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Wiesbadener Sagblatt

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1897

Dienstag» den 5* Januar

Bezirks Fernsprecher N». 52.

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Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe

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ungestörtesten Friedens erfreue, und daß dies nodj auf lange hinaus der Fall sein werde. Aber dieser Friede ist ein bewaffneter und erfordert ungeheure Kriegskostcn. Ein Schriftsteller hat einmal das bcherzigenswerthe Wort ge­sprochen:Mit der Hälfte dessen, was heute in Europa die Kriegskosten betrage», liehe sich das Elend aufheben." Es war ein Franzose, der dieses Wort gesagt hat; aber die Mehr­heit der Franzosen hat bisher nichts gethan, ui» eine Er­leichterung des bewaffneten Friedens, unter dem die Völker seufzen, zu ermöglichen. Crispi hat auch einmal erzählt, er habe im Jahre 1877 im Auftrage GainbettaS bei dem Fürsten Bismarck eine theilwcise Abrüstung angeregt und eine nicht ungünstige Antwort erhalten, wenn dem Fürsten auch die Ausführung des Planes nicht leicht erschien, lind dem Abgeordneten v. Bühler gegenüber erklärte Bismarck einmal, wenn Frankreich vorangehe, werde Deutschland folgen. Dies Wort gilt noch heute, aber leider nicht bloß für die Abrüstung, sondern auch für die Steigerung der Rüstungen. Ein Ende der schweren Opfer, die uns auferlcgt werden, da wir den Krieg vorbereiten müssen, um uns den Frieden zu erhalten, wird nicht eher zu erwarten sein, als bis die beherzigenswertheu Worte, die ebenfalls ein Franzose, der Schriftsteller Girardi», geschrieben hat, bei seinen Lauds- lenten allgemeine Anerkennung gesunden haben werden:

Ein Tag wird kommen, wo man erstaunt sein wird darüber, daß der Krieg in Europa so lange die Herr­schaft des Freihandels, der Eisenbahnen, der Dampfschiffe, des Telephons und der Elektricität überlebt Hal, wo mau erstaunt sein wird, Huudcrttausende von Mensche» sich tödten zu lassen, die man überall so nutzbringend für das Leben, für die Gesundheit, für das Glück und die Civi- lisation beschäftigen konnte."

heits- irtheilt klich ibrikate a zum m« im gnaci i bil*

Der bewaffnete Friede.

Kerlin, 4. Januar.

Kaum find die Klänge des LiedesFriede auf Erden v und den Menschen ein Wohlgefallen" verklungen, und schon hört der geplagte steuerzahlende Staatsbürger von nichts Anderem, als von neuen Militärforderungen, die wenig vom : Frieden an sich haben und den Menschen gar kein Wohl­gefallen bedeuten. Es scheint leider kein Zweifel mehr daran zu sein, daß Frankreich entschlösse» ist, die neuen rücklauf- freien Schnellladekanonen bei sich einzuführen. In diesem Falle würde gemäß der alten Wahrheit, daß böse Beispiele gute Sitten verderben, Deutschland sich in der unabweisbaren D, Zwangslage befinden, in gleicher Weise wie Frankreich vor­zugehen. Daß zu einem derartigen Vorgehen auf beiden Seiten Alles vorbereitet ist, ist bekannt. Daß die Umbewaffnung erfolgen wird, kann auch nicht mehr bezweifelt werden. Es handelt sich heute offenbar nur noch um die Frage, wann ße erfolgen wird; und eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß dieseZeitfrage" eine wenig günstige

Lösung finden wird.

Die Ausgaben, die den Franzosen durch die Einführung der Schnellladekanonen erwachse» würden, werden auf 200 Millionen Francs geschätzt. Da die Anzahl der für __ Deutschland erforderlichen Kanonen etwas größer ist, wird l'len dir Schätzung nicht zu weit vom Ziel abgehen, welche die Kosten einer Umbewaffnung für uns auf 200 Millionen Mark bemißt. Es handelt sich bei der Umbewaffnung der Artillerie die nicht etwa erst neuerdings auf die Tagesordnung gesetzt worden ist sobald Frankreich den Reigen eröffnet hat, in der That nicht mehr unt eine Frage, deren Ent­scheidung zweifelhaft sein kann. Sobald es sicher ist, daß Frankreich entschlossen ist, die Reorganisation der Artillerie vorzunehmen, befindet sich Deutschland in einer Zwangs­lage, bei der es keine Wahl mehr gießt. Und wie schwer die Bevölkerung Deutschlands auch unter der aufs Schärfste angezogenen Steuerschraube leidet, der Volks­vertretung bliebe dem fait accompli eines Vorgehens auf französischer Seite gegenüber nichts Anderes übrig, als die Kosten für jene Reorganisation, bei der eS sich, wie tröstend bemerkt werden mag, im Wesentlichen nur um eine ein-

Das Jahr 1896.

Spanien

befindet fich gegenwärtig in einer Krisis, bei der die ganze Existenz des kastilischen Königreiche» auf dein Spiele (teilt. Der Ausstand auf Cuba und ans den Philippinen zwingt dar Mnlterland zu den äußersten Anstrengungen, die seinen Wohlstand untergraben, und droht mit dein Verluste dieser beiden wertbvollsten Kolonien, Spanien zn einer gänzlich untergeordneten Macht herabzndriickeii. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen Carlisten, Republikaner und Anarchisten ihr Haupt immer kühner erhoben und dadurch die ohnehin schwierige Lage des Laubes noch mehr verwirrte». So verübten anarchistische Mordbrenner am 8. Juni einen furchtbaren Bombenanschlag in einer stark besuchten Kirche zu Barcelona, welcher den Erlaß eines scharfe» AnarchisteugeseheS zur Folge hatte. Die Republikaner versuchten Anfangs August bewaffnete Schilderhebnugen bei Valencia und Gerona, welche jedoch unterdrückt wurde». Die Leitung der Staatsgeschäfle befand sich während des ganzen Jahres in den Händen des konservativen Ministeriums CanovaS, welches a»i 26. Februar die Cortes anslöste und sich dnrch Neuwahlen nm 12. April eine starke Parlamentrniehrheit verschaffte. Gewählt wurde» 313 Konservative, 102 Liberale, 10 Carlisten, 10 Unabhängige, 8 konservative Dissidenten und 3 Republikaner.

Die im Jahre 1895 abgebrochenen Handelsbeziehungen mit Deutschland hat Spanien, welches bei dein Zollkrieg den Kürzeren gezogen, im Sommer wieder anznknüpseu gesucht. Es ist zwar noch kein neuer Haudelsvertrag zu Stande gekomnien, aber durch gegen­seitiges Uebercinkomnieu wurden vom 25. Juli ab die Sätze des Generaltarifs au die Stelle der Kampfzölle gesetzt.

Aller Voraussicht nach dürste das Jahr 1897 für Spanien neue schwere Prüfungen und Schicksalsschläge bringen, zumal auch ein ernstes Zerwnrfuiß mit den Vereinigten Staaten von Nord­amerika in sicherer Aussicht sieht.

Großbritannien

befand sich, wie wir bereits eingangs erwähnten, in fast gänzlicher politischer Verciusamung, eine Folge der anmaßenden und selbst­süchtigen Politik nach außen hin. Trotzdem Lord Salisbury, gegen­wärtig wohl der bedeutendste Staatsmann Englands, die auswärtige Politik leitete, erlitt England eine ganze Reihe empfindlicher Nieder­lagen und mußte den Schmerz erleben, mehrfach vor seinem größten und stärksten Nebenbuhler, Rußland, zurückweichen zu muffen, so namentlich tut Orient und in Ostasien. Deutschland hat es fich durch sein unwürdiges Verhalten in der Transvaalfrage und gegen die Person Kaiser Wilhelms, Frankreich dnrch die egyptische An­gelegenheit vollends entfremdet. In der inneren Politik war das Ministerium Salisbury weit erfolgreicher; es brachte ain 12. Mai ein neues Unterrichtsgesetz, am 22. Juli ein neues irisches Bodengesetz zur Annahme, durch welches die Hälfte der Stenern Dom Landwerthe auf die Staatskasse übernommen und bedentende Erleichterungen der irischen Steuerzahler eingeführt wurden. Eine am 12. September entdeckte Verschwörung der irischen Fenier, welche Verhastnngen in mehreren Hafenstädte» Großbritanniens und des Festlandes zur Folge hatte, erwies sich als ein Manöver, um mehrere irische Revolutionäre in die Gewalt Englands zn bringen.

Die liberale Partei Englands verlor infolge Zwistigkeiten unter den leitenden Männern derselben ihren Führer, Lord Rosebery, welcher hinsichtlich der auswärtigen Politik sich auf die Seite Lord Salisburys und in Widerspruch mit seiner Partei setzte und deren Führerschaft am 7. Oktober niederlegte.

Dänemark.

Wider Erwarten ist das Jahr ohne den befürchteten ffflieber» anSbruch des Versaffungsstreites zwischen der liberalen Mehrheit des FolkethingS und dem konservativen Ministerium des Barons v. Reedtz-Thott vorübergegangen. Es gelang dem letzteren sogar, ein llebereinkommen beider Häuser des Landtags zu Stande zu bringen, infolge dessen nm 3. April bet Staatshaushaltsplan an­genommen wurde. Jndeß lasten alle Anzeichen darauf schließen, daß der offene politische Kampf zwischen Parlament und Ministerium im Jahre 1897 wieder aufleben werde.

Schweden und Norwegen

beherrschte während des ganzen Jahres fast ausschließlich der zwischen den beiden stammverwandten Reichen seit Jahren entbrannte UnionS- streit. den in Norwegen vorübergehend nur die aut 16. August er­

folgte glückliche Ankunft des kühnen Nordpolforschers Fnthjof Nansen in den Hintergrund drängte. Die norwegischen Radikale», erbittert dnrch König Oskars fortgesetzte Weigerung, ein ihrer Partei entnommenes Ministerium zu bilden, verschärften Ende März den Zwist dnrch den von ihnen herbeigeführten StorthingSbeschluß, eine eigene norwegische Flagge einzuführen, wozu der König ebenfalls fdne Zustimmung versagte. Das zur Regelung des staatsrechtlichen Verhält­nisses beider Reiche eingesetzte llniouscomitö, welches erst in Christiania, dann Anfang November in Stockholm znsainmeugetreten war, arbeitete unter vollständiger Geheimhaltung seiner Beschlüsse, die noch nicht zum Ende gediehen sind. Dagegen stellten sich in dem zu gleicher Zeit tagenden ZwischeureichS-Comitö, welches die zoll- politischen Beziehungen beider Länder in feste Farm bringen sollte, so tiefgehende Meinungsverschiedenheiten heran», daß die Verhand­lungen Anfang Dezember ohue Ergebniß abgebrochen werden mußten.

In Schweden lehnte der Reichstag eine vom Ministerium eingkbrachte Wahlreform vom 6. Mai ab, genehmigte aber am 9. Mai einen Kredit von 7'/> Millionen Kronen zu Heereszwecketr, womit die Antwort ans die fortgesetzten norwegischen Rüstungen gegeben wurde. Am 29. September sanden Neuwahlen zum Parlament statt, bei welchen 123 Freihändler und 102 Schutzzöllner gewählt wurden; die Mehrheit der elfteren wurde dabei von 42 auf 26 Stimme» hembgedrückt. In den iteugewählten Reichstag zög auch zum ersten Mal ein Sozialist ein.

Rußland

hat ein an Ereignissen und Erfolgen, wenigstens nach außen hin, ciches Jahr hinter sich. Das große Ercigniß desselben war die Krönung des jungen Kaiserpaares, welche am 26. Mai zu Moskau unter Entfaltung eines beispiellosen Prunkes und unter Anwesenheit der Vertreter der europäischen und asiatischen Regierungen vor sich ging. Leider trübte den Glanz des großartigen Festes ein siircht- bares Unglück, welches sich am 30. Mai bei der Speisung des Volkes ans dem Chodinkkyselde bei Moskau ereignete, und bei welchem Tausende von Mensche» erdrückt und zertreten wurden. Mit dem feierlichen Einzüge des Czareupaars in Petersburg fanden die Krönungrseste am 4. Juli ihren Abschluß. Ain 25. August trat das Kniserpaar eine große Rundreise ins Ausland au, welche es zuerst nach Wien führte, wo es am 27. aiikarn und von wo es am 29. nach der russischen Universitätsstadt Kiew abreiste. Aus der Fahrt dorthin verstarb am nächsten Tage der Minister des Aeußereu, Fürst Lobanow-Rostowrki. Am 5. September traf das Czarenpaar beim deutschen Kaiserpaare in Breslau ein und reiste am 7. von Görlitz ans über Kiel nach Kopenhagen; auf dem dänischen Kön.igsschlosse Bcrustorff wurde längerer Aufenthalt ge- iiomnien. Am 22. September erfolgte die Ankunft in dem schottischen Schlosse Balmor al, wo das hohe Paar mehrere Tage bei der greisen Königin Victoria sich aufhielt. Von da ging es nach Frankreich, auf dessen Bode» das kaiserliche Paar vom 5. bis 9. October ver­weilte. Der mm folgende dreiwöchentliche Erholungsaufenthalt fit Darmstadt wurde mehrfach unterbrochen: am 16. October durch eine Reise nach Homburg v. d. H., woselbst der Grundstein zu einer russischen Kirche gelegt wurde, forme einen Besuch bei der Kaiserin Friedrich in Crouberg; am 18. und 20. October durch Reisen nach Wiesbaden, am letzteren Tage zum Besuche Kaiser Wilhelms; end­lich nm 19. und 22. durch Besuche des letzteren bezw. der Kaiserin Friedrich in Daunstadt. Am 29. October trat das Czarenpaar von Daimstadt ans die Heimreise an.

Rußlands auswärtige Politik, welche unter der Leitung durch den Fürsten Lobanow wieder aktivere Bahnen betreten hat, hcnpst, wie oben schon erwähnt, überall Eifolge auszuweiseit. Während sich in ihr einerseits das Bestreben zeigte, zu den Dreibnndmächten das günstigste Einvernehmen herzustellen, brachte sie die mannigfachen Gegensätze zn England ans fast allen Gebieten zum Ausdruck. Im Orient durchkreuzte Rußland die einseitige Politik GroßbritaiiuienSj in der egyptische» Frage unterstützte es die Forderungen Frankreichs; in Ostasien verdrängte es den britischen Einfluß fast gänzlich; am Rothen Meere faßte eS durch Auuähernng an das siegreiche Abessynieu sesten Fuß; die Nothleidenden in Indien unterstützte eS durch Gaben: kurz, wo auch aus dem Erdball der Rubel rollte, war es gegen England gerichtet.

Die Zustände im Innern sind indeß nicht so rosig, wie man aus der eifrigen Thätigkeit der russischen Diplomatie »ach außen hin etwa schließen könnte. Mannigfache Anzeichen bekundeten, daß es in verschiedenen Kreisen des russischen Volkes mächtig gärt. Riesige Arbeiteransstände, welche im Juni in Petersburg zum Aus­bruch kamen, ließen erkennen, daß auch in Rußland die Sozial­demokratie Wurzel gefaßt; ein im Herbste gegen den Zug der Kniscriu-Mntter gerichteter Anschlag zeigte wieder die Nihilisten bei der Arbeit, und im November und Dezember brachen an den Universitäten bedenkliche Unruhen unter der studirenden Jugend ans. Vorläufig haben alle diese Vorkominuisse auf den Bestand des Czareureiches zwar keinen Einfluß, aber sie beweise», daß Manches faul ist im Staate Rußland.

Die Balkanhalbinsel

bildete auch im verflossenen Jahre das europäische Schmerzenskind. Eine Ausnahme machte nur Rumänien, dessen Entwickelung unter König Carols weiser und segensreicher Regierung stetig fort» schreitet. Daß sich Rumänien nunmehr endgültig dem Dreibund angeschloffen hat, ist zwar offiziell nicht zugegeben worden, doch läßt der ganze Gang der rumänischen Politik erkennen, daß die von Wien aus verbreiteten Meldungen über den vollzogenen Anschluß der Wirklichkeit entsprechen. Daß König Carol der Eröffnung des Eisernen Thores in Ungarn beiwohnte, ist bereits erwähnt; der Gegenbesuch des greisen Kaisers Franz Joses erfolgte in den Tagen Dom 28. bis 30. September, der des serbischen Königs Ende October. Die Urbarmachung des das Donaudelta umgebenden Landstriches, der Dobrudscha, schreitet in vielversprecheuder Weise fort. Am 30. October konnte in feierlichster Weise die Grundsteinlegung der bei Constanza geplanten großartigen Haseuanlageii erfolgen. Eine unerwartete Ministerkrise, verursacht durch Meinungsverschiedenheiten über die Person des neu zu ernennenden rumänischen Metropoliten, entstand Ende November; fie führte, trotzdem die liberale Partei nach wie vor im Parlament die Mehrheit besitzt, zum Rücktritt des liberalen Ministerpräsidenten Demeter Sturdza, besten Nachfolger der gleich­falls liberale Kautmerpräsident Aurelian wurde.

Verhältnißmäßig wenig ist diesmal über Serbien zu be­richten. Die Ruhe blieb im ganzen Jahre leidlich aufrecht erhalten, sodaß König Alexander im März eine Reise nach dem Berge Athos und Athen, im November eine solche nach Rom, Neapel und Wien unternehmen konnte. Mit den Parteien der Radikalen und Fort­schrittler hat sich der junge König wieder auSgesöhut. Die Königin- Mutter Natalie hat wieder ihren ständigen Wohnsitz im Laude, wodurch die unaufhörlichen Umtriebe des Exkönigs Mila» einiger­maßen im Schach gehalten werden. Unmittelbar vor Weihnachten -richte da» feit über einem Jahre am Ruder befindliche fortfchritt-

malige Ausgabe handelt, zu bewilligen.

Im Zusammenhang mit der Ariilleriesrage werde» allerlei weitere Gerüchte über angeblich bevorsteheiide kost­spielige militärische Reformen verbreitet, die wohl geeignet find, das umdüsterte Gemüth des Steuerzahlers aufs Schwerste zu erschüttern. Man wird gut thun, alle diese weiter­gehenden Gerüchte mit kaltblütiger Reserve aufzunehmen. Da will ein einfach als offiziös ausgegebenes Blatt wissen, daß der Umbewaffnung der Artillerie die Umbewaffnung der Infanterie und eine grundlegende Umgestaltung des Befestignngswesens folgen wird. Derartigen Unglücks- Prophezeiungen fehlt fürs Erste offenbar jeder Boden. Die Umbewaffnung der Feldartillerie wird nach der Aussage mllitärischer Sachverständiger gut und gern sechs bis sieben Jahre, vielleicht aber auch längere Zeit in Anspruch nehmen. Während dieser Zeit wird man aber auch in Frankreich, wo die finanzielle Leistungsfähigkeit aufs Aeußerste angespannt ist, schwerlich Lust verspüren, weitere Reformfragen von gleich großer oder noch weitergehcndcr Bedeutung anzuschneiden. Wieder andere Blätter weisen auf den Eifer hin, mit dem in Frankreich der Flottenbau betrieben wird. Es liegt auf der Hand, daß dies für uns nicht von schwerwiegender Be- deutnng ist, da eine etwaige Entscheidung zwischen Deutsch­land und Frankreich niemals zu Wasser, sondern nur zn Lande erfolgen könnte. Auch ist ja von maßgebender Stelle wiederholt erklärt worden, daß wir größere Marinc- fvrderungen nicht zu gewärtigen haben. Endlich wird aber noch auf die von Frankreich geplante Neubildung von 145 Bataillonen hingewiesen, wodurch Frankreich uns um 5 Bataillone voraus sein würde. Dieses Vorgehen ist aber für uns in keiner Weise bedrohlich. Frankreich ist schon jetzt außer Stande, seine Friedenscompagnieen auf eine Stärke von mehr als 70 Mann zu bringen. Die Durch­führung jener Maßregel würde daher für Frankreich, auch bei äußerster Hinaufschraubung der Diensttauglichkeit, kaum einen effektiven Vortheil bedeuten, da eine etwaige Mann­schaftsvermehrung ausgewogen würde durch die Schwächung der Cadres. An der Thatsache, daß die Einwohnerzahl Deutschlands die Frankreichs um 12 Millionen übertrifft, müssen eben alle Bemühungen, uns in der Rekrut irung zu r. überbieten, scheitern.

Handelt es sich somit bei diesen weitergehenden Alarm- D Meldungen um vage Gerüchte, so bleibt doch die Thatsache H bestehen, daß mir den immensen Kosten, welche die über kurz E oder lang erfolgende Umbewaffnung der Artillerie erfordern wird, schwerlich entgehen werden. Es bleibt uns nur der Mfreilich schwache Trost, daß dies die Kriegskosten des Friedens Ukud. Von alle» Seiten wird betont, daß Europa fich des

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45. Jahrgang.

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