44. Jahrgang.
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N-. 488.
Bczirks-Feriisprecher No. 52.
Dienstag, den 6. Gelob er.
Abend-Ausgabe.
es Rußland, ein erheblich schwereres Gewicht in die Wag- schale der europäischen Politik zu werfen, als ehedem.
(Nachdruck verboten.)
Auf fum Keben!
Au» dem Spanischen des Luis Bonafoux.
Schweigend weinten sie lange: kalte Thränen, die über Was pergamentartige Antlitz der Alten rollten, wie Regentropfen ich« die steinigen Furchen eines ausgctrockneten Flusses.
An der Station angelangt, sagte* ich zum Kutscher: ■Bringen Sie mich zur Morgue.
|. Und da die Kutscher in Paris keine Gespräche führen, leine Bemerkungen machen und sich über nichts wnndern, uahm er allsogleich seine Peitsche und fuhr mich in raschem Duge durch Bäume mit üppigem Gezweig, auf denen Mrernd der Thau des Sommers erglänzte. Die Morgue «9 da, so friedlich, mit ihrem tobten Herzen im Mittcl- punkt eines lebenden Organismus, als ob nicht Jahre und ^Weichen durch ihren Borsaal gingen, der in der vergoldeten «Werfläche von Paris das ist, was ein Mal auf der Wange Z einer schönen Frau.
Unb die bereitwillig bargebotenen französischen Milliarben haben es Rußlanb gestattet, seine Finanzen in beispiellos schneller Zeit in Orbnung unb in eine günstige Lage zu bringen. 5 Es ist viel, itnb nicht mit Unrecht, über die Unnatürlichkeit des Bündnisses zwischen dem despotischen Uzaren und der freien französischen Republik gespottet worden. Aber andererseits ist nicht zu verkennen, daß die Politik der Interessen noch weit unnatürlichere Bündnisse zu Stande gebracht hat. Die Spott herausfordernde Thorheit des französischen Volkes liegt aber darin, daß es dies politische Bündniß mit Gewalt zu einer Völkerverbrüderung ver-
Der Czar in Frankreich.
Der Czar ist auf französischem Boden eingetroffen, und aus den Herzen sämmtlicher Franzosen, der Männlein und Weiblein, wie der Kindlein, schlägt ihm eine Begeisterung entgegen, die nur zu schnell bereit ist, den Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen zu machen. Wer diesen Freudentaumel beobachtet, könnte zu der Anschauung kommen, daß die Prophezeiung Napoleons, am Ende des Jahrhunderts werde die Welt republikanisch ober kosakisch sein, ihren ©hin verloren hat, beim in Frankreich ist tout le monde republikanisch und kosakisch zu gleicher Zeit. Frankreich spielt zur Zeit die Nolle der schmachtenden, mitgiftreichcu Schönen, die vollbereit ist, ohne Verzug in die Ehe zu treten. Der russische Bräutigam ist weniger heirathstoll, aber er verschmäht es nicht, sich ä conto-Zahlungen der reichen Mitgift geben zu lassen, während er den Termin der Hochzeit mit Fleiß und Energie hinauszuschieben sucht.
Wären die Franzosen zur Zeit überhaupt ernsthaftem Nachdenken zugänglich, so würden sie vielleicht merken, daß sie sich in der Rolle der schmachtenden Jungfrau gegenüber dem eiskalten russischen Liebhaber nicht gerade sonderlich vortheilhaft ausnehmen. Sie würden vielleicht einsehcn, daß sie in dem franko-russischen Duett nur die zweite Geige fpielen, unb baß ber Ton biefer Geige nur schwach gehört wirb in dem großen europäischen Völkerkonzert.
Wer genauer hinsieht, kann auch nicht verkennen, baß die Kosten bes Zweibuudes Frankreich zufallen, bie Vortheile desselben aber Rußland. Die politische Sicherheit Frankreichs ist mit dem Zmeibund dieselbe wie ohne ihn, denn weder Deutschland noch irgend ein anderes Land hat sich jemals mit der Absicht getragen, noch wird es dies je thun, "gegen Frankreich einen Angriffskrieg zu führen. Nichts ist aber eitler als die Hoffnung, der Czar könnte russische Regimenter nach Deutschland marschiren lassen, um den Franzosen das
.... Sie mußte sehr lieblich gewesen sein. Ihre eöffneten Augen hatten noch in der Verglastheit des ödes ihre ursprüngliche Farbe: den Azur des mittel» Zischen Meeres in seiner Ruhe. Es lag etwas Heiliges jenem blassen Antlitz, das ohne Zorn vom Leben ge- n war, mit der Resignation einer schweigenden, nben Märtvreriu. Von dem Wasserstrahl, der auf bas
E verlorene Elsaß wieder zu erobern. So gering die Vortheile bes Zweibunbes für Frankreich sinb, so groß sind sie für Rußlanb. Die Liebeswerbungen Frankreichs gestatten
— Ach, Sennor l Wenn Sie sie gesehen k hätten!...... Wenn Sie unsere arme Alice gekannt
_=5' haben würben! Einen Preis erhielt sie für ihre ' Tugend unb einen anderen für ihre Schönheit......
k Noch immer glauben wir sie vor uns zu sehen, im Dorfe, hinter den frischen Weinranken, deren grüne Blätter ihr Wüster umrahmten Gesund und tugendhaft schickten wir sie nach Paris, und verdorben und gestorben giebt die Seine sie uns zurück
dichten will. Zu dieser Verbrüderung fehlen jegliche Vor- aussetznngeu. Das französische Volk hat in seinem Denken, Fühlen und Handeln nichts gemein mit dem russischen Volke; ihr Wesen, ihre Charaktereigenschaften, ihr Glaube und ihre Lebensgewohnhciten, ihre Sitten und Gebräuche sind andere und einander fremd. Die übercivilisirte Kultur Frankreichs trennt eine unübeibrficfbare Kluft von der halb- asiatischen Barbarei Rußlands, die nur in den großen Städten sich mit einem Kulturfirnis überdeckt hat. Wie alle Lebens- fornien, so weisen auch die des staatlichen Lebens bei beiden Völkern die denkbar größte Verschiedenheit auf. Das russische Volk ist beharrend und konservativ bis auf die Knochen; in Frankreich ist Alles beweglich und wandelbar, veränderungssüchtig und umstürzlerisch, und Beharrung zeigt sich nur im Wechsel. Auch der Chauvinismus, ber nahezu jebeit Franzosen beseelt unb dem gallischen Temperament entspricht, ist der Masse bes Volkes in Rußland vollkommen fremd und nur in den regierenden Kreisen zu finden.
Vielleicht wirb sich bie Erkenntniß von ber Unnatürlichkeit bes franko-russischen Bündnisses und seiner geringen praktischen Vortheile für die französische Nation mit ber Zeit hier Bahn brechen. Haben sich boch die Anzeichen dieser beginnenden Erkenntniß in letzter Zeit in auffälliger Weise gehäuft. Doch das ist eine Privat-Angelegenheit der Franzosen. Uns intercssirt nur die Thatsache, daß das franko-rnssische Bündniß nicht nur nach der von dem Czarcn unserem Kaiser gegebenen Versicherung ein eminent friedliches ist, sondern daß auch die zwingende Logik der Ereignisse es dazu macht. Diese Einsicht ist auch in Frankreich vorhanden. Ein Volk, das sich mit den Vorbereitungen zu einem Friedensseste, zur Welt-Ausstellung im Jahre 1900, beschäftigt, ist nicht gestimmt, auf den Ton der Kriegs- drommeten zu lauschen.
Kjörnfons politische Selbstbekenntnisse.
Der norwegische Politiker und berühmte Dichter Björnftjerne Djörnsvn sendet dem „Berliner Tagebl." aus Anlatz eines Interviews, welche» er dem Redakteur Dr. Giüttksicu gewährt hatte, eine Erklärung über sein politisches Programm. Björnsons Bekenntnisse lauten in ihren wesentlichen Theilen:
„Der Streit Norwegens mit Schweden betrifft nicht die Aufhebung der Union und die Abschaffung des Königthums. Wohl ist die norwegisch« Demokratie — wie die Demokratie der ganzen Welt — wesentlich republikanisch; wohl habe ich meines Theil« die Aufgabe gehabt, den schädlichen Einfluß des mittelalterlichen Königlhnmk auf die moderne Gcsellschasl nachzuweiseu (die Rolle der schwedischen Dynastie in Norwegen machte dies zu einer dringenden Rolhwendigkeit); wohl hat der Charakter des ganzen Streite» eine radikale norwegische Partei gezeugt, die sich jetzt sowohl von dem Königtbum als der Union losreißen will; der Stern des Streites ist aber dieser, daß Norwegen ohne König ist, daß die Souveränetät Norwegens verletzt ist, und daß, jedesmal wenn dies geschieht, der norwegische König nicht zu finden ist. Weit entfernt davon, auf die Abschaffung des Königthums hin- zuzielen, wollen wir Norweger gerade im Gegentheil die Einführung des Königthums, eine» souveränen norwegischen Königthums, in Norwegen. Er ist meine entschiedene Meinung, daß die Forderungen Norwegen» die einzige Möglichkeit dafür bilden, daß
Zobtenbett fiel, rieselte ein Tropfen über bie Stirn des armen Mäbchens, mit einer Locke ihres Haares spielcnb, bie sich halb löste, halb zusammenrollte, als ob bie Hanb eines Siebenben mit ihr tändelte.
Sie war ein Schmerz, bieses Mäbchen. Unb mich verlangte nach irgenb einer Aufklärung ihres freiwillige» Verlassens ber Welt ber Lebenden.
Ich näherte mich einem Wächter
Aus ber Seine hat man sie gefischt, sagte er. So eine Närrin! Sich in ber Zeit ber Rosen nrnzubringen
Unb eine Zeitung entfallenb, las er im Schulton:
Hören Sie nur, was sie ihrem Geliebten geschrieben hat: Gehe fort unb komme nie wieder, hast Du mir gesagt. Du leugnest es nicht Wer weiß, ob morgen, wenn ich für immer gegangen fein werde, Du milder gegen mich gestimmt bist, obgleich ich nichts weniger bin, als Mutter Deines Sohnes!
* *
Ich dachte der Thränen der Alten und des Preises für Schönheit und Tugend und der grünen Weinranken an ihrem Fenster Und ohne es hindern zu können, denn bie Erinnerungen folgen sich in ber Seele, wie die Wellen im Meere, buchte ich jener Tobten, bie wir Alle in der heimlichen Morgue unseres Herzens tragen
Doch Paris erwachte. Eine lärmende Menge überschwemmte bie Straßen, bie Wagen, bie Omnibusse. Wie ein Blitz huschte ein four-in-hand vorüber mit einer Schaar Mäbchen zwischen Rosen unb Nelken. Eine Schachtel in ber Hand kam ein hübsches blonbes Kind vorbei unb trällerte:
Tiens, voilä Mathieu.
Comment vas-tu, ma vieille ?
Tiens, voilä Mathieu.
Comment vas-tu, mon vieux?
Und dem Schooße der blunienbebecften Erbe unb den toanbelnben Frauen entströmte ber Duft ber Jugenb unb ein Sang ohne Worte, gleichsam bie geheimuißvolle Stimme ber wiedererstehenden Natur: Auf zum Leben! Auf zum Leben!
Bezirkö-Fernspreiher No. 52. 1896.
die Union und dasKönigthum mit ihr bestehen kann; dies Hütte ich jetzt eben wiederholt und dringlich dargestellt. Es ist daher unrichtig, mich als den Führer der Auflösnng und Revolution bin» zustellen. Ebenso irrig ist es, daß di« „reine" norwegische Flagge „eine AiisnihrSflagge" sei. Dieselbe ist nämlid) ebenso gut eine gesetzmätzige Flagge wie die Unionsflagge. Der Streit dreht sich um die Ausschließung der letzteren, weil sie eine Union bezeichnet, die nicht die unserige ist (die Union von England, Schottland und Irland oder die der vereinigten Staaten von Amerika). Norwegen ist ein vollständig souveränes Land.
Die schwedischen und norwegischen Völker sind in ihrer Geschichte und in ihrem Charakter so stark geschieden. Wie es für nahe Verwandte angebt. Dieses zeigt sich auch in der ausländischen Politik der beiden Staaten. Die Politik Schwedens wird bestimmt durch die Furcht vor Rußland und die Möglichkeit einer eventuellen Allianz gegen Rnßland; diejenige Norwegens wird diktirt von einem absoluten Friedensdrange; sie geht deshalb darauf aus, schiedsrichterliche Traktate mit Rußland und allen anderen Ländern zu erreichen und mit Schweden und den anderen kleinen Staaten in einen großen, garantirtcn Ncutralitätsbund zu treten. Norwegen würde gern, Wenn es könnte, die Initiative dazu geben. Daher schreibt sich Norwegens bestimmte Weigerung, einen schwedischen Minister des Aeußeren als den feinigen auzuerkeunen, er möge nun den Titel „gemeinschaftlicher" tragen oder nicht.
Dieses in Betreff der Sacl)e.
Eine kleine persönliche Bcmerkitng. Je älter ich werde, desto klarer versteh« ich, „daß es in einem Streite vor Allem erst darauf ankommt, einen Ilcberblick zu gewinnen. Diesen gewinnt man indetz mir, indem mau die Kräfte dek Gegner» richtig schätzt. Wer in Deutschland meine letzte Arbeit, „Ueber bie Kraft", gelesen bat, wird sich eine Meinung davon bilden können, woraus ich ziele. In praktische Politik überführt, will dies sagen: ich suche dem Könige und Schweden und der norwegischen Rechten zu geben, was ihnen gebührt. So schreibe ich, so spreche ich.
Björnftjerne äBiörufon.*
Deutsches Kelch.
* Kerlirr, 6. October. Wie ein parlamentarischen Berichterstatter ans zuverlässiger Quelle erfahren haben will, soll ber Lanbtag kurz nach bemZusammentritt bes Reichstags, Mitte November, einberufen werben.
— vr. S ch r ö d e r - Poggelow hat, wie bie „Poff hört, an ben Reichskanzler ein Schreiben gerichtet, in bem er ihn bittet, feinen Austritt aus bem Kolonialrath zn genehmigen, ba es ihm nicht mehr möglich sei, sich an ben Berathnngeu bes Kolonialraths unter bem Vorsitz des Ministerialbirektors Kayser zu beteiligen.
Bei einer Konfiskation ber beiben anarchistifchen Wochen blätter Berlins: „Sozialist" unb „Armer Konrab" sinb, wie bie „Post" hört, auch bie Geschäftsbücher bes Verlegers beschlagnahmt worben.
Gestern ist der Fernsprechverkehr zwischen Berlin und Bochum eröffnet worben. Die Gebühr für ein gewöhnliches Gespräch bis zur Dauer von 3 Minuten beträgt 1 Mk.
* Urin? fjelnrid; nie Seemann. Wie schon mitgetheilt, wird Prinz Heinrich von Preußen nunmehr als Kontre-Admiral ben Befehl über ein Geschwader erhalten. Tas veranlaßt da« „Berl. Tagebl." zu einem kurzen Rückblick ans die Laufbahn des Prinzen, der gewissermaßen von der Pike auf im Seemauusberuf gedient hat. Er wurde am 14. August 1872 Unter-Lieutenant zur See, am
(Nachdruck verboten.)
Ans Kairo.
„Sauregurkenzeit" in Egypten. — Die Cholera. — Panik in Kairo. — Neble Folgen der Cholera auf den Wohlstand des Landes. — Die Cholera eine englische Erfindung.
Dongola gefallen!
Kairo, Anfang October.
Die „Sauregurkenzeit", welche es in Egypten ebenso gut wie in Europa — vielleicht sogar noch besser ober vielmehr schlechter — giebt, ist wohl noch nie so kläglich gewesen, wie in biefem Jahre. Schulb hieran trägt bie Cholera unb bie zur Wiebereroberung bes Subaugebietes unternommene Expebition.
Alljährlich, wenn uns im Frühjahr bie Zugvögel verlassen, um wieberum in ihre norbische Heimath zurückzukehren, lehren sich auch bte Hotels unb plötzlich — man gewahrt kaum, wie es geschieht — ist bas anregenbe, muntere Leben des Winters, ber „Saison" vorbei, unb nur bie alten Stammgäste Egyptens sind zurückgeblieben. Sobald die ersten heißen Tage beginnen unb besonbers, sobald der Chamsin, dieser unerträgliche glühend heiße Sanbwind zu wehen beginnt, wird auch ein großer Theil der in Egypten Ansässigen bem Laube untreu und begiebt sich „hinüber" nach Europa, um nach dem aufreibenden Leben ber Saison bort Erholung unb Zerstreuung zu suchen. Noch nie hat biefe Answauberung in so großem Maßstabe ftattgefunben, wie in biefem Jahre, was in erster Linie bem Auftreten der Cholera zuzuschreiben ist. Daher kommt es, daß Kairo trotz des beständig heiteren Himmels unb der lachenden Sonne, ein so trübseliges und verstimmtes Gesicht macht, wie es selbst die bekannten „ältesten Leute" noch nicht gesehen haben. Hierzu kommt, daß infolge des sudanesischen Feldzuges, zu dem alle nur irgend verfügbaren militärischen Kräfte aufgeboten worden sind, auch das kriegerische Element nur sehr schwach vertreten ist, wodurch dem farbenreichen Gesammteinbruck, den Kairo gewöhnlich auf den Beschauer ausübt, ebenfalls manche bunten Töne entzogen sind.
