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Wiesbadener Sagblatt

Slureigen-PreiSr

Für die Aufnahme später eiugereichter Anzeigen zur

1896.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Dienstag, den 1. Dezember

Uo. 563

BezirkS-Fernsprecher No. 52.

Abend-Ausgabe

die gemeinnützige Sehr vie! läßt

Deutscher Reichst,rg

an Bau-

Anzeigen-Annahme

obgleich dieselben durch die letzte geschäftliche KnsiS zahlreiche Mitglieder verloren haben. Als dieselbe im Ju»i 1898 ihren Anfang nahm, be­saßen die Geiverkichasteu etwa 650,000 Mitglieder, jetzt ist ihre Zahl auf rund 452,000 gesunken, die sich jedoch mit einer lebhafteren Gc- schastSthätigkeit sofort wieder steigern wird. Auch,die Bekämpfung be» Schwitzt Vst cm S durch die Gesetzgeduug in einzelnen Staaten der Union ist thcilweise ans die Anreginigen zuruckznfuhrcn, welche die maßgebenden Kreise von den Arbeitern empfangen haben. Die nachdrückliche Einschränkung dieser traurigen Systems der Lohn­arbeit ist jedoch in den Bereinigten Staaten bisher ebemo wenig wie in England und Deutschland gelungen. Eine bemerkenSwerthe Kenii- zcichiinng der deutschen Schwitzlöhne findet sich tu dem lungst anS- aegebencn Bericht desSchweizerischen Handels- und ^ndnstrie- LZereius". Derselbe weist darauf hin, daß durch die Schwitzlohne die deutsche Waare in der Schweiz in Mißkredit gebraucht werde und fahrt dann fort:So lind es die fertigen Herrenkleider, mit denen die Schweiz von Deutschland überschwemmt wird. Die aiißerordentlich niedrigen Preise dieser Artikel - für ihren Eebranchswcrth freilich sind sie noch viel zu hoch - sind das Produkt sehr geringer Stoffe und wahrer Hiingcilödnc. So zahlten Stuttgarter Kon,ektlonare ihren dortigen Arbeitern z. B. für dir FertigNellung e.n-S Ueber- ziehers 2 bis 3 Mk. 60 Pf., eines Nockes 2 Mk. 50 Ps. bis 3 Mk., einer Hofe 50 Pf. bis 1 Mk. 20 Pf., einer Weste 60 Pf. bis 1 Mk. 20 Pf. Auf dem Lande wird noch weniger bezahlt; man sindet da für ganze Anzüge Schiieiderlöhne bis zn 2 Mk. 20 Pt. herunter. Den elendesten Löhnen begegnet man in Norddeutschland, wo überhaupt die Schniidwaaren-Konkurrcnz verhnltinßmaßig am meisten verbreitet ist." Diese Miltheilung ist vielleicht nicht ganz frei von Lerstiuiuinng über den starken Mitbcwerb der deutschen Schneiderei in der Schweiz. Doch scheinen die Löhne nn Allgemeinen richtig angegeben zu sein, denn die lohnstatistischen Untersuchungen, welche im letzten Soiinner gelegentlich des Streiks im Schneiderei- G'.oßgewcrbe in verschiedenen deutschen Städten angestellt sind, förderteii ähnliche Ergebnisse zu Tage.

Es kann unter solchen Berhaltmffen nicht überraschen, wenn in günstiger Geschäftszeit die betreffende!, Albeiterkreise ,n eine aber­malige Lohnbewegung «Hinten. Wo solch- Ncbelstande bestehen, wie sie im Schuciderei-Großgewerbe aufgedeckt sind, ist es eine der vornehmsten Pflichten auch der Arbeitgeber, ihre Beseitigung nach­drücklich auznstrebeii. In dieser Beziehung ist bisher sehr wenig geschehen, und so ist cs denn nicht ausgeschlossen, daß die Gesetz- gebliuq einschneidende Schntzmaßikgeln für die in den Konfektions- gewerbeil Beschäftigten anorduet, wenn die soziale Lage derselben abermals vor den Reichstag gelangen sollte.

Sozialpolitische Umschau Ende November.

O Kerli«, 30. November.

Am BundeSralhStische Staatssekretär Graf Posadowsky, Staats­sekretär Bötticher und Hollmann. Aus der Tagesordnung steht die erste Lesung des Etats. Bei Beginn der Sitzung ist dar Hans sehr- schwach besucht. Zunächst ergreift Staatrs. Gras Posadowsky das Wort und fuhrt aus: Pro 1895 96 habe sich seine frühere Schätzung betväbrt, inden> sich zu Gunsten der Reichs ein lieber« schuß von 11,869,000 Mark ergeben habe. Ein großer Beweis für die Prosperität der deutschen Industrie fei die starke Mehraussnhr deutscher Fabrikate. Eine wesentliche Verschiebung in günstigem Sinne fei auch im Jahre 1895 gegenüber 1891 eiugetreten, indem das Miuus der Ausfuhr gegenüber der Einfuhr in diefein einen Jahre um 400 Millionen gesunken sei. Es scheint, so fährt jetzt der Staatssekretär fort, wir sind jetzt in einer Periode der Ueberfchüsse. Früher haben wir, z. B. in den Jahren 1883/84 bis 1892/93 an die Einzelstaaten 496 Millionen hinauS- nezahlt und gleichzeitig 1349 Millionen Mark im Reiche Schulden gemacht. Wirhabenalso Schulden gemachtimJntereffederEiiizelstaaten, daraus folgt, daß wir an dem zweiten Finanzreforni-Entwurf festhalten müffeii, der zwei Grundsätze enthält: Schutz der Eiuzelstaaten gegen das Reich und Schuldentilgnug nach Maßgabe der finanziellen Ent­wickelung der EittiiahmegneUen. Redner verbreitet sich sodann über die voraussichtlichen Ergebnisse des lausenden Jahre», für das

-ur Ausdehnung des städtischen Grundbesitzes ergreifen, kleine Wohnungen selbst bauen und Anderen Bauland zn billigen Be­dingungen überlassen, Stiftungsgelder zur Verbesserung gelm'dbe'ts- schädlicher Stadtviertel heranz,eheu, die Verkehrsmittel nach den Bororten verbilligen und vermehren, WohttungSnnterfnchungen vcr- anlaffen, ein freiwilliges Mieth-Schiedsgericht durch die Stadt ein- richten und für alle diese und andere geineinuntzige Veranstaltungen die städtischen Einuahnien durch eigene Unternehiuungeii, wie Trambahn, Gas, Elektricitat und die Besteuerung der Werth- steigeruug des bebauten und unbebauten Geländes ui der städtischen Gemarkung, zu vermehren suchen.

Das Frankfurter Beispiel wird bei städtischen Wahlen nicht ohne Nachahmung bleiben. Jedenfalls ist die Wohnungsfrage ein starker Hebel, nm die auch auf anderen Gebieten wie z. B. dem des Arbeitsnachweises, des Herbergstvesens, der NahrunftsMiltkl- fälschung ec., nothwendige Sozialpolitik der Gemeinden ni Bewegung zu bringen. Die Zeit ist nicht mehr fern, in der namentlich die Arbeiterbevölkerung die Stadtgeuiciuden zu einer Bekämpfung der Wohnnngsnoth mit derselben Entschiedenheit dränge» wird, wie seit einigen Jahren, und nicht ohne Erlo g, die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit von ihr verlangt wird. Aus diesem Gebiet mehren sich die Beweise dafür, daß in manchen ErwerbSzweigen eine Berkürznug der Arbeitszeit bei denselben Hülssmilteln ohne Verringerung der Waarenerzeugung sehr wobl möglich ist. Bemerkenswerth ist in dieser Beziehung nament ich eine Mittbeilung ans dem jüngsten Bericht der badischen Fabrikinspektoren In einer badischen Weberei stieg nach der Verkürzung der ArbeNSze auf täglich 11 Stunden bet Lohn bei flleichblerbenben Lohnsätzen zu einernie erreichten" Höhe, und in einer Färberei wurde trotz der Herabsetznug der Arbeitszeit von 11 aus 9 Tagesstunden dieselbe Waareumenge wie früher fertig. _ In auderen Jndiistrlebezirken hat man bekanlltlich in neuerer Zeit ähnliche Erfahrungen gemacht, die den Schluß nahelegen, daß, allerdings nicht in allen, wohl aber in .manchen ErwerbSzweigen eine Verkürzung der Arbeitszeit ohne Nachtheil der Unternehmer, ja selbst zu ihrem und naturhd) ber Arbeiter Vortheil, mühelos durchgeführt werben kann. Im Bergbau ist bie Zehnstnuben-Schicht jetzt auch im Falkenauer Bezirk zur An­erkennung gelangt. Sie soll bis zum 1. April bott überall Geltung erhalten. In Oesterreich -nacht der Arbcitctschntz letzt überhaupt etwas schnellere Fortschritte, wie es scheiiit. So hat das dortige Handels­ministerium sich kürzlich auch der Kellner angenommen. Es hat entschieden, daß auf Grund des Gesetzes über die Sonn- und Feiertagsruhe im Gewetbebelriebe solchen Kellnern, die an allen oder mehreren aufeinaudersolgeiideu Sonntagen länger als drei Stunden beschäftigt werden, in der Woche ein Ruhetag von zwölf ober an zwei Wochentagen eine Ruhezeit von sechs Stmiben ge­währt werben muß. Mit dieser Bestimmung ist für bie Erholung der Kellner in Oesterreich Hefter aciorgt, als es bisher in Deutsch­land geschieht.

Auch Rußland hat m letzter Zeit unter Berücksichtigung ferner sich ansbehnenden Großgewerbe den Arbeiterschutz vermehrt. Bisher hatte bas GesetzüberdieFad r ikinspek tion nur in 18europäischen Gouvernements Gültigkeit. Durch eine neuere Verorbimiig ist die Fabrikinspektion auf weitere 8 Gouvernements ausgedehnt ^n ben Vereinigten Staaten ist die Fabrikaufsicht seit einiger Zeit, besonders im Staate New-Jork, erheblich verschärft. Arbeiter zwilchen 14 bis 16 Jahren dürft» nur beschäftigt werden, wenn m den betreffenden Werkstätten ein Zeugniß vom städtischen Gesundheitsamt darüber vorhanden ist, daß ber betreffende jugendliche Arbeiter für die ge­forderte Arbeitsleistung sich köiperlich eignet. Dieses Zeugniß muß dem Fabrikinspektor vorgewiesen werden. Auch ist fortan dessen Erlaiibniß für die Herstellnnq maiicher Waaren in Wohnraumen einziihole», wen» bei dieser Herstellung nicht ansschließlich Fam,lien- gli-der beschäftigt find. Der Fabrikinspektor hat die Pflicht, Waaren, die unter ungesunden Verhältnissen hergestellt werden, mit einem Stempel zu bezeichnen; dem Hausbesitzer ist das R-chi gegeben, Mielher, bie ihre Wohnung in gcsetzwibriger Weise nie Werkstätte benutzen, l)Cin$Mer%amel)rte Arbeiterschutz ist in ben Vereinigten Staate» zum Theil der Wirkfamkcit der Arbeitergewerkschaften znzuschreiben,

Verlag: Langgasse 27.

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Eine» ber düstersten Kapitel nuferer moderne» Zustände bildet die W o h it u n g s f r a g e für die ärmeren Klassen. Es ist eine all­gemein getheilte Aiischaninig, daß sich gesundes Leben nur in gesunden Wohnungen entwickeln kau», und doch halt es gerade auf diesem Gebiet so außergewöhnlich schwer, bessere Verhältnisse herbei­zuführen. E» hat das in der Berührung zahlreicher starker Privat- tntereffeu seinen weseiillichen Grund. Häuserbaii und HauSbcntz ist heute zu einer Spekulation geworden und zwar zu einer Spekulation so skrupelloser Art, daß eine gesetzliche Beschiieidung ihrer schlimmen Auswüchse als ein Akt der Nothwehr anruseheii ist. Wie schon oft ausgeführt ist, läßt sich jedoch diese Spekulation durch den Gesetzgeber sehr schwer fassen. Nach dieser Richtung wird sich auch die Hülfe de» Staates als wenig ausreichend erweisen. Ma» >st daher seit einiger Zeit bestrebt gewesen, den Staat auf dem Gebiet der Wohnungsfrage auf den Weg einer gewissermaßen vorbeugend wirkende» gemeinnützigen Thätigkcit zu drängen. Es wird von ihm verlangt, daß er öffentlichen Banbaiiken und Baugenossenschaften, unter Gewährleistung für ihr gemeinnütziges Wirken, fernen Kredit verleiht, daß er die Arbeit dieser Gesellschaften in jeber Weise erleichtert unb gleichzeitig zweckmäßige Bauvorschriften in Beziehung aut Lust, Licht, Zimmerzahl unb aubere Einrichtungen der Wohnungen trifft.

Daß bie Regierungen ber Wohnungsfrage nicht gleichgültig gegenüberstehen, geht ans verschiebcneu Anorbiinngen berfelben hervor. So hat bekanntlich im vorigen Jahre bie preußische Regierung unter Zustimmung des LanbtagS 5 Millionen Mark für den Bau kleiner Wohnungen zur Verfügung gestellt, die allerbings nur an in Staats­betrieben beschäftigte Arbeiter vermiethet werden sollen. Auch ist es nach einer »eueren Verfügung möglich gemacht, daß bie großen Mittel ber Reichs-, Alter»- unb Jnvalibitätsversicherung mehr für die gemeinnützige Bauthätigkeit verwendet werden können. Sehr viel läßt die Wirksamkeit ber Stabte auf bem Gebiet ber Wohnungsfrage zu wünschen übrig. Obgleich tu manchen Stadtgemeiiibeu ber Wohiiuugslvucher unb tm engen Zusammenhänge mit ihm da» Wohnungselenb gerabezu außer, ordentliche Maßregeln eiitschuldigen würden, rührt mau oft kaum einen Finger, um Abhülfe zu schaffen oder wenigstens für die Zu­kunft vorbeugend zu wirken. Die große Bedeutung einer stabt i f ch e n S ozialpoli tik ist augenscheinlich vielen beuischen Stadt- Vertretungen völlig unbekannt. Die sozialen Pflichte», welche den Städten an» unseren Zeitverhältnifftn erwachsen sind und ihnen aller Voraussicht nach in nächster Zukunft noch in größerem Umfange auch auf dem Gebiet ber Wohnungsfrage ,»fallen,dürfen unb können MeiNncht erlassen werden. Je früher große Stadtgemeinden sich dieser Pflicht erinnern, mnso leichter wird die Ersüllung derselben werden. Von tiefem Gesichtspunkt an» ist es zu bedauern, baß noch heute viele Stadtgemeinden ihren günstig gelegenen Grundbesitz an Bau- speknlanten verkauft», statt ihn in entgegengesetzter Richtung zur Niederhaltung der ungesunden Spekulation und zur Schaffung wohlfeiler Wohnungen für die Minderbemittelten zu beniitzeu. Große, sonst gut geleitete Stadtgemeinden haben in dieser Hinsicht noch in jüngster Zeit schwere Sünden begangen. Weitsehender hat die Stadt Basel gehandelt, die 404,446 Geviertmeter Land für 1,718,895 Francs erwarb, um ber Bau- und Bauplatzspeknlation Abbruch zn thun. . . ,, _ ,

Lange werde» sich die Stabte einer zielbewussten WohnungS- politik nicht mehr entziehen können. An» ber Bürgerschaft selbst drängt man zu Maßregeln gegen die Wohnnngsnoth, unb mehrfach wird die Bekämpfung derselben zu einer entscheidenden Frage bei ben Stadtverorbiietenwahlen gemacht. So hat ber Miethverein in Frankfurt a. M. in ben letzten Wochen ein Programm für stäbtische Wohnungspolitik ausgestellt, in bem die wesentlichsten Forderungen niebergelegtfinb, welche überhaupt in Deutschland auf diesem Gebiet an die Stadtgemeinden gestellt werden. Die Stadt soll Maßregeln

4». Jahrgang.

Erscheint in zwei AnSgabcu. Bezugs-Preis: 60 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. Der Bezug kann leberzctt be­gonnen werden.

(Nachdruck verboten.)

Gyp.

Von Anna Brunnemann.

Gyp? wer ist Gyp?

Der ärgstegamin von Paris und zugleich bie_ geist­reichste, pikanteste und liebenswürdigste französische Schrift­stellerin, die je existirt hat. Niemand Geringeres, als die Comtesse de Martell, eine Enkelin des Grafen Mirabeau, verbirgt sich hinter diesem Pseudonym, dem wir in den gc- lesensten Pariser Blättern, unter den bekanntesten Romanen und selbst auf der Bühne begegnen. In vorzüglichem modernen Französisch geschrieben, bilden Ptit Bleu und le Mariage de Chiffon das Entzücken der Pariser Backfische. Die größeren Romane aber, die allerdings nicht für jugend­liche Leser bestimmt sind, geben uns ein getreues Bild der voruehmen Pariserin von heute, derfemme de Inne mit ihren Launen, ihrer Unberechenbarkeit, ihrem Gelüst nach verbotenen Früchten und ihrem immer geringer merdendeu Berständniß für edle Ziele und hohe Aufgaben. Autour du mariage und Autour du divorce sind für das Gesagte stets bezeichnend. , .

In wiederum auderen Schriften sucht die Verfasserin tn öer Person ihrer LieblingsgestaltLulu" ihr vorwitziges Näschen in moderne Zeitfragen und psychologische Probleme zu stecken, die sie dann auf ihre Weise löst. Köstlich hort es sich zu, wenn Lulu, der allerliebste Backfisch mit dem klaren Verstände, dem guten Herzen und den schlechten Manieren, über Dinge philosophirt, bei denen man sich ver­wundert fragt, wie sie wohl in den tollen, ungekämmten Pudelkopf hineingerathen sein mögen. AberLulus" Augen sehen ungemein scharf und ein tiefer Ernst verbirgt sich nur zu oft unter ihrem kind'schen Spiel. Aus all den leichtfertigen, oberflächlichen Plaudereien der Welt der oberen Zehntausend, in der fast

alle Romane Gyps entstanden sind, fühlen denkende Leser die feilte Satire über die Hohlheit jener Jagd nach Geld und Genuß und den tiefen, ehrlichen Schmerz der Ver­fasserin heraus, daß so manche vielversprechende, gesunde Natur dabei zu Grunde geht. (Vergl. Lenrs ämes.) Gyp kennt die Welt, in der man sich amüsirt, weit besser, als viele der modernen Pariser Sittenschilderer. Es ist ihre Welt, aus der sie sich angeblich gern znrückzieht, deren Um­gebung sie aber doch braucht, wie die Luft, die wir athmen.

Glücklich verheirathet lebt sie mit ihrem Gatten und drei Kindern in einem reizenden Landhause in Neuilly, einer Villenkolonie, die sich dicht an das Bois de Boulogne anschließt. Ihren ältesten Knaben, Ptit Bob, hat ihre Feder als köstliches Enfant terrible bereits unsterblich gemacht.

Gyps Liebenswürdigkeit ist berühmt auch der Fremde darf sie in ihrem Künstlerheim besuchen. Sie empfängt uns in einem originell ausgestatteten, mit reizenden Kleinig­keiten überladenen Zimmer, dem der bizarre Kunstgeschmack des fin de siede und die launische Willkür der Französin, die so gern nach neuen Effekten hascht, ihr Gepräge ver­liehen haben. Kühn hingeworsene Skizzen und Karikaturen, alle mitGyp" unterzeichnet, finden sich überall verstreut, denn seit geraumer Zeit schon versucht die bewährte Heldin der Feder ihre kecksten Gedanken, ihre übermüthigsten Spöttereien auch durch Stift und Pinsel festzuhalten. Jedes Jahr sind im Salon Oelbilder, Pastelle oder Zeichnungen von Gyp ausgestellt und wir finden sogar shoking! Karikaturen von ihrer Hand imEire, dem gelesensteu Witzblatt von Paris.

Wir sind in begreiflicher Erwartung, Gyp zu sehen. Kann man sich im Voraus eine Vorstellung von ihr machen? Unmöglich; dazu sind ihre Leistungen zu vielseitig, zu wider­sprechend. Sollen wir Lulu, den kecken Pariser Backfisch, oder die elegante Weltdame, Madame la Comtesse de Martell erwarten?

Da tritt sie ein und begrüßt uns auf das Liebens­würdigste. Es ist eine zierliche, schlanke Gestalt, mit schmalem Antlitz, aus dem uns geistsprühende graue Augen anblicken. Der Gesichtsausdruck hat etwas ungemein Jugend­liches, fast Kindliches, die Anmuth der Bewegungen erinnert au die Biegsamkeit einer Sarah Bernhardt. An die große Tragödin erinnert ferner die glockenreine Stimme; von den beweglichen Lippen perlt das entzückendsteFranzösischlrerWelt.

EinInterview" hat gewöhnlich immer etwas Ge­zwungenes bei Gyp aber kann das niemals der Fall fein. Sie plaudert reizend; sie erzählt von Allem, was ihr der Augenblick gerade eingiebt, von ihrer großen Liebe znr Malerei und zur Einsamkeit was wir ihr nicht recht glauben. Sie versichert uns, vor ihrer Vermählung nicht ans Schreiben gedacht zn haben, und amüsirt sich noch immer trefflich bei dem Gedanken an ein großes Diner, das die erste Veraulasiung zu ihrer schriftstellerischen Karriere bot. Hören wir sie selbst:

Es war urdrollig," sagt sie.Mein Mann bekleidete einen bedeutenden Posten bei der Regierung, zu einer Zeit, da die Wogen des politischen Lebens sehr hoch gingen. Die Regierung war damals noch ein wenig schlechter als Henle. Wir hatten einer Menge lästiger Verpflichtungen nach­zukommen und Provinzler, Beamte, Adelsfamilieu, Offiziere und einflußreiche Kaufleute zu empfangen. So veranstalteten wir einst ein großes Diner. Man kann sich nichts Komischeres denken. Die Gäste stimmten zu einander wie Hund und Katze. Da waren Aristokraten, Demokraten, Konservative, Radikale, Leute von streng katholischen Anschauungen und die ärgsten Freigeister! Mit der vollendetsten Höflichkeit warfen sie sich die ärgsten Grobheiten an den Kopf. Ich saß als noch etwas zaghafte, blutjunge Frau dabei und unterhielt mich wie noch nie in meinem Leben. Es war mir unvergeßlich und es zuckte mich förmlich, die Feder zur Hand zu nehmen unb Alles zu schildern, wie ich es gesehen