9, Februar 1897. Seite 8,
Wiesbadener Tagblatt lNbend-NnSgabe). «erlag: Langgasse 27
Mo. 66. 45. Jahrgang
Kehle Nachrichten
Aus Stadt und Kand
Bischöfe.
Develcheiibüreau Herold.
Die Abenb-Ansgabe enthalt 1 Keila«»
Bcranteortlit für btn politisch«» und feuineton. Steil: SB. Schulte domvAlj sür den übrigen Theil und die Änieigen: 6. RStberht; Beide in EttSwui. Druck und Verla» der L. 66 eilenberg Wb Hos'Buchdruckerel in $Bi«»*en.
Kleine Chronik.
Die große Nadelfabrik von Brausen u. Co. in Aachen ist abgebrannt. Ein bedeutendes Lager wurde vernichtet.
Die Mehrzahl der Staulente sand sich gestern Morgen m Hamburg au der Arbeitsstätte ein. Manche Stauer verzögerten die Aufnabnie der Arbeiter. „ , . .
Nach dem „Luzerner Vaterl." schweben die Bewohner des Bispeu- und Saasthales (Wallis) wegen der Lawmen m Todesgefahr.
eonitnental.X eie graVben. 6 om«agm..
Hamburg» 9. Februar. Gestern Abend gegen 9 Uhr fand aus dem Schaarmarkt ein Zusammenstoß zwischen Schutz« [eitten und der tobenden Menge statt, größtentheils halb» wüchsigen Burschen. Die Beamten zogen blank. Mehrere Verwundungen und Verhaftungen kamen vor. Nach 11V« Uhr entstand in den Nebenstraßen de» Schaarmarktes neuerdings ein starker Tumult. Drei Schutzleute und mehrere Civilisten wurden schwer verwundet. Im „Großen Bäckergang" drehte der Pöbel die Gas- laternen aus. Aus den Fenstern wurde heißes Wasser auf die Schutzleute gegossen, Steine und Flaschen geschleudert und Asche geschüttet. Die Schutzleute zogen sich zurück, rückten aber, auf 80 Mann verstärkt, wieder vor und säuberten mit blanker Waffe die Straßen. Der Pöbel flüchtete in Häuser und Höfe. Gegen 1 Uhr war Alles wieder ruhig.
Wien, 8. Februar. Das Wiener k. k. Korr.-Büreau meldet ans ik o nst a n t inopel: Na» hier vorliegenden Berichten aus Canea haben die Kämpfe in der Umgebung der Stadt infolge Munitionsmangels bei den christlichen Aufständischen etwas nachgelassen. Die Konilllar-Agenten in Rethymo, welche bei den im Auftrag des Konsular-Corps in Canea unternommenen Vermittlungsversuchen eingeschlossen worden waren, wurden durch das österreichische Kriegsschiff „Skbenico" befreit. Die Militar- atlachös wurden zur Rückkehr nach Konstantinopel ermächtigt. ES wurde ihnen jedoch freigestellt zu bleiben, falls sich ihnen die Gelegenheit böte, mit Erfolg zu intervenireii. In hiesigen diploniatilchen Kreisen herrscht die Meinung vor, daß die Pforte nicht gehindert werden könne, zur Unterdrückung der Bewegung Truppen nach Creta zu entsenden.
Athen, 8. Februar. (Meldung der „Agence HavaS".) Außerhalb Caneas dauert der Kampf fort. Die Christen außerhalb Caueas sollen die griechische Flagge gehißt und die Vereinigung mit Griechenland proklamirt haben. Eine provisorische Regierung soll in der Bildung begriffen fein. Die meisten Stadttheile, in denen Christen wohnen, sind verödet. Hansen von Trümmern liegen umher. An Bord des „Mikali" sind 67 Flüchtlinge, unter ihnen zwei
Kerlin, 9. Februar. An dem gestrigen Diner bei dem Finanz- ininister v. Miquel iiahuien außer dem Kaiser theil: Fürst Hohenlohe, Staatssekretär v. Bötticher, der frühere Minister des Innern Graf Eulenburg, der Präsident des Abgeordnetenhauses v. Köller, Vice- präsident v. Heereman, v. Levetzow, Freiherr v. Manteuffel, Freiherr v. Stumm, Hammacher, v. Eynern, v. Erffa, Dr. Sattler, Dr. Bödiker, die Oberbürgermeister Zelle und Becker, Hofmarschall Graf Eulenburg, v. Lucauus und andere Herren. Der Kaiser unterhielt sich während der Tafel lebhaft mit seinen nächsten Nachbarn, besonders mit dem Fimm-minister, und trank wiederholt ihm näher bekannten Herren zu. Nach W Uhr wurde die Tafel aufgehoben. Der Kaiser, welcher sich in heiterster Stimmung befand, trat zu den verschiedenen Gruppen und nahm lebhaft an der Unterhaltung theil. Wie der „Lokal-Anz." berichtet, nahm der Kaiser nach einiger Zeit mit einzelnen Herren an einem der Tische Platz, um eine Reihe von ihm selbst angesertigter Zu- sammenstellnugeu der Entwickelung der dentschen, russischen und französischen Flotte während der letzten fünf Jahre vorzulegen und zu erläutern. Der Kaiser sprach sehr lebhaft und mit großen Detail-Kenutuissen und Belesenheit auf dem Gebiet der Marine und Kriegswissenschaft, sowie der überseeischen Beziehungen unserer Handelsmarine. Kurz vor 12 Uhr verabschiedete sich der Monarch. Nach einer anderen Nachricht soll Herr Miquel während der Tafel eine Ueberstcht über die Finanzwirthschast des preußischen Staates seit dem Jahre 1813 gegeben haben.
Scrliit, 9. Februar. Die „Nordd. Allgem. Zig.' erklärt die Nachricht von dem bevorstehenden Rücktritt des Geheimrath» Philipsboru für iiubegründet. — Im Reichstag soll morgen wieder Schweriustag mit Fortsetzung der Debatte über den achtstündigen Normal-Arbeitstag gehalten werden. Am Donnerstag wird der Militär-Etat zur zweiten Lesniig im Plenum gestellt werden. — Offiziös wird erklärt, von einer beabsichtigten Wiederaufnahme größerer Reformprojekte Miquels sei gegenwärtig nirgends die Rede.
Wie», 9. Februar. Der Kaiser wohnte dem gestrigen Ball der Stadt Wien bei. Er führte die Gemahlin des deutschen Botschafters am Arme. — Die Polizei verhaftete gestern von 600 etwa 40 Studenten des Polytechnikums, als sie vor dem Institut lebhaft diskutirten. Die Polizei nahm an, es handle sich um eine Demonstration. Der Rektor setzte die sofortige Freilassung der Ber- i hasteten durch.
Trieft, 9. Februar. Der Dampfer „San Rocco", einer der aröbten modernsten Schiffe im Mittelmeer, ist feit 12 Tagen überfällig. Man befürchtet, daß dem Schiff, dessen Mannichaft meist aus Trientinern besteht, ein Unglück zngestoßen ist.
ßntflfel, 9. Februar. Einer Blättermeldung zufolge haben in der Wilhelm-Kaserne zu Mons hundert Solda teil wegen I Lieferung mangelhafter Lebensmittel den Ge horfam verweigert.
»arte, 9. Februar. Gestern begann der Prozeß gegen eine aus zwanzig Dieben bestehende Bande, in deren Wohnung gestohlene I Werthpapiere, Schmuckjachen rc. imWetthe von !M),000FrcS.vor- I gesunden wurden.
Selarad. 9. Februar. Exkönig Milan kehrt im April hierher zurück, um an der Ausarbeitung der neuen Verfassung theil- I zunehmen.
Athen, 9 Februar. Die Kammer beschloß die Bewilligung von 100 000 Drachmen sür die flüchtenden kretensiichen Christen. Etwa 1500 Christen Haleppas zogen sich aus der umzingelten Stadt in die Berge zurück.
Lio de Janeiro, 9. Februar. 6000 Fanatiker haben sich vor Bahia konzentrirt und 60 Plantagen, sowie mehrere kleine I Dörfer eingeäjchert.
KolkswirlhschafMches.
Geldmarkt. Coursbericht der Frankfilrter Börje vom 9. Februar, Mittags 12'/- Uhr. Credit-Actien 314.—, Discouto-Commandit-Antheile 210.50, Staatsbahn - Acticn 307'/-, Lombarden 79'/», Gottbardbahn-Actien 168.40, Centraibahn 141.40, Nordostbahn 135.40, Unionbahn 95.40, Laurahutte- Aclien 169.—, Äelfeukirch. Berqw.-Attien 172.10, Bochumer 164.40, Harpeuer 182.70, 3 - proccntige Mexikaner 26.70, 6-procentige Mexikaner 95.10, Italiener 91.10, Italienische» Mittelmeer Italienische Meridionaux —.—, Dresdener Bank 159.80, Darmstädter Bank —.—, Berliner Handels - Gesellschaft 165.—.
T 28len, 9.^Februar. Oesterreichische Credit-Sctieu 370.50, StaatSbabn-Actieu 366.50, Lombarden 90.20, Mark-Roten 58.70.
Wiesbaden,9. Februar.
- Geschichtskalender. 9 Februar. 1789 F. X. Gabelsberger , Urheber des verbreitetsten stenographischen Systems, I * München. 1801. Friede zu Luneville zwischen der französischen Republik und dem deutschen Reich, 1804 Karl Frhr^ v. Rokrtanski, Anatom und Mediziner, * Konigsgratz. 1827. SB. D. Whitney, nordamerikan. Sprachforscher, * Northamptoii. 1834. Dahn, Dichter, Rechtslehrer und Geschichtschreiber, * Hamburg. 1834 Frz. Witt, Förderer der Kirchenmusik, * Walderbach, Bayern. 1844. I Karl Bo um b ach, Politiker, * Meiningen. 1846. Prinz Leopold von Bayern, General, * München. 1881. F. Dostoiewski, rtiss. Schriftsteller, t Petersburg.
— König». Schauspiele. Die für künftigen Mittwoch im Spielplan augekündigte Premiere von vr. Rudolf Presber» neuester Komödie „Der Vicomte", die hier überhaupt ihre erste Aufführung erlebt wird wegen Erkrankung des Dichters auf die nächste Woche verschoben und dafür Sudermaniis „Heimath" mit Fraulein Willig als „Magda" im Abonnement A bei kleinen Preisen in Scene gehen. Anfang Der berühmte Litteratur- iind Knusthistoriker,
Herr Professor Dr. Heinrich Bult Haupt au» Bremen, der Redner der morgen, Mittwoch, Abends 8 Uhr, im weißen Saal des Kur- hauses stattfilideiiden 7. Cyklns-Vorlesung, wird, wie wir schon mittheilten, über den zweiten Theil des Goetheschen spreche». Herr Bulthanpt wird feinem Vortrag auch Recilatioucn ans diesem Werke einstrenen, worin er Meister ist, da er tn trefflicher Weise durch verschiedene Stiminfärbnng die einzelnen Personen auseinander zu halten versteht. Der Redner wird zeigen wie der zweite Theil den ersten organisch sortführt nub dem llcber- uieiifchen Sühne und Erlösung bringt, indem Faust — zuerst noch im Banne der Magie — die klassische Schönheit krnnen lernt und gleichsam ästhetisch erzogen, zu Thatc» schreitet Ein fesselnderes Thema tonnte der Dichter kaum wählen. Wir machen daher llochmals ganz besonders ans feinen Vortrag aufnieiffam. — In dem am Freitag dieser Woche stattfindenden zehnten CykluS- Konzert wird Meister Pablo de Sarajate drei Nnmmeril ! spielen und zwar als Hauptnummer das Konzert Nr 3 in D-moll für Violine mit Orchester von Brnch. — Der vierte Maskenball findet Samstag nächster Woche, den 20. Februar, statt. Bei der lebhaften FaschingSstimmuiig, welche diesen Winter hier herrscht, wird voraussichtlich auch dieser Ball eines lebhaften BesiicheS nidjt
G. Sch. Nestdenz Theater. Um de» Spielplan iittereffouter und wechselreicher zn gestalieu, kommt am Mittwoch Moser und SchönthanS reizendes Lustspiel „Unsere Frauen zur Auf- I führuitg, zugleich gastirt in demselben Herr Eduard Gruder vom Refidenzlheater in Dresden in der Partie des Otto Dorn. „Der große Prophet", welcher am Sonntag ein total anSverkauftes Haus erzielte und das Publikum in die heiterste Stimmung versetzte, geht am Donnerstag zum dritten Mal in Scene. |
__«euer Mer»tn. Wie in vielen größeren Städten Deutsch- I landS hat sich auch hier ein „Verein für jüdische Geschichte und Litteratur" gegründet. Die Vortrage werden schon in nächster Zeit beginnen und da« Nähere wird durch Inserate bekannt gemacht werden. Ktnats- und Gemeindesteuer ist
zur Zahlung fällig geworden. Die Steuerpflichtigen, welche veranlagt sind in den Straßen mit dem Anfangsbuchstaben ^It, sind zur Entrichtung der Steuerbeträge zur Stadlkasse am 10. (yebrnnr aufgefor^r^ ^0A)W0^tv am Rhein hatte vorgestern, trotz des abseheulichen Wetters, zahlreiche Schaulustige nach Biebrich und anderen Orten des Rheingaues gelockt, wo sich ihnen denn allerdings auch ein Natnrschauspiel von überwältigender Wirkung darbot. Ein I harter Nordwestwiud hatte die trüben Finthen aufgewühlt und ließ die Wellen einen tollen Tanz ausführen, Regen und schnee rieselte ununterbrochen heriiieder und von den dunklen Taunnshohen hoben I I sich grell ausgedehnte Schncegefilde ab. Fürwahr ein Bild, welches die Uferbewohuer mit banger Sorge in die Zukunft schauen läßt. Gestern Mittag erreichte der SVasserstand gleiche Höhe mit der Quaimauer vor dem Herzog!, -schloß in Biebrich, Dampfer warfen schon ihre Wellen bis in die Allee, die Gärten der Hotels am Rhein waren noch gerade über Wasser und von der Landseite ans noch betretbar, selbst das Geleise der Straßen- I bahn wurde vor der Laiidestelle der Köln-Düsseldorfer Boote theil- weise schon überflutet. Dabei wächst das Wasser mit unheimlicher Beharrlichkeit, wenn auch jetzt langsamer, fort, da c8 allenthalben Ufer und Auen überschwemmt hat und sich weiter ausdehiicu kann. Der Biebricher Pegel zeigte gegen Abend 4,75 m Wasserstau!) an, nub nur noch 60 bis 70 cm höher war das Hochwasser im Frühjahr 1896. Zweifellos dürfte bei Fortdauer des Thauwetters der letzte Hoch-
I wafferstand auch dieses Mal wieder erreicht und bei weiteren Niederschlägen überschritten werden, denn die Gefahr rührt von dem noch
I massenhaft in dem Gebirge liegenden Schnee her. Für die Ortschaften im Rheingau ist erst bei dem Ueberschreite» der voriabrigen Hochwassermarke Schaden an Wohnstellen zu befürchten, weshalb die Dampfschiffahrt, die gestern noch von Schlepp- und Paffagier-
I dampfern ausgefiihrt wurde, bei 5,56 m Pegelstand in Biebrich auf I der Rheingaustrecke eingestellt werden muß.
(?) Flörsheim a. M., 8. Februar. Da» Wasser des Maines ist feit einigen Tagen so gestiegen, daß die Keller in den dem ä/iainufer nahen Hosraithen bereits mit Wasser angefüllt sind.
I J,„ Oberfeld hat der sogenanute „Adelgrabeu" solche Waffermaffeu 1 gebracht, daß das angrenzeude Gelände vollständig üderfluihet ist.
-r- Jdstsit», 7. Februar. Gegenüber der Berichtigung in No. 62 des „Tagblatt", das 50-jährige Dienstjubiläum I des Herrn Lehrer» Hofmann zn Heftrich betreffend, halte ich meine Mittheilung vollständig aufrecht. Herr Hofmann ist am 1. Februar 1847 in Salzburg auf dem Westerwald angestellt I worden, hatte somit am 1. Februar eine 50-jährige Dienstzeit hinter sich. Bei der am 4. d. M. dahier stattgehabten amtlichen Konferenz wurden deshalb auch Herrn Hofmann I von allen anwesenden Kollegen die herzlichsten Gratulationen zu seinem 50-jährigen Dieiistjubilänrn dargebracht, die der Jubilar auch annahm. Auf eine au Herrn Hofmann gerichtete Frage, man habe I geglaubt, sein 50-jähriqeS Dieustjubilänm sei erst am L Mai, bemerkte derselbe, dasselbe sei am 1. Februar.
* fronkfuvt n. M., 8. Februar. Zu den verschwundenen I Erinnerungsstätten an Goel de wird in Kurzem auch die bekannte I Gerbermühle bei Frankfurt a. M., die in des Dichters Leben eine Rolle spielt, gehören. In den Jahren 1814 und 1815 ist Goethe dorthin zu feinem Freunde Willemer oft und gern gewandert. Dort hat er end) die Suleika seines „Weflöstlichen Divans" gefunden, sowie die „schöne Müllerin". „Wir wollen nach der Mühle wandern", I läßt er auch den sein SonntagSverguügen aitffudjeuben Handwerks- I burschen im „Faust" sagen, wobei er die Gerbermühle im Sinn hat.
Ganz freilich, wie sie zu Goethes Zeit anssah, stellte sich die Gerder- I mühle schon seit vielen Jahren dem Beschauer nicht mehr bar. Die I Ansicht von der Franksurter Seite erjchie» anders, da das Hans I eine Veränderung erfahren hat. Dagegen zeigen die Ansichten von I Ölten her noch beute unverändert den damaligen Bestand des Hauses
und seiner nächsten Umgebung. 3« kurzer Zeit soll nun die ©erber» I mühle den neuen Hafenbaiiten weichen.
A Mainz. 9. Februar. Rheinpegel: Vormittags 4 m 12 cm I gegen 4 ’m 20 cm am gestrigen Vormittag.
bur4 die Kappe und den Humor der sogenannte „Tropenkoller" | bätte vermieden werden können, da brach ein großer Jubel los. I öffentlich nimmt er einen so guten Eindruck vorn Sprudel nach Afrika mit, daß wir in einigen Jahren von einer Narrensitzung in Dar-eS-Salaant oder in Klein-Popo hören werden. Wiederum kommt I ein Mainzer, Narr Haenlein, welcher durch die überaus gelungene äopie einer Primadonna eine riesige Heiterkeit erregte. Das Lied: 1
Dore — Du bist so ein dumme», ein goldige» Oos" trug er I arabeäit meisterhaft vor. Ein echtes Fastnachtslied war das Li-Hung-Tschaug-Lied vom Mainzer Narren Korn, wozu Kapellmeister Bann a ck an» Mainz eine höchst originelle Musik geschrieben hatte. Freudig begrüßt, bringt Sprudler Kraatz nun einen originellen Vortrag; er kopirt vier verschiedene Präsidenten, aus Aachsen, Köln, Szegedin (Mikosch) und Berlin (vom Karneval- Verein „Schneidig"). In seiner launigen Weise spricht er über Wiesbadener Angelegenheiten und bringt auch unserem zu früh dahingeschiedeiien Grobecker einen Schcidegruß:
Sechs Komiker haben wir am Hoftheater, Und das sind recht luftige Brüder, Doch fo einen wie den alten Grobecker, Den bekommen wir so bald nicht wieder. Auch hier im Sprudel hat er oft gestandet Und hat Euch lachen gemacht, Drum sei des unvergeßlichen Alten Auch hier im Sprudel gedacht.
Rauschender Beifall belohnte den Vortragenden.
Jetzt folgten Schlag auf Schlag brillante Vorträge. Der A!t- ttichskanzler Rühl bringt seine berühmte politische Blüthenlese, die wahre Lachstürme erregt:
Die Agrarier gäben sich alle Mühe, den Handelsminister Breseld I -u stürzen; ihre größte Freude würde es fein, „wenn de» Haudels- I Ministers Prae - fällt". — Von Cnba hätten bte Spamer sowohl toie die Insurgenten schon unzählige Siegesnachrichten verbreitet, aber die Spanier sowohl wie die Kubaner „siechten an ihren I Siegen" — Der neue spanische Befehlshaber auf Cuba, General I Weyler, hätte den Befehl gegeben, Alles iiiederzubrennen; es werde weiter nichts mehr übrig bleiben, wie „ein trauriger Weller . - Herr Major v. Wißmann hätte mit seinem Besuch dem Sprudel «ne große Freude bereitet, er habe nun gesehen, „toie’8 man im Sprudel treibt. — Wegen der Marinevorlage werde der Regierung der Vorwurf gemacht, sie habe „uferlose Pläne"; doch sei zu bedenken, I daß unsere Kriegsflotte noch hinter der von Japan komme, sodaß wir im Kriegsfälle leicht unsere „llfcr los" werden könnten.
Nach dem Lied Nr. 16 kommt der Sprudelredner par excellence Sprudler Rosenthal. Es hieße „Majore nach Wiesbaden tragen", wollte man über diesen ausgezeichneten Redner noch ein Wort des Lobes sagen. Er ist eben ein Sprudeltalent und Meister des Vor- I trage». Er behandelte politische, lokale und künstlerische Stoffe. Hier Einiges aus feinem Verfenschatz:
Der schöne Brauch' die Bahnhof abzusperren. Ward schnell in Deutschland äußerst populär, D'rum dachten hier im Rathhaus alle Herren, - Daß uns ’ne Trinkhallsperr' ’ne Wonne mär’.
Sie ließen sich die Sache etwas kosten, Wo nur ein Eingang zu der Trinkhall’ war. Da standen diesen Somnier Doppelposten, Daß das ein groß' Bedürfniß war, ist klar.
Um 6 Uhr früh, wenn ein’ge Senf noch schlafen. Dann fühlten durch den Plebs sich sehr beschwert Die Könige, Fürsten, Herzöge und Grafen, Die Morgens dort das Früh-Konzert beehrt.
'S war dort zu voll und thatsächlich von nötheu Ward 'S endlich, daß die Trinkhall' man versperrt'. Tagtäglich wurden Leut' dort toblgetreten, Lor Wehgeschrei hörf nichts man vom Konzert.
Die Tausende, die Morgens dort sich trafen. Nur zu betrachten war schon fürchterlich, fetzt sind die Könige, Herzöge und Grafen ür 30 Pfennig gänzlich unter sich.
Die Lehr- und Ladenmädchen aller Arten Vermieden jeden weiteren Besuch, Sie geb’n jetzt Morgens in den Kurhansgarten, Den finden sie noch immer fein genug.
Da» „Tagblatt" hier, beliebt bei allen Leuten, Erscheint vergrößert jetzt feit Monden schon. Man branchfs vorrn Lesen nicht mehr auszuschiieiden. Das Aufschneiden — besorgt die Redaktion.
Das Blatt ist äußerst angenehm zu lesen, Ein Spielmann bringt uns manches Lied drin bar, Er singt, wie einst die Weltkurstadt gewesen, Al» sie noch klein, noch halb Weltkurstadt war.
Man liest das Blatt hier und in weiten Fernen, Auch wer Musik liebt, steht sich gern drin um, Ein Dirigent kann leicht draus kennen lernen Fast alle Stimmen ans dem Publikum.
Ich les' es mit Jnfreffe schon seit Jahren, Da man sonst nicht au fait hier bleiben kann. Es ist kein a mtlich Blatt, wie ich erfahren. Das sieht man ihm wahrhaftig gar nicht an.
Durch Arntlichkeit wird'S kaum noch infreffanter Sein Leserkreis, der wächst von Wach' zu Wach', Die hiesigeii Gartner alle mit einander
Sind auch nicht amtlich — und 's Geschäft geht doch.
Bald kommt der Lenz, auf unserm Kurhausweiher Zerrinnt da» Eis, der Mai ist hier so süß, Doch meint der Hey'l, e» wär' hier noch „süßmatener Wenn Bockenheim uns die Bosquets begieß'.
Ich halt mich streng neutral in dieser Frage, Ich kenn' mich in der Blnmensprach' nicht an», Nieiiials, daß ich was durch die Blume sage, Stein, was ich denk’, sprech' ich stets g'rad heran».
Ein „Urschode" in de» Worte» verwegenster Bedenlung, ein Narrhallese, wie ihn unr Moguntia erzeugen kann, ist Narr Dreniiuel. Einen fo urgelungeiien Ulf, wie ihn dieser Redner hervorbrachte, der muß selber angchört werden, das ist überhaupt nicht zu beschreiben. Jetzt folgt der Sekretär der großen Kölner SaruevalSgefellschaft und bringt uns einen Gruß und einen reizenden Vortrag .Geflügelter Worte". „Und nun" — um mit Präsident Christian zn reden — kam'« „Virreche". Ja, wer er wie Sprudler So Hong versteht, nach all den Genüffeu, nach all dem brausenden Gelächter zu so später Stunde noch solche Lachstürme zn entfeffeln, wie er, der ist ein Humorist von Gottes Gnaden. Freuen wir uns, daß wir ihn haben, unser Virreche und unfern Wäschbitt» Redakteur! —Eine urfidele Nachsitzung vereinigte noch im „Nonnen- hoj" die Mainzer Gäste und die Sprudler bi» zum frühen Morgen.
AIS Liederdichter zeigten sich auf dem Podium die Sprudler G. Stahl, W. Zai», M. Baer, Schreiner und Karl Spitz, fowie Korn von Mainz, deffen Lied vom Li-Hung-Tschang, dem der langjährige Kapellineister der 88er, Herr Bannack, eine originelle und äußerst gefällige Melodie gegeben hat, stürmischen Beifall erweckte.
