Wiesbadener (Laoblatt.
45. Jahrgang.
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N-. 16. Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Montag, den 11. Januar.
BezirkS-Fcrnsprechcr No. 52.
1897.
Abend-Ausgabe.
Preußischer Zandtag.
n- Krrlin, 9. Januar.
Abgeordnetenhaus.
Das Abgeordncieuhaus trat beute i» die Besprechung der Interpellation, betreffend die Auflösung von Versammliiugeu in Oberschlesien, ci'.i. Abg. Muuckel (frei,. Volksp.) hält die Auflösung der Bersauimlnngen für ungerechtfertigt. Wenn eine Sprache so verbreitet sei, daß sie allgemein verstanden werde, so müßte» auch di« Polizcibeamteu im Staude fein, sie zu verstehen. Man dürfe aus diesem Grunde nicht Valksrechte ve> kümmern. — Abg. Dr. v. Heydebraud u. d. Lasa (foiif.) wirst im Gegensatz dazu die Frage auf, ob das geltende Recht ausreiche, nm der künstlich hervorgerufenen grohpolnischeu Vcivegung in Oberichlcsien mit genügender Schärfe entgegenzutreteu. — Abg. Kirsch (Ccnlr.) fordert, dah nicht politische Gesichtspunkte, sondern allein das geltende Recht für die Auflösung von Versammlungen nmßgebeu; sei. — Abg. Frhr. v. Zedlitz (freifonf.) tritt den Ausführungen des Abg. v. Heydebrand bei und wünscht ebenfalls eine Ergänzung de« bestehenden Rechts, daniit die grobpolnische» Be- ftrebungeu energisch bekämpft werden könnten. — Abg. Dr. Stephan (Eentr.) tritt den Ansführnngen des Ministers entgegeu, betont, daß der Unterschied zwischen dem Hoch- und dem sogen. Wasser- polnisch übertrieben werde, und hofft, daß das VersammluugSrecht, das verfassungsmäßig garantirt sei, nicht verkümmert werde. Die grvßpoluifche Agitation, die sich gar nicht aus eine LoSreißuug richte, sei nur durch die verkehrten Maßregeln der Regierung hervorgerufeu. — Abg. Krause (nat.-lib.) ist der Ansicht, daß für die Interpellanten nicht die Rechtsfrage allein maßgebend sei, sondern daß sie aus der politischen Frage Kapital schlagen wollten. Bei Bekämpfung der großpolnischcn Agitation werde die Negiermig die vollen Sym- pathieen seiner Parteifreunde haben. Hierzu reichten aber feiner Meinung nach die bestehenden Gesetze aus. Die Interpellation fei ein Schlag ins Wasser. — Abg. MoIth (Pole) weist daraus hin, daß die Behandlung der Polen in den letzten Jahren nicht bRnrtifl fei, wie sie sich für ein friedliches Zusammenleben empfehle. Die Behauptung des Ministers, daß von einer Sprachenfrage nicht die Rede sei, stimme nicht mit den Thalfachen überein. Die polnischen Vereine seien ein Damm gegen die Sozialdemokratie. In gleichem Sinne spricht auch der Abg. Wolczyk (Ceutr.), der den moralifchen Werth der polnischen Vereine betont. — Abg. Rickert (freit Ver.) tritt für eine gleichmäßige Behandlung aller Staatsbürger ein und meint, daß das bestehende Recht anSreiche. Die Rede des Ministers decke sich nicht mit den Ausführungen des Oberverwaltmigsgeuchls. — Minister des Innern Freiherr v. d. Recke stellt anheim, die Entwickelung der Dinge bezüglich des VereinsgefetzeS abzuwarten. Der Abg. Kirsch habe die Glaubwürdigkeit der Beamteti angegriffeu, !T müsse aber diesen Angriff als völlig ungerechtfertigt zuriick- reifett. Bezüglich der Bekämpfung der großpolnifchen Agitation itche die Regierung völlig auf dem Standpunkt des Abg. o. Heydebrand; sie fei entschlossen, diese Bewegung, die Rsgenscheinlich im Wachsen begriffen fei, mit allen Mitteln zu bekämpfeii. — Abg. Dasbach (Ceutr.) führt aus, daß die ' kämpfuug der Muttersprache ein Mittel fei, um btt Bem nag aufs Aeußerste zu empören. — Cs folgt die erste Berathurg über bett Gesetzentwurf, betreffend die Abäuderuttg des Mfetzcs über Fortbildungsschulen in Westpreußen iinb Pofe». — Abg. v. S ehe ticken dor ff (nat.-lib.) empfiehlt, das Gesetz ohne Kommifsiousberathung zu erledigen. — Handelsmiuister Brefeld weist den Ausprnch des Abg. v. Jogdzewski (Pole) zurück, der den Fortbildungsschulttuterricht in polnifcher Sprache befürwortet. — Abg. Dr. Bache m (Centr.) spricht sich gegen obligatorischen FortbildnngS- schulunterricht am Sottutag aus und beantragt Ueberweisuug an eine flcmmfffioit. — Abg. Sattler (nat.-lib.) empfiehlt das Gesetz, die Abgg. Schröder (Pole) und v. Jagdzewski (Ceutr.) trete» nochmals für politischen Foribilduttgsfchulnnterricht ein. Dagegen spricht sich Graf Limburg-St irum (kotts.) aus, der möglichste
Befchrättkuitg des Fortbilduitgsschultittterrichts an Sonntagen wünscht. — Hatidelsminister Breseld legt deiugegenüber dar, daß die Vorlage weiter gehe als die Reichrgewerbeordniiug, die die Wahl zwischen Gottesdienst und Fortbildniigsschuliinterricht freistelle. — Att der weiteren Debatte betheiligten sich noch die Abgeordneten Dr. Bachem (Ceutr.), v. Tz schoppe (freifonf.), Freiherr v. Heer«man (Ceutr.), Sattler (nat.-lib.), Fetisch (kous.). — Sodann werden nach der Gesetzentwurf, betreffend die Heranziehung der Fabriken mit Vorausleistnugen für den Wegebau in der Provinz Pommern, der Gesetzentwurf, betreffend die Kirchengemeiudeorduung für die evangelischen Gemeinden in Hohenzoller», und der Vertrag zwischen Preußen und Oldenburg über den Bau einet Eisenbahn ohne Debatte in erster und zweiter Berathuug erledigt. — Nächste Sitzung Montag, 11 Uhr: Zweite Lesung des VolksschnllehrergefetzeS.
Deutsches Reich.
Kerlin, 11. Januar. Wie die „Leipz. Neuest. Nachr." ans zuverlässiger Quelle erfahren, ist das gegen Dr. PeterS ein» fl eleitete Verfahren so weit gediehen, daß der Bericht über die disziplinarische Voruntersuchung in diesen Tagen an den Reichskanzler gelangen wird. Voransfichtlich werde derselbe sich für die Einleitung des disziplinarischen HauptverfahreiiS entscheiden. PeterS wird heute und morgen ueuerdiugs Deritonniien werden. Durchaus erwiesen soll fein, daß der viel erörterte Bries an den Bischof Tucker nicht existirt.
Die Koniiuission für Arbeiterstatistik ist am Samstag Vormittag, 10 Uhr, unter dem Vorsitz des UuterstaatssekrelärS Lohmann im Reichsamt des Innern znsainmengetreten. Die Kommission tagte bis 43/. Uhr Nachmittags. Der Referent erläuterte die Denkschrift und die Ergebnisse der Umfrage in der Kleider- und Wäschekonscktiou. Ein Antrag, den Zwischetimeisterit die lieber» tret gütig von Arbeit an Hansindnstrielle zu verbieten, wurde ab« gelehnt. Die Verhandlungen werden heute fortgesetzt.
Die Versammlnng Delegirtet von fast allenprenbischen Handels kam tue ru trat Samstag und gestern in Berlin zusammen, nm über die durch die neue Gesetzgebung und ihre Eiu- sühruug für den Getreide- und Produktenhandel geschaffene Lage zu beräthen. Es wurde nach eingehender Diskussion über die wichtigsten Punkte mit einer au Einstimmigkeit grenzenden Majorität, resp. mit Einstimmigkeit beschlossen: 1. die Gründung einer Organisation für den deutschen Getreide- und Produktenhandel mit dem Sitze in Berlin; 2. Seitens der betheiligten Vereiniguitgeu keinerlei Preisermittelungen zu veranstalten und weder direkt noch indirekt zu beröffentlichen. Die Statuten vorgedachter Organisation bestimmeit als Zweck derselben in erster Reihe die Wahrung der Ehre und des Ansehens ihrer Mitglieder und ferner die Förderung der wirthschastlichen Interessen derselben.
*£iutßecon1ra jletere. DieVeleidigungsklage des Di .Friedrich Lange gegen Dr. Kart Peters kam am Samstag in Berlin zur Verhandlung. Es handelt sich um einen unter dein Titel „Reislänfer" in der „Deutschen Zeitung" des Dr. Friedrich Lange erschienenen Artikel, der zu der Zeit erschien, als die Debatten im Reichstag über Dr. Peters und die Vorgänge am Kilimandscharo geführt wurden. Der Artikel behandelte das Gerücht, daß Dr. Peters in englische Dienste Übergetreten sei. Dr.PeterS erwiderte hieraus »»„Deutschen Wochenblatt" desDr. Arendt, daß die Langeschen Angaben „erlogen" seien. Er behauptete Weiter, daß Dr. Lange s. Z. aus der deutsch- ostafiikauischeu Gesellschaft hinauSbngsirt Morden sei, und man ihm für feine bis dahin geleistete» Dienste eine Summe von 10,000 Mk. gezahlt habe, schließlich auch, daß er den Dr. Lauge schon einmal auf Pistolen gefordert habe, Dr. Lange aber der Forderung nicht entfprochen habe. Dr. Peters strengte ursprünglich gegen Dr. Lange die Widerklage an. Sei» Rechtsbeistand zog diese aber ans formalen Gründen wieder zurück. — Der Gerichtshof erkannte Peters für schuldig, aber straffrei, weil er sich nm sofortige Erwiderung einer vorauSgegangeuen Beleidigung handle.
* Mer Ulllttärpersone» zur Urlaitbs-Ueberschreitnng verleitet, macht sich strafbar. ES kommt oft vor, daß auf Urlaub befindliche Militärpersonen von Eltern, Freunden und Brüdern durch allerlei Zureden z» Urlaubs-Ueberschreitnugen veranlaßt werden. Nach einem Unheil des Reichsgerichts sind solche Civilpersoneu mit
der Maßgabe zu bestrafen, daß bei Erkennung auf eine Freiheitsstrafe von nicht mehr als sechs Wochen an Stelle des Arrestes Haftstrafe tritt. Als Hülfkleistung zur UrlanbS-Ueberfchreitung ist jede Thätigkeit zu verstehen, die darauf abzielt, die Urlaubs-Ueber- fchrcitung zu fördern; sie liegt auch dann vor. Wenn ein Dritter den Thäter in feinem Entschluß, bett Urlaub zu überschreiten ober die Uebeischreitung fortzusetzen, bestärkt ober befestigt, besonder» Weil» der Thäter iit seinem Entschluß noch Wankend War.
* Rundschau im Reiche. In Hamburg sprach Samstag Morgen Oberst-Lieutenant v. Egidy in einer Versammlung von Schauerleuten. Er anerkanute bas miisterhafte Verhalten der Streikeubeu, betten Niemand die bedingungslose Ilnterwerfnng att» empfehlen könne. Ein anwesender Kaufmann beantragte, Egidy aufzufordern, er möge einen Versuch zur Bildung eines EinignngS- amtes zwischen Arbeitern unb Rheder» unternehmen. Egidy bezweifelte beu Erfolg seines etwaigen Eingreifens. — Bezüglich ber Befürchtung, betreffenb Einschleppung der Pestsenche durch atÄ Asien kommende Schiffe, macht die Hamburger Behörde bekanm, daß durchaus keine Gefahr vorhanden sei.
Ausland.
* Frankreich. Der Negns Menelik ist benachrichtigt worden, daß er tu offizieller Weise zur Pariser WeltauSstellnng im Jahre 1900 eingeladen werde. Mcnelik versprach, die Eiuladung auzunehmen. Von Paris wird er mit Gefolge nach Petersburg reifen. — Aus Brest, 10. Januar, wird gemeldet: Der Seepräfekt hat die vom Kriegsgericht freigesprochenen Artilleristeu, welche mit Polizisten in Konflikt gerathen waren, disziplinarisch streng bestraft, um der Bevölkerung Genngthiiuug zu geben. Gestern wurden abermals mehrere Polizisten von Artilleristen überfaüeit, Ladenfenster ein» geschlagen re. Die Erregnug gegen daS Militär wächst bedenklich.
* Großbritannien. Der Staatssekretär von Indien ist von dem Lordmahor informirt worden, daß die öffentliche Subskription für die durch Huugersuoth Leidenden in Indien erlaubt fei. — Balfour sagte in einer Rede, die er vorgestern Abend in Manchester hielt: „Vor einem Jahr wurde unser Land erfüllt von Sorge» infolge des Zufammeutreffens von Beunruhigungen, defonders derjenigen in Veuez iela und Südafrika. Letztere hatte» nahe Verbindung mit der europäischen Politik. Aber jetzt sind die Wolken meist zerstreut, während andererseits die Türkei ein Reich ohne Reformen bleibt und die Orieulfrage fortbesteht. In der gegenwärtige» Lage würde es zu viel fein, wenn man sagte, ber Ausblick sei vollkommen ungetrübt; aber bie Aussichten fiub boch klarer, als zu irgend einer Zeit in den letzte» 12 Monaten."
* Türkei. Die „Llgeuzia glefani" melbet aus Ron staut! nobel: Der italienische Botschafter wurde von ber Gattin bee in türkischen Diensten stehenden italienische» Staatsaugehörige» Marams benachrichtigt, daß dieser in Trapezunt eingeschifft werben solle, um in Balbnrb internirt zu werden. Der Botschafter erklärte bet Pforte sofort, daß er eine Verurtheilnng Marams ohne vorhergegaugenen ordentlichen Prozeß nicht zulaffen könne, unb fügte hinzu, er werbe riöthigenfallS bas italienische Stationsichiff „ArchimedeS" nach
Trapezunt fenbeii, um bie sofortige Freilassung des Ge-
faiigenen zu forbern. Der Sultan liefe bem Botschafter versichern , bafe ber Fall ihm unbekannt, andererseits es aber
nicht mehr möglich fei, den Befehl ber Abfahrt Marams zn Wiber- rufen, ba dieselbe bereits gestern erfolgt fei. Er habe jedoch telegraphisch Befehl erlheilt, Marants in bem ersten Hafen, ber angelaufen würbe, an Laub zu setzen unb nach Koustantinopel zu bringen. Der Botschafter drang darauf, daß die Pforte eine schriftliche Bestätigung dieses Versprechens gebe, unb befahl dem Stationsschiff „ArchimedeS", sich für den Fall des Auslaufens bereit z» halten. — Der „Lok.-Anz." meldet ferner: In Konstantinopel ist bas Gerücht verbreitet, baß in Trapezunt wieder große M a s f a e r e S an Armeniern ftattgefunben haben. Nähere Einzelheiten fehlen »och. Das italienische Statioasschiff ist dorthin abgefahren, angeblich weil auch Italiener maffakrirt worben seien.
* Asien. Drahtberichten ans Manila zufolge hat sich bie Sage bort angeblich gebessert. Die Ausstäubischeu wagen nicht mehr, sich ber Hauptstadt zu näher». Im Innern kam es zu einigen Zusammerrstößen. So versuchte ein Trupp von 600 Aufständischen
(Nachdruck verboten.)
Der erste Dynamilaede.
(Von unserem Stockholmer Korrespondenten.)
Der kürzlich gestorbene Dr. Alfred Nobel, der Erfinder des Dynamits, gehörte einer schwedischen Jngenienrsamilie an, bie sich feit mehreren Generationen ausgezeichnet hat. Sein Vater,Immanuel Nobel, Würbe ini Jahre 1801 in Gäste geboren. Er zeigte int frühen Alter Lust zum Schiffsbau unb würbe daher von seiner Familie zur See geschickt, um mit ber Schiffahrt eist praktisch bekannt zn werden. Später Würbe er als Lehrer in Konstruktion am neuen .Technologischen Institut" in Stockholm augestellt, unb er arbeitete fleißig mit technischen Versuchen unb Erfindungen. Es gelang ihm jedoch nicht, in seinem Vaterlande weder Anerkennung noch bin» reichenden Verdienst zu finbett, und er beschlafe daher, nach Aufforderung des reichen Barons Haartman im Jahre 1837 nach St. Petersburg z» übersiedeln, um hier feine Erfindungen fruchtbar yt machen. I» ber russischen Hauptstadt ging es ihm auch besser, und nachdem er sich eine einträgliche Stellung gesichert hatte, liefe er feine Familie zu sich kommen.
Von seine» vier Söhnen, die feine Mitarbeiter waren, würbe der älteste, Robert, der Urheber ber anderen Großindustrie, bie mit bem Name» Nobel verknüpft ist, nämlich ber Ausbeutung des im Kaspische» Meere befindliche!! Naphtas zur Hervorbringung einer billige» unb leicht zugänglichen Beleuchtung. Er wurde seiner geschwächten Gesundheit wegen genöthigt, im Jahre 1881 nach Schwede» zurückziikehren, unb starb im vorigen Sommer.
Der zweite Sohn, Lubwig, war als Maschinenkonslruklenr bei den grofeen Werkstätten seines Vaters tbillig, unb als dieselbe» vo» de» Gläubigern übernommen wurden, setzte er den Betrieb fort, bis bie Schulden des Vaters bezahlt waren. Dann leitete er bas Geschäft Weiter für feine eigene Rechnung unb erwarb durch den Petrolenmhaubel in Baku ein großes Vermögen.
Gleichzeitig war ber Vater mit seinen zwei jüngsten Söhnen Alfred und Oscar in Stockholm mit Versuchen eifrig beschäftigt, um einen Sprengstoff für Bergbau, ber bas Pulver übertreffen sollte, herzustellen. Als er eines Tages in seinem Laboratorium bei Heleneborg mit seinen Söhnen arbeitete, fand eine schreckliche Explosion statt, bie beu jüngsten Sohn Oscar tobtete. Dies geschah den 3. September 1864. Der Schmerz beS Vaters war un
geheuer, unb einige Monate später Würbe er von einem Schlaganfall getroffen ber ihn ber Bewegung seiner Glieder beraubte, jedoch seine geistige Fähigkeit nicht beschränkte.
Beim Tode des Vaters im Jahre 1872 hatte sein Sohn Alfred bie Forschungen über Sprengstoffe schon einen großen Schritt vorwärts gebracht. Alfred, ber am 21. October 1833 in Stockholm geboren würbe, kam als Kind mit feiner Mutter nach St. Petersburg, wo er in die Arbeiten seines Vaters eingeweiht Würbe. Später würbe er sei» Mitarbeiter unb leitete bie Werkstätten. Nachdem bas Laboratorium in bie Luft gesprungen war, wurden bie gefährlichen Experimente von beu Behörden verboten, unb es wurde den Herren Nobel befohlen, ihre Arbeit außerhalb ber Stadt vorzmiehmen. Sie mietheten dann ein großes Schiff auf bem Mälarcn und hier setzten sie ihre Versuche fort. „Nobels Svrengöl" War schon damals vom Vater und Sohne im Verein erfunden, unb es galt nun bloß, die Erfindung für beu praktischen Gebrauch ausznbilben unb sie in fester Form herzustell«i. Dies gelang Sltficb Nobel nach unenuüblidjen, zahlreiche» Versuche» im Jahre 1867. Die neue Ersinbung erhielt beu Name» Dynamit, und bnniit war eine Revolution von großer ökonomischer Bedeutung durchgeführt. Preisbilligkeit uiib Zeitgewinn bei Sprengnugsarbeiten, in einer Periode, ba Eifenbahutunuels unb andere Bergfprenguugen zur Tagcsorbuuug gehörten, darin bestand, kurz gesagt, bie Bedeutung ber Erfindung Alfred Nobels.
ES war nicht schwer, eine Aktiengesellschaft für bie Ausbeutung ber Erfindung zu bilden. Die erste entstand in Stockholm, bie zweite in Paris, wo Alfreb Nobel jetzt seinen Wohnsitz aufschlug, nachher Würben mehrere Gesellschaften in verschiedencii größeren Stabten gebildet. Alfreb Nobel hatte außerhalb Paris ein großes Laboratorium eingerichtet, wo er ununterbrochen seine Arbeiten und Verstiche fortfetzte. Es gelang ihm nach und nach, feine Erfindung zu vervollkommnen, indem er neue praktische Kombinationen des Sprengstoffes mit größerer Stärke und geringerer Explosionsgefahr herstellte. Gleichzeitig erhielt er in den meisten Ländern Patente aus seine Ersindungeu und legte große Fabriken an für bie Herstellung seines Sprengstoffes. In Teutschlaud, Frankreich, Englanb, Spanien, Italien und Amerika finden sich solche Fabriken, und in vielen derselben hat Alfred Nobel schwedische Ingenieure augestellt. Die Konkurrenz ist jedoch nicht aitSgeblieben. lieber hundert ähnliche Sprengstoffe, ans Nitroglycerin hergestellt, sind schon jetzt im Gebrauch, sie sind jedoch alle aus Alfred Nobels Entdeckung in 1867
hervorgegangen, unb die in seinen Fabriken produzirten Erzeugnisse erfreuen sich auf bem Weltmarkt be8 besten Rufes.
Alfred Nobels letzte Erfindung ist das rauchfreie Pulver, da» in Deutschland (Diineberg bei Hamburg), in Italien (Avigliano und Fontana Liri), in Stockholm unb in mehreren Laudern prodnzirt wird. Vor einige» Jahren erwarb der Verstorbene Boso rS große Kaiioneiigiefeerei uub mechanische Werkstätten, wo er mehrere Werkstätten zu Versuchen mit dem ranchfreien Pulver einrichtete.
Auch dieses ist ein Nitroglycerinpräparat unb, vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte betrachtet, muß bieser Erfindung grofee Be- bcutiing beigemeffen Werben. Durch innige Vermischung — nicht chemische Vereinigung — zweier Stoffe, bie beibe ungefähr tausendmal so große Verbrenntingshastigkeit wie das Pulver haben, ein Produkt langsamerer Verbrennung als dieses herzustellen, ist nämlich ein Resultat, das von seltenem Scharssiuii des Erfinders zeugt.
In Weniger als drei Jahrzehnten hat Alfred Nobel diese Weltindustrie geschaffen. Vor zwanzig Jahren fing fein Bruder Ludwig die Geschäfte in Baku an, unb im Verein mit Alfreb erreichten bie Stüber eine so feste finanzielle Stellung, bafe sie sogar einen Streit mit bei» Hanse Rothschild anfuebmen konnten. Sie haben dieses Resultat Weber durch Börsenspekulationen noch durch Glücksfall, sondern durch Tüchtigkeit, Fleiß unb Geschäftssinn erreicht.
Alfred Nobel starb im Alter von nur 63 Jahren in Sa» Nemo im vorigen Jahr.
Alfred Nobel war seit 1864 Mitglied bet schwedischen Akademie ber Wissenschaften, bie ihm ihre goldene Medaille verlieh. „Royal Institution" in Loudon unb „Societs des Ingenieurs CivilS" in Paris hatten ibn ebenfalls als Mitglieb aufgenommen. Bei dem Jnbelfest in Upsala 1893 wurde er zum „Ehrendoktor" ernannt.
Der Verstorbene hatte den Jngenienr Andree burch eine bedeutende Summe in Stand gesetzt, seine Ausfahrt zu nnternehnien, unb hat feinen Beitrag für den neueren Versuch in diesem Jahre erneuert. Er selbst war nuverheirathet, seine Fabrikswirksamkeit Wirb jedoch von feilten Neffen, ben Söhnen Ludwigs und Roberts, die schon längst als Ingenieure an feinen Arbeiten theilgenominen haben, fortgesetzt Werben.
Wie man ans ben letzten Nachrichten ersehen haben wird, hat Alfred Nobel von seinem großen Vermögen ben hochmnthigsten Gebrauch gemacht, indem er fünf jährliche Prämien, jede von 200,000 Kronen, zur Förderung der Wissenschaft uub der Litteralnr gestiftet hat.
