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Beilage Mn Wiesbadener Tagblatt.

Uo. 44. Abend-Ausgabe.Mittwoche den 27. Januar. 45. Jahrgang. 1897.

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3n Man kann die Menschen entbehren, aber man bedarf *

eines Freundes. I»

Chinesisch. *

(21. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.!

Die Dame in Grau.

Kriminal-Roman von Keorges Hhnet.

Jacques protestirle, aber die Reden Dauziats ließen in fernem Geiste eine Spur zurück, und wieder Willen forschte er, ob es in dem Leben Annies eine dunkle oder zweifel­hafte Seite gebe. Er entdeckte nichts. Er liebte sie, ging mit Vergnügen zu ihr hin und verließ sie mit dem befrie­digenden Gefühl baldiger Rückkehr, aber Leidenschaft existirte dabei nicht. Es war die ruhige Neigung eines ordentlichen Mannes zu einer Geliebten, deren er sicher ist.

Er veränderte sich in der ersten Zeit seiner Liaison mit Frau Descharmais so vollständig und so vortheilhaft, daß seine Mutter und sein Oheim, die seine düstere Trauer und seine wilde Stimmung erschreckt hatten, sich freuten und nach den Ursachen einer so glücklichen Veränderung sich er­kundigten. Der Oberst traf Dauziat und richtete an ihn Fragen, auf die der Litterat zurückhaltende Antworten er- theilte, aus denen für den braven Alten jedoch hervor­ging, daß sein Neffe eine liebenswürdige Freundin habe, die ihn über seinen Kummer tröstete.

Von Frau Descharmais ward nicht gesprochen. Wäre der Name der jungen Frau gefallen, so hätte der Oberst viel­leicht weniger Befriedigung an den Tag gelegt. Er hatte aus den Konfidenzen des jungen La Brede den un­bestimmten, aber ha-tnäckigen Eindruck zurückbehalten, daß Annie eine gefährliche und arglistige Person sei. Dauziat hielt es nicht für nothwendig, der Familie Jacques der­artige Auskünfte zu geben, daß seinem Freunde Schwierig­keiten erwachsen wären, er war zu froh, ihn seinem Spleen entrissen zu sehen, als daß er riskirt hätte, ihn wieder darein verfallen zu lassen.

Als er jedoch über den Umgang der jungen Frau plötzlich d,e Auskünfte erhielt, die ihm die Ueberraschung in der Schenke an der Barriere Orano lieferte, überlegte er, ob er zu dem Kommandanten gehen solle, um ihn zu benachrichtigen. Aber er fürchtete die Uebertreibungen des alten Soldaten, und da er die Ereignisse nicht für ernst genug hielt, um übereilte Maßnahmen zu treffen, ergab er sich drein, zu warten. Er glaubte, damit das Beste zu thun, und ließ den günstigen Moment, Jacques aufzuklären und die Lage vielleicht leicht zu klären, vorübergehcn.

Als Jacques an dem Tage, an dem Annie in de Rue Tholoze gewesen, zu ihr kam, fand er die junge Frau nachdenklich, mit unbeschäftigten Händen, was bei ihr etwas Ungewöhnliches war, in ihrem Ankleidezimmer sitzen. Sie hielt ihm mit zerstreuter Miene die Stirn hin und als er sie sofort fragte:Nun, Annie, was giebt's denn? Warum dieses Gesicht?" wurde sie ganz düster, weigerte sich zu antworten und vergoß, als er liebevoll in sie drang, einige Thränen. Er ward ganz ärgerlich, setzte sich neben sie und sprach zärtlich auf sie ein, um sie zu einer Erklärung zu zwingen, die sie viel zu kosten schien.

Närrchen, was hast Du denn? Hat Dir Jemand etwas gethan? Du bist schon einige Zeit nicht wie sonst, das habe ich bemerkt. Fehlt es Dir an Vertrauen zu mir? Ich will, daß Du mir Alles erzählst, denn es ist offenbar irgend eine Verlegenheit, in der Du steckst . . ."

Sie protestirte. Nein, sie war in keiner Verlegenheit, er irre sich vollständig. Uebrigens, selbst wenn es der I Fall gewesen wäre, wisse er gut, daß sie nichts von ihm |

annehmen würde. Es seien nur moralische Gründe, und ganz innerer Natur, die sie traurig machten. Aber er solle darauf nicht achten. Das gehe ihn nichts an. Von ihr dürfe er nur Lächeln und zärtliche Worte erhalten. Es war dumm von ihr, daß sie es nicht verstanden hatte, ihre Nerven besser zu beherrschen . . .

Bei diesen Worten zwang sie sich, ein lachendes Gesicht zu machen und die Thränen liefen erst recht aus ihren schönen Augen. Da zwang Jacques, mit jener Wißbegierde, die den Männern eigen ist, da es doch so weise und so klug wäre, sich des Forschens zu enthalten, die junge Frau, zu gestehen, und hörte die Beichte an, die sie so gescheit vorbereitet und herbeigeführt hatte.

Ich wollte Dir nie von meiner Familie erzählen, weil sie nicht mehr so ist, wie ich sie haben möchte. Wenn ich sage meine Familie, so ist das nicht genau, denn ich besitze keine mehr, seit ich meinen Vater verloren habe. Aber ich nenne so meine alte Amme und deren Sohn. Du weißt, die Frau von Granville?"

Ja. Was fehlt den Leuten? Sind sie unglücklich?"

Ja. Meine Amme hat sich in Spekulationen ein­gelassen und Alles aufgezehrt, was ich ihr gegeben hatte. Mein Milchbruder, kein besonderes Subjekt, stets unzufrieden mit seinem Schicksal und der Lage seiner Mutter, obwohl ich ihnen sehr anständig helfe, hat mir schreckliche Briefe geschrieben und kam zuletzt hierher, um mir Scenen zu machen; erst heute ftüh, sodaß ich noch ganz verstört bin."

Aber das ist ja ein Taugenichts, und man kann ihn zur Vernunft bringen."

,,O, mein Jacques, ich bitte Dich, kümmere Dich nie um ihn! Der Gedanke, daß Du meinetwegen den geringsten Aerger haben könntest, macht mich toll. Gerade weil er mir gedroht hat. Dir zu schreiben, bin ich so aufgeregt."

Und die schönen, glänzenden Thränen liefen über die rosigen Wangen Annies, gleich silbernen Furchen an den Winkeln ihrer bebenden Lippen herab.

Jacques näherte seinen Mund dem reizenden, in Thränen gebadeten Gesichte, küßte leise die Augen und sagte, sie schmeichelnd hin- und herwiegend:

Arme, gute Annie! Was könnte der Junge mir denn schreiben? Daß er Geld braucht? Daß Du ihm nicht genug giebst? Nun, ich werde ihm welches schicken, ohne daß Du davon weißt, um Dich nicht zu betrüben."

Annie richtete sich entsetzt auf.

Gerade das ist's, was ich fürchtete. O, Jacques, um keinen Preis der Welt begehe diese Unvorsichtigkeit! Ich wäre so gedemüthigt, so unruhig ... Du weißt nicht, wie er Dich mißbrauchen könnte, und an dem Tage, da Du es satt bekämst, wäre er im Stande, Gott weiß was für häßliche Geschichten zu erfinden, um uns auseinander zu bringen . . . Ein Junge, den ich verwöhnt, verhätschelt habe und der eine abscheuliche Erpressung an mir verübt... So wird man für seine Güte belohnt!"

Aber mein Kind, Du mußt Dich nicht so aufregen," agte Jacques lachend.Was Dir da passirt, ist nichts Neues: das ist das ABC des Bettlerthnms. Die Sache zieht keine Folgen nach sich. Meinst Du, daß ich glauben werde, was er mir in feinen Briefen erzählen wird? Wenn er mir schreibt, werfe ich seine Epistel ins Feuer, um sie M reinigen und lasse vor Dir kein Sterbenswörtchen davon laut werden."

Jrn Gegentheil, ich verlange, daß Du mich davon ver- tändigst," erklärte Annie mit Nachdruck.Ich will über Alles, was er thun oder sagen wird, auf dem Laufenden ein. Vielleicht wird er nichts thun, aber wenn er kommt, oder wenn er schreibt", bitte ich Dich, lasse Dich von seinen Verleumdungen nicht beeinflussen; sage mir Alles wieder, damit ich mich vertheidigen und rechtfertigen kann."

Wenn er zu mir kommt, werde ich ihn nicht empfangen, und wenn er mir schreibt, bringe ich Dir seinen Brief. Bist Du zufrieden?"

Ja, ich danke Dir."

Nachdem Annie so gegen einen Versuch Charles bei Jacques vorgebeugt hatte, indem sie sich vorbehielt, auf den Gegenstand derart zurückzukommen, daß jeder Angriff ihres Milchbruders vereitelt würde, athmete sie leichter auf. Einige Tage verstrichen, während welcher ihr Leben seinen gewöhnlichen Lauf nahm. Sie hörte nichts von Charles, er schrieb nicht an sie, er schickte seine Mutter nicht zu ihr, um zu winseln und zu klagen, wie er zu thun pflegte, wenn die junge Frau seinen Bitten nicht nachgab. Annie dachte, daß er sich vielleicht von ihren Drohungen habe er­schrecken lassen, so unwahrscheinlich das auch war. Vielleicht auch schonte er sie, um nicht einen entgültigen Bruch herbei­zuführen, den er eigentlich fürchten mußte, beim die Folge davon wäre gewesen, daß er ohne Hülfsmittel dastünde.

Sie begann also wieder zu hoffen, daß die Zeit die Geister besänftigen würde und sie aus dem gefährlichen Engpaß, in den sie gerathen war, herausgelangen könnte. Es schien, daß die so großen Schwierigkeiten, die sie zu besiegen hatte, ihre Leidenschaft überreizten. Noch nie hatte sie Jacques so wahnsinnig geliebt, als nun, da die Gefahr drohte, ihn zu verlieren. Es überkam sie jene Herzens­raserei, wie sie die Liebenden zur Zeit der Schreckens­herrschaft empfanden, als sie sich unter dem Fallbeil der Guillotine, ungewiß, ob sie den nächsten Morgen erleben würden, anbeteten und ihre Wonnen genossen, indem sie sich sagten:Das ist vielleicht die letzte!"

Jacques, ein wenig erstaunt über dieses Ungestüm und geschmeichelt von dieser Gluth, gab sich ihr mit der ganzen Begeisterung der Jugend hin. Trotzdem erschreckte ihn manchmal die Inbrunst Annies, so seltsam wurde ihre Stimme und eine solche Verstörtheit sah er in ihren Augen. Sie schien von einer schrecklichen Vision fascinirt zu werden und ihre zitternden Lippen, ihre erblaßten Wangen zeugten von einer heftigeren Erregung als der der Liebe. Er be­mühte sich, sie zu beruhigen, sie zu sich zurückzurufen, aber sie war wie von einem vorübergehenden Wahnwitz besessen und antwortete nicht oder sprach wunderlich von Dingen, die Jacques räthselhaft blieben. Eine fixe Idee verfolgte sie, die übrigens sehr verständlich, sehr klar war und darin bestand, Jacques den Schwur abzufordern, daß er keine Fran so geliebt habe, wie sie. Er that ihr den Willen und Annie schien befriedigt zu fein.

Aber oft genügte diese Bestätigung nicht, um den inneren Dämon zu besänftigen, der sie quälte, und sie blieb unruhig, finster und stumm, wie vezehrt von bett Gedanken, denen sie keine Form geben wollte oder konnte.

Eines Abends, als er sie im Verlauf einer dieser Krisen in den Armen hielt und gebieterischer mit Fragen in sie drang, machte Annie, nach vielem Zögern und Seufzen, folgendes Geständniß:

Ich möchte die Gewißheit haben, daß Du keine der Frauen vermißt, die Du geliebt hast."

Ueber das Seltsame der Frage überrascht, schwieg Jacques. Da fuhr Annie mit einer Art fieberhafter Exaltation fort:

Ja, ich möchte sicher sein, ob ich nicht, selbst in Deiner Erinnerung, eine Nebenbuhlerin habe. Der Gedanke, daß Du an meiner Seite Vergleiche anstellen, Erinnerungen, Sehnsucht haben könntest, ist mir unerträglich, zerreißt mir das Herz. Schwöre mir, daß ich Dir Alles ersetze, was Du geliebt hast . . ."

Sie umfaßte ihn gewaltsam und Ihr von dem dichten Haar umrahmtes Gesicht drückte feurige und schmerzliche Entschlossenheit aus. Sie verschlang ihn mit den Augen, thr Athem verbrannte ihn, ihre Lippen berührten ihn fast, wie bereit, seine Antwort mit einem triumphirenden Kuß aufzufangen. Aber Jacques, der im Nu traurig wurde, antwortete mit etwas leiser Stimme:

Beruhige Dich, Annie, ich kann Dir schwören, daß Du Alle ersetzt hast, die ich liebte, und daß ich Keine von denen vermisse, die am Leben sind."

(Fortsetzung folgt.-

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