Wiesbadener Tsgblatt
44. Jahrgang.
Verlag: Langgafse 27.
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Ko. 602. BezirkS-Fernsprecher Vip. 52.
Abend ■Ausgabe.
Weihnachten.
Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! so ertönt auch diesmal wie seit neunzehnhundert Jahren der zuerst von Engelslippen erklungene Weihnachtsgesang. Freilich, die hehre Botschaft, welche die Klänge des Weihnachts- liedes verkünden, steht nicht überall in Uebereinstimmung mit den Thatsachen, vor die die rauhe Wirklichkeit uns stellt mit der Bestimmung, «ns wollend oder nichtwollend mit ihnen abzufinden. Und manch Einer mag wohl mißmuthig fragen, wo denn der Friede auf Erden herrsche, und worüber in der Welt er Wohlgefallen empfinden solle?
Zn der That, nicht unter glücklichen Sternen ist, wie leider schon seit Jahren, das Frieden kündende Weihnachts- fest erschienen. Wir brauchen nicht in jene Ferne zu blicken, wo hinten weit in der Türkei die Völker aufeinander schlagen und wo die vielgefürchtete orientalische Frage sich zu entrollen beginnt, um die Verwirklichung der hehren Friedensbotschaft zu vermissen. Auch im Leben unseres Volkes sehen wir nur zu Vieles, was weit entfernt ist von dem ersehnten Frieden, und worüber wir Wohlgefallen nicht zu empfinden vermögen, —«i*»—
In unserem politischen Leben ist von Friede und Einigkeit wenig zu bemerken. Noch ist die Unruhe, die der Prozeß über den Breslauer Czarentrinkspruch in unser -olitisches Leben gebracht hat, nicht überwunden, und schon naht ein zweiter, nicht minder bedeutungsvoller Prozeß heran, der weitere Enthüllungen über Mißstände in unserem öffentlichen Leben, Mißstände in unserer Negierung zu bringen verspricht. Eine mehrjährige Thätigkeit der gesetzgebenden Körperschaften, die eine zur dringenden Noth- wendigkeit gewordene Verbesserung unserer Rechtsprechung bezweckte, ist fruchtlos im Sande verlaufen, weil die wünschenswerthe Einigkeit zwischen den Parteien und der Regierung nicht zu erzielen war. Und schon droht eine neue Frage von nicht geringerer Bedeutung, die Frage der Militär-Strafprozeßreform, wiederum die heftigsten poli- Uschen Kämpfe herbeizuführen, weil die Regierungen sich nur schwer und ungern entschließen wollen, die Konsequenzen aus der modernen Entwickelung unseres Volkslebens zu ziehen, die sie doch weder hemmen noch hindern können. So toenfg wie der politische ist der soziale Frieden dem zur Neige gehenden Jahrhundert beschieden. Und wir sehen uns vergeblich nach Anzeichen um, daß das kommende Jahrhundert die so oft verkündete „soziale Versöhnung" zur Wahrheit machen wird. Hat doch das heiße Ringen in den deutschen Hafenstädten zwischen den Rhedern und den Hafenarbeitern gezeigt, daß ein großer Theil der lohnarbeitenden Bevölkerung noch immer der nur zu oft Verderben bringenden Anschauung huldigt, daß das letzte Heil, das höchste, im Kampfe liegt und nicht im Frieden.
Donnerstag, den 24. Dezember.
Sind wir somit weit entfernt von der Erfüllung des Wortes: Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! so wäre doch nichts verfehlter, als in die Klagen jener Unglückspropheten einzustimmen, die über die Ver- dcrbniß und Schlechtigkeit der heutigen Zeit jammern, die mit wehmüthiger Sehnsucht der „guten alten Zeit" gedenken, und keinen Anstand nehmen würden, kurzer Hand eine Umkehr der Weltgeschichte vorzunehmen. Wer sich rückschauend in die Geschichte des Menschengeschlechtes vertieft hat, der weiß, daß diese Weltanschauung, die man kurz und treffend eine reaktionäre genannt hat, auf Verkennung und Un- kenntniß der geschichtlichen Entwickelung beruht. Unsere Zeit ist die einzige, die wir aus eigener Anschauung kennen; ihre Fehler, Leiden und Uebel haben sich tief und dauernd in nnser Gedächtniß eingegraben. Die Vergangenheit kennen, wir nur aus der Ueberlieferung, welche uns die unzähligen und unendlichen Schmerzen und Leiden, das widrige Schicksal, die Noth und die Trübsal des einzelnen Erdcnwallers nicht zu berichten vermag. Nur ans der Ferne leuchten die Sterne, die Nähe zeigt Flecken, zeigt Fehler und Ecken.
Im menschlichen Leben ist der Kampf die Regel, der Friede die Ausnahme. Von der Kindheit an ist das Leben des Menschen ein Kampf, ein Kampf um Wissen und Er- kenntniß, um Beruf und Brod, ein Kampf ums Dasein. Mensch sein, heißt Kämpfer sein. Aber eine weise Vorsehung hat dafür Sorge getragen, daß die Tage des Kampfes abgelöst werden durch Tage des Friedens, durch Tage, an denen die Arbeit ruht und Streit und Unfriede, durch Tage, die uns auch in der heutigen, ruhelos hastenden Zeit einen Augenblick vergönnen des stillen Nachdenkens, des beschaulichen Genießens, des ungestörten Friedens. Kein Tag ist geeigneter, uns diese Wahrheit zu Herzen zu führen, als jener, der uns die Botschaft des fröhlichen, seligen, gnadenbringenden Weihnachtsfcstcs verkündet. Heute gedenken wir jener Zeit, da der bedrückten, äußerlich und innerlich unfreien Menschheit eine neue Lehre verkündet wurde, jene Lehre der allumfassenden Liebe, der Versöhnung und des Friedens. Heute ruht der Kampf des Lebens, der laute Lärm des Tages verstummt, und die heftigen Leidenschaften in den Herzen der Menschen weichen sanfteren und besseren Regungen. Heute erinnern wir uns mit verstärkter Macht daran, daß die Menschen einander nicht bekämpfen, sondern sich unterstützen sollen, und daß hoch über den kleinen Sonderinteressen des Einzelnen das große Interesse des Ganzen, das Wohl der Gemeinsamkeit steht. Je mehr diese Einkehr und diese Erkenntniß sich Bahn brechen wird, desto mehr wird auch zur Wahrheit werden die Botschaft, die Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen kündet.
Drirtsches Keich.
* Berlin, 24. Dezember. Der „Post" infolge wird der Staatshaushaltsetat pro 1897 98 dem Abgeordnetenhause zugleich mit der Uebersicht der Ausbesserung der Beamteugehälter bis zum Wiederzusammentritt am 8. Januar zugehen.
BezirkS-Fernsprecher No. 52. 1896.
In den Abendblättern wird von zuständiger Seite erklärt, daß die (von uns nicht rcproduzirte) Meldung, Kriniinalkommissar v. Tausch oder einer seiner Agenten sei im Frühjahr 1898 in dir Dienstkleidung eines höheren Postbeamten in einem Postwagen des Berlin-Hamburger Schnellzuge« mitgefahren, um die nach FrttdrichS- nih bestimmten Briefschaften einer Revision zu unterwerfen, nach jeder Richtuiig hin unzutreffend und vollständig aus der Lust gegriffen ist Derartige Räubergeschichten, deren Auftanchen allerdings nicht Wunder nehmen kann, find gar nicht uothwendig, um ein System für alle Zeiten zu kennzeichnen, welches Früchte zeitigen konnte, wie dieser Herr v. Tausch, der, nachdem er vor Jahren aus merkwürdigen Ursachen an« dem bayrischen Offiziersstande au«- geschieden wurde, schließlich als Leiter der preußischen politischen Polizei laitdetc, um aufs Reue so schmählich Schiffbruch zu leiden.
* $1» drohende Artitlerieoorlage — man darf sich darüber nicht täuschen, daß Über kurz oder lang mit einer solchen zu rechnen ist, und daß e« nur davon abhöngt, ob und wann Frankreich den Anfang macht — veranlaßt u. A. den nationalliberalen „Hanno». Cour." zu dem Hinweis, daß eine solche Vorlage von einem sehr wesentlichen Einfluß aus die Beurtheilung der Marine- forberuugen sein muß. Das Blatt schreibt: „Wir sind zwar der Meinung, daß ein Versuch, sich unter Berufung auf die Artilleriefrage nm die Marinesorderungen überhaupt herumzudrücken, zurückgewiesen werden muß; dagegen sind wir nicht der Ansicht, daß die Forderungen der Marineverwaltung mit der Artillerieangelegenheit nicht „verquickt" werden dürfen, sofern darunter verstanden werden soll, daß beide Forderiliigen völlig für sich ohne jede Rücksicht aufeinander behandelt werden muffen. Daß die Reichsfinanzeii wesentlich beeinflußt würden, wenn eine Forderung für die Nenbewaffnung der Artillerie von etwa 200 Millionen ein» gebracht wird, ist naturgemäß, wie überhaupt keine finanzielle Forderung ohne Rückficht auf die anderen erledigt werden kann. An eine volle Bewilligung der Marineforderungen durch den Reichstag wäre aus finanziellen Rücksichten auch ohne eine neue Artillcrievorlagc nicht zu denken. Aus der gleichen Rücksicht ist es geboten, daß die Prüfung aller der Behauptungen, die als Beweise für die Nothwendigkeit der einzelnen Forderungen vorgedracht werden, noch strenger ausfällt, sobald neue Belastungen in Aussicht gestellt werden durch eine große Artilleriesorderung. Wir würden es auch verständlich finden, wenn die Bewilligungsfreudigkeit bce Reichstags für die Marineforderungen auch durch bie finanzielle Engherzigkeit der Regierung bringenden kiiltnrellen Anforberungen gegenüber beträchtlich herabgestimmt würbe."
* Bezüglich der „Iltis"-Katastrophe berichtet der „Berl. Lok.-Anz." ans einer llntertebiiug mit einem der in Hamburg an- gekommeuen Geretteten der „Jltis"-Mannschaft, daß die Schisist- btüdngen, nachdem sie in jener Unglücksnacht bis zum Morgen an den Reelings häugeud zugebracht hatten, in das Wrack hiueinkrochea und bis zum Halse im Wasser stehend noch 30 Stunden zubrachten. Die in Hamburg eingetroffenen Matrosen bestätigen das Ausbringe« des Koiferhochs und das Anstimmen des Flaggenlieds. Bon dem letzteren wurde der ganze erste Vers gesungen. Als der zweite begonnen werden sollte, brach dar Schiff mitten durch.
* Rundschau im Reiche. In der Angelegenheit de» Rencontres zwischen dem Lieutenant v. Zastrow und mehrere» Civilpersonen in Stargard finden täglich umfangreiche Vernehmungen statt. Die Polizei soll bereite den Hauptlhäter, der den Offizier hinterrücks geschlagen hat, in der Person eines Handwerks« burschen ermittelt haben. Der Knabe Wiese, der an Gehirnerschütterung krank barmeberliegt, war an dem Uebersall vollständig unbetheiligt.
Ausland.
* Frankreich. Wie der „Figaro" meldet, hat der oberste Kriegsrath sich in seiner vorgestrigen Sitznng für die Umwandlung des Feldartilleriematerials ausgesprochen. — Die Blätter geben der
(Nachdruck verboten.)
Melhnachtsbolschaft.
LebeusskizzevonB. W.Zell.
Die Weihnachtsbescheeruug für Arme, welche bie Patrizierfamilien ber alten reichen Hansastadt B. alljährlich veranstalteten, war biermal glänzender als je zuvor ausgefallen. Es hatten in diesem Jahre ganz besonders reichliche Mittel zur Verfügung gestanden, und zwar dankte man dies dem aufopfernden Bemühen der Sönen Hedda Ohlsen, ältesten Tochter des reichen Kaufherrn flsen. Es gab noch einen Geheimrath gleichen Namens in B„ der sich als Augenarzt einen Namen weit über die Grenzen feiner Vaterstadt hinaus errungen hatte, und beide Familien waren verwandt. i ,
Hedda Ohlsen hatte seit Wochen ihre ganze Zeit und Kraft diesem Liebeswerk geweiht, einen großen WohlthätigkeitSbazar zum Besten der Weihnachtsbescheerung veranstaltet, ebenso bie Aufführung eines Singspiels, an das sich eine Darstellung lebender Bilder schloß. Und dies Alles war durch ihren unvcrsieglichen Opfermuth, ihr rastloses Werben in Freundeskreisen, nicht zuletzt aber durch lhätige Mitwirkung an alle» genannten Aufführungen von glänzendstem materiellen Resultat gekrönt gewesen, das nun wieder, in Liebesgaben umgesetzt, den Arme» zu gute kam.
Heute, drei Tage vor dem Christfest, hatte die Bescheerung m den vornehmen Räumen des Kasinos stattgefunden und nach langjähriger Gewohnheit vereinigten sich die Veranstalter danach zu einem Abendeffen, welches Geheimrath Ohlsen an diesem Tage seinen Freunden und Mithelfern am Liebeswerk zu geben pflegte. Auch hier war Alles bereits echt weihnachtlich hcrgerichtet; die Spiegel des großen Speisesaal» strahlte» hnndertsältig das Licht ber Kerzen zurück, bie ben riesigen Tannenbainn schmückten, llild neben jedem Gebeck lag unter einem Blumenstrauß ein zierliches Päckchen, bas eine, meist scherzhaft gewählte Chriflgabe des Festgebers für feine Gäste enthielt.
Hebba erschien etwas später. Sie war erst noch nach Hanse gefahren, um nach ihrer Zofe zu sehen, die heute plötzlich erkrankt war. Ma» hatte nur ans sie gewartet, nm zu Tisch zu gehen, und sogleich nach ihrem Eintreten mürben bie Thüren zum Speisesaal geöffnet. Kaum sanb sich für ben Hausherrn noch Zeit, seiner Nichte en für sie bestimmte» Tischherrn znznfiihren.
„Eine Ueberrafchung, Hedda, sagte er, dabei gut gelaunt „Mein alter Freund und Studiengenoffe, Proseffor Golkarp, kommt heute zufällig durch B., will nur drei Stunden weilen und mich begrüßen, ist aber unerbittlich von uns festgehalten worden. dore, Ihr habt Euch bereits im Sommer im Harz kennen gelernt?
Hedda hatte während dieser Vorstellung überrascht, im Ucbrigeit aber sehr gleichmütig ausgesehen und reichte miu dem stattlichen, blondbärtigen Herrn freundlich die Hand.
„Das heißt, gesehen haben wir uns wiederholt im Bodethal, gesprochen nie. Hätte ich gewußt, daß Sie ein Freund meines Oheims, wären wir uns wohl näher getreten — Sie wissen wahrscheinlich gar nicht, daß wir nachbarlich nebeneinander bansten? Sie i» der Villa Anna und ich mit den Geschwistern im Ritter Bodo" —
„Doch, ich weiß es, mein gnädiges Fräulein."
„Aber dos erfuhren Sie hoffentlich nicht, welch einen Namen Ihnen mein Schwager beigelegt hatte?" fragte sie neckisch weiter.
„Einen Namen? Natürlich einen Spottnamen" —
„O nein, einen sehr gemüthlichen! Wir hatten von unserem Balkon ans so oft beobachtet, wie lieb Sie mit Ihren Blondköpfen im Garten spielten und tollten, und da wir Sie auch auf Spaziergängen nie anders trafen, als umringt von den Sprößliugen, nannten wir Sie stets mir pater faniiliaris.“
„Das mag gelten", lächelte er.
„Und Ihre Frau Gemahlin? Man sah sie selten, war sie leidend?"
Seine Antwort ging ihr im Geräusch, dos ein Ausbruch zur Tafel unvermeidlich mit sich bringt, verloren. Als sie dann neben» einander saßen, begann Golkarp eine andere Unterhaltung. Er sprach davon, daß ihm während seines kurzen Aufenthalts in B. doch schon bekannt geworden sei, ein wie großer Autheil Fräulein Hedda Ohlsen vom Erfolg des barmherzigen Werks, dessen glücklichen Ausgang man jetzt hier in so angenehmer Weise feiere, zufiele. Bei ihrer Jugend sei ein so hoher Opfermuth doppelt ancrkenncnswcrth, doch müsse ihr der heiße HerzenSdank ber Armen, für die sie gewirkt, nun auch herrlicher Lohn sein.
Nicht wie hohle Schnieichelphrase klang das in seinem Munde, sonder» wie ehrliche Ueberzeugung, die im objektiven Uribeil über eine einfache Thatsache erlangt war. Und Hedda, von der man sagte, daß sie jede offenkundige Schmeichelei als persönliche Beleidigung auffaßte und scharf zurückwieS, verstand, wie es in diesem Fall gemeint war, und lächelte.
„Sie irren, Herr Professor — ich bin nicht jung Dreißig Jahre find nach landläufigen Begriffen für eine unverheirathete Dame ein Methusalem alter."
Er sah fie überrascht an.
„Nicht möglich l" murmelte er.
„Doch! Es ist mein Unglück, daß ich jünger erscheine" — „Andere Damen pflegen das als ein Glück zu betrachten." „Mag fein. Mir aber ist biefer Umstanb bei meinem Vorhaben nur hindernd im Wege." Da er fie verstänbnißloS ansah, fügte fie ernst hinzu: „Ich trachte nämlich danach, mir eine Lebensstellung zu schaffen und mich auf eigene Füße zu stellen."
„Ich verstehe noch immer nicht — Sie, die Tochter von I. C. Ohlsen — man weiß in der Stadt, was diese Firma bedeutet" —
„Ja, ja, weiß schon," sagte fie etwas ungeduldig. „Mangel und Roth treiben mich ja auch nicht dazu, ebensowenig unerquickliche häusliche Verhältniffe oder ähnliche Zwangslagen. Das ist'» ja eben — die Meinen verwöhnen mich in jeder Weise und mein Leben fließt zu eintönig angenehm dahin, jeglicher Sorge ebenso baar al» irgend einer ernste» Aufgabe, die es ausfüllt — so recht das Blunien- bafei» einer höheren Tochter!" schloß fie herb.
„8lber mein Gott," murmelte der Proseffor, ganz verblüfft über bie ernste Wendung, welche bas Tischgespräch genommen. „Ihr Lebensberuf liegt doch klar vorgezeichnet ba unb Ihr Lebensinhalt auch. Sie werben einen Mann glücklich mache» und darin Ihre Herzensbefriedigung finden."
„Hätte ich so lange gewartet, wenn dies meine Absicht wäre?" fragte sie ruhig zurück. „An Gelegenheit, in bie Ehe zu schlüpfen, hat es mir am Ende nicht gefehlt, unb wenn ich Ihnen sage, daß ich nicht zu heirathen gedenke, dürfte» Sie wohl überzeugt sein, daß dies keine Phrase ist und ich gewichtige Gründe für diesen Entschluß habe."
Golkarp verbeugte sich stumm. Es fehlte ihm im Moment da» rechte Wort, sein Empfinden auSznbrücken. Aber daß es Hedda Ohlsen bitterer Ernst fei mit dem, was sie da eben gesagt, wußte er. Mein Gott, wenn eine Dame fo schön, so begabt, aue gutem Hause unb sehr vermögend, mit dreißig Jahren »och frei war, bann mußte sie eben frei sein wollen — das war klar. Weshalb fie das wollte — ja, wer kennt so ein Mädchenherz ans! Doch wohl verrathene Liebe, die alte Geschichte —
„Sie sind ganz verstummt, mein Herr Proseffor", klang da Heddas tiefe, weiche Stimme in fein Sinnen hinein. Er fuhr auf.
„Verzeihung, gnädiges Fräulein! Aber dies hohe Vertrauen" — „O, ich weiß," kam sie dem Stockenden zu Hülfe, „es ist eine ganz ungewöhnliche Tifchnnterhaltung, bie ich ba führe — und noch bazu mit einem völlig Fremde». Sie mögen einen ganz eigenen Begriff von mir bekommen — bitte, sparen wir uns die Gegen- bethenerungen! Aber ich habe mit voller Absicht gerade zu Ihnen dies Thema berührt. Sie leben in ber Residenz, haben nach allen Seiten hin ausgedehnte Beziehungen, kennen Welt und Mensche», und ba wollte ich Ihren Rath, vielleicht sogar Ihre Hülfe zu dem erbitten, was so eine höhere Tochter wohl unternehmen tonnte, fttfj einen Berus zu schaffen? Besonberc Talente, bie zur Ausübung eines künstlerischen Berufs befähigen, besitze ich nicht — es ist so d« alte Leier: ein wenig malen, ein wenig fingen, sich in einigen Sprachen leidlich ausdriickeu können I Das ist Alle», was ich at* lernt habe."
