteste und größte Vereinigung. Jeder Gartenbesitzer sollte seine Gehülsen und Lehrlinge zur Mitgliedschaft dieser Kasse anhalteu. — Herr Widmann brachte die Anzucht der Rosa oarmina-Säiulinge zur Sprache und empfahl dabei eine neue Entdornungsinaschiue, von Herrn Rosenzüchtcr Nietfche in Dresden crsnnden und demselben patentirt. — Der Vorsitzende des Vereins, Herr Steitz, dankte den Herren Höpsncr und Widmami für ihre sehr lehrreichen Vorträge und brachte zur Kcuntniß, daß die nächste Versammlnng den 27. d. M. staltsindct. Zu derselben hat Herr Pawlitzky einen Vortrag: „lieber das Entstehen der deutschen Gartenkunst vom 16. bis 18. Jahrhundert" zu- gesagt. Gäste könne» eingesührt werden und Freunde des Gartenbaues sind willkommen.
* Dec „Wiesbadener Lehrer-Verein" hält feine Manatsversammlung am Samstag, den 27. März, Abends 8 Uhr, im „Nonucnhof" mit folgender Tagesordnung ab: 1. Besprechung der cingegangeneii Anträge für die demnächst stattfiudcudc Generalversammlung, 2. Wahl der Delegirtcn zu dieser Versammlnng, 3. Vereins-Angelegenheiten.
* Die Jahres-Hauptversammlung des „Mä nner-Tu r»- vereius" findet heute, Samstag, Abends 8 Uhr, in der Turnhalle statt. Wegen der Wichtigkeit der Tagesordnung feien die Mitglieder auch hiermit aufmerksam gemacht und um zahlreiches Erscheinen gebeten.
Ztinunen nus dem $htbliltium
(Für Verögentllchungeu unter dieser Ueberschrist übernimmt die Redavion keinerlei Leran/wortulig.)
* Anknüpfend an die jüngste „Stimme aus dem Publikum", welche die während der Vorstellung im Hoftheater hustenden Personen beeinflussen wollte, das Taschentuch vorzuhaltcu, nm den Schall zn dämpfen, erlauben wir uns, die hustenden Personen ferner zn erfnchcit, nicht auf den Fußboden auszuspucken, weil diese Unmanier Aiidrrc in ihrem Vergnügen stört.
Einige anständige Abonnenten.
* In der Morgcn-AnSgabe des „TagblattS" vom Mittivoch wird über die frevelhafte Beschmutzung der Halle bei der Melibocns-Eiche berichtet. Ucber solche Heldenthalen nichtsnutziger Lotterbuben könnte ein großes Kapitel erzählt werden. Ich gestatte mir, mir einige zu berichten. In der genauuten Halle waren znr Aufbewahrung im Winter fünf trygbare Bänke niedergelegt, welche vollständig zertrümmert vorgesundeii wurde». Ei» nni Ein- I gang zum Wald im oberen Dambachthal ausgestellter Tisch wurde I herausgerissen und zerschlagen. Ein an einer gefährlichen Stelle im I
Kleine Chronik.
Wie Münchener Zeitungen melden, lebt zu Landshut eine Baurathstvittwe, die gleich Kaiser Wilhelm I. im Jahre 1797 geboren ist. Sie liest noch heute ihre Zeitung ohne Brille.
Wie die „Neue Freie Presse" meldet, hat sich in Wien ein bisher allgemein geachteter und angesehener Beamter, der Direktor des k. k. Tabak-Hauptmagnzins im 19. Bezirk, kaiserlicher Rath Rudolf Foschum, dem Gericht mit der Anzeige gestellt, daß er int Laufe von 20 Jahre» i» seiner amtlichen Stellung Uuterfchleife von mehr als 100,000 Gulden verübt habe.
Der dickste Rekrut Frankreichs, der Koch Flomont, Mitglied des Vereins bet „Cent-Kilos", wurde, wie man nnkerm 23. März ans Paris schreibt, bei der heutigen Stellung als dieust- uutanglich erklärt, „weil — keine genügend weilen Kleidet für ihn vorhanden sind".
(Nachdruck verboten.)
Athen.
Von Henrik Cavling.
Es ist ein Fest, des Morgens in Athen zn erwachen, die Thür »ach dem Balkon hinaus zu öffnen und sich plötzlich von bet frischen Luft, von den warmen, hellen Lichtströmen uniricfelt zu fühlen. Noch liegen die Marmorhänset rings um den Marktplatz hernm hinter den herabgclasseuen grüne» Jalousice» im tiefsten Schlummer, auf den Trottoirs aber eilen schöne, halbbekleidete Mädchen mit langen ®toben und frischen Grünwaaren hin und her. Von de» Straßen, herauf schallen die Rufe der ZcitungSjimgen und das Geschrei der Esel, das den Morgenfrieden nur noch erhöht. In einer solchen Stunde mag es wohl gewesen sein, als sich Sokrates und Platon tn philosophische Gespräche vertieften.
Das Athen Nengriechenlaiids fühlt sich erdrückt durch feinen großen Namen. Als Chateaubriand die Stadt „entdeckte", bestand sie nur aus wenigen armseligen Hütten, die am Fuße der Akropolis lagen, Lamartine fand ein Dorf vor, und noch zu Edniond Abonts Zeiten besaß das königliche Schloß teilte Nachbarschaft. Im Lahre 1860 gab es in der ganzen Stadt nicht ein einziges Hotel.
Das Athen, das in der 34-jährigcn Rcgieruugszeit König Georgs erstanden ist, hat 140,000 Einwohner, und den besten Maßstab für das Aufblühen bet Stabt gewinnt man, wenn man hört, daß sich die Einwohnerzahl im Laufe der letzten zwanzig Iahte verdoppelt hat. Daraus ergiebt sich, baß Athen eine neue Stadt ist. Die Straßen sind breit und reinlich, hie und da mit Bäumen bepflanzt. Ruf den Höfen der wohldabende» Bürget wachsen Palmen und Cypreffen; in der ganze»Stadt giebt es kaum ein Viertel, das einen eigentlich orientalischen Charakter trägt.
Still und anziehend, lächelnd und freundlich muihet uns Athen an, wenn Wit an einem sonnigen Morgen die Stadt durchwandern. Auf den Straßen begegne» uns. nur wenige Wagen, fast nur die netten Droschke», die sogenannten omaxa, die man auhält, um eine Symphonie, das heißt einen Akkord, mit dem Kutscher abznschließen. In den engeren Straßen begegnet man einer ununterbrochenen Prozession von Esel». Sie sind mit Fruchtkörben beladen, die vor den geräumigen Läden geleert werden. Diese Läden I haben nach der Straße hinaus keine Wände, so kann man denn im I Lotübergehen den Händler in geschäftiger Bewegung zwischen seinen I
Hanfe» von Citronen, Apfelsinen, Feigen, Artischocken und Gurken beobachten. Von anderen charakteristische» Geschäslslenten bemerkt man den Mandolinhändlet, der vor offene» Tbüren seine Instrumente stimmt, und den Krämer, der seine Geschäfte in lange», finsteren Buden abfchlicßt, die mit schmierigen Sachen angefüllt sind, namentlich mit in Essig und Oel gelegten Grünwaaren. Die Hand- werkcr, mögen es nun Schmiede oder Hutmacher sein, arbeiten überall in Werkstätten, denen gleich den Läden die Wand fehlt, die die Wirksanikeit von der Straße abgrenzen soll, ja, die Schuhmacher sind ganz ungenirt direkt aufs Trottoir biiiansgcrnckt, wo sie sitzen und den Verkehr mit ihren Flickereien störe». Der Betrieb in de» Bäckereien geht so hart am Straßenleben vor sich, daß man sehr wohl einen Piiff in den Rücken mit den Stangen bekommen kann, mit denen die Bäckergesellen das Brod in ben Ofen schieben. Zwischen allen biefen wunderlichen
Werkstätten wimmelt es von Kötern beiderlei Geschlechts, von Mannern in,sonderbaren Trachten, in Kaftanen und Haveloks, halbiiackeiid lind in Pelzwerk gehüllt, von alte», gelben Weiber», die eine Eruineriiiig an Fran ckautippe in uns erwecken, von schönen, lungen Mädchen mit bleichem, durchsichtigem Aiitlitz und einer ge- wisteu lustigen Grazie, von Soldaten jeder Waffengattniig, von unzähligen Kindern, die ohne Lärm zn machen ober Jemand zu belästige», ihre» Spielen nachgehc».
Biegt mau dann von den großen Straßen in die Gassen ein, so gewahrt man gemuthliche, halbduukle Restaurationen, in denen die Arbeiter Krebse und Brod essen, während die Spießbürger bei einem guten Glcne Laudwein politisiren. Hier ist das Familieuleben direkt auf die Straße hinaus verpflanzt. Hier sitzen die Frauen und nähen und schwatzen, während sich die Kinder in dem gelbe» Staube tummeln. Fremde komme» offenbar nur selten in diese entlegenen Theile der Stadt, das sieht man an den staunenden Gesichtern.
In dem Stadtviertel, das wir dnrchwaiider», wird die Häuserreihe jeden Augenblick von einer weiße» Maner unterbrochen. In dieser Maner beftiibet nch eine Thur, und wenn man hiiicintritt, erblickt man eine schmucklose Kapelle, in der ein Priester sitzt und gelbe Wachskerze» verkauft. Das Licht kostet ein paar Lepl», aber nur, wenn man eine halbe Drachme bezahlt, erhält man den griechisch- katholischen Segen, den ich mir selbstredend nicht vorcnthalte. Der Priester, ein laiigbartiger Theolog mit weichen Fingern, legt mir die Hand aufs Haupt und theilt mir Vergebung bet Siinben mit. Und rtiu wie eine Taube steige ich mm zur Akropolis empor, deren
Marmorsäulen gleich weißen Blütbeustengcl» zniii Himmel aufragen. — Die Akropolis ist ein Berg, der sich an der Südseite von Athen erhebt. Auf seinem Gipfel liegt das Parthenon, der Tempel der Pallas Athene, der, aus der Ferne gesehen, einem fein gearbeiteten Juweleuschrein gleicht. Von den Säulengängen dieses Tempels ans lasse» wir jetzt den Blick über die entzückende Aussicht gleiten, die sich vor uns ausbreitet — über ben Hyinettos, de» Pantelikon und de» Parnaß, die drei Bergreihen, die Athen niukränzen.
Gleich feinen, grünen Schattirungen sieht man in den Thal- senknngen die griechische Eiche, die Silberpappel», die Platanen und die Agavenhaine. Die Berge selber sind unbcroalbet, doch ermangeln sie deswegen der Farben nicht. Es ist, als haben mächtige Pinsel, von unsichtbaren Händen geführt, ihnen meilenlange Striche mit Goldgelb, Tiefgelb und Vrandgelb aufgetragen, und das Alles liegt in dem Hellen Glanz der Sonne da.
Wunderbar in all chrer reizvollen Einfachheit sind die Detg- käninic, die sich in dieser Beleuchtung von dem fernen, wolkenfreie» Himmel abheben. Vom Pautelikou und Sykabetios folgt das Auge den schönen Linien bis hinaus an die lichtgrünen Küsten von Aegina, Salamis und Argos. Hier kniete Rena» und verrichtete sein Gebet.
Im Schutz der Akropolis liegt das königliche Schloß. Sichet ragen die breiten, gelben Manern zwischen den flachen Dächer» der Stadt auf. In diesen Tagen hat es Augenblicke gegeben, in denen man fürchtete, daß die großen, schwimmenden Mordmaschiucn, die vor Kreta liegen, sich dem Piräus nähern und Bomben und Granaten auf Athen schleudern würden. Aber das hat wohl keine Gefahr. König Georgs Hanpistadt ist stärker befestigt, als wenn sie in einem eisetuen Ringe läge. Wer würde es wohl wagen, diese dorischen Marniorsäulen zn beschießen, an denen Jahrtausende spurlos Borübergeglitte» sind, die noch heutigen Tages hier auf dem Berge emporrage», schwellend von Licht und Wärmel Rein, diese Stätte, an der die schönsten Träume griechischer Bildhauer in Marmor geformt wurden, erheischt die Ehrfurcht, den Respekt der ganzen civilistrteii Welt.
Wie einst ein großer Geschichtschreiber sagte: „Es giebt eine Gottheit in der Welt, die die Menschen noch nie verlassen hat, das ist die Gottheit, die von der Akropolis auf Athen herabschaut". Ruhe unbesorgt, du kleine, sonnenbeschieiiene Stadt. Die Kugeln der Mordiustrumente werden über dich herfliegen wie Schneeflocken, die in der warmen Sonne schmelzen. Noch wacht Pallas Athene über ihrem Hciligthnm.
