Einzelbild herunterladen
 

Dem kaiserliche» Museum in Kousta » ti nop «l ist kürzlich eine Anzahl Thontafeln nn« der zweiten und dritten Dynastie von Ur und der ersten Dynastie von Babylon von einem Beamten ge­schenkt worden. Darunter befindet sich eine, die für die alitestcinient- liche Geschichtsforichniig von Bedentnng werden wird. Sie enthält einen Brief des Königs Hamiiinrabi «des Amraphel der Bibel) an König Siiiidinani vonLarsa (biblisch Ellasar), worin der bisher von den Affyriologen in der Keilschriftlitteratnr vergeblich gesuchte König Kedorlaomer, der 1. Moses 14 mit Abraham in Verbindung gebracht ist, erwähnt wird. Die Beröffentlichuug der Tafel ist demnächst zn erwarten.

Ans Stadt und Land.

Wiesbaden, 13. October.

— Zur Erinnerung. Am 13. October 1 822 starb der berühmte italienische Bildhauer Antonio Cairova zu Venedig. Er ist der Wiederhersteller der italienischen Bildhauerkiiust und besonders ausgezeichnet in der Darstellung weiblicher Schönheit. Seine Werke sind ungemein zahlreich und befinden sich zuiu Theil in Italien, besonders in Nom, zum Theil in Deutschland, Frankreich und Oesterreich.

— Bezirksausschuß. Sihuug vom 12. October unter dem Vorsitze des Herrn Berwaltungsgerichls-Direklors (Zeh. RcgierungS- ralhs v. Reichenau. Der Banunteruehiuer Heinrich Balzer zu Frankfurt a. M., jetzt dessen Konkursmasse klagt gegen den Magistrat (Baupolizei) daselbst wegen Verweigerung der Erlaubuiß znr Einrichtuiig von Wohuräuiueu in dein Hintergebäude Waldschmidtstratze 115, welches bisher gewerblichen Zwecken diente. Die Klage wird als unbegründet abgewieseu. Da­gegen wird der Klage derselbe» Konkursmasse gegen den Magistrat (Baupolizei) wegen Aufhebung einer baupolizeilichen Verfügung, welche aus Grund der Verordnung vom 4. Januar 1894 verbietet in den oben erwähnten Räumen eine Kartonnagesabrik einzurichten, stattgegeben. Der Bezirksausschuß ging dabei von der Erwägung aus, daß es sich nicht um eine Fabrik im Sinne der ge­nannten Verordnung handle. — Dein Niemenfabrikanteii Fuedrich Wagner VII. zu Uuterliederbach ist von der dortigen OrtS- polizeibehörde die Auflage gemocht worden, den Betrieb von 13 Gerbergriiben, die ohne Konzession errichtet worden sind, ein- znstellen. Die dagegen erhobene Klage ist von dem Krcisausschnb znrückgewiesen worden. Die dagegen erhobene Berusuug wird von dem Bezirksansschub für unbegründet erklärt. - In der Nachmittags- sitznng gelangten wieder mehrere Hunde steuerprozesse zur Verhandlung. Herr Bleicher Friedrich Lenz hier verlangt Steuer­freiheit für einen zweiten Hund, den er zur Bewachung seiner Bleiche an der Blücherstraße benölhige. Herr Gärtner W. Zöller be­hauptet, daß der Hund, für den er 30 Mk. bezahlen soll, zniu Transport seiner Produkte nach dem Markt für ihn unentbehrlich fei. Herr Flascheubierhändler August Granbner verlangt Steuer­freiheit, weil er seinen Hund znm Transport eines Flaschenbier- wagens unbedingt uöthig und Herr Braumeister Joses Schauerer behauptet, daß er einen Hund zu seiner persönliche» Sicherheit nothweirdig habe. Der Vertreter des Magistrats, Herr Bö germeister Heß, führt a»s, datz iri keinem Falle die lluentbehr..chkeit nach­gewiesen fei. Seit Eiilsühruug der neuen Huudesleuerordnung habe die Zahl der Ziehhunde, für welche Steuerfreiheit gewährt werde, in so aus­fälliger Weise zugenommen, datz der weiteren Vermehrnng ein Riegel vorgeschoben werden müsse. Seit Eilaß der Stenerordnring sei die Zahl der Ziehhunde von 54 ans 139 gestiegen. Die Klagen des Bleichers Lenz und des Braumcisters Schauerer wurden als unbegründet abgewicsen, dagegen wird den Klagen von Zöller und Granbner stattgegeben und der Magistrat nicht für berechtigt er­achtet, dieselben zur Hundesteuer heranznzieheu.

— De» 80. Grdurlotag wird einer unserer verdienstvollsten Mitbürger, Herr FeldgerichtSfchöfse Georg Thon, „Vetter Thon", wie er genannt wird, am Sonntag, bett 18. b. M., feiern. Im Jahre 1847 schon, als es galt, bic Roth in den Ortschaften des Hohen Taunus zu lindern, sehen wir ihn an hervorragender Stelle im öffentlichen Leben thätig, und seitdem hat er keine Gelegenheit vorübergehen lassen, feine» liberalen, nieiischeufreuiiblichen Grund­sätzen, sei es im Staat ober in ber städtischen Verwaltung, zum Siege zn verhelfen. Nur wenige Ehrenposten hat die Bürgerschaft zu vergeben, die er nicht innegehabt und in denen sich nicht die Lauterkeit seines Charakters, die Geradheit seines Wesens und die ideale Richtung seines Strebens in glänzendstem Licht gezeigt hätten. Au allen politischen und wirthschastlicheu Beweginigeu in unserem engeren Heimathsbezirk sehen wir ihn, so sehr ihn auch die Last des Alters bereits niederdrückt, noch heute bett regsten Antbeil nehmen. Die Schaar seiner Frennbe iittb Verehrer erstreckt sich daher weit über das Weichbild nuferer Stadt ins Rossauer Land hinein, und Tausende vereinigen sich mit uns in dem innigen Wunsche, daß es Herrn Thon noch lange vergönnt sein möge, sich des Glücke« zu erfreuen, das treue Pflichterfüllung, ein waimes Herz für das Wohl und Wehe feiner Umgebung stets bietet.

— Todesfall. Heute Mittag verschied plötzlich infolge eines Herzschlages, der ihn gestern Abend betroffen, im Alter von 45 Jahren Herr Dr. mcd. Otto Michelse ». I» ihm, der sich einer sehr aus­gedehnten Praxis erfreute mib eine Frauenklinik unterhielt, verliert unsere Stabt einen Frauenarzt und Chirurgen von großem Rus; auch als Förderer sanitärer Wohlfahrtseinrichtnugen machte sich Herr Dr. Michelsen hochverdient. Sv war er auch dirigirender Arzt des Wöchnerinnen-Asyls für Nassau. Die Leiche wird in Heidelberg durch Feuer bestattet werde».

— §trnßrnpflnfter au» Stroh. Wie polnische Blätter be­richten, hat ein Warschauer Techniker ber bärtigen Stabtverwaltung einen Plan für Pflasterung bet Warschauer Straße» mit Stroh­würfeln, statt mit Holzwürfeln, eingereidjt. Znr Herstellnng solcher Würfel wird Stroh, gleichviel welcher Art, in Theile von gewiffer Länge zerschnitten, mit einer besonderen Mischung getränkt und darauf in Würfelform gepreßt. Nach der Aussage des Erfinders ist fein Pflasterungsmaterial billiger als Holz, aber von ebensolcher Festigkeit und Dauerhaftigkeit.

— Kandelo-Degister. In dasFirmen-Negister ist heute die Firma „Hermanns u. Froitzheim" in Cölu mit einer Zweig­niederlassung in Wiesbaden und als deren Inhaber der Kanfmami Salomon Hermanns vonCöln eingetragen worden. — Heute ist in das Gesellschafts-Register die von den Kaufleuten Moritz Steinberg und August Vorsänger, beide von Wiesbaden, unter der Firma „Steinberg u. Vorsänger" am 1. October 1896 zu Wiesbaden be­gründete offene Handels-Gesellschaft eingetragen worden. — In das Firnien-Register ist heute vermerkt worden, daß die Firma

„A. Brettheimer Nachf." zu Wiesbaden erloschen ist. — In das hiesige Gesellschafts-Register ist die von dem Civil-Jngenienr Nikolaus Henze! und Chemiker Emil Riede r hä u f e r, beide von Wiesbaden, unter der Firma „Rheinische Traubenmost- Gesellschaft Henzel u. Cie. Wiesbaden" am 23. September 1896 be­gründete offene Handels-Gesellschaft eingetragen worden. — In das Gesellschasts-Negister ist am 30. September er. eingetragen worden, daß die hiesige Zweigniederlaffung der in Mainz domizilirten offenen Handels-GeseUfchaft in Firma Nathan Goldschmidt Nachfolger auf­gehoben ist.

— Nach elferneit Trauringen von 1813 werden in ver­schiedenen Städten jetzt Nachforschungen vorgenoninien. Infolge eines Aufrufs der Prinzessinnen des königlichen Hauses wurden im Jahre 1813 viele goldene Trauringe a» die Sammelstelle nach Berlin gesandt. Für diese wurden eiserne Trauringe mit der Jn- schrist: „Gold gebe ich für Eisen" eingetauscht. Ans Swinemünde allein wurden in einigen Tagen 114 goldene Ringe abgesandt. Ruit wäre es itilcrcffaiit zu erfahren, ob von diesen eisernen Ringen noch viele als Andenken an jene große Zeit der Erhebung des deutschen Volkes aufbewahrt werden.

— Ein» Ziindkörprr-Erploston erfolgte heute Vormittag im Laboratorium des Herr» Kunstfeuerwerkers Becker in der Dotzheimerstraße. Die Explosion richtete nicht mir einen beträcht­liche» Schaden am Material und Gebäude an, auch die beiden Kinder des Herrn Becker, im Alter von 2 und 3 Jahren, welche sich unglücklicher Weise gerade im Laboratorium befanden, erlitten an Kopf und Gesicht derartige Brandwunden, daß sie ins Joseph- Hospital an der Frankfnrterflraße gebracht werden mußten. Herr Becker selbst hat Brandwunden an beide» Händen erlitten. Herr Dr. Saßiiftein, der rasch zur Stelle gerufen wurde, legte dem Verunglückten unter Beihülfe des Oberfenerwehrmanns Kimmel — die Feuerwache war uäiulich alnrmirt worden, doch konnte sie ihre Thätigkeit fast lediglich auf AnfränmmigSarbeiten beschränken — den Nothverband an und es zeigte sich bei dieser Gelegenheit wieder einmal, wie werthvoll und zweckmäßig der im Maunschaflswagen der Feuerwache stets mitgesührte Verbandskasten ist.

— ynhnftrt wurden gestern drei jugendliche Taugenichtse, welche im dringenden Verdacht stehen in einem Hause an der Emserstraße mittels Einbruchs einen Reisepelz gestohlen zu haben, den sie bei ihren Nachtlagern im Walde benntzteu. — Außer­dem ist eine Frauensperson Namens Ries verhaftet tvorden. Dieselbe, eine alte Zuchthäuslerin, hatte sich in der Adolfsallee in verschiedene Keller etngeschliche» und daselbst Wein, Bier und andere Genußmittel gestohlen.

— Kleine Noti?«». Auf der großen internationalen Hmide- aiisstellnug zu Karlsruhe gewann Herr C. A. Siitig in Biebrich, bis vor Kurzem hier wohnhaft, 3 erste und 1 zweiten Preis für eine draht- und eine glatthaarige Foxterrier-Hündin.

Stimmen ans Vern Publikum.

<Fur SBeröffrnt!icf)migcu unter dieser Ueberschrist übernimmt die Redaktion keinerlei SBerantwortinig.)

* Wiederum und zwar leider ein schwerer UnglückSsall er eignete sich am vergangenen Freitag auf der unteren Rheiustraße, unzweifelhaft veranlaßt durch bte in diesem Straßeuabschnitt äinammenheffeuben Straßenbahnen. Außer dem schon bebenteiiben Post- und Bahnhofsverkehr drängen sich hier drei Bah"n ver­schiedenen Sy.eins aneinander vorüber, sodaß der Seite' hier oft zu item lebensgefährlichen wird und es dringetid gt boten erschein., die, wie ich höre, für später beabsichtigte Verlegung der Pferdebahn nach ber oberen Rheiustraße schon jetzt vorzttttehmeu, woburch die innere Rheiustraße erheblich entlastet, außerdem dem westlichen Stadttheil endlich ber lang ersehnte Anschluß an bas Straßettbahnnetz zu Theil würde. Schreiber Dieses ist überzeugt, daß die Hausbesitzer der oberen Rheinstraße und des Kaiser Friedrich-Rings die Kosten der Schienemtmlage gern aufbrtugen. Leider läßt auch die Umwandlung d.r Dampfbahn in eine elektrische Bahn viel zu lange auf sich warte», ein

einheitliches System für alle drei Bahnen würde wesentlich zur Bereittfachung des Verkehrs beitragen und denselben entschiede» weniger gefährlich fein lasset,. Es erscheint dringend geboten, daß diese Angelegenheit endlich in Flnß kommt, d eine Verständigung über diese Frage Seitens nuferer Stadtbeh e und der Süddeutschen Eiseiibahu-Gesellschaft wäre driugeud ei nscht; eilte sofortige Erledigung könnte jedenfalls die Verleg ; der Pferdebahn mit dem Ausgangspunkt in der oberen Rh.mstraße finden; man fiiitme nicht, damit nicht noch weitere Unglücksfälle an deren Umlegung mahnen.

— Mieobndk», 11. October. Die Monatsveifammlung de» „Bienenzüchter-Vereins für Wiesbaden und Umgegend" fand heute in der „Mainzer Bierhalle" dahier statt. Herr Verwalter Arast fetzte feinen Vortrag ans der vorige» Versammlung über die „Ein­winterung" fort. An der sehr lebhaften Debatte betheiligten sich hauptsächlich die Herren Alberti, Herbling und Heß. Namentlich gingen die Ansichten der Herren bezüglich der Waffer- mengett in der Fultergabe auseinander. Während die Herren Arnst und Heß für eine größere Wassermenge eintraten, glaubte Herr Alberti eine solche von 50 bis 60 pCt. als vollständig ausreichend bezeichnen zu müßen. — Weit auseinander gingen auch die Erfahrungen ber einzelne» Herren hinsichtlich ber Zeit, in der das gereichte Sßiitterfiitler verdeckelt werde. — Aus allen Darlegungen ging wohl hervor: je früher da» Futter gereicht, desto rascher wird eS verdeckelt, desto weniger ber» bimftet das Wasser, desto sicherer ist das Wohlbefinden des Bienenvolk». Man soll daher möglichst früh und dünnflüssig füttern. Die Be­sprechungen mußten der vorgerückten Zeit wegen abgebrochen werden, da noch verschiedene VereitiSangelegenheiten verhandelt werden mußten. Erst um 7S/« Uhr konnte die Versammlung geschloffen werden. Die nächste Verfamtulung soll wieder in Wies­baden und zwar am 8. November bei dem Vereinsmitglied Wendland — Moritzstraßc — ftattfinben. — Auch in der heutigen Versammlung konnte wieher ein namhafter Betrag als Erlös für im VereinSbepot bei Herrn Kaufmann Quint am Markt verkauften Honig an die Mitglieder zur Auszahluitg gelangen. Das Gute bricht sich, wenn auch langsam, eben auch in Wiesbaden Bahn, und es wird wohl die Zeit nicht mehr fern fein, wo auch dahier die Honigpanfcherei auf­gehört hat. Unsere Imker mögen darum nicht den Muth verlieren, wenn auch die Schundwaare gegenwärtig noch viele, viele Abnehmer findet.

△ Niederwalluf, 10. Oktober. Die hiesige neuerbaitte Lande­brücke für Dampfer ist nun aufgestellt und befindet fich an der Quaimauer unterhalb des Gartens zum „Hotel Schwanen". Da von nun ab die meisten Köln-Düffeldorfer hie. anlegen werden, so fällt das «amenUich bei größere» Gesellschaften lästige Uebersetzcn

Wifsbdiirnrr TagMÜ

Verlag: Lauggasse 27,

13,800 Abonnenten

Uo. 479

1896

Dienstag, den 13. Gctodee

BezirkZ-Ferusprecher No. 52.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Morgen-Ausgabe

4«. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BezngS-PreiS: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Anzeigen-PrelSr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeigen 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Psa. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Ausland.

* Italien. In der Stadtkaffe von Palermo wurde ein - Fehlbetrag von einer halben Million entdeckt. Der Gemeiude- kassirer bekleidete seine Stelle ohne Kaution. Die „Opinione" schreibt übrigens: Wenn die umlaufenden Gerüchte wahr sind, so haben die ersten von der von dem königlichen Kommissar nach Palermo entsandten Kommission öoigenonimeiieii Untersuchungen eine» Fehlbetrag von 4 Millionen in der Kaffe der Stadtverwaltung aufgedeckt. Die Schuld treffe den Schatz­meister. Das Blatt hebt hervor, die Methode der Aufsicht, die Nutersuchungen, die von dem gegenwärtigen Kabinett gemacht, hätten fast alle Fäll« der Korruption und Uiiorbiiuug und die Schuldigen entdeckt. Die öffentliche Verwaltung aller Zweige sei durch die beständige Einmischung ber Politik in die Verwaltung

korrumpirt. Die „Opinione" hält eine beständige, fleißige Arbeit für nothweudig, um die Ucbelthaten Derjenige», die die Verwaltung schädigte», aufzudecken und zu bestrafe», und die Regierung zn cr= mulhigen, auf dem beschrittenen Wege zu beharren.

* Amerika. In Brasilien ist eine schlimme finanzielle Krisis ausgebrochen. 300 FalliffeinentS wurde» bereits augemeldet lud weitere stehe» bevor, Wenn nicht bald Abhiilfe geschafft wird, da sich viele der ersten Häuser in ernstlichen Schwierigkeiten be­finden. Um den Krach möglichst zu beschränken, wurde schon beim Kongreß ein sechSmouatliches Moratorium beantragt. Derartige kleine Mittel werden aber nicht viel helfen, da e« sich nicht um eine einfache kommerzielle Kalamität handelt, sondern die schlechte Lage ber Finanzen der Republik diesen Zustand herbeisühre» mußte. Bisher hatte sich die Regierung dadurch zu Helsen gewußt, daß sie fich regelmäßige Vorschüsse von der Londoner Firma Rothschild - zahlen ließ, welche bann, wenn diese einen größeren Umfang erreicht halten, eine brasilianische Anleihe auflcgte, von deren Ertrag sie ihre Forderungen in Abzug brachte. Da sich aber die Geldverhältnisse immer mehr verschlechterten, wollte das Haus Rothschild feine Hülfe jur Beschaffung neuer Geldmittel nicht mehr leihe«. Die sofortige Folge war natürlich die gleiche wie bei allen Staaten, denen der Kredit entzogen wirb, ein gewaltiger Krach in der Geschäftswelt. Daß die vom Finauzminister gemachten Versuche, eine neue Anleihe bei anderen Fiuauzgruppen in Europa auf­zunehmen, glücken werden, erfcheint sehr zweifelhaft, nachdem die genannte Weltsirma ihre Hand zurückgezogen. Verhandlungen in dieser Richtung sind mit ber Berliner Diskontogesellschaft angefniipft worden. — Trotz ber gläuzeuben Siege der Regier imgstrnppen, von welchen die - offiziöse Presse immer zu erzählen weiß, nimmt die Revo­lution auf Cuba , die nun schon über l'i» Jahre dauert, kein Ende. Infolge des scharfen Vorgehens General Weylers und der drakonischen Mittel, deren er sich oft bediente, sowie der Hartnäckigkeit 'ber Insurgenten hat eine solche gegenseitige Erbitterung Platz ge- griffHi, daß allgemein die Ansicht herrscht, so lange Weyler bei Oberbefehl führe, werde auch der Guerillakrieg

noch fortbauern. In den Vereinigten Staaten wird dieser - unerquickliche Zustand von der Presse ausgebemet, die jetzt un- - oerholen ausspricht, Spanien habe sich als unfähig erwiesene, jeorbnete Zustände auf der Anlilleninfel herzustellens; und da eines« theil» Bürger ber Union als Grundbesitzer in Gewerbe und Handel . wichtige Jnlereffen in Cuba befaßen, fo solle ihre Regierung sich mit den anderen Mächten in Verbindung setzen, mit zu inteibeuireu und eineiLmodus vivendi herzu stellen. Von einer Annektion will sie zwar niefrto wissen, sie denkt sich aber ben daselbst zu schaffenden Zustand in Gestalt einer Occupation in der Art, wie sie England über Egypten H «rtü6t. So schwarz sieht man NUN in Havana nicht, man er­wartet im Gegentheil eine friedliche Lösung. Infolge des kolossalen Schadens, welchen der Aufstand gebracht, kann es nicht länger ; Io wie bisher fortgeljen. Alle Welt ist des Kampfes müde, vnd da die Rebellen keine praktischen Erfolge erzielten und die Republik nicht zu errichten vermochten, fließen ihnen die Mittel immer spärlicher 5». Einem neuen Militär-Gouverneur sollte es daher nach Ansicht der cubanischen Konservativen gelingen, durch Einführung weit- geßenber Autonomie und geeigneter Reformen ben Frieden wieder- herzustellen und der Marschall Martinez Campos wird als ber . rechte Mann für diesen Zweck bezeichnet. Derselbe ist auch bereit, _ abermals diese Mission zu übernehme», stellt aber die Bedingung, daß zunächst die administrative Unabhängigkeit Cubas von der Regierung gewährleistet und zuvor eine Verständigung zwischen den Reformisten und dem Ministeipräsidenten Canovas wegen Einleitung tott Friebensverhanbliingeit erzielt werde.

f*‘.r bie Abend-SluSgave bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen-Nusgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für die Aufnahme später eingereiuuer Anzeigen zur Nächsterscheinenden Ausgabe wird feine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.

Ans Kunst und Leben.

* Non einem modernen Klausner berichtet das „Echo" l Wn Homberg. In Zwillikeu, Bezirk Affoltern, lebt einsam in einer ßlbst errichteten Hütte von Holz und Moos ein Waldbruder. Er Wvnmelt Wurzeln und Kräuter gegen alle Gebresten und Krank- UMiten, welche Menschen und Thiere befallen, und die Bewohner t 8rr Umgegend sind seine guten Kunden. Ei» böses Weib war die s Ursache, weshalb er Beruf, Familie und Menschen floh und sich in sie Wälder zurückzog. Am Sonntag hat er oft Besuch. Das Stück t Land, auf dem feine Hütte steht, ist verkauft worden, weshalb er Sine Einsiedelei verlegen muß; damit ihm solches Mißgeschick nicht ' «ehr vorkomme, will nun der Waldbruder ein eigenes Stück Wald |'«Verben. Zu diesem Behufe mußte er ein Leumunds-Zeugniß habe», denn man vermnthete in ihm einen großen Sünder, ben das i Ne Gewisse» in die Einsamkeit getrieben. So kam er beim nach Exeiiifld) und stellte sich auf ber Gemeinbeschreiberei als de» ehren- i testen Jakob Gantschi, Waldbruder, vor, und er bekam das Der« t wngw Leumunds-Zeugniß.

1 ♦ Verschiedene Mittheilnngrn. Die orientalische Rohheit

-Amnt in dem Paul Bouchardscheu Gemälde „Die Stummen des F vcrails", von dem wir eine künstlerisch vollendete Holzschnitt- Reproduktion in dem soeben erschienenen Heft 6 der großen Familien- MSeitschrift „Für AlleWelt" (Deutsches Verlagshaus Bong n. Co. i Berlin W„ Preis des VierzehntagShefteS 40 Pf.) finde», in ihrer U tanzen Abscheulichkeit zum Ausdruck. In das Frauengen» h bringen ■ ’» „Stummen des Serails", die morbluftigen Henker de Palastes, KIM den Willen des Gebieters zu vollziehen. Die Frauen des ver- - «Menen Herrschers find die Opfer, die ihren Waffen und Stricken i überliefert find. Sie selber sind stumm, man hat sie der Zunge be- | raubt und die eigene Verstümmelung macht sie gegen fremdes Leid | Mrempfiudlich. Auch der übrige textliche und illustrative Theil der Lastschrift bietet wieder viel Interessantes.