VieMkM öagulaft
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ß.
1896
Freitag» den 9. Getobrr.
Uo. 474
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
welche aus natürlichen Gründen
Dr. jur. P.
feit ist.
sich immer weiter von dem heiß ersehnten Ziele vollkommenen Glückes entfernt. Solche Ideen stießen bei Zola
Widerstand. Er, der rastlose Arbeiter, Leben hindurch nicht eine Minute un- und bereits mit Genugthuung auf die Niescnwerkcs zurückblickt, legte in seiner
auf lebhaftesten der sein ganzes beschäftigt blieb Vollendung eines
Während z. B. das Baugewerbe im Sommer mit 1442 Arbeitslosen den 13. Theil der Gesammtzahl der Arbeitslosen anfwies, stellte es im Winter mit 12,878 Personen mehr als den 4. Theil aller Arbeitslosen. Bei der Land- und Forstwirthschaft war die Zahl der Arbeitslosen am 2. Dezember um mehr als das Vierfache größer, als am 14. Juni. Aehnlich verhält es sich bei dem Berufszweige: Häusliche Dienste und wechselnde Lohnarbeit. Diese Verhältnisse rechtfertigen vollständig das Bedauern, daß bei der Zählung vom 2. Dezember nicht die Ermittlung etwaiger nebenberuflicher Beschäftigung wie bei der Sommerzählung bewerkstelligt worden ist. Man geht nicht zu weit, wenn man den Zahlen, wie sie jetzt für die Winterzählung vorliegen, so ziemlich jeden Werth für die Beurtheilung der Arbeitslosenfrage abspricht und ihnen höchstens einen relativen Werth für die Ermittlung der Verschiebung der Arbeitsgelegenheit innerhalb der einzelnen Berufszweige im Sommer und im Winter zuerkennt. Welchen Einfluß die Streiks auf die Zahl der Arbeitslosen anszuübcn vermögen, zeigt der Unterschied zwischen der Sommer- und der Winterzählung bei dem nicht allzu zahlreich vertretenen Gewerbe der Metallschläger. Während im Sommer unter der Wirkung eines in Fürth ausgebrochenen Streiks die Metallschläger 257 Arbeitslose zählten, stellte sich die Zahl der Letzteren im Winter nach dem Aufhören jenes Streiks nur auf 67. Von Interesse ist auch die von dem bayrischen statistischen Büreau festgestellle Thatsache, daß die ermittelten Zahlen der Arbeitslosen namentlich in den Städten viel zu hoch sind. Wenn man erfährt, daß z. B. eine gewissenhafte Nachprüfung der Selbstdeklarationen in den Volkszählungslisten für Stuttgart ergab, daßdie Zahl der Arbeitslosen nm 31,37 pCt. zu hoch angegeben war, so wird man den Werth der für den Winter ermittelten Zahlen erst recht als einen problematischen betrachten müssen. Dem Anschein nach haben die tendenziösen Aufforderungen der sozialdemokratischen Presse, den auf die Arbeitslosigkeit bezüglichen Spalten der Listen „besondere Aufmerksamkeit" zu widmen, ihre Wirkung nicht verfehlt.
denkwürdigen Rede der Jugend die unermüdliche Arbeit ans Herz. Jetzt erkennt er an, daß an der Wende dieses Jahrhunderts, so reich an fieberhafter, kolossaler Arbeit, deren Ehrgeiz dahin strebte, Alles zu erkennen und Alles zu verkünden, eine bittere.Enttäuschung eintreten mußte.
Man hatte 20, ja 50 Jahre gewartet, aber die Lösung der höchsten Fragen kam nicht, und Glück und Gerechtigkeit suchte man noch immer vergebens. Die Wissenschaft hielt nicht, was sie versprochen. Sie schenkte nur solche Wahrheiten, mit denen es sehr gewagt erscheint, das Glück der Menschheit dereinst zu begründen. Würde sie sich mit ihnen einmal zufrieden geben, so bedürfte sie viel absolute Selbstverleugnung, viel stoischen Heroismus, ober die erhabene Heiterkeit einer befriedigten Intelligenz, wie sie nur Elitegeistern eigen ist. Wer aber stillt den Verzweiflungsschrei der leidenden Menschheit? Wie soll sie ohne tröstliche Illusionen weiter leben? Die Natur ist ungerecht, ja grausam. Die Wissenschaft gelangt immer mehr dahin, nur das Recht des Stärkeren anzuerkennen. Deshalb ertönt heute inmitten ihres gewaltig fortschreitenden Ganges der hemmende Ruf: Genug mit mit der Wahrheit! O möge man uns zum harmlosen Schlaf der Unwissenheit zurückführen! Besser ist es, sich die reine Einfalt, das unschuldige Glück des Kindes zu bewahren! Gebt uns die Chimäre! Wir finden erst Frieden und Ruhe, wenn wir uns erträumen, was nicht ist, und uns ins Unbekannte verlieren! Diese ganze Richtung macht sich nicht nur
Begnadigungsrecht.
In jüngster Zeit hat die wiederholte und fast mit dem Anschein einer gewissen Regelmäßigkeit wiederkehrende Begnadigung von Schlitzleuten unliebsames Aufsehen erregt und in der Presse fast aller Parteirichtungen zu scharfen Auslassungen Anlaß gegeben. Blätter, wie die „Kölnische Zeitung", die der bayrischen Regierung nahestehende Münchener „Allgemeine Zeitung", die auf freikouservalivem Standpunkt stehenden „Berliner Neuesten Nachrichten" und bet streng-konservative „Reichsbote" haben ihrer Mißstimmung über jene Begnadigungsakte rückhaltsios Ausdruck gegeben und energisch eine Abstellung dieser Mißstände gefordert. Es ist auch bereits verkündet worden, daß jene Vorfälle im Reichstag und auch in einzelnen Landtagen zur Sprache gelangen werden, sodaß die Erörterung über das Begnadigungsrecht nicht so bald zur Ruhe kommen dürfte.
'In der That sind die wiederholt erfolgten Begnadigungen von Schutzleuten, die sich schwere lleberschreitungen ihrer dienstlichen Befugnisse zu Schulden hatten kommen lassen, wohl geeignet, die öffentliche Meinung zu beunruhigen. Der Beamte genieße einen höheren Rechtsschutz als jeder andere Staatsbürger. In dem Beamten soll die Staatsgewalt respektirt werden; wer sich gegen sie vergeht, macht sich des Verbrechens gegen die Staatsgewalt schuldig. Genießt aber der Beamte eine Ausnahmestellung, so ist es auch billig, daß er sich seiner höheren Verantwortlichkeit bewußt sei, und wenn er dies nicht ist, daran gemahnt werde. Nichts wirkt schädlicher und verwirrender als Verletzungen des Rechts durch diejenigen, welche berufen sind, es zu schützen. Nicht jede dieser Rechtsverletzungen findet die entsprechende Sühne. Wird nun noch in manchen Fällen, in denen man nach mildernden Umständen vergeblich sucht, die Sühne durch die Begnadigung ailfgehoben, so kann hierdurch dem öffentlichen Nechtsbewußtsein leicht schwerer Schade zugefügt werden.
Die erwähnten Preßerörterungen von Blättern, denen Niemand den Vorwurf der Ncgierungsunfreundlichkeit machen wird, zeigen evident, welche Wandlung in den Anschauuilgen über das Begnadigungsrecht ein getreten ist. Was früher eine weit verbreitete Anschauung war, daß nämlich das Begnadigungsrecht ein ausschließliches Recht der Krone sei, das der Minister durch seine Unterzeichnung nur beglaubige, bei dem er aber keinerlei Verantwortung trage, jene Anschauung einer früheren Rechtsauffassung wird heute vorwiegend nur noch von der offiziösen Presse verfochten. Und m der That widerspricht sie dem konstitutionellen Regierungs- shstem, denn sie setzt Regierungsakte fest, für die eine Ver- rntwortlichkeit überhaupt nicht vorhanden ist.
Artikel 49 der preußischen Verfassung giebt dem König das Recht der Begnadigung und Strafmilderung. Nach Artikel 44 muß der Gnadenerlaß, um gültig zu sein, die Gegenzeichnung eines Ministers tragen, der dadurch die Verantwortlichkeit übernimmt. Der Träger der Krone selbst ist unverletzlich und hat Niemandem gegenüber sich zu ver
Volitische Tages-Unndschan.
— Zur Konvertirungsfrage. Wenn man die Verhältnisse des Geldmarktes unb das Vorgehen von Bayern und der Kommunalverbäude ins Auge faßt, so wird es nicht angängig erscheinen, daß Preußen und das Reich mit der Konvertirung seiner Anleihen noch länger zurückhalten. Die dafür sprechenden Umstände sind auch bei uns schon so vielfach erörtert worden, daß wir darauf verzichten können, sie nochmals zu wiederholen. Aber auch die Gegengründe müssen unsere Beachtung finden. Sie bewegen sich hauptsächlich auf dem Gebiets daß durch die Herabsetzung des Zinsfußes die Wittwen- und Waisenversorgung, Stiftungen aller Art, Einnahmen aus Kautionen re. wesentliche Verringerung erleiden würden. Wenn wirdiesen Einwand als berechtigt nicht zurückweiscn können, so glauben wir doch, daß diese Einbußen in ihrer Summirung keinen so hohen Betrag ergeben, um nicht aus den Ersparnissen der Konvertirung selbst Deckung finden zu können. Wir meinen, von den großen ersparten Summen dürfte ein Brnchtheil genügen, um allen berechtigten Klagen Abhülfe zu schaffen. Der Weg — Prüfung der Wünsche oder Ansprüche durch die Ministcrial- instanz — dürfte nicht unschwer zur Verwendung dieser Summe in bezeichnetem Sinn zu finden sein.
antworten. Die Verantwortlichkeit fällt mithin dem Minister — in diesem Falle dem Justizminister — zu, der den Be- gnadignngsakt nicht nur gegengezeichnet, sondern, wie das ganz selbstverständlich ist, auch vorbereitet und zur Genehmigung vorgelegt hat.
Das Begnadigungsrecht ist das schönste Recht des Herrschers. Aber dieses Recht ist doch auch zugleich der Ausfluß des Staatswilleus, dessen Kundgebung das Staatsoberhaupt vollzieht. Wie jeder andere Staatsakt unterliegt auch dieser im Vcrfassnngsstaate der öffentlichen Kritik. Es ist die verfehlteste Taktik, wenn die offiziöse Presse, um den verantwortlichen Minister zu entlasten, jeden Begnadigungsakt als einen persönlichen WillenSakt des Herrschers ausgiebt und so dessen Person in die öffentliche Erörterung hiueinzieht.
Die Erörterung über das Begnadigungsrecht wird auf ein vollkommen falsches Gebiet hinübergespielt, wenn offiziöse Zeitungsschreiber für die Erhaltung dieses Rechtes eine, Lanze entlegen, denn nirgends, so weit wir sehen, ist von einer Abschaffung jenes Rechtes auch nur mit einem Worte die Rede gewesen. Die Begnadigung ist ein Eingriff in die Rechtspflege, der aus höheren Gründen zu billigen ist. Wo der Richter einem menschlichen Jrrthmn unterworfen war, wo das formelle Recht, bas psychologische Momente nicht immer berücksichtigen kann, hart und grausam erscheint, da soll die Gnade das Recht ergänzen, damit sich das Wort erfülle, daß irdische Macht der göttllchcn am nächsten kommt, wo Gnade bei dem Recht steht. Nicht gegen dieses schöne Recht der Gnade wenden sich unsere Worte, sondern gegen die Fehler derjenigen, welche mit der Vorbereitung der Gnadenakte betraut sind. Denn nur bann vermag bie Gnabe das Recht zu ergänzen, wenn ihre Grundlage die Gcrechtig-
herbeigeführt wird, im Winter ganz oder doch größtentheils ruhen
— Zur Arbeitslosenstatistik. Das Königlich bayrische statistische Büreau ist bei der Veröffentlichung der Ergebnisse der Berufs- und Gewerbezählung vom 14. Juni und der Volkszählung vom 2. Dezember v. I., soweit sie sich auf die Arbeitslosen beziehen, etwas vorsichtiger zu Werke gegangen, wie die entsprechende preußische Behörde. Sie hat sich nicht auf einige allgemeine Bemerkungen über die Unterschiede betreffs der Zahl der Arbeitslosen bei der Sommer- und der Winterzählung beschränkt, sondern — wie es unerläßlich ist, wenn man die Arbeitslosigkeit im sozialpolitischen Sinne be» urtheilrn will — durch bie Mittheilung ber für bie einzelnen Berufsarten ermittelten Zahlen und die Angabe der Gründe der Arbeitslosigkeit einen genaueren Nachweis der Einflüsse ermöglicht, welche bei dem Mehr ober Weniger ber Arbeitslosenzahl in Betracht kommen. Dabei zeigt sich, daß die Zunahme der Zahl ber Arbeitslosen im Winter in erster Linie durch die Angehörigen jener Berufe
Etudiants“ seine äußerst charakteristische Rede: An die Jugend. Bald darauf, nm 1. Juni 1893, schrieb Alexander Dumas an den Direktor des „Ganlois" einen sehr ernstgemeinten, gedankenliefcn Brief, veröffentlicht unter dem Titel: „Le my sticisme ä l’ecole“. Der Redakteur einer Pariser Zeitschrift, welcher mit Recht vermnthete, daß so bestimmte Meinungsäußerungen zweier berühmter Männer über das, was augenblicklich die Geister beschäftigte, dem russischen Denker von großer Wichtigkeit sein müßten, sandte ihm jene beiden Dokumente. Tolstoi widmete ihnen sofort eine eingehendeBetrachtung. „Diese beiden Schriftstücke," sagt er, „bieten, theils durch die Berühmtheit ihres Verfassers, theils durch die Wichtigkeit unb bie Gegensätze ber darin enthaltenen Gedanken, das höchste Interesse. Es wird schwer halten, in der modernen Litteratur in knapperer, machtvollerer und leuchtenderer Form den Ausdruck der beiden Grundmächte zu finden, aus denen sich die Diagonale des Vorwärts- schreitens der Menschheit bildet. Die eine die passive Kraft der Routine, welche bestrebt ist, die Menschheit auf dem Wege, den sie sich gewählt hat, aufrecht zu erhalten, bie anbere die thätige Kraft der Vernunft unb Siebe, welche sie dem Licht entgegenführt."
Heiß entbrannte vor einigen Jahre» in Frankreich ber Kampf zwischen Religion unb Wissenschaft. Der unglücklich gewählte Ausdruck „la banqneronte de la Science“, den der Akademiker Ferdinand Brünettere in einem Artikel der „Revue des deux Mondes“ gebraucht hatte*) und der einen wahren Sturm entfesselte, war nur der Gipfelpunkt einer antigeistigen Strömung, die sich langsam vorbereitet hatte. Sie wollte der Menschheit wieder Naivität und Unwissenheit als einzigen Weg zu Frieden und Gleichseitigkeit hinstellen, denn seit sie Kenntnisse über Kenntnisse aufhäuft, Hai sie
*) 1. Januar 1895,
(Nachdruck verboten.)
Zola and Tolstoi.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".) I;" Seit Kurzem liegt in allen Buchhandlungen von Paris tin schlichter Band aus, der auf seinem Titelblatt die Namen: Tolstoi, Zola, Dumas und Guy de Maupassant bereinigt. Selbstverständlich wird das Verlangen erregt, den Inhalt des Buches näher kennen zu lernen — und wir haben in der That eine höchst beachteuswerthe litterarische Erscheinung vor uns, in die man sich mit fast philosophischem Interesse vertiefen wird. Es enthält nichts Geringeres, als das Glaubensbekenntniß von zweien ber meist genannten Franzosen, und das des greifen Dumas war sein end- SÜltiges. Ferner giebt es die Verurtheilung respektive ^illiguug dieser wichtigen Dokumente durch den eigenartigsten Denker Rußlands und bietet schließlich noch einige äußerst ggNfelnbe Betrachtungen desselben über den genialen, so un- DMücklich zu Grunde gegangenen Guy de Maupassant. M Den Hauptanziehungspunkt bildet die Gegenüberstellung
Zola unb Tolstoi. Man kann sich keinen größeren
“mitraft denken, als den Verkünder des Naturalismus, ber anS Positive hält — wenn er auch bei feiner gewaltigen x Whamasie und Darstellungsgabe oft zum Dichter des Häß-
^cheu wird und über das sich gesteckte Ziel unerbittlicher Wahrheit hinausschießt — und den nur von Idealen ausgehenden Tolstoi. Ferner tritt ber Apostel und Neo-Christ auf gegen den Anti-Mystiker, dessen Bücher, noch ehe sie M gedruckt, für den Index prädestinirt sind. Wie ist dieser so
^genartige Band, den Halperine Kaminsky aus dem Russischen übersetzte, entstanden?
Sm Monat Mai des Jahres 1893 hielt Emile Zola bei Gelegenheit des Banketts der „Association generale des
für die Abend-Ausgabe bis 11 Uhr Vormittags, für bie Morgen-Ausgabe bis 3 Uhr Nachmittags. — Für bie Aufnahme später eingereichter Anzeigen zur nächsterscheinenben Ausgabe wirb keine Gewähr übernommen, jedoch nach Möglichkeit Sorge getragen.
*4. Jahrgang.
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