Wiesbadener Tngblstt
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1896,
Samstag, den 10. October
U-. 476
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher ’Jio. 52.
Abend-Ausgabe
dieser Anfeindungen, trotz der Kluge, die nun vom Flcisch- lieferanten Jhde gegen Abraham angestrengt wurde, hat das Unternehmen einen vollen Erfolg zu verzeichnen, und wenn ich heute auf die ganze Angelegenheit zurückkomme, so geschieht es, weil Berlin und die anderen Hauptstädte, wohin Mittheilungen über den bösen Herrn Abraham gelangt sind, den ganzen Vorgang einen — sensationellen genannt haben. Bis zum October währte der Klagestrcit zwischen Jhde und Abraham. Die Idee des Jhde war, nachzuweisen, daß er gesundes Fleisch geschickt habe und daß die beschlagnahmte Sendung nicht die seinige war, und Abraham mußte das Gegentheil nachweisen. Das ist ihm nun nach beinahe fünfmonatlichem Kampfe gelungen. Der Fall ist ja vom Parteistandpunkt gegen Abraham ausgenutzt worden und er ist deshalb symptomatisch für die Hartnäckigkeit, mit welcher sich das Böse Ueberzcugung zu verschaffen sucht. Nun hat der viel bespöttelte und bewitzelte Mann seine Genugthuung für einen Streich, den mau ihm gespielt, aber diese Genugthuung kommt gewissermaßen post festum, sie kommt am Schlüsse der Volkseruähruug, also nach der — Mahlzeit, da die geladenen Gäste die Tafel verlassen haben. Die Tage der Ausstellung sind gezählt, die Abrüstungsidee wird hier zurThatsachcunddieMäuse verlassen das sinkende Schiff. Wie ein dräuendes Ungewitter steigen am freigelcgten Treptower Parkklcine Gewitter kündende Schäfchenwolken auf, und bald werden sich die Schäfchen, die geschoren worden sind, melden. Die Kundigen wollen wissen, daß es eine große Anzahl Protestler geben wird, die sich als einstige Betheiligte an der Ausstellung jetzt als die Benachtheiligten fühlen und mit allerlei Enthüllungen beraus-
kommen werden. Wo wäre einmal ein Werk entstanden, wo eine große Idee durchgeführt worden, wo hätte es einen großen Mann und eine geniale Frau gegeben, an deren Fersen sich nicht Enthüllungen knüpften!
Und so gehen wir denn anch in Berlin wieder einer Zeit der niedlichsten Enthüllungen entgegen. Sie liegen außer bei der Ausstellung auch noch auf einem ganz anderen Gebiete und betreffen die große gewaltige Herrscherin auf dem Verkehrsgebiete Berlins, die Große Berliner Pferdebahngesellschaft. Das Wort Pferdebahn wird im Zeichen der Elektricität wohl bald der Geschichte angehören, das Pferd wird 50 pCt. seiner Daseinsberechtigung verlieren, denn der Wunsch nach elektrischen Bahnen _ ist so stark wie der Strom, der für _ sie aufgebracht werden muß. Wir werden in Berlin seit Langem schon mit dem ewigen „hin und her" zwischen Magistrat und Pferdebahn regalirt. Die Frage der Umwandlung des gesummten Pferdebahnbetriebes in elektrischen ist ein Repertoirestück magistratlicher Komödien, die von Zeit zu Zeit zur Er- heiterung der Bevölkerung und zu größerer Emotion unserer Stadtväter aufgeführt werden. Die Pferdebahn-Verhandlungen haben nun einen ganz eigenartigen Charakter angenommen. Nachdem es für denMagistratkeineWeichemehrgab, auf welcher er den Wünschen der Bevölkerung nach elektrischen Bahnen ausbiegen konnte, ist er zur Stipulirung eines Vertrages geschritten und hat mit der „Allmächtigen", mit der Großen Berliner Pferdebahn, zu verhandeln angefangen. Du lieber Himmel, wie oft waren diese Verhandlungen aus dem Geleise geratheni Wie oft wurde angehalten, wie oft mußten die Mitglieder der Kommission und Subkommissionev
44. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be- gonue» werden.
(Nachdruck verboten.)
Fleischbeschau.
Bon Theodor Hundhause«.
E . „Fleischbeschau — ei» recht prosaisches Wort!" denkt Mancher und geht gelangweilt darüber hinweg, wenn in seiner Zeitung davon die Rede ist. „Fleischbeschau — eine segensreiche Einrichtung I" sagt aber der, der Wirken und Ziele der Fleischbeschau näher kennt. Er weiß, daß sie im Kampf gegen die Gefahren, die dem Menschen Seitens der Fleischnahrnug heimtückisch drohen, stets auf dem Poste» ist. Wenn der Mensch hungrig, oder, wie er in unserer hastenden Zeit oft der Fall ist, in Eile ist, oder wenn er sich zum fröhlichen Gastmahl setzt, dann hat er nicht Zeit und auch nicht Lust, darüber nachzudenken, ob Braten ober Wurst, die vor ihm stehen, frei von schädlichen Mikroorganismen und Giften sind, sondern er freut sich wie die Helden der Homerischen Gesänge des lecker bereiteten Mahles. Und daß er sich des Mahles ruhig freuen darf, dafür soll und will die Fleischbeschau sorgen, die das in de» Verkehr gelangende Fleisch prüft und alles schädliche zurückhält.
Schon früh begann man der Kontrolle de« Schlachtviehes besondere Sorgfalt zuzuweuden. Im orientalischen Alterthume übte man bereits Fleischbeschau, freilich noch mit Berücksichtigung religiöser Vorstellungen. Im alten Griechenland und in Rom spielten Fleischbeschauer auf den Marktplätzen und in den Fleischlichen eine Rolle. Das Mittelalter erließ bereits zur Zeit, als man die deutschen Gesetze noch mit lateinischen Worten ansdriickte, Ver- fugiuigeu über die Fleischbeschau, und was das Mittelalter tljat, das fetzte die Neuzeit fort. Doch erst die neueste Zeit kennt eine klare, systematisch und bewußt arbeitende Fleischbeschau, die eilt wichtiger Theil der VolkShygieine ist. _
Man würde indessen den Werth der Fleischbeschau unterschätzen, wollte man sie nur unter dem hygieinischen Gesichtspunkte betrachten. Sie ist auch in eminentem Sinne ein Werth erhaltender und Werth erhöhender Faktor für den Nationalwohlsland. Wenn sie verseuchte Thiere ermittelt und vernichtet, dann schirmt sie nicht nur die Gesundheit der Bevölkerung, sondern sie zerstört auch die thierischen, kraukheiterregenden Parasiten, deren Brut und das infektiöse Gift, also einen Herd, von dem aus Krankheiten und Verseuchung sich weiter verbreiten können. Zugleich aber weist sie durch Feststellung der Erkrankung eines Schlachtthieres auf dessen Heimlich, stiebt den Wink, daß dort die Verfeuchnug vorhanden ist, und ermöglicht so, ihr zeitiger entgegenzutreten und sie erfolgreicher bekämpfen zu können. Hierdurch wird die gründliche Fleischbeschau eine« der wirksamsten Mittel gegen eine fortschreitende Verseuchung des nationalen Viehbestandes. Ziffernmäßig läßt sich das Zuruck- dräugen gewisser Thierkrankheiten durch die Fleischbeschau uach- tueiftti, und cs bedarf kaum der Hervorhebung, daß dadurch der Werth de« Viehbestandes und die Rentabilität der Landwirthschast wesentlich gehoben werden. .
Ganz überraschend ist z. B. die Abnahme der finnigen Schweine auf den deutschen Schweinezüchtereien gegenüber den Verhältnissen in den rlissischen, gallizischen, nimäuischen und serbischen Ställen. Von der Verbreitung der Finnenkrankheit ist aber bis zu einem gewissen Grade die Zahl der Bandwurmleidenden abhängig, denn die Finne ist nur eine Vorstuse des Bandwurm«, gleichsam dessen Puppe, die im Fleisch der Schlachtlhiere lebt. Die mit den Exkrementen auf den Dünger ober ins Wasser gelangten Eier ber Baiibwürnier werden von bestimmten Thieren — Simgethiereu und Fischen — ausgenommen und entwickeln sich iud iesen, den sogen. Zwischeilwirtheu, zu Finnen. Diese durchbohren die Darmwandungen desThieres, m dem sie sich eingenistet haben, und bringen in sein Fleisch. Wirb nun biete» Fleisch von bestimmten anbereu Thieren ober Boni Menschen gen offen, so gelangen auch bie Finnen in ben Magen uub ben Darm bes Hauptwirthes uub entpuppen sich hier zn Baubwürniern. So innig ist ber Zusammenhang zwischen Fleischbeschau und Banb- wurmleiben, daß man die Zahl ber Baubwürmer wohl gerabezu als Grabmeffer für bie Qualität ber Fleischbeschau bezeichnet hat. So charakteristisch in biefer Hinsicht bie geographischeHauptverbreitnng de« Grubenkopsbandwurmes ist, dessen Finne in dem Fleische von Fischen, wie Hecht iinb Barsch, lebt, und der vor Allem die Bevölkerung der wasserreichen, viel Fischfleisch konsnmirenben Gegenden heimsucht, eben so interessant isi die llebernahme des gemeinen Bandwurmes
Attzelgen-PrelSr
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gesteckt: so hat vor einiger Zeit ein schwindsüchtiger Futterknecht, ber fein Lager im Kuhstall hatte, die Kühe im Stalle mit Tuberkeln infijirt. Fiir bie Bevölkerung werben tuberkulöse Kühe auch ba- bnrch gefährlich, baß sich in ber ungekochten Milch lebensfähige Tuberkeln, also Träger ber Schwinbsncht, befinben. Im Prospekte eine« Mävchenpensionates war als befoubere Empfehlung hervorgehoben, baß bie Zöglinge Gelegenheit hätten, frische Kuhmilch zu trinken. Plötzlich erkrankten rasch hintereinander zwölf junge Mädchen an Tuberkulose, von denen fünf starben. Man forschte nach, und sand, daß die Kühe, bereu Milch das Pensionat erhielt, tuberkulös waren, ohne daß man es wußte. E« kann deshalb nicht genug vor dem Genüsse frischer warmer und ungekochter kalter Milch gewarnt werden, wenn nicht bas llrsprnngsthier genau untersucht ist. Indem die Fleischbeschau auf bie Erfüllung biefer Forderung bringt, wird fie zu einer werthvollen Helferin im Kampfe gegen die Schwindsucht.
Große Verdienste leistet sie auch in ber Fernhaltiing bes vom Laien zienilich ungenau als „verborben" bezeichneten Fleische«. Richtiger ist es, hier von „vergiftetem" Fleische zn rebeu, beim ba« Fleisch birgt thatsächlich Gifte, bie beim Genuß bem Menschen verberblich werden. Diese Fleischgifte sind umso gefährlicher, weil ba« Fleisch ihre Anwesenheit nicht vermutheu läßt, uttb weil sie durch Kochen mir ungenügend ober auch garnicht vernichtet werben.
Lagert Fleisch m schlecht oentilirten warmen Räumen längere Zeit, so werben au« seinen Bestandtheilen durch die Einwirkung von Bakterien fanleube Stoffe, sogenannte Ptomai'ne gebildet, die al« Stoffwechselprodukte der Bakterien aufzufassen sind, und die kein Kochen zerstört. Mit der Nahrung aufgenommen, rufen sie akute Vergiftuiigserscheinungeii hervor, die den Symptomendes Unterleibstyphus ungemein gleichen, sodaß man wohl von typhöser Fleilch- veigiftiing oder von Fleischlyphns redet. Aehnliche Wirkungen hat der Genuß bes Fleisches von Thieren, bie au Septichämie, Blutfäule ober an Pyämie, Blntvereiternng, zu Grunbe gegangen finb ober Wegen biefer Leiben nothgefchlachtet" würben. Beibes finb bakterielle Krankheitsgruppen, bie man früher unter bem Namen Blutvergiftung zufanimeugefaßt, später nach ihren Hanptsymptomen getrennt hat Die Septichämie, deren Erreger vom Vieh mit bem Futter ober bnrch Wunben ausgenommen wirb, ist eine ber gefährlichsten Erkrankungen ber Hausthierechie meist!» wenigen Tagen unter allgemeinem Körperverfall zum Tode führten. Bei ber Pyämie gerathen die Stoff« wechsel-Probnkte ber eitererregenbeu Kokken in bas Blut unb erzeugen eine Generalisir inig ber Vereiterung. Anscheinend eine lokale Erkrankung mit Körperabinagerung, wie bei eitrigen Nabeleutzünbnngen der Kälber oder putriden Eutzündnngen innerer Organe der Stube, ist die Pyänie thatsächlich eine schwere Erkrankung des Gesammt- organiSmnS, bie alle Fleischtheile gesundheitsschädlich macht, jit diesem fcheinbar örtlichen Charakter de« Leiden« liegt die Gesahr feine« Verkennen« ober Unterschätzen« bnrch den Laien, und viele ber Masseuerkraukungen an „verdorbenem Fleisch" sinb auf Schlacht- thiere zuruckznführen, deren pyämischer Zustand bei fehlender ober ans Lästigkeit umgangener Fleischbeschau erkannt würbe.
Mit diesen erwähnten Erkrankungen sind jedoch di« Falle nicht abgeschlossen, in denen die Fleischbeschau ihre Hüterrolle zu jpielen hat. Sie wird vielmehr umso mehr sehen und umso besser uns schützen, je besser unb umfaffenber sie organiftrt ist. Sie hat sich nicht auf bie Untersuchung eines beliebigen Fleischstiickchens des Schlachtthieres zu beschränkeii, fonbern sie soll sich ein Urtheil vom Schlachtvieh schon bei seinen Lebzeiten vor bem Schlachten bilden und die Untersuchungen am tobten Thiere bann beginnen, wenn ber Zusammenhang zwischen Eingeweide» unb Fleischtheileu noch vorhanben ist. Nur so kann bie Fleischbeschau ein sicheres Urtheil fällen, ob bas Fleisch „banffrei", b. h. gefunb ist, ober ob e« al« „minberwerthig", wie ba« Fleisch zu junger ober uothgeschlachteter ober eigenthiimlich riechenber Thiere auf bie „Freibank" gehört, ober ob es endlich al« gesundheitsschädlich vernichtet werden muß.
Zur vollen Entfaltung ihrer segenrreichen Wirksamkeit gelangt aber dii Fleischbeschau erst, wenn sie obligatorisch und allgemein ist, und wenn kein Schlachtvieh mehr in den Privatgebranch ober Hanbel übergehen kann, ohne baß sie ihr Urtheil abgegeben hat. Dazu ober ist bie allgemeine Schaffung öffentlicher obligatorischer Schlachthäuser erforberlid), weil sich nur durch sie und in ihnen die nöthige Kontrolle ausüben läßt, der die Privatschlachtereien sich zu entziehen wiffen. Aus diesem Grunde ist die von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl ber öffentlichen Schlachthäuser bereu lebe« einen festen Punkt in ber KauipseSstelle ber Fleischbeschau gleicht, mit Freuden zu begrüßen, ganz abgesehen davon, daß bie Reinlichkeit ber Orte bnrch Beseitigung ber kleinen Schlachtstuben mit ihrem unvermeidlichen Schmutze wesentlich gehoben wird.
(Taenia solium) gegenüber ber bis noch vor Knrzein stattfinbenben Znnahine des schwarzen Vanbwnrines (Taenia saginata). Der Grund für diese Erscheinung ist einfach der, daß die Fleischbeschau die im Schweine lebende Finne des gemeinen Baiidivnrms schon längst kannte unb verfolgte, während die des schwarzen Bandwurms, die im Rinde schmarotzt, bi« vor wenigen Jahre» übersehen war und sich so ungehindert verbreiten konnte, zumal in Gegenden, wo man bem Genuß von rohem Fleisch in ausgedehntem Maße huldigt.
Merklich ist da« Vordringen der Fleischbeschau gegen bie Finnenerkraukniigen ber Menschen, beim bie Fiuueu können auch als solche dem Menschen gefährlid) werben. Die Finne bes gemeinen BanbwurmS, bie anch im Fleische ber Hnnbe, ber Katzen unb ber Rehe gebeiljen kann, bringt birett in bas Gewebe beS Gehirns und des Auges unb erzeugt hier bie Finnen- ober Cystereenkraukheit, bie sich im Verhältuiß ber anhaltenden Thätigkeit ber Fleischbeschau vermindert hat. Die Finne des Bandwurms der Hunde (TaeniaSechinocuccus) lebt unter dem Name» Echinokokkus außer i» Wiederkäuern und Schweinen auch im Menschen, besonders in den Eiugeweiden und der Leber, ohne jebod) irgend ein Körperorgan zu verschonen. Vom Hunde über die ganze Erde verschleppt, hat die Echinokokkenkrankheit, bereit schwere Fälle auch mit bem Tobe endigen können, theilweise einen großen Tdeil der Bevölkerung ergriffen, uub zwar bort den größten, wo man ihrer Verbreitung bie wenigsten Hinbernisfe in ben Weg legt. So leibet z. B. in Island, dessen Bevölkerung zu einem Sechstel daran erkrankt ist, schon von je 61, in Mecklenburg aber erst von je 71,600 Personen eine an der Echinokokkenkrankheit. In rohem Zustand ist finniges Fleisch immer schädlich, dagegen wird schwadstinniges Fleisch burd) gründliches Kochen genießbar uub unschädlich, wenn es and) ininder- werthig bleibt. Bei eiugesührter Fleischbeschau wird solches Fleisd) gekocht unb dann erst bem Verkehr übergeben. Dadurch wird die Fiunenbrut vernichtet, unb zugleid) ber Bevölkerung ein billige«, genießbares Fleisch erhalten. Warnenb aber erhebt bie Fleischbeschau bie Stimme gegen ben Genuß von rohem, nicht geniigeub nuter- suchteni Fleisch.
All da« Gesagte gilt in noch höherem Grabe von ber Bekämpfung ber Trichinen bnrch bie Fleischbeschau. Die Zurückbrängung unb theijweise SBieberoertreibung dieses durch chinesische Schweine Anfangs ber zwanziger Jahre eingefchleppten, aber in seiner Gefährlichkeit weit später erkannten Parasiten bilbet ein Ruhmesblatt in der Geschichte ber Fleischbeschau. Ihrem eifrigen Fahnde» nach trichinösem Fleisd) und ihrem beharrlichen Warnen vor dem Genuß von rohem, nicht unterfuchlem Schweinefleisd; ober ungeprüftem Schinken ist die bebeutenbe Abnahme ber Trichinenepibemie«» zu banken. Leider ist bie Fleischbeschau noch nicht im ganzen Lande obligatorisch für alle« Schlachtvieh eingeführt, sodaß ihr Wirken nod) ein stückweises ist, unb sie ben Kampf gegen bie Verseuchung beS Viehbestanbes burd) infektiöse Stoffe noch nicht auf ber ganzen Linie aufnehmen kann. Die« ist umso mehr zu beb au ein, als diese Seuche» wie Milzbrand, Rauschdrand, Maul- und SHauenfendie u. A. den Viehbestand sehr gefährden und da« Fleisch der davon befallenen Thiere für NahriingSzwecke unbrauchbar machen und zum Theil wie Tuberkulose, Rotz- und Strahlpilzerkiankung außerdem nod) direkt aus ben Menschen übertragbar finb unb seine Gesnnbheit bebrohen.
Unter biefen infektiösen Krankheiten nimmt, was Ausdehnung anbelangt, die Tuberkulose ben ersten Rang ein. Sie ist, wie unter ben Menschen, so auch unter einigen unserer wichtigen Zuchtchier- arten eine endemische Krankheit, bie viel Schabe» anrichtet. Wenn man auf Grunb von Schlachthosberichte» 4 pCt. ber norbbeutschen Schweine al« tuberkulös annehme» bars, so ist bie« Verhältuiß noch gering gegen bas in ber Riuberwelt, von ber mau in Deutfchlaub wohl bei jedem vierten Thiere, Kälber ausgeschlossen, Tuberkeln ver- muthet, wenigstens erwiesen sich auf den Schlachthöseu von Schwerin, Kiel und Leipzig im Jahre 1893 nicht weniger als 26,60 pCt., 18,75 PCt. und 28,14 pCt. aller geschlachtete» Rinder als daran erkrankt. Hier liegt gewiß noch ei» weites Arbeitsfeld vor der Fleischbeschau, zumal 'die Zahl der auf ben Schlachthöseu als tuberkulös erkannten Rinber zum Theil im Wachsen ist. Die Tuberkulose ist eine burd) bie Stallviehzucht sich verschleppende Seuche, lliibefaunt unter de» ans ben amerikanischen unb russischen Steppen und Prärien weidenben Rinberherden, ist fie auch verliültuiß- mäßig gering unter ben Kälbern, bagegen wächst in unserer Viehzucht der Prozentsatz ber tnbeifelfraufen Thiere mit bem Alter ber Jahrgänge, d. h. bie Rinber erwerben sich, so gut wie bie Menschen, bas Leiden im Laufe ber Zeit uub tragen es weiter auf Thier unb Mensch. Uebrigeus werben umgekehrt auch bie Rinder von Menschen an-
<* ***.»# >au HMaleut« für bie Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für die Morgen - Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für bie Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur •6>IiUUIJUiE nächsterscheinenden Ausgabe wird keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
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Aus der Reichshauplstadt.
Von A. SilviuS.
Derr Abraham. — Wie schön leuchtet Lina Morgenstern. — Abrüstung. — Pferdebahn und elektrische Bahn. — Das schwindende Trinkgeld.
Es sind selten in Berlin so viele und im Grunde ge- noutnien auch so gute Scherze aus eine Person gemacht worden, als auf Herrn Abraham, den Leiter der Volksernährung auf der Berliner Gewerbe-Ausstellung. Man nannte ihn den Volksernährer, man sagte, bei ihm fühle man sich wie in Abrahams Schooß und Abends singe man bei ihm das schöne Lied: „Wie schön leuchtet Lina Morgenstern", womit man die Konkurrenz der Volks- ernährung gegen die Lina Morgensternschen Volksküchen anbeuten wollte. Schon in den ersten Tagen der Ausstellnngs- Eröffnung—man denke, wie weit dies heute znrückliegt— wurden nichtzömierische Nörgler laut, welche den kleinen arbeitSsamen Herrn Abraham der Mihwirthschaft beschuldigten, es sei bei ihm unsauber, kurz und gut, in seinen Zehnpfennigporttonen hätte man ein Haar gefunden. Und als dann am 20. Mai das Unheil einer Fleischbeschlagnahme hereinbrach, riefen seine Feinde: „Da haben wir den Salat." Gewisse Kreise, welche der alttestamentarische Name bei der Sache störte, waren davon fest überzeugt, daß Abraham absichtlich krankes Fleisch billig kaufe. Seit dieser Zeit ist Herr Abraham durch alle Posseuwitze und Couplets gepeitscht worden, und wenn man für Jemanden eine Strafe ersann, so meinte man: .Ich lasse ihn acht Tage in der Volksernährung essen." Trotz
