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Preußischer Landtag.

n- Berlin, 8. Januar.

Abgeordnetenhaus.

Das Abgeordnetenhaus trat heute nach 'ber Weihuachtspause wieder zusammen. Finanzminister Miquel legt dem Hanse den Staatsbaushaltsetat für das Jahr 1897 98 vor, der dies­mal kein Defizit aufweist. Der Etat balanzirt zum ersten Mal mit über 2 Milliarden Mark. Es empfehle sich, so führte der Minister aus, in solchen günstige» Jahren das Extraordinarium niöglichst reichhaltig zu gestalte», damit nicht eine zu starke Belastung des Etats durch dauernde AnSgaben erfolge. Für das abgefchlofscne Etatsjahr 1895/96 fei ein Defizit von 34 Millionen ver­anschlagt worden, das sich aber auf 20 Millionen reduzire. Statt dessen sei ein Ueberschuß von 60 Millionen erzielt worden. Sämmtliche Betriebsverwaltungen, mit Ausnahme der Domainen- vcrwaltung, hätten bedeutende Mehrüberschüsse ergeben. Das laufende Etatsjahr werde sich voraussichtlich ebenso günstig gestalten und nach der Schätzung einen Ucbcrschuh von etwa 80 Millionen ergeben. Ein Neliktengesetz sei in Vorbereitung und werde hoffent­lich bald vorgelegt werden können. ES sei jetzt auch möglich, Be- dürfniffe zu befriedigen, die bisher hätten znrückgestellt werden müssen, dahin gehörten insbesondere die nothwendigen Mufeliins- Nelibantcn. Aus der Spitze der Museums-Insel solle der Platz für ein Kaffer Friedrich-Denkmal reservirt bleiben. Wegen des Umbaues der Charite werde ein besonderer Gesetzentwurf vorgelegt werden. Bezüglich der Erhöhung der Beamtendcsoldunge» sei das Staatr- ministcrium der Meinung gewesen, daß kein Stückwerk geschaffen werden dürfe. Deshalb würden niininchr die mittleren und ein erheblicher Theil der oberen Beamten berücksichtigt werden. AnSgeschloffen von der Besoldungserhöhung feien, abgesehen von einigen nothwendigen AnSnahmeii, die Beamten mit mehr als 12,000 Mk. Gehalt. Die Befoldniigserhöhung komme 73,500 Beamten zu gute und betrage im Durchschnitt 10 pCt. Es folgt die Centrums-Jnterpellation wegen Auflösung politischer und anderer Versammlungen in Oberschlcsien wegen GebraiichS der polnischen Sprache. Nachdem sich der Minister des Inner», Freiherr v. d. Recke, zu ihrer sofortigen Bcantwortnug bereit erklärt hat, führt der Abg. Dr. Stephan (Centr.) zur Be­gründung der Jnterpellatiou aus, die Maßregeln gegen die Polen in Obcrschlefien seien auch gegen die Katholiken gerichtet, und erörtert sodann die einzelueu Fälle, in denen Versainmluugen wegen Gebrauchs der poliiifchen Sprache aufgelöst worden find. Während der Reichskanzler im Reichstag die Aushebung des § 8 des VcreinsgesetzeS in Aussicht gestellt habe, werde er von den Polizeiorgancn in Oberschlesien in ungerechlfertigter Weise angcwendet. Die Auflösungen stellten eine Verletzung des BersamiulungsrechlS dar. Minister des Innern Freiherr 3. d. Recke erwiderte, nach den aiigestellten Erhebungen habe es Ich in den drei angezogene» Fällen in Beneschau, Beuthen, Wieschowa keineswegs um eine Sprachen- oder konfessionelle Frage gehandelt. Wo das Staaiswohl in Frage stehe, sei die Regierung zur Ueberwachung von Versammlungen nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet. DaS sei aber der Fall bei politischen Versammlungen; und die lin Rede stehenden drei Versammlungen seien unbednigt politische gewesen. In allen drei Orten sei aber die hochpolnischc Sprache, die von den Rednern gesprochen sei, nicht die Volks­sprache, vielmehr sei dies die wasserpolnische oder mährische. Auch die überwachenden Beamten hätten das Hochpolnische nicht verstanden, und so wäre durch den Gebrauch dieser Sprache das Ueberwachiiiigsrccht illusorisch gemacht worden. Es sei doch unmöglich, die Polizeibeamten polyglott anszubilden. DieRegieruiig werde sich auch künftighin das UeberwachnngSrecht durch Gebrauch einer fremden Sprache nicht verkünimern lassen und werde von ihren gesetzlichen Befugnissen energisch Gebrauch machen. Nächste Sitzung Samstag, 11 Uhr: Besprechung der Interpellation und Ueincre Vorlagen.

'.14. BezirkS-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe.

Samftag. dr» 9. Januar.

Deutsches Deich.

* Hof- «in» Prrfonal-Nachrichtrn. In der Familie des Finanzmiiiisters Dr. Miquel ist ein Todesfall «mgetreten. Ein Eiikel des Ministers, der Sohn seiner nut dem Rittergutsbesitzer v. Scheliha vermählten Tochter, ist gestorben. Der Miuffter gedenkt der Bestattung des Enkels beizuwohneu. - Dr. Karl Peters ist vorgestern aus London in Berlin eiugetroffen. Bekanntlich steht beute Termin an in der Beleidigungsklage, welche Dr. Lange gegen Peters angestrengt hat.

* Kerlin, 9. Januar. Gleichzeitig mit dem Etat für 1897/98 ist dem Abgeordnetenhaus- durch den Fiiianzmiiiister Miquel eine Denkschrift über die Fortfübrung der Besoldungs-Ausbesserung für mittlere und höhere etatSmäßige Beamte übergeben morden.

Der türkische Divffions-General v.Grumbkow-Pascha wird, wie eine Korrespondenz meloet, im Lause der nächsten Tage von Kaiser Wilhelm empfangen werden. General v. Gmiibkow wird aus den Händen des Kaisers ein Antwortschreiben an den Sultan empfangen und nächste Woche nach Konstantinopel zurückkehren.

* Zur Gehaltsaufbesserung der Beamten in Preußen. Für die Oberpräsidialrälbe steigt das Höchstgehalt von 7500 ans 9300 Mk., für Polizeipräsidenten und Polizeidirektoren, jetzt 6000 bezw. 4500 Mk , zukünftig von 6000 bis 8000 Mk. Für Regierungs- räthe wird das bisherige Mindestgehalt von 4200 Mk. beibehaltcii. Der Bcfolduiigsdnrchfchiiittsfatz der ordentlichen Profefforeu in Berlin wird auf 6500 Mk., der übrigen Itnibeifitnteu ans 5500, der der außerordentlichen Professoren aus die Hälfte dieser Beträge erhöht. Die Vorlesungshonorare fließen, insoweit sie für einen Piofcssor jährlich 2400 (in Berlin 4000) überschreiten, zur Hälfte in die Universitätskasse, aus welcher diese Hälfte bis zum G-sammtbetrage von 185,000 Mk. an den allgemeinen Staatsfonds abzuführen ist, damit der Fonds auf 360,000 Mk. angesammclt weide zur Heran­ziehung und Erhaltung ausgezelchneter Docentcn. Wird letzterer Betrag überstiegen, so kann der Mehrbetrag zur Erhöhung des Durchschnittssntzes der Professoren-Befoldung verivendet werden. Die Professoren der technischen Hochschule in Charlottenburg, der Bergakademie, der geologischen Landesanstalt in Berlin, der landwirthschastlichen Hochschule in Berlin erhalten ein Dnrch- schmttSgehalt von 6500 Mk., die Professoren der tcchnischcir Hochschulen in Hannover und Aachen 5500, die Landesgeologen an der Bergakademie und der geologischen Landesanstalt steigen von 4200 bis 4800 Mk. ans 4200 bis 7200 Mk. Die Lehrer der thier- ärztlichen Hochschulen in Berlin und Hannover steigen von durch­schnittlich 3450 höchstens 5100 aus 4000 höchstens 6000 Mk. Di- Dozenten der landwirthschastlichen Akademie in Poppelsdorf, der Forstakademieen in Eberswalde und Münden und der Bergakademie in Klausthal steigen ans 3800 bis 6600 Mk. Für die Lehrer der höheren UiiterrichtSanstalteii ist das Kiindeflgehalt von 2100 auf 2700 Mk., das Höchstgehalt von 4500 ans 5100 erhöht worden unter Beibehaltung des Systems der festen Zulagen, wonach für die Hälfte der Lehrer der VoUanstalten und für */< der Lehrer der Nicht-Vollanstaltcn feste Zulagen von 900 Mk. gewährt werden. Diese Lehrer rücken also bis 6000 Mk. auf. Sie stehen hinter den Landrichtern und Amtsrichtern nm 300 Mk. zurück. Auch die Leiter und Lehrer der Semiirarien und Piäparanden- anstalten erfahren eine Aiisbesserung. Die Landräthe steigen auf 3600 bis 6600 Mk., die Oberamtmänner der Hohen- zollerilschen LaiidcSlheileri werde» den Landräthcn und die Oberamtssekretären den Kreissekretären gleichgestellt. Das Höchst­gehalt der Vorstände der RechnilngSbüreaiis der Staatseisenbahn- verwaltung steigt von 4800 auf 6000 Mk., die Gefängnißdirektoren und Strafanstaltsdirektoreii sind im Gehalt gleichgestellt. Die Ober­förster steigen von 2400 bis 4500 auf 2700 bis 5700; auch die Revierförster nehmen an der Gehaltsaiifbesserung Theil. Die Rendanten aller RegiernngSbauptkasfen werben gleichgestellt. Die Stationsvorsteher I. Klass? steige» auf 2400 bis 4200, die Lokomotiv­führer im Höchstsatz auf 2200 Mk.

* Zur Tanfch-Assaire. DerHairnov.Conr." läßt sich aus Berlin schreiben:Es ist seiner Zeil berichtet worden, daß Herr v. Tausch während der Tage von Freitag Abend bis Montag früh

Bezirks-Fernsprecher Ro. 52. 1897.

nnler polizeilicher Aufsicht staud. I» der bevorstehenden Ver­handlung wird also wohl auch Klarheit darüber verbreitet^ werden, wo er am Abend des Tages, der durch das Geständni Lützows die sensationelle Wendung in den Prozeß brachte, mehrer« Stunden lang geweilt hat. Es wird da wohl mancher vor Gericht erscheinen und unter seinem Eide Aussagen machen muffen, die ihm sehr unangenehm sind, und die Personen, denen diese unangenehme Aufgabe bevorsteht, verbeffern ihre Lage schwerlich dadurch, daß fie ab und zu Zcitnugsnotize» lauciren, in denen völlig unbeteiligte Männer mit Herrn v. Tausch und deffeil Thätigkeit in Verbindung gebracht werden. Es ist erstaunlich, welch umfangreiche Thätigkeit die Freunde des Herrn v. Tausch fortgesetzt noch in der Presse ent­falten." In seinerZukunft" melde» sich M. Harden bereit- als einer derjenigen, bei dem v. Tauschzwei Tage" vor seiner Verhaftung geweilt hat. Selbstverstälidlich sucht Harden dieser Zu« samnienkunft einen möglichst harmlosen und sentimentalen Anstrich zu geben. Er will d?ngebrochenen Mann" nur getröstet haben. DerHann. Sour." berührt dann »och die Frage, woher v. Tausch die ungewöhnliche» Geldmiltcl gehabt hat, mit denen er zeitweise arbeitete, und schreibt dazu:Gerade diese»! Punkte u. A. dürfte die Untersuchung ihr Hanptaugeumerk zuwenden. Die chronischen Finanz-Kalamitäten des Herrn v. Tausch sollen zeitweise einem er­staunlichen Ueberflub an G.Id Platz gemacht haben. Normann- Schumaun, von allen Mitgliedern dieser Clique zweifellos der Gelvandtcste und Klügste, hat sich schließlich ein Vermögen erspart, bei Herrn v. Tausch dagegen kam das SprnchwortWie gewonnen, so zerronnen" stets zur vollsten Geltung. Zweifellos werden sich die Nachforschungen auch ans den finanziellen Theil der Thätigkeit der Herrn v. Tausch und Normann-Schnmanu zu erstrecken haben. Die Kardinal-Frage im Prozeß Tausch wird zu lauten haben: Woher hatte er die Mittel, die ihm und seinen Kreaturen ihre Thätigkeit ermöglichten?"

* $ur Statistik »es Keuchhustens. Durchschnittlich er­kranken in Deutschland im Jahre 240,000 Kinder am Keuchhusten mit einer durchschnittlichen Sterblichkeit von 4 bis 5 pCt. In Basel belief sich nach Professor Hageudccks Mittheilnng in den letzten 11 Jahren die Sterblichkeit des Keuchhustens bei Kindern unter einem Jahre auf 26,8 pCt., von 1 di« 2 Jahren auf 13,8 pCt., von 2 bis 5 Jahren auf 3 PCt., von 5 bis 10 Jahrey auf 1,8 pCt., von 10 bis 15 Jahren aus 1,8 pCt. Diese Zahlen beweisen, daß der Keuchhusten um so gefährlicher ist, in je zarterem Alter die Kinder davon befallen werden. Der Keuchhusten ist aber auch dadurch gefährlich, daß er die Lunge in ihrer Wider- staudssähigkcit schwächt und für tuberkulöse Keimentwickeliiug geneigt macht. Gar mancher Todesfall an Kinder-Tuberkulose hat feine erste Ursache in einem schlecht behandelten und deshalb kein Ende nehmen wollenden Keuchhusten.

* Rnndscha« im Weiche. Die Strafkammer des Land­gerichts in Dortmund verurlheiltc den verantwortlichen Redakteur derRheinisch-Westfälischen Arbeiter-Zeitung", H. Theiß, wegen Beleidigung des Offiziercorpr zu 50 Mk. Geldstrafe. Der Staats­anwalt halte einen Monat Gcsängniß beantragt. DerVerein der Schuh- und Schäste-Fabrikanteii" in Weißenfels beschloß, vom 11. Januar ab fämmtlichen Arbeitern zu kündigen, wenn nicht bis zu diesem Tage in der Borsigscheu Fabrik die streikenden Arbeiter die Arbeit wieder aufgenomnic» Haden. Diese Erklärung wurde von 30 Fabrikanten, welche insgesauimt 2500 Arbeiter beschäftigen, unterzeichnet. Der von den Sozialdeniokrateu ansgearbeitete Lohn­tarif wurde von den Fabrikanten als nnaniiehmbar erklärt. Oberst-Lieutenant v. Egidy sprach vorgestern in Hamburg vor einer stark besuchten Versammlung überDie Lehren des Ausstandes". Er erklärte sich zu Gunsten der AnSstäudischeii, sowie für Waffen­stillstand und Versöhnung. Er sprach vor einem durchweg bürger­lichen Publikum, lieber 5000 Personen waren trotz des Eintritts­geldes erschienen und Hunderte fanden keinen Einlaß. Der Redner äußerte sich in schärfster Weise gegen den Arbeitgeberverband und Die Bürgerschaft, der Ausstand sei kein Machtkampf, fouderu ein Ringen der alten mit der neuen Weltanschauung.

(Nachdruck verboten.)

Annette v. Droste.

(3um 10. Januar 1897.)

Von Dr. Casus Möller.

Eine mittelgroße zierliche Gestalt, den feinen hellgelockten Kopf etwas vornüber geneigt, die Züge wohlgebildet und durch ungewöhnlich anmuthigen Mund bezeichnet, die Stirn und das hellblaue Auge übergroß: das war in physischer Erscheinung Anna Elisabeth, Freiin v. Droste-Hülshoff. Ihr Grab wurde zu Meersburg am Bodensee am 24. Mai 1848 bestellt; ihre Wiege stand in demHaus zum Hülshove" unweil Münster i. W. am 10. Januar 1797. Seit dem 9. November v. I. steht am Promenadcnwege des Schloß­gartens in der westfälischen Provinzialhauptstadt von der Hand des Bildhauers Anton Nüller ihre Marmorbüste.

Droste" bedeutet Truchseß und ist demnach kein Geschlechts-, sondern ein Amtsname. Die Familie hieß eigentlich Deckenbrock und gehörte dem münsterschen Stadt­patriziat an; erst nach langen Prozessen bei den ver­schiedenen Kreis- und Reichsinstanzen sind diese sogenannten Erbmänner"geschlechter von dem westfälischen Landadel als gleichberechtigt anerkannt und zum Genuß der reichen fürstbischöflich münsterschen Stiftspräbenden mit zugelassen worden. Die Drostes waren herkömmlich durch körperliche Vorzüge ausgezeichnet; die Familienportraits geben dem Baker der Dichterin, Clemens August v. Droste, einen zroßgeschnittenen echt deutschen Adelskopf; ihr Urgroßvater Freiherr Heinrich Wilhelm war ein auffallend schöner Wann und bestand auf der üblichen Kavalierstour zahl­reiche Liebesabenteuer; eines derselben endete in Rom mit einem Duell, in welchem der westfälische Edelmann einen schwäbischen Reichsgrafen Fugger erstach. Durch die Ver­wendung einer Fürstin Colonna den Folgen seiner That

entzogen, kehrte der junge Adelige unangefochten in die Heimath zurück, war aber seitdem schwcrmüthig; die als Tröstung von ihm ausgesuchte Pflege der Musik ist der erste künstlerische Zug in jenem alten Patriziergeschlecht gewesen. Geistig belebter war die Familie der Mutter, der Freiin Therese Luise v. Haxthausen; ein nur wenige Jahre älterer Oheim der Dichterin war jener August v. Haxthausen, dem die deutsche Litteralur zu mehreren interessanten touristischen Werken die erste gründliche Studie über die russische Gemeindeverfassung zu verdanken gehabt hat. Auf den Gütern der letztgenannten Familie irn süd­lichen Theile des ehemaligen Fürstbisthums Paderborn hat Annette v. Droste aus mündlicher Ueberlieferuug den Stoff zu ihrer einzigen aber meisterhaften NovelleDie Juden­buche" gesammelt.

Die herkömmliche Ueberlieferuug läßt die Dichterin als eine Art von Naturgenie aufgewachsen sein. Aber dieselbe ist ganz irrthümlich. Ohne jemals der Pedanterie anheim zu fallen, war sie eher eine gelehrte Dame; zu den modernen Sprachen sammt holländisch lernte sie mit ihren Brüdern lateinisch; daneben wurden besonders die Musik und die Botanik und Geologie gepflegt. Mit dem kleinen Hammer in der Hand ist sie tagelang durch die Heiden des Münsterlandes gepilgert. Die genaue Kenntniß ihres Heimathlandes und die spätere glänzende Darstellung seiner Natur waren die Frucht dieser Streifzüge. Reisen traten hinzu; die Dichterin hat oft in Köln und später in Bonn mit den dortigen Gelehrtenkreisen gelebt, denen ihr früh verstorbener Vetter Klemens v. Droste als angesehener Kirchenrechtslehrer angehörte. In Münster selbst war ein geistig belebter Kreis ver­sammelt: die Fürstin Galitzin, der konvertirte Dichter Graf Friedrich Leopold Stolberg, das seiner Zeit korre- spondirende Mitglied des Göttinger Hainbundes Professor

Matthias Sprikmann, daun die damals alsWestfalens Dichterin" berühmte Frau Kaihinka Schücking, die Mutter des Romanschriftstellers Levin Schücking. Ausgedehnte Lektüre ging damit Hand in Hand; noch in gereiften Jahren klagte Annette über unersättlichen Lesehunger, da­neben wurde mustzirt, gemalt und Kuriositätensammlung betrieben. Natur und Schicksal schienen das Fräulein v. Droste durchaus zu einer ästhetisirendcn älter« Stifts­dame bestimmt zu haben, die auch in Versen dilettirte. Gedichtet hatte sie schon als Kind, und zwar leicht und fließend, indeß diese Pocsieen erhoben sich kaum über das Gewöhnliche hinaus, und zu der vorerwähnten jetzt ver­gessenen Frau Kathinka Schücking hat sie als zu einem unerreichbaren dichterischen Vorbild lange emporgesehen.

Früher entwickelte sich ihr Talent als Prosaschriftstellerin. Ihre dafür enischeidenden ersten Eindrücke stammten aus England; die Aehnlichkeit der aristokratischen Lebensverhält­nisse in ihrer Heimath und in dem reichen Lande jenseits des Kanals mag dazu beigetragen haben; die Schilderung des englischen Landlebens in Washington IrvingsBrace- bridge-Hall" gab ihr den Gedanken an einen Roman über das westfälische Landleben ein. Die Frucht war die un­vollendete Tagebuchnovelle:BeiunszuLandeaufdem Lande". Die Idee des Fragments ist entschieden geistreich; die Verfasserin läßt einen evangelischen Stammesvetter aus Ostdeutschland indas münsterländische Stiftsadelshaus kommen und seine dortigen Eindrücke aufzeichnen; sie erreicht damit die Möglichkeit zur Dar­stellung ihres Heimathslandes aus dem Gesichtswinkel des Neuankömmlings. Die Schilderung ist äußerst sorgfältig ausgearbeitet und zeugt von ungewöhnlicher Beobachtungs­gabe; der große freie Zug fehlt noch. Ebendasselbe gilt von ihren ersten erzählenden Gedichten.Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard" ist nach Briefen eines schweize­rischen Geologen Herrn v. Charpentier gearbeitet, dröen