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Wiksbs-kmr T anb Litt.

44. Jahrgang.

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Verlag: Langgasse 27.

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Uo. 444.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Dienstag, den 22. September.

VezirlS-FernsPrccher No. 52.

1896.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Das irische Uerschwörerthnm.

Von Politicus.

SEnre es nicht wegen der herrschenden Stellung, welche die Irländer sich in den Vereinigten Staaten von Amerika verschaffen konnten, so würde man schwerlich heute noch von den Uuthatcn der Fenier hören. So aber wird der furchtbare Haff und die Rachsucht der Irländer in Amerika systematisch gepflegt, obwohl jeder Unparteiische zugeben muß, daß schon lange nicht mehr von religiöser und politischer Unterdrückung der Irländer durch die englische Regierung die Rede sein kann. Daß es jedoch möglich ist, in den Vereinigten Staaten irische Vereine, die mehrere Hnndcrttausende von Mitgliedern zählen, und eine bewaffnete und sich in den Waffen öffentlich übende Organisation von reichlich hunderttausend Irländern zu dem ausgesprochenen Zweck, Irland bei der nächsten Gelegen­heit aus der englischen Knechtschaft zu befreien, zu unter­halten, dazu reicht der traditionelle Haß, der in der Erinnerung an die fast achthundertjährige Leidensgeschichte Irlands seine Nahrung findet, als Erklärung nicht ans. Die iro- amerikanische Kriegsbereitschaft gegen England ist vielmehr zum groben Theil ein künstliches Produkt, hervorgegangen und hervorgehend aus der eigcnthümlichcn Befähigung der Irländer zum gewerbsmäßigen Politikantenthum, welches eine Menge fauler und gefährlicher Leute erzeugt, die sich durch Vereinsstellungen und Aufhetzung einen bequemen Lebensunterhalt verschaffen.

So müssen auch die Dynamitverschwörungen der so- zenannten Fenier, wie sie sich in den Jahren 1882 bis 1886 durch Versuche, öffentliche Gebäude in England in Die Luft zu sprengen, kundgaben. Versuche, die jetzt an­scheinend wiederholt werden sollen, in erster Linie als die Machenschaften niederträchtigster iro-amerika­nischer Schurken, denen es dabei auf die Sache Irlands selbst gar nicht ankommt, erachtet werden. Wie weit diese Teufelei geht, ergab sich aus dem 1891 in Chicago stattgehabten Croninschen Mordprozeß. Cronin, ein idealer irischer Fanatiker, wurde von der irischen Vchme zum Tode verurtheilt und ermordet, nicht weil er, wie die Mörder behaupteten, ein Verräther gewesen war, sondern weil er im Begriffe stand, der Welt zu sagen, daß die Dynamitexpeditionen nach England nur zu dem Zweck unternommen worden waren, damit die Häupter des Geheimbundes die großen dafür gesammelten Geld­summen in ihre eigenen Taschen stecken könnten. Cronin drohte sogar, beweisen zu wollen, daß die Häupter des Geheimbundes die bethörten Dynamitarden, die sie nach England schickten, vorher heimlich der englischen Geheim­polizei verriethen. Doch die politische Macht der irischen Verbände in Amerika war groß genug, um die Urheber

dieses Mordes, Leute von führender Stellung, zu retten. Nicht minder groß ist freilich die fanatische Verblendung der irischen Massen, die heute noch glauben, daß Cronin von der Vchme mit Recht zum Tode verurtheilt morden sei.

Wenn man von Feniern spricht, so ist das eigentlich nur ein Sammelname für die irischen Geheimbünde überhaupt. Es hat seil Jahrhunderten irische Verschivörer-Vereinignngen gegeben, die zu Aufständen und Gewaltthaten Einzelner führten. Was die Fenier, deren Name der altirischen Sage entnommen ist, insbesondere betrifft, so entstanden dieselben ans den Phönix-Klubs, welche 1848 nach einem infolge irischer Empörungen von England erlassenen strengen Gesetz gegen die Irländer, nämlich Aufhebung des HabeaS-Corpus- PrivilegiumS, von jungen irischen Bauern gebildet wurden. Die Phönix-Klubs wurden entdeckt und Neste ihrer Mitglieder flüchteten sich nach Amerika, wo sie den Kern für einen neuen Gcheimbuud, die Fenier, bildeten. Es entwickelte sich daraus eine ziemlich starke iro-amerikanische Bewegung, die 1858 öffentlich auftrat und gewaltsame Befreiung Irlands von Amerika ans auf ihre Fahne schrieb. Wenn die Fenier auch der Masse nach ehrliche Fanatiker waren, so gaben sie doch ihre Führung an getvissenlose und selbstsüchtige Abenteurer ab, die sich ihre Taschen durch Besteuerung der irischen Arbeiter füllen wollten. Die Pläne, Irland zu bewaffnen und zum Aufruhr zu bringen, nahmen dünn schließlich 1865 eine greifbare Gestalt an. Es wurde aber Alles so offen betrieben, daß die englische Regierung von allen Bewegungen der Fenier unterrichtet blieb. Als es dann 1867 in Irland zum Auf­ruhr kam, zeigte sich die Schwäche und Ziellosigkeit der Ver­schwörer in einem sie selbst beschämenden Maße. Es bedurfte kaum nennensmerther Anstrengungen, den Aufruhr zu unter­drücken. Auch die Unternehmungen der Fenier .gegen Cauada nahmen keinen ernsteren Charakter an. Unter Führung eines gewissen O'Neil, der cS in der amerikanischen Unions-Armee bis zum Obersten gebracht hatte, rückten 900 Fenier 186’6 von Buffalo nach Canada ein, itm den Walland-Kanal zu zerstören. Sie wurden über die Grenze zurückgejagt, und ebenso lächerlich und er­folglos blieben alle anderen Versuche, deren letzterer 1871 stattfand. Das Resultat bestand darin, daß die canadische Regierung einige Jahre lang mit großen Kosten die Grenzen bewachen lassen mußte, dabei aber zu einer tüchtigen Miliz- truppe, die sie früher nicht hatte, gelangte.

Man hat nun auch die späteren, offenbar von irisch- amerikanischen Verschwörungen ausgcgangenen Verbrechen und Gewaltthaten, so auch die 1882 im Phönix-Park in Dublin erfolgte scheußliche Ermordung von Lord Cavendish und Burke, als Thatcu der Fenier betrachtet. Auf den Namen kommt es ja freilich dabei nicht an, aber eine Organisation der Fenier in dem früheren Sinne gießt es schon lange nicht mehr. Die Fenier sind in Amerika inzwischen schon von mehreren anderen Geheimbüuden abgelöst worden, und es muß zur Ehre der eigentlichen Fenier gesagt werden, daß

so feige Verbrechen, wie Meuchelmord und Dynamitattentate, niemals auf ihrem Programm gestanden haben. Die Dynamit­politik ist die des irisch-amerikanischen Geheimbundes, der durch den oben erwähnten Mordprozeß Cronin unter dem Namen Clan-na-Gael bekannt geworden ist. Der Verschwörer­bund ist eigentlich ein Bund im Bunde, insofern er den­jenigen Zweig der großen irischen Allianz in Amerika dar­stellt, welcher nach anarchistischen Mustern die „Propaganda der That" betreibt. Es läßt sich aber wohl be- hanpten, daß die Schurken, welche diesen Geheim­bund leiten, nicht die Werkzeuge der Führer der Allianz sind. Andererseits sitzt der Haß gegen England immer noch so tief im Herzen jedes Irländers, daß der Clan-na-Gael bei allen seinen schändlichen Thaten und trotz der offenkundigen Niedertracht seiner selbstsüchtigen Führer niemals eine aufrichtige Mißbilligung Seitens der Allianz gefunden hat. Die „Times" konnten in dem Parnell- Prozeff nicht beweisen, daß Parnell den Mord im Phönix­park sanktionirt habe. Sie war durch gefälschte Briefe dupirt worden. Indessen ergab die Untersuchung der Parnell.' Kommission die Thatsache, daß viele irische Parlaments­mitglieder in früherer Zeit in intimen Beziehungen zu irisch-amerikanischen Geheimbünden gestanden hatten.

Was die kürzlich in Frankreich, Belgien und England als Dynamitverschwörer verhafteten Irländer betrifft, so scheinen dieselben, was auffällig ist, aus einem ganz andern Holze zu fein, als die früher zur Ausführung von Verbrechen über den Occan gesandten Landsleute. Der Clan-na-Gael bediente sich sonst zu Werkzeugen stets armer ungebildeter Fanatiker aus dem irischen Arbeiter- oder Bauernstände. Mit Tynan und feinen Spießgesellen scheint man es aber mit Leuten aus einer andern Gesellschaftsschicht Amerikas zu thnn zu haben. Jedenfalls ist es unwahrscheinlich, daß Tynan der große „Nnbesiegliche" ist, welcher in dem Morde im Phönix- Park die Hauptrolle spielte. Daß er sich selbst dessen rühmt, macht es noch weniger glaubhaft. Er und die anderen Verhafteten sehen vielmehr genau so aus wie gewerbsmäßige Offiziere des Clan-ua-Gael, welche Dynamitattentaie als ein lohnendes Geschäft planen und vorbereiten, sie aber 4>ei Leibe nicht selbst ausführen.

Deutsches Reich.

* fiöf- und Personal-Nachrichten. Der Kaiser Irak gestern Lormittag, 10 Uhr, in Trakehne» ei» und begab sich mit den. Grasen Dohna zu Fast nach Tbeerbude auf das Jagdschloß Nomiutcn, woselbst die Ankunft 12'/- Uhr Mittags erfolgte. — Die Kaiserin wird heute Abend nach Plön reifen, dortselbst einige Tage verweile» und dann zum Besuch ihrer Schwester sich nach Grünholz begeben, woselbst sie einige Zeit Aufenthalt nehmen wird.

* Kerlitt, 22. September. Der Gouverneur von Deutsch-Ostafrika, Major v. Wißma nn, weilt seit Freitag Abend in Berlin und hat, wie ein Berichterstatter meldet, bereits mehrfach Unterredungen mit dem Direktor der Kolonial-Abtheilung, Dr. Kayser, gehabt, von deren Ergebuiß

(Nachdruck verboten.)

Europas Schnnegermutter.

Die große Versammlung fürstlicher Personen, die augen­blicklich im Schlosse Bernstorff stattfindet, hat wieder die allgemeine Aufmerksamkeit auf die dänische Königsfamilie und ihre zahlreichen über ganz Europa ausgedehnten Ver­zweigungen hingelenkt. Es gießt ja wohl feine fürstliche Familie, die sich so glänzender Verbindungen erfreuen kann, wie die dänische, und wenn die verschiedenen Mitglieder dieser Familie sich,- wie es augenblicklich der Fall ist, in Dänemark versammeln, wird die öffentliche Aufmerksamkeit eine kurze Zeit auf das kleine Land und feinen glänzenden Hof, wo so viele politische Fäden, von zarten weiblichen Händen gesponnen, zusammenlaufen, hingelenkt. Es dürfte Daher für Ihre Leser von Interesse sein, einige nähere intime Mittheilungen über die einzelnen Mitglieder dieser Familie zu erhalten.

Die Seele des großen fürstlichen Kreises war und ist noch immer die Königin Louise, die „Schwiegermutter Europas", wie man sie scherzend genannt hat. Sie ist eine Frau von hoher Intelligenz, und die Autorität, die sie auL« übt, ist unbestritten. Sie war es, die mit feinem diplo­matischen Takt und außerordentlicher Tüchtigkeit die delikaten Verhandlungen leitete, die zur Verlobung ihrer zwei ältesten Töchter mit den Thronfolgern Englands und Rußlands führten. Sie war früher wegen ihrer Schönheit berühmt und ist noch jetzt trotz ihrer 79 Jahre eine stattliche Dame. Ihr Blick übt noch die alte bezaubernde Wirkung auf ihre Um­gebung auZ, und die seltene Gabe, die sie in so hohem Grade besitzt, sich bei Allen, die mit ihr in Berührung kommen, beliebt zu machen, ist noch in ihrem hohen Alter ihre größte Macht. Der verstorbene Kaiser Alexander III. hatte für feine Schwiegermutter eine ganz besondere Ver­ehrung und liebte sie zärtlich, er traf nie eine Entscheidung, ohne sich erst mit der Königin Louise berathen zu haben, und das sonst so schwierige Problem: Schwiegermutter und Schwieger- sohu zu versöhnen, war hier in idealer Weise gelöst. Alle

Enkel der Königin, die russischen, englischen, österreichischen, griechischen und die dänischen Prinzen und Prinzessinnen, sind von der innigsten Liebe und der aufrichtigsten Hin­gebung zu ihrer „Großmutter Louise" durchdrungen, ihr Salon ist jeden Nachmittag, ob man sich in Bernstorff, in Fredensborg oder im Schlosse Amalieuborg in Kopenhagen befindet, der Sammelplatz der ganzen Familie, bei ihr werden die Begebenheiten des Tages verhandelt, und kein Beschluß wird getroffen, ohne daß man erst die Meinung der Königin eingeholt hat. Die Königin war früher eine vorzügliche Pianistin und liebt noch immer die Musik über Alles, alle hervorragenden Künstler, die nach Kopenhagen kommen, werden immer von der Königin eingeladen, und ihre künstlerische Anffassung, ihr Geschmack und Verständniß find so fein, daß sie oft den größten Künstler in Erstaunen setzt. Dazu kommt noch ihre persönliche Liebenswürdigkeit, der sich Niemand zu entziehen vermag. Wer mit der Königin in nähere Berührung kommt, wird von ihrem be­strickenden Wesen eingenommen, und sie wäre ja keine Frau, wenn sie nicht diese Macht in ihrem Interesse, um ihre Ziele zu erreichen, benutzte.

Wie die Königin Louise von allen Mitgliedern der Familie und von Allen, die zu den intimen Hofkreisen gehören, geliebt und vergöttert ist, so ist der König Christian der erklärte Liebling deS Volkes. Er erfreut sich einer Popularität wie nur wenige Monarchen und er hat sie durch sein schlichtes Auftreten und seine persönlichen Eigen­schaften erworben. Als er nach dem Tode Frederiks des Siebenten den Thron bestieg, war er sehr wenig beliebt, man beschuldigte ihn, anti-dänischeSympathieendurch seineGemahliii, die ja eine deutsche Prinzessin ist, eingesogen zu haben, und der unglückliche Krieg, der gleich nach seinem Regierungs­antritt ausbrach und wodurch Dänemark Schleswig verlor, trug natürlich nur dazu bei, die Antipalhieeu, die gegen ihn herrschten, zu verstärken. Er ließ jedoch den Sturm ruhig über sich weggehen, er war sich der Redlichkeit seiner Be­strebungen bewußt, und er beschloß, die Zeit wirken zu lassen, um die seindliche Strömung zu beschwichtigen. Dies ist ihm völlig gelungen, und er ist schon seit vielen Jahren so

populär, wie nur selten ein dänischer Monarch eS war. Trotz seiner 77 Jahre ist Christian IX. noch ein sehr rüstiger Mann mit jugendlichen Bewegungen und einem leichten elastischen Gang; wenn man ihn reiten sieht mit der stolzen Haltung eines Jünglings, muß man univittkürlich seine männliche Kraft bewundern. Der König giebt einmal wöchentlich öffentliche Audienz, wozu Jeder Eintritt erhält, und selbst der Geringste wird mit der größten Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit empfangen.

Von de» Kindern des Königkpaares ist der Kronprinz Frederik am populärsten. Er lebt in glücklicher Ehe mit der schwedischen Prinzessin Louise, und dieser Ehe sind sieben Kinder entsprossen. Wenn der Kronprinz von seinem Sommerschloffe in Charlottenlund des Morgens in der Um­gegend spazieren reitet, wird er von allen Villenbewohnerv auss Freundlichste begrüßt, er kennt sie alle persönlich, ist mit ihren Verhältnissen vertrant, unterhält sich oft mit ihnen, und die jungen Samen in den Villen, die genau wissen, zu welcher Stunde der Kronprinz vorbeikommt, warten geduldig, um einen Gruß von dem flotten Kavalier zu er­halten. Zwei seiner Kinder haben sich bekanntlich kürzlich verheirathet: seine älteste Tochter Louise mit dem Prinzen von Schaumburg-Lippe und sein nächstältester Sohn Karl mit seiner Cousine, der Prinzessin Maud von Wales. In Hofkreisen ist jetzt von der Verlobung seiner zweiten Tochter Jngeborg mit dem deutschen Prinzen Friedrich von Wied die Rede.

Früher war der Kaiser Alexander in., wenn er jeden Sommer Fredensborg besuchte, der Mittelpunkt dieses großen Kreises. „Onkel Alexander" wurde von allen seinen Neffen und Nichten vergöttert; wenn eine Spazierfahrt oder ein Ausflug unternommen wurde, nahm der Czar immer die Initiative und leitete persönlich die Vorbereitungen. Besonders die kleineren Kinder der Familie liebten ihren russischen Onkel, der immer mit ihnen spielte und sie durch seine Riesenkräfte erstaunte. In Hofkreisen erzählt man, daß ein Diplomat, der sich eines Tages in Fredensborg einfand, um Audienz beim Czaren zu erhalten, vor Erstaunen fast in Ohnmacht fiel, als er unvermuihet in ein Zimmer