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Wiesbadener Tagbtstt.

45. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgabe«. Bezugs-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgasse 27.

14,000 Abonnenten.

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Die einspaltige Petitzeile für totale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. Reclamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

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für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. Für die Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur uächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Donnerstag, den 28. Januar.

Uo. 43.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52. 1897.

Morgen-Ausgabe.

Ans Stadt nnd Kand.

Wiesbaden, 28. Januar.

Kaiser» Geburtstag. In der Augenheilaustalt für Arme oersammelten sich gegen 12 Uhr im Speisesaal in Gegen­wart der Herren Aerzte, der Verwaltung, Pflegeschwestern und des Dienstpersonals sämmtlicheKranken. Nach einer kurzen Festansprache >es Vorsitzenden, Herrn Oberst-Lieutenant Wilhelmi, wurde die Nationalhymne gesungen, worauf die 82-jährige Fran Hecker eine patriotische Ansprache hielt, woran sie ihren Dank für die schöne Feier anscbloß. Zur Nachfeier von Kaisers Geburtstag veransialtet der .Christliche Arbeiter-Verein" heute, Donnerstag, Abends 8 Uhr, eine» patriotischen Unterbaltungsabend im oberen Saale, Maueraasse 4. Gäste sind willkommen.-- Das schon erwähnte Fest­mahl im Kurhanse hatte eine größere Theilnehmerzahl zu ver­zeichnen, >vie die gleichen Veranstaltungen der letzten Jahre. Es waren 363 Personen, die an vier lange» Tafel» Platz genommen hatten. Die Beau,len saßen gruppenweise zusammen. Da auch das Reserve-und Landwehr-Ossiziercorps sich au diesem Festmahl betheiligte, so war die Taselriinde mit Uniformen aller Waffengattungen stark unter­mischt. Auf dem Podium saßen die Spitzen der staatlichen, städtischen, konnnnnalständischen und kirchlichen Behörden. An diesem Tisch war auch der hier wohnhafte langjährige deutsche Gesandte in China, Excellenz v. Brandt, zu beuierkcn. Der Kaiscrtoast des Herrn Oberbürger­meisters Dr. v. 3bell wurde beifällig ausgenommen. Die Fest- versammlnng stimmte begeistert in das Kaiserhoch ein und saug dann stehend die Nationalhymne. Dank der vortrefflichen Be- wirthnng Seitens des KlirhauS-Restaurateurs Herrn W. Ruthe befand sich die stattliche Tafelrunde alsbald in der auimirtesteu Stinimnng, welche denn auch die meisten Festtheilnehmer noch nach «chlnß des umfangreichen MeuuS lange zusammenhielt. Das Menu war folgendes: Ochseuschwanz-Suppe, Heidelberger Bach­forellen, blau mit holländischem Beignß, Lendenbraten mit ver­schiedenen Geuiüsen, Helgoländer Hummer mit Kräntcr-Beiguß, Gelrüffelter Truthahn, Salat und Dunstobst, Erbsen mit frischer Butter, Fürst Pückler-EiS, Käse und Butter, Englische Sellerie, Rheingauer Früchte und Nachtisch. Die Tafelmusik wurde von demWiesbadener Musik-Verein" unter Leitung des Kgl Kammermusikers Herrn C. Hch. Meister aurgeführt.

K. Zchnlamtsprüfungen in Nassau. Bis zum Jahr 1830 mußten alle Schulamtsprüflmgc sich in Idstein an einem fest­zusetzende» Tag im Mo»at Februar am Schnllehrersemiuar prüfen lasse». Da dieser Mouat vielfach noch ein kalter Wintermonat war und bei den früheren schlechten Verbindungen iiamentlich den jungen Leuten jenseits der Lahn und aus dem Westerwald viel Un­angenehmes zur Reise nach Idstein bieten mußte, ward am 17. Juni 1830 von der Nassauischen Landesregierung verfügt, daß deshalb, sowie der hohen Kosten wegen der Tag zur Ansnahnic in daS Schnllehrersemiuar zu Idstein künftig für Alle, die das sechzehnte Lebensjahr zurückgelegt, im October stattfinde. Die Aspiranten sollten dann erst zur Aufnahme befähigt sein, wenn sie bis zu Ende des Monats Juni des betreffenden Jahres 16 Jahre alt geworden. Ursache dieser Abänderung war die verschieden cin- falleude Ostern, die gar häufig die Aspiranten um ein Jahr zurück- ivflrf, da dieselbe früher als Rorm galt.

Zchutz dem ®l|re! Es ist eine bekannte Thatsache, daß nne große Zahl von den Erkrankungen des Ohres auf Erkältungen turückzuführen sind. Darum ist bei der gegenwärtig herrschenden Windkälte auch das Ohr zu schützen. Der gesunde erwachsene Mensch, der an seinem Körper vernünftige Abhärtung übt, hat Ohrklappen oder Watteverschlüsse freilich nicht nöthig. Anders aber Verhaltes sich mit dem zarten Organismus der Kinder. Die Kaputze, die auch die Ohren ver­schließt, gilt freilich bei mancher Mutter für ein unschönes Kleidungs­stück; jedoch bei rauher Winterwitteruug ist sie besser als jede andere Kopsbedeckuug. Für den Gang zur Schule ist sie besonders geeignet und auch in den Pausen sollten schwächliche Kinder stets davon Ge­brauch machen, wenn sie auf kurze Zeit das warme Zimmer verlassen und die zugigen Gänge und Höfe aussnchen. Ebenso vorsichtig wie schwächliche Kinder find alle die zu behandeln, welche eine schwerere Erkrankung wie Masern, Scharlach, Diphtherie und dergleichen überstanden haben; wie in solchen Fällen der ganze Körper, so ist auch das

Ohr für neue Erkrankungen besonders empfänglich. Schwerhörigkeit ist ein weit verbreitetes liebel, das Dewienigen manchen Lebens­genuß nimmt, der damit behaftet ist; in vielen Fällen wird dieselbe verhütet werden, wenn wir dem zarten und empfindlichen Gehör­organ den nölhigeu Schutz gegen Nässe und starke Kälte an­gedeihen lassen.

R. Nassauische Landeogrschichte. Im Jahre 1829 be­absichtigte die nass. Landesregierung, durch den Hofrath Weitzel eine nassauische Geschichte ausarbeiten zu lassen. Durch Reskript vom 18. August 1828 ward bestimmt, daß die Amtmänneralle in ihrem Amtsbezirk interessanten historischen Punkte ansfindig zu machen und kurz aufzuzeichiien, sowie nachzuforschen hätten, wo sich innerhalb des­selben in Gemeindereposituren ober im Privatbesitz Urkunden, Zeich- nnngen 2C. vorsänden, welche historisch topographische Gegenstände des Landes zu erläutern dienen könnten". Dieses General­reskript verhallte fast vergeblich. Am 10. Dezember 1829 machte die nassauische Landesregierung wiederholt bekannt:Da inzwischen mir einzelne der Herren Beamten dem Herrn Hosrath Weitzel hierüber Mittheilungen gemacht haben, so scheint dieser Auftrag nicht überall mit jenem regen Eifer und Interesse vollzogen worden zu seyn, die Wir glaubten unterstellen zu dürfen", und ver­langte binnen 6 Wochen Erledigung der Sache unter namentlicher Angabe der zur Mitwirkung aufgeforderten Personen. Die Sache verschlug sich aber, da dieser Weg verfehlt war.

Schreiben an die Postämter» Vielfach ist die irrige Ansicht verbreitet, daß die Post für Schreiben und Briefe, welche von Privaten aus verschiedener Veranlassung, wegen abgesandter ober aiiflefommener Postsendungen, für Anfragen, Anzeigen, Be­schwerden jo., an die Postaustalten gerichtet sind, kein Porto berechnet und daß man deshalb die Briefe ohne Weiteres und ohne sie mit Brief­marken zu belieben, in den ersten besten Brieskaflen werfen kann. Das entspricht aber nicht den thalsächlichen Verhältnissen. Die Briefe kosten nur dann kein Porto, wenn sie am Postschalter abgegeben oder in den Briefkasten desjenigen Postamts gelegt werden, von welchem der Briefkasten geleert wird, und welches auch auf dem Kasten namhaft gemacht ist. Im anderen Falle wird jeder nicht mit der entsprechenden Freimarke versehene Brief außer dem Porto noch mit Strafporto belegt und nachträglich vom Briefschreiber ein­gezogen, da derselbe zur Zahlung verpflichtet ist. Inwieweit später das verauslagte Porto auf Beschwerde wieder erstattet wird, richtet sich danach, ob die Beschwerde begründet ist oder nicht. Nur in dem Falle wird Porto für Schreiben an Postanstalten nicht erhoben, wenn man die Post ersucht, ein Packet aus der Wohnung abzuholcu, welches am Schalter ausgeliefert werden soll. Ein der­artiges Schreiben geschlossener Brief, Karte oder Zettel kann jedem Briefkasten anvertraut oder auch jedem Briefträger oder Packetboten mitgegeben werden.

Ak» Sicherstellung fiiv gestundete Abgaben hat der Finanzminister die Annahme von Hypothekenforberungen als in der Regel unzulässig erklärt. Für die Steuerverwaltnug reicht es nicht aus, daß der Pfaudgegenstand die Gewähr dafür bietet, daß der sichergestellte Betrag überhaupt über kürzere ober längere Zeit be­richtigt wird, sondern sie muß zugleich Vorsorge dahin treffen, daß der Betrag unter alle» Umständen, auch bei Eintritt außerordent­licher Ereignisse, wie drohender Kriegsgefahr, rechtzeitig eingeht und alsbald darüber verfügt werden kann, derart, daß die Staatskasse sich ans ihnen sofort befriedigen kann.

Tagbkatt-Sammlnnßen. Dem Verlag desWiesbadener Tagblatt" gingen ferner zu: für die Falb-Spende von A. V. 5 Mk., g. a. 10 Mk., I. G. 10 Mk., G. G. 3 Mk., Ungeuanut 3 Mk., F. B. 1 Mk., S. u. W. 3 Mk.; für Kohlen für Arme von G. H. 10 Mk., A.S. 20Mk.; für alte Leu te von Ungenannt 3 Mk.; für warmes Frühstück für bedürftige Schulkinder von S. u. W. 3 Mk. Herzlichen Dank Namens der Bedachten!

Unfall. Die Rolle des in der Augustinerstraße in Mainz wohnenden Glashändlers Brentano sollte, vorgestern Morgen eine größere Menge dieser zerbrechlichen Waare nach Wiesbaden bringen. Zwischen Biebrich und Wiesbaden kam dieselbe beim Ausweichen an einer engen Straßenstelle dem Chansseegraben zu nahe und kipple um. Der Kutscher und ein bei ihm auf dem Bocke sitzender anderer Bediensteter des Geschäfts wurden gegen Bäume geschlendert, ohne indeß größeren Schaden zu nehmen. Von der Waare ging, trotz ihrer Zerbrechlichkeit,. nur ein kleiner Theil in Scherben. Die Pferde blieben unversehrt.

Keine Ideale mehr. Nach einer jüngst ergangenen Ent­scheidung des Kaiserlichen Patentamtes ist die Eintragung des Wort­zeichensIdeal" für Waaren verschiedener Art unzulässig, da dieses

Wort ui der Sprache des täglichen Lebens, wenn auch nicht in der Schriftsprache, zur Bezeichnung der Beschaffenheit einer Waare an* gewendet zu werden pflegt. Aus dem gleichen Gmnde hat auch bie Eintragung von Wortzeichen, wieExzellent",Pompös",Splendid", künftig zu unterbleiben.

Vereins - Nachr ichten.

tkurze sachliche Berichte werden bereitwilligft unter dieser Ueberschrift ausgenommen

*DieWiesbad e nerLokal-Kra nken-VersicherungS- kasse" hielt am Sonntag, den 24. Januar, im Saale desKath. Gesellenhanses" ihre diesjährige Generalversammlung ab. Ans dem ausführlichen Jahresbericht des ersten Vorsitzenden, Herrn Ed. Berges, war zu ersehen, daß die Kasse auch im verflossenen Jahre wieder Fortschritte gemacht hat. Die Einnahmen der Kasse beliefen sich auf 4403 Mk. 34 Pf., die Ausgaben auf 4311 Mk. 62 Pf. Me statutenmäßig aus dem Vorstand ausscheidenden Herren wurden zuM größten Theil wiedergewählt. Der Vorstand besteht aus den Herren Ed. Berges, erster Vorsitzender, P. Dinges, erster Schriftführer, W. Kempf, zweiter Schriftführer, I. Egenolf, zweiter Kassirer, Geißler, P. Vogel, S. Haiiselmaim, I. Müller und R. Gros Bei­sitzer. Die Versammlung war von etwa 70 Mitgliedern besucht.

* Die Generalversammlung derBäckergenosseuschaft" betreffend, fei noch bemerkt, daß der neugewählte Vorstand aus folgenden Herren besteht: Erster Vorsitzender Moritz Fausss, zweiter Vorsitzender Fritz Zimmermann, Schriftführer W. Berger, Kassirer W. Weygandt, Beisitzer L. Zimmermann, I. Wirges und Rüster. Als Prufuiigsmeisier fungiren die Herren Neumann und Haffelbach und als Herbergskommission die Herren A. Schütz und Sander. Der neugewählle Vorstand hat es sich zu seiner Vornehmsten Aufgabe gesetzt, die Interessen der Kleinbäckereien mit denjenigen der Großbäckereien möglichst zu bereinigen und die­jenigen der ersteren wirksamer zu vertreten, somit ein neues, engeres VereinSleödn aiizubahnen.

* Die am verflossenen Sonntag imRömersaal" abgehaltene karnevalistische Sitzung der GesellschaftFidelio" war recht gut besucht und verlief in der humorvollsten Weise. Schon der eigen­artige Einzug des närrischen ComitöS erregte stürmische Heiterkeit, und die nun folgende Vorstellung der Comitömitglieder durch den Präsideuten, die Begrüßungsrede des letzteren, sowie Protokoll ruib Kaffenbericht wirkten in zwerchfellerschütternder Weise auf die An- weieuden ein. Schlag auf Schlag folgten sich dann die urgeJungenften Vorträge, komische Scene», Couplets ec., die sämmtlich mit großem Beifall aufgenommen wurden und die Lachmuskeln der Zuhörer in steter Bewegung hielten. Auch der prächtige, von einem Herrn und einer Dame sehr schön aufgeführteSteiermärkische National­tanz" wurde mit lebhaftem Beifall belohnt.

* Die von dem KlubEdelweiß" am verflossenen Sonntag in der Turnhalle (Wellritzstraße 41) abgehaltene erste Damensitzung mit Tanz verlief unter äußerst zahlreicher Betheiligung in glänzender Weise. Der bebeuteub vergrößerte Saal war schon bei Beginn btr Sitzung bis aus beit letzten Platz gefüllt. Kurz nach 6 Uhr zog das Comits, begleitet von zwei Gardisten aus dem Mittelalter, unter großem Pomp ein. Hierauf begrüßte der närrische Präsident, Herr I. W. die zahlreich erschienenen Närrinnen und Narren mit einer oft von Beifall unterbrochenen Ansprache. Nachdem der närrische Sekretär, Herr ff. W., fein von Witz und Humor durch- wirkies Protokoll verlesen hatte, erstattete der närrische Kassirer, Herr F. B., einen urgelungenen Kassenbericht. Hieraus folgten me besten humoristischen Vorträge, Duette, Terzette 2c., abwechselnd mit Tanz und gemeinschaftlich gesungenen Liedern. Die nächste Sitzung findet am 14. Februar statt. Der Maskenball des Klubs wird in derMäiinerturnhalle", und zwar am Fastnacht-Samstag, den 27. Februar, abgehalten.

(?) An» dem unteren Maingau, 26. Januar. Die am Sonntag Nachmittag imWeißen Roß" zu Weilbach stattgehavk Versammlung von Interessenten des Zuckerrübenbaues wai von 150 Rübeuproduzenten besucht. Das Referat über diese Ver­sammlung können wir kurz fassen, da die einstimmig gefamtit Beschlüsse sich in der Hauptsache mit der am Samstag in Bad Weilbach gefaßten Resolution decken. Die Beschlüsse betrafen Preis, Anbau, Düngung und Ablieferung der Zuckerrüben und Rückgabe der Schnitzeln. Für 17 Orte des Mainganes wurde je 1 Vertreter gewählt, welche von der Versammlung beauftragt wurden, btr Direktion der ZuckerfabrikMaingan" in Hattersheim das Resultat her Versammlung gemeinsam bekannt zu geben.

(Nachdruck verboten.)

Sotelleben in Amerika.

Uew-Uork, 15. Januar.

Wenn Jemand im alten Europa ein Volk verstehen lernen will, so muß er dasselbe nicht nur in seinem Lande misslichen, nein, er muß auch danach trachten, in das Innere der Häuser zu bringen, in das Heini der Familien Eingang zu erhalten, letztere bei ihrem Wirken und Schaffen z,, beobachten, erst bann wird er sich in der That ein Unheil über eine Nation und ihre Eigenart bilden können. Meies ist ja aber im Allgemeinen nicht so leicht; wer nicht mit Empfehlungen ausgerüstet ist, muß sich gewöhnlich, soweit die besseren ober, richtiger, oberen Klassen der Gesellschaft in Frage kommen, damit begnügen, sie von fern zu beobachte», und das Resultat ist dann meist eine Schilderung ihrer Sitten und Gebräuche, die mit dem Original, wenn überhaupt, eben nur eine entfernte Aehnlichkeit haben.

Ganz anders bei uns. Wenn die alte Welt es liebt, sich ab- zuschließen, ihre Vergnügungen in intimer Weise zu genießen, so ist hier das gerade Gegeutheil der Fall, und nirgends läßt sich in Mew-Uork das gesellschaftliche Leben besser beobachten, a!8 in den Hotels. Wer überhaupt den Anspruch erhebt, an demselben theil- znnehmen, ob er nun zu den oberenVierhundert" gehört oder auf der Leiter der Eleganz etwas tiefer steht, zu einer ober der anderen Gelegenheit, bei irgend einer Festlichkeit, einer Hochzeit, einem öffentlichen Diner, einem Ball, einem Bazar, selbst auch nur um freuiidschastliche Zusammenkünfte zu feiern ober sich eine Abwechslung zu verschaffen,.ist er in ben prächtigen Hotels zu finden, deren New- Aork sich einer solchen Anzahl rühmen kann. Dazu kommt noch, daß nicht allein eine Menge Junggesellen, sondern auch kinderlose Ehe­paare und selbst solche, di»Sprößlinge, aber deren lediglich wenige, besitzen, permaueut im Hotel leben und es jedem Fremde» daher möglich ist, nicht nur ihnen da zu begegnen, nein, auch einen genaueren Einblick in ihre Lebensweise zu erhalten.

Wo ein Bedarf vorhanden, da wird er in heutiger Zeit und besoiiders bei uns sofort gedeckt, und so köimeu wir uns, wie gesagt,

vieler großartiger Hotels rühmen, von denen ca. 20 als allerersten, 100 als ersten Ranges, 250 als sehr gut gelten; außerdem find aller Sorten wohl noch 1000 vorhanden. Das berühmteste und be­kannteste dürfte Waldorf fein, wie es auch bereits jetzt das größte ist nnd noch die Hälfte an Umfang gewinnen wird, wenn der im Ban begriffene Annex vollendet ist. Europäischen Augen dürste es äußerlich nur durch feine Größe imponiren; ein nuverziertes, 12 Stock hohes Gebäude ans rothcn Ziegeln ringt wohl nur dem Aankee, der sich für Alles, wasbig" ist, begeistert, Bewunderung ab. Es ist im Stile deutscher Renaissance erbaut, wodurch eine Menge lauschiger Ecken, Loggias 2c. erzielt worden sind, sodaß das Innere sich bei aller Eleganz sehr gemüthlich präseiitirt. Denn an Eleganz mangelt es nicht, und diese kontrastirt Überraschend mit der äußeren Kahlheit des Hauses, wie auch beim Betreten desselben der durch prächtige Pflanzen und Gebüsche in einen Garten umgeiuanbelte große Hof sofort angenehm ins Auge fällt. Ein solcher ist übrigens nicht nur imWaldorf", sondern in fast allen erstklassigen Hotels zu finden. Die innere Ausstattung des Hotels sieht aber nicht nur prächtig ans, sondern ist auch wirklich künstlerisch schön und behaglich. Königszimmer haben, wie cS für eine Republik eigentlich gar nicht passend, theilwcise als Modelle ge­dient, der große Eßsaal wurde dem großen Salon im Münchener Schloß nachgebildet, eins der öffentliche» Wohnzinuner im Genre Marie Antoinette, das Rauchzimmer türkisch gehalten und die Be­dienung dort auch in solche Kostüme gekleidet. Der Besitzer von Waldorf", William Waldorf Astor, soll für die Errichtung und Ausstattung des bereits bestehenden Hauses den Annex nicht mitgerechnet zwanzig Millionen Mark ausgegeben haben, und dabei gehörte ihm das Hotel befindet sich in der eleganten Fifth Avenue der werthvolle Grund und Boden.

Was aber den Hauptreiz desWaldorf" und der meisten anderen vornehmen Hotels ausmacht, das ist die ständige Belebtheit. Da das ganze Haus gleichmäßig durch Dampf erwärmt wird, so ist keine Zugluft vorhanden, die Thiirew.der öffentlichen Räume werden also nie geschlossen, die Portieren nicht herabgelasseii. Alles ist offen und Jedermauii zugänglich, der das nöthige Kleingeld besitzt. Wem

es nicht darauf anfommt, für eine Mahlzeit 60 bis 80 Mk. aus­zugeben, kann sich hier sehr wohl fühlen und wird in dem kleineren gemüthlicheii Eßzimmer jeden Tag einem oder dem anderen Stern der New-Uorker Gesellschaft begegnen und seine Beobachtungen an­stellen können.

Es ist häufig behauptet worden, daß der Theil von Broadway, wo die Theater sich befinden, derRialto" von New-Dork sei. Mit mehr Recht könnte man aber die Hallen, d. h. die großen Eingangs- flure, der Hotels in Fifth Avenue so nennen, denn hier finden sich all die reichen Kaufleute und Spekulanten zusammen, hier werden auch wenigstens, wenn im politischen Leben etwas Besonderes vor­geht, was das Geschäft beeinflußt, die Geschäfte des Landes ver­handelt und nicht selten gemacht.

Selbstverständlich besitzen alle diese Hotels, von denen einige noch höher wieWaldorf"Manhattan" hat 15 Stockwerke und ebenso viele wird dasHerald-square Hotel erhalten die vollendetsten Einrichtungen bezüglich Fahrstühle, Telephons nnd was sonst zur Erhöhung der Beguemlichkeit beiträgt. Ein Brief, der im 15. Stockwerk in den bereitstehenden Behälter gethan wird, kommt ebenso prompt in den Briefkasten, als wenn man sich sofort selbst die Mühe nimmt, ihn dahin zu bringen. Eine besondere Schönheit mancher dieser immensen Hotels sind auch die Gärten, die auf dem Dach angelegt und von denen aus man oft einen wunderschönen Ausblick genießt.

Wenn aber infolge der Elevatoren 2c. bie obersten Stockwerke dieser Hotels dieselbe Ailitehmlichkeit wie die unteren bieten, so dürfte doch manches ängstliche Gemüth davor zurückschetteu, dieselben zu bewohnen, da bie Furcht vor Feuer es nicht schlafen ließe. Doch ist Alles zu seiner Beruhigung gethan. An den Fenstern außen be­finden sich Strickleitern, an einzelnen sind sogar eiferne angebracht. Außerdem ist Holz auch in nur so geringen Quantitäten ver­wendet, daß das Weiterverbreiten eines Feuers von einem Raum zum anderen fast unmöglich wird. Die Besitzer der größeren Hotel­können so mit ziemlichem Recht behaupten, dieselben seien feuersicher, und der rege Besuch der letztereii beweist, daß man es ihnen glaubt ober glauben toilL Karl Schenk.