1
QC «c St
— 9t
S H« n
s
V n ♦t
L n
K
T «*> n » e » « H rr n ♦t
» «• i
V h
«
H » »
I <*
(v ar
n S
« rr w
ar
♦»
« s » n rr
« n r» n
1 y
V
N e
» I 1
ar <w H
M 66
W n
♦*
L *»
K> "CP
ViesbckkM TsgM.
««• Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bczngs-PreiS: SO Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begönne» werden.
Verlag: Langgasse 27.
13,500 Abonnenten.
Anzeigen-PreiSr
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeiger 15 Pfg., für austöiirtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzcile für Wiesbaden 50 Pfg-, für Auswärts 75 Pfg.
Uo. 446.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Mittwsch, den 23. September.
Abend-Ausgabe.
Politische Tages-Rnndschou.
— Nochmals Handwerksbetrieb oderFabrik. Die immer dringender werdende Aufgabe, eine Legal- definition der Begriffe Handwerk und Fabrik aufzustellen, um eine strengere Scheidung zwischen Handwerksbeirieb und Fabrikbetrieb vornehmen zu können, ist vou dem jüngst stattgehabten allgemeinen Handwerker - Kongreß in der Weise umgangen worden, daß nian sieh mit der Aufstellung des negativen Prinzips begnügte, wonach die größere Zahl der Arbeiter und die Verwendung von Maschinen in einem Betriebe bei der Beantwortung der Frage außer Betracht bleiben soll, ob man es mit einem fabrikmäßigen Betriebe zu thun habe. Die Befolgung dieses Prinzips, die gänzliche Außerachtlassung der Arbeiterzahl und der Verwendung von Maschinen in einem Betriebe müßte indessen dazu beitrage», die Verwirrung, tvelche auf diesem Gebiete jetzt schon herrscht, zu einer grenzenlosen zu machen. Erst kürzlich ist bekannt geworden, daß 17,654 Brauereien in Deutschland nach Weisung desNeichsversieherungsamts nicht der Brauerei- und Mälzerei-Berufsgenossenschaft angehören, also als nichtversichernngspflichtig betrachtet werden, weil sie nicht mindestens 10 Arbeiter beschäftigen. Hier ist also die Zahl der beschäftigten Arbeiter zum ausschlaggebenden Moment gemacht, obwohl nicht nur alle Sachverständigen darüber einig sein dürften, daß der Brauereibetrieb auch dann ein fabrikmäßiger sein kann, wenn weniger als 10 Arbeiter beschäftigt werden, und obwohl in Preußen und Sachsen die Fabrikinspektoren angewiesen sind, auch Brauereien mit weniger als 10 Arbeitern als Fabrikbetriebe zu behandeln. Eine strikte Auivendnng des vou dem Handwerkerkongreß empfohlenen Prinzips würde konsequenter Weise dazu führen, auch die umfangreichsten Betriebe, wenn in ihnen nicht eilte augenfällige Arbeitscheilung nachgewiesen werden kann, zu den hand- weiksmäßigen zu rechnen. Die bisherige Praxis der Rechtsprechung ist in diesem Punkte eine durchaus schwankende. Es würde demnach, wenn nicht eine feste Grenzabsteckung stattsände, ein ewiger Krieg zwischen dem Reichsversicherungsamt und den Aufsichtsbehörden der Zwangsinnnngen inaügurirt werden. Schon jetzt sind die Fälle keineswegs gering, in welchen die Gerichte angerufen werden zur Entscheidung über die Frage, ob Fabrikbetrieb oder Handwerksbetrieb, und man wird kaum behaupten können, daß solche Prozesse dazu beitragen, der sozialpolitischen Gesetzgebung, welche zu ihnen Veranlassung gießt, neue Freunde zu erwerben. Wird keine Vorsorge getroffen, so werden sich in Zukunft diese Prozesse um so zahlreicher gestalten, je weniger angenehm sich die Ueberwachnng der Betriebe, die in dem Handwerks- organtsations-Gesetz geplant ist, ausnimmt. Mag die Aufgabe, eine passende Definition für Handwerk und Fabrik zn finden, auch noch so schwer sein, an der Lösung dieser Aufgabe, wenigstens in der Weise, daß feste Richtpunkte für die Entscheidungen der Verwaltuugs- und Gerichts
behörden anfgestellt werden, wird man nicht vorbeikommen, wenn man sich nicht die Verantwortung für heillose Zustände aufladen will.
— Zum Alters- und Jnvaliditätsgesetz. Mit der Veröffentlichung der „mathematischen Denkschrift" zu der Novelle zum Jnvaliditäts- und Altersversichernngsgesetz soll nunmehr, wie offiziös mitgetheilt wird, begonnen werden, sodaß wenigstens die technische Seite der neuen Bestimmungen über die Bertheilung der Rentenlast eine ausgiebige Erläuterung erfährt. Die Denkschrift ist, wie uns mitgetheilt wird, eine höchst umfangreiche Arbeit, welche zahlreiche Tabellen und Integralrechnungen enthält, mit deren Hülfe die weitere Eutwicklnng der Jnvaliditäts- und Altersversicherung veranschaulicht wird. So werthvoll die fleißige Arbeit aber auch sein mag, so kann sie doch nicht den Mangel einer Begründung der politischen Seite der Refomivotschläge zu dem § 65 des Gesetzes verdecken. Wir erachten diese politische Seite für mindestens so wichtig, wie die mathematisch-technische. In den bisher veröffentlichten Motiven ist auch nicht mit einem Wort die Bestimmung berührt, wonach die Landeseeniralbehörde befugt sein soll, die verschiedenen, für das Gebiet eines Bundesstaates bestehenden Versicherungsanstalten zu einer gemeinsamen Tragung des den Anstalten für sich verbleibenden einen Viertels der Rentenlast zu verpflichten, und daß für den Fall, daß das Gebiet dieser Versicherungsanstalten anzuordnen sich auf unsere Bundesstaaten erstreckt, der Bundesrath über die Anordnung der gemeinsamen Lastentragung entscheiden soll, wenn zwischen den betreffenden Bundesregierungen ein Einverständniß nicht erzielt wird. Diese Bcstiinmung bedeutet zweifellos einen Schritt zur Reichsvetsicherungsanslalt, und bei der Erörterung derselben wird auf jeden Fall vou Neuem die Frage einer Centralisiruug der Versicherungsanstalten aufgeworfen werden. Mit Rücksicht darauf könnte cs nur erwünscht fein, wenn sich das Reichsamt des Innern dazu verstehen wollte, auch die Begründung der wichtigsten Eiuzel- bcstimmungen des Gesetzentwurfs, vor Allem diejenige zu dem § 65 zu veröffentliche«, damit die Diskussion sofort auf die richtige Grundlage gestellt wird.
— Die Grnndznge der deutschen Politik gegenüber den Wirren in der Türkei legt die „Nordd. Allg. Ztg." noch einmal dar, indem sie sich gegen die unklare Bewegung zu Gunsten der Armenier wendet, die die Machtmittel des deutschen Reiches für ihre Interessen zu engagiren suchen, die uns als Volk gar nichts angehen. Das offiziöse Blatt schreibt: Man muß annehmen, daß die Männer, die einzig und allein einer Regung des Mitgefühls folgend, so ganz und gar verkehrte Ziele verfolgen, sich über ihr Thun und Reden nicht ganz klare Rechenschaft geben. Alle Staatsmänner Europas sind darin einig, daß irgendtvelche Mahnungen bei der hohen Pforte nur dann Erfolg haben, wenn sie gemeinsam von allen Großmächten ausgesprochen werden. Offenbar machen sich also um den Schutz der Christen in der Türkei diejenigen Mächte am meisten verdient, die sich bemühen, die Einmüthigkeit im Vorgehen der Diplomatie aufrechtzuerhalten. In dieser Hinsicht ist die
1896,
BezirkS-Fernfprecher Vie. 62.
deutsche Reichsregieruug mit Erfolg allen Pflichten nach- gekommen, die ihr durch Rücksichten der Menschlichkeit aufs erlegt waren. Wozu also weiter drängen? Was will man? Einen gewaltsamen Eingriff in die Souveränitäts- rechte des Sultans? Auch wenn es nicht von leitenden Staatsmännern verschiedener Reiche ausdrücklich ausgesprochen worden wäre, müßte es jedem unbefangenen Nachdenken sofort klar fein, daß jeder einseitige Versuch einer Macht, sich auf Kosten des Sultans Herrschaftsrechte in der Türkei anzueignen, nicht bloß bei der unmittelbar angegriffenen Pfortenregieruug, sondern auch bei anderen Mächten, die an der Erhaltung des status quo ein Interesse haben, auf Widerspruch stoßen würde. In England ist im Laufe der letzten acht Tage wohl tausendmal wiederholt worden, daß eine gewaltsame Intervention Großbritanniens eine Kriegserklärung vou Seiten Rußlands provociren würde. Was verlangen beim nun eigentlich die Armenierfreunde vom Deutschen Reich? Daß es den Krieg, dem Großbritannien ausweicht, auf sich herbeiziehe? Und dies ganz allein aus dem Grunde, weil ein solches unüberlegtes Verhalten den Beifall eines Theiles der Armenier und vielleicht eines noch größeren Theiles der Engländer fände? Der hier berührte Gedanke ist zu absurd, um ernsthaft diskutirt zu werden. Seine unvergleichliche Sinnlosigkeit erhält aber erst dann die rechte Beleuchtung, wenn man bedenkt, daß es eine Lösung der armenischen Frage in dem Sinne, wie die armenischen Aufständischen sie allein wollen, überhaupt nicht giebt. Die Armenier Kleinasiens sind eilt Über große Distrikte zerstreutes Völklein, sie bilden .auch dort, wo sie am dichtesten zusammeuwohnen, eine Minderheit, sie können nicht einen nationalen Staat bilden. Verhalten sie sich ruhig, so ist ihre Lage, soweit die türkische Verwaltuug in Betracht kommt — gegen die räuberischen Kurdenstämme liegt die türkische Verwaltung selber beständig im Feld — keineswegs eilte schlimme."
68. Usrfammlung deutscher Naturforscher und Aerzle.
Frankfurt n. M.» 22. September.
Gestern Nachmittag sanden bereits einige Abtheilnngs-Sttznngen statt. Der Vortrag von Dr. med. B e l ow-Berlin über: „Rasseu- tnid zonenvergleickeudc Physiologie und Pathologie" eröffnete die Arbeiten der in diesem Jahre wieder neu begründeten Sektion für Tropenhhgieine. Redner führt« Folgendes ans: Der Gradmeffer des Werthes linieret wissenschaftlichen Bemühungen in der Medizin ist und bleibt noch immer der Erfolg in Therapie und Prophylaxis. So Tüchtiges und Bewtindernswerthes den nordischen Seuchen gegenüber vou der neuen Bakteriologie geleistet worden ist, so unvollkommen bleiben die Erfolge gegenüber den Tropensenchcn, Gelbfieber und Malaria mit ihren Untersorten, die unsere Beamten und Eingewanderten in den Kolonieen becütmen. Da« kommt daher, daß hier die AcclimatifationSfrage mit der Scuchenentstehnngsfragc eng verwachsen ist, wie Becker das in feinem Gesetze der Artenbildung durch Zonenwechsel nachweiff. Vom Standpunkte des Technikers allein könne man diesen Verhältnissen nicht beikommcn. Mit der Entdeckung einiger neuer Plasmodien-Arten ist es nicht gethau. Die neue bakterioskopische Technik hat sich in den Dienst der Cellularpathologie, der alten berufenen und bewährte» Führerin, zu stellen; unter deren centraler Leitung habe man dem der Acclimatisatiou zu Grunde liegenden Naturgesetz »achzuspüreu, auf welches er (Redner) hin-
(Rachdruck verboten.)
Wie man ein „Knok" werden kann.
Vitrio, int September.
„Die Zeiten ändern sich und wir mit ihnen", sagt ein Sprichwort, das dem anderen zn widersprechen scheint, welches uns belehrt, daß die menschliche Natur sich ewig gleich bleibe. Ju Wahrheit sind es denn auch nur äußere Sitten und Gewohnheiten, die mit den Jahrhunderten oder, in der jetzigen schnelllebigen Periode, mit den Jahrzehnten eine llmivandlung erfahren; der Mensch selbst ist wohl nicht besser und nicht schlechter geworden, als er einst und immer gewesen. Deshalb dürfte es auch nicht richtig sein, daß der „Snobisme“ ein neuer Sceleuzustand ist, wie ein Autor, dessen Buch „Chez les Snobs“ einiges Aufsehen erregte, uns glauben machen will; auch das Wort ist nicht so ne», wie er es behauptet, hat doch bereits Thackeray ein Buch der Snobs geschrieben, in dem er uns all die verschiedenen Typen vorführt. In Frankreich selbst war dasselbe aller- vings bis in die jüngste Zeit unbekannt, erst mit der Anglomanie, seit eben die hiesigen Snobs es für richtig erklären, englische Sitten nachzuahmen und englische Worte in ihre Sprache einzuflickcn, hat es sich Eingang verschafft.
Man könnte vielleicht meinen, daß eine Republik dem Gedeihen der Snobs nicht gerade förderlich sein sollte, und daß, seit Frankreich sich dieses Regimes erfreut, die Spezies etwas weniger zahlreich geworden fei, aber gerade das Umgekehrte ist der Fall; es scheint sogar, daß sie fich umso besser entwickelt, je freiheitlicher die Regierungsform ist. Dies beweisen ja auch deutlich die bereinigten Staaten, wo das Genius „Snob“ — ich muß leider auch immer das englische Wort auwenden, da ein treffendes deutsches nicht existirt — in einer Fülle und Großartigkeit vorhanden ist, wie vielleicht nirgend wo anders.
Der Verfasser des oben erwähnten Buches hat übrigens Unrecht, wenn er behauptet, das Suoblaiid fei in Paris kein ausgedehntes und beschränke sich auf die Umgegend des Arc de Triompbe; wie der Snob in allen Landen gedeiht, so ist er auch hier in jedem Stadtviertel zn finden, nur daß er natürlich in den vornehmeren mehr Muße hat, sich zur vollen Entfaltung zu bringen. Solche, denen es gelungen ist, sich zu den wirklichen, echten Snobs oder, wie es auch umschrieben wird, richtigen Parisern herauszubilden, giebt es nach Ansicht eines zweiten Autoren hier nicht mehr als circa tausend, alle anderen befinden sich noch außerhalb SnobopoliS. Daß es aber detEhrgeizderübrigenLH's Millionen fei, auch hinein zu gelangen, ist die unerschütterliche Meinung dieses Schriftstellers, und so hat er — ein wahrer Wohlthciter der Menschheit — einen Führer erscheinen lassen, der ihnen die Wege dahin ebnen soll. Es ist dies nicht etwa ein Büchlein, welches darüber belehrt, wie ein „Pariser" sich zu kleiden, wie er zu schreiben, sich in Gesellschaft zu benehmen und welchen Arzt er zu konfulkiren habe re., derartige nützliche Werke sind schon häufig dagewesen; nein, was uns hier geboten wird, sind Rathschläge intellektueller Art. Nickst nur, was man gesehen haben, was man wissen, nein, auch was man sagen muß, erfahren wir genau durch diesen besten aller Wegweiser. Er belehrt uns, daß es auch für einen eingeborenen Pariser absolut nöthig sei, den Louvre besucht zu haben, nennt die Maler, bereu Namen man zu kennen hat, bie Werke, bie man angeschaut haben muß. Ein eingehendes Besichtigen ist unnöthig, ersieht man doch aus dem Buche, welche Bemerkungen bei diesem, welche, wenn von jenem die Rede, am Platze sind. Das Gleiche geschieht bänglich des Luxembourg.
Nur die Museen durcheilen, das genügt aber für eine gute künstlerische Erziehung nicht, der Besuch der Künstler in ihren Ateliers ist absolut nothwendig, und so werden denn die Adressen Derer, die „empfangen", gegeben. Auch hierbei
sind noch feine Unterschiede gemacht, damit Jeder sein richtiges Milieu finde, und wir erfahren, daß bie „gens da monde“ wenig zu Puvis be Chavannes gehen, baß bas Atelier von Guillou bas Renbezvous ber Impressionisten sei re.
Der nützlichste uub interessanteste Theil bes Buches ist aber ber, welcher den Berühmtheiten im Allgemeinen ge- mibmet ist, bic in litterarische, musikalische, künstlerische und „Pariser" Berühmtheiten eingeiheilt sind. Keine fehlt, es findet sich hier ebenso gut Detaille wie Grille-d’Egont, „danseuse naturaliste“, Massenet, „compositeur tres feminin“, wie Coqnelin cadet, „comique irresistible“. Ist z. B. bie Gesellschaft, in die hinein zu gelangen als das erstrebenswerthe Ziel vorschwebt, musikalisch, schnell schlügt man „Paris- Parisien“ auf und lieft das Kapitel über bie Notorietes de la musiqae. Hier finbet man bie vollstünbig fertigen Bemerkungen, bic man über bie Konzerte von Kolonne ober Lamoureux im Allgemeinen zu machen hat — ein näheres Eingehen auf Einzelleistungen ist zu bermeiben. Spielt Holtmann bei einer Soiree, so ist bet umfaffenbe Ton seines Instruments zu loben, singt Jemand ein Lied von Mme. Holmes, so erklärt man ihre Kompositionen für sehr verbreitet, bei einem Stück von Chausson ist zu äußern, daß derselbe „eine Zukunft habe". Wenn aber von Wagner gesprochen wird, so ist jede Ekstase am Platze, besonders darf man aber nicht verfehlen, mitzutheilen, daß man „das nächste Iaht" nach Bayreuth zu gehen gedenke.
In gleich umfassender Weise werden alle anderen Künste behandelt und so eignet man sich mühelos eine Bildung an, bie in SnobopoliS Aufsehen erregen muß. Dank bem Verfasser bes Buches wird bieses geheiligte Land bie Zahl seiner Bewohner also um Tausende vermehren können, es steht nur zu fürchten, baß bies den Snobs nicht passen und sie neue Wege finben werben, um sich über ihre Mitbürger zu erheben, beim sich vor biefen auszuzeichnen, ist ja ihr Hauptbestreben. W. Walbau.
