Einzelbild herunterladen
 

Wiksbakkner Sagblatt

Verlag: Langgasse 27.

13,5®O Abonueuten

Anzeigen-PrelSr

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg.— Reriamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Psgv für Auswärts 75 Pfg.

44. Jahrgang»

Erscheint in zwei Ausgabe«. — BezugS-PreiS: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

1896»

Dienstag, den 15. September.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Ito. 432

BezirkS-Fernsprccher No. 52.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Zur Entstehung und Erkennung der Geisteskrankheiten.

Von Dr. med. Simon Scherbel-Lissa.

Wenn der Reichstag bei der Beraihung des bürgerlichen GesetzbuchsdieunheilbarenGeisteskrankheitenalsEhescheidungs- grund festgesetzt hat, so sind dabei sicherlich die gegenwärtigen wissenschaftlichen Anschauungen über Natur und Wesen der Geisteskrankheiten nicht ohne Einfluß geblieben. Früher hat vielfach ein Streit unter den Gelehrten obgewaltet, ob bei einer Geisteskrankheit der Körper oder der Geist erkrankt, Leib oder Seele zu behandeln seien. Dieser Streit ist heutzutage ein überwundener Standpunkt. Jetzt wissen wir es, daß den meisten der psychischen Krankheiten krankhafte Vorgänge materieller Natur zu Grunde liegen, daß das Gehirn dabei betheiligt ist, und der Arzt hat die Berechtigung, ja selbst die Verpflichtung, die Vorgänge bei diesen Krankheiten mit den üblichen zu Gebote stehenden physikalischen und medikamentösen Mitteln zu bekämpfen.

Nicht immer freilich sind die Veränderungen im Gehirn nach dem Tode nachweisbar. Oft zwar finden sich Ent­zündungen, Erweichungsherde, Verhärtungen, Geschwülste, Ergüsse im Gehirn; oft aber läßt sich nicht das geringste Krankhafte nachweisen, und man muß dann annehmrn, daß die Veränderungen molekularer Natur sind, d. h. in den kleinsten oft kaum mit dem Mikroskop wahrnehmbaren Theilen liegen.

Was nun die Ursachen der Geisteskrankheiten betrifft, *o hat Professor Krafft-Ebing in Wien festgestellt, daß ctnn 20 pCt. dieser Erkrankungsfülle aus dem Alkoholmißbrauch sich entwickeln, und daß nicht weniger als 60 pCt. durch Vererbung entstanden sind (in Deutschland rechnet man auf 500 Einwohner einen Geisteskranken). In diesen letzteren Fällen haben die Unglücklichen den krankhaften Keim von ihren Eltern und Ahnen geerbt, und sehr häufig genügt nur eine geringe Veranlassung, um die Geisteskrankheit zum Ausbruch kommen zu lassen. Ja, die erbliche Belastung muß vielleicht noch viel öfter in Rechnung gezogen werden, wemr wir berücksichtigen, wie schwer es ist, tu dem Stamm­baum einer Familie die krankhaften Auswüchse in geistiger Beziehung jedesmal aufzudecken und zu bestimmen, und wenn wir ferner in Erwägung ziehen, daß vererbungsfähige Krankheiten erfahrungsgemäß oft ganze Geschlechter über­springen, erst im Urenkel und in noch späteren Generationen wieder auftauchen, sich in Seitenzweige flüchten und nach langem Schlummern plötzlich wieder in einer Linie zum Vorschein kommen können. Es ist das bekannte Gesetz des Atavismus, welches ja nicht nur für physiologische, sondern auch für- pathologische Verhältnisse gilt. Solche von Geburt an krankhaft veranlagte Personen wissen es dann nicht, daß sie durch Nichtbeachtung der Gesetze der Vererbung das Schicksal

von ganzen Geschlechtern in trostloser Weise bestimmen. „Erblich belastet" sind aber nicht nur die Nachkommen von Geistes- oder Nervenkranken, sondern auch von Trinkern und Verbrechern.

Wenn man bedenkt, wie unendlich zahlreich die Momente sind, welche der Entwicklung van Geisteskrankheiten Vorschub leisten, wie geistige Anstrengungen, Leidenschaften, unglück­liche Lebenslagen, Fehler der Erziehung hier belangreich sind, so erschrickt man über die Häufigkeit der Bedingungen, die als Ursachen der Geistesstörungen zu beseitigen oder zn vermeiden wären, der Geistesstörungen, die doch zu den schwersten Leiden gehören, welche den Menschen beschieden werden können.

Vielleicht wird in der Zukunft eine Zeit kommen, wo das Laster der Trunksucht, die unüberlegte Wahl der Ehe­gatten rc. nicht mehr in dem Grade wie jetzt werden Vor­kommen dürfen, und wo auch gewisse soziale Einrichtungen, in erster Linie aber die Schule, außerdem jedoch die ganze geistige und moralische Erziehung, eine wirksame Gegen­wehr bieten werden, um die Neigung zu Geistesstörungen zn verringern.

Tritt an den Arzt die Frage heran, ob Jemand, der vor Jahren eine Geistesstörung durchgcmacht hat, eine Ehe eingehen darf, so wird er den Fall einer sorgfältigen Er­wägung unterziehen müssen. War die Geisteskrankheit bei einer Person ausgetreten, die geistigen Uebcraustrcnguugen oder heftigen Gemülhsbcwegungcn ausgesetzt gewesen, und welche das Leiden nach einem Typhus, einer Lungen­entzündung oder dergleichen durchgemacht hat, ohne daß bisher in der Familie Fülle von Geistesstörungen bekannt geworden, so wird diese Person kaum Gefahr laufen, eine krankhafte Anlage zn vererben. Handelt es sich aber um Jemand, bei dem bereits des Oefteren ohne derartige Veranlassungen Seelenstörungcn vorgekommen, und wo eine gewissenhafte Prüfung mehrere Generationen hinauf Zeichen von Ent­artung gefunden hat, dann ist es im Interesse einer glück­lichen Ehe und einer gesunden Nachkommenschaft dringend geboten, von einer Eheschließung abzurathcn.

Sehr oft hat es der Arzt jedoch mit Sprößlingen aus Ehen zn thun, aus denen die ersteren die krankhafte Anlage geerbt haben, und wo es nur gelegentlicher Bedingungen bedarf, um den Keim zur vollen Entwicklung zu bringen. Hier handelt es sich darum, in die Lebensbedingungen dieser Kinder in vernunftgemäßer Weise einzugreifen, um sie vor­dem Ausbruche der wirklichen Krankheit zu bewahren. Bei solchen Kindern wird eine sorgfältige Erziehung, eine Kräftigung des Körpers und Geistes schon von den ersten Lebensjahren an Platz greifen und ans eine strenge körper­liche nnd geistige Diät geachtet werden müssen.

Dazu gehört auch, daß bei derartig krankhaft veranlagten Individuen die richtige Wahl bezüglich ihres Berufs getroffen wird. Solche Kinder gehören nicht in ein Gymnasium, wo heutzutage große Anforderungen an das jugendliche Gehirn gestellt werden, denn nichts vermag bei diesen Kindern so leicht die Geisteskrankheit heraufzubeschwören, als eine schon frühzeitig beginnende Ueberbürdung ihres ohnehin schwach

veranlagten Gehirns. Solche Kinder sollten einen bürger­lichen oder technischen Beruf ergreifen, wenn es auch ihren Eltern umso schwerer wird, von dem Gymnastalstudium Abstand zn nehmen, als viele dieser Kinder oft eine besondere, aber einseitige Be­gabung für gewisse Fächer zeigen (z. B. fürs Rechnen, für die Musik), während sie auf anderen Gebieten fast idiotisch sind. Derartige „Wunderkinder" pflegen dann aber späterhin die Hoffnungen der Eltern jämmerlich zn ent­täuschen, und das „Ende vom Lied" ist, daß die Eltern,, die ihr viel bewundertes Kind nicht einem weniger an­strengenden Beruf widmen wollte», in die traurige Lage ge­bracht werden, es iii einer Irrenanstalt verblöden oder sonst geistig dahinsicchen zu sehen („Genie und Wahnsinn").

Auch in der Heranbildung des weiblichen Geschlechts wird in Bezug auf geistige und moralische Erziehung viel­fach gefehlt, indem auf die Aeußerlichkriien des Lebens, auf künftige repräsentative Leistungen zu viel, auf den inneren Gehalt, auf Pflege des Geistes nnd Gemüthes zu wenig Werth gelegt wird.

Bei manchen Personen ist es für ihr Lebensglück geradezu entscheidend, daß sie einen einfachen Beruf und eine ruhige Existenz wählen. Wenn solche Individuen, durch falschen Ehrgeiz getrieben, nach einer hohen Stellung im Leben trachten, so geschieht es nicht selten, daß ihr Geist Schiffbruch erleidet, indem sie der Ueberbürdung und der Aufregung ihres beruflichen Lebens unterliegen.

Sonstige Ursachen für Geistesstörungen sind Kopf­verletzungen, sowie eine Anzahl von Allgemeinkrankheiten, wie akuter Gelenkrheumatismus, Kopfrose, Influenza, Typhus (Nervenfieber) rc.; ferner der Mißbrauch von Morphium neben dem des Alkohol, sowie der Uebergang in einzelne Lebensabschnitte, namentlich bei Frauen, schwere Ernährungsstörungen, heftige Bluwerluste. Von geistigen Ursachen sind besonders zu nennen: Schreck, trübe Gemüths- beivegnngen, verkehrte Erziehung, Ueberbürdung, unzweck­mäßige Lektüre, zumal da, wo eine gewisse ererbt« Schwäche mitspielt.

Die Zeichen, an denen man eine Geisteserkrankung oft schon früh erkennen kann, sind bei der Melancholie: Schlaf­losigkeit, Traurigkeitsgefühl, Aengstlichkeit, Gereiztheit, Arbeitsscheu, Selbstvorwürfe und dergleichen mehr, Er­scheinungen, die schließlich in das bekannte Bild der Schwer- muth übergehen, ohne daß Sinliestäuschungen und Wahn­ideen damit verbunden sind. Das Angstgefühl nnd die schwere Verstimmung des Gemüths führen oft zur Nahrungs­verweigerung und zum Selbstmord.

Im Gegensätze dazu zeigt sich bei der Manie gewöhnlich eine gesteigerte Arbeits- und Lebenslust, ein gehobenes Selbstbemußtsein, ein erhöhter Beschäftigungstrieb, wobei sich jedoch bald unbesonnene, verkehrte, gewaltthätige Hand­lungen bemerkbar machen, bis schließlich Erscheinungen von Tobsucht Eintreten und auch den Laien diese Geisteskrank­heiten klar erkennen lassen.

Wie bei diesem Leiden, ist mich bei der progressiven Paralyse oder der Paralytischen Geisteskrankheit die Diagnose

(Nachdruck verboten.)

U m e.

Von August Schacht.

Sturm aus Nordwest!

Schon seit mehreren Stunden wüthete er mit un- geschwächter Kraft und trieb die Wogen der See mit ge­waltiger Wucht hoch ans Ufer. Der erzürnte Meergott konnte die kleinen Hütten nicht erreichen, denn zn oft waren die Bewohner des Dörfchens von ihm aufgeschreckt worden, sodaß sie sich seinen Umarmungen entzogen hatten, indem sie ihre Wohnungen weiter landeinwärts errichteten.

Am Strand konnten Sturm und Fluthen toben, dort störten sie Niemand und richteten keinen Schaden an, denn Die Fischer hatten beim ersten Zeichen des heraunahenden Unwetters ihre Boote in Sicherheit gebracht und sie höher auf den Strand gezogen. Aber trotzdem eilten Männer und Frauen am Strande hin und her. Wetterfeste, harte Gestalten waren es, die dem Stnrg; Widerstand entgegen­setzen wollten, wetterfest geworden in ihrem schweren Beruf. Galt es doch heute auf dem Posten zu sein, heute, da ein Unwetter hereingebrochen war, wie man es selten erlebt hatte.

Wie oft hatte die Flachküste, welche sich von der Mündung der Elbe bis hinauf zum Cap Skagen erstreckt, schon Schiffen den Untergang gebracht! Weit ins Meer hinein erstrecken sich die Watten, jene verderbenbringenden Untiefen, welche zur Ebbezeit den Bewohnern durch Krabben- und Seehundsfang einen kleinen Verdienst überweisen.

Die Bewohner der Westküste des nördlichen Schleswig, selbst in der Regel Seeleute, hängen zäh an den guten nnd schlechten Eigenschaften ihrer Heimath. Deshalb waren auch heute die beherztesten Männer am Strande versammelt ; sie spähten hinaus in die tobende Wassermenge, bereit, jeden Augenblick Hülfe zu bringen.

Alles blieb ruhig. Kein Signal ertönte, welches Hülfe erheischte.

Doch da! — Ein Schuß, bann ein zweiter, ein dritter folgt! Ein Schiff in Gefahr! Noch ist nichts zu sehen! Eine Rakete steigt empor und giebt die Richtung an, in welcher man die Hülfesuchenden finden wird.

Dort hebt sich am Horizont der Rumpf eines Schiffes ab! Es ist eine Wirk. Noch ist sie dem gefahrbringenden Strande ziemlich fern; aber sie scheint näher zu fliegen.

Wieder ertönen die Kanonenschüsse, Rettung begehrend.

Rastlos arbeiten die Männer am Strande, das schwere Boot ist glücklich ins Wasser gebracht. Zwölf tapfere Männer haben auf den Ruderbänken Platz genommen und bemühen sich, gegen die heranbrechenden Wellen vorwärts zu kommen — es ist unmöglich. Immer wieder erneuern sie ihr Bemühen, immer wieder werden sie an den Strand geworfen. Wer Hilst? Neue Fischer eilen herbei. Sie wagen den Versuch — er mißlingt.

Die Bark befindet sich in verzweifelter Lage. — Nun sitzt sie auf Grund fest und von dem heftigen Anprall ist der Hauptmast über Bord gegangen. Die Dorfbewohner scheu es, sie wiffen auch, daß das Schiff dem Untergang geweiht ist. Aber wie Helsen?

Wortlos starren die Männer in die Wasseröde vor sich, die Weiber jammern und ringen die Hände.

Plötzlich ertönt eine laute Stimme.

„Was stehl Ihr und sperrt's Maul auf? Vorwärts, es muß gehen!"

Es ist Jürgen Petersen, einer der kräftigsten Burschen des Dorfes. Ihm hatte Jeder gern den Führerposten ein­geräumt, zeichnete er sich doch vor Allen durch seinen Muth, seine Unerschrockenheit und Thatkraft aus. Ein Weg ins nächste Dorf hatte ihn bisher fern gehalten, sonst wäre er längst thatkräftig eingesprungen; denn außer Muth besitzt er ein warmes Herz für seine Mitmenschen.

Aber sein Wort scheint heute nichts zu vermögen.

„Es geht nicht, Jürgen, es ist umsonst", ruft ihm einer der Männer zu.

„Unsinn, es muß gehen!" lautet die Antwort. „Wer will's noch einmal mit mir wagen?"

Da bleibt Keiner müßig; Jeder will den Bedrängten Hülfe bringen. Zwanzig handfeste Leute wählt Jürgen sich aus.

Noch einmal wird der Versuch gewagt. Schmer kämpfen die Männer, aber sie kommen vorwärts, langsam nähert sich die Schaluppe der Bark, die, schon ganz entmastet, einen traurigen Anblick bietet.

Die Schiffbrüchigen sehen die Anstrengungen der Retter, sie rufen und winken und ermuntern die Kämpfenden. Nun ist die Schaluppe in die Nähe gekommen. Ein Tau wird vom Wrack aus zugeworfen. Die Schaluppe liegt neben dem sinkenden Schiff. Jede Minute ist kostbar. Aber leider ist zn wenig Platz im Boot, es ist zu sehr mit Rettern überfüllt. Nur ein Theil der Schiffbrüchigen kann ausgenommen werden.

Verzweifelnd ringen die Zurückbleibenden die Hände und flehen um Rettung, die ihnen auch zugesagt wird.

Noch einmal unternimmt Jürgen mit feiner Mannschaft die Fahrt zum Wrack, und glücklich wird auch der zweite Theil der Mannschaft gelandet.

Die Bewohner des Dorfes bemühen sich um die Er­matteten. Plötzlich aber hört man einen gellenden Angst­schrei, der trotz deS Sturmes vom Schiffe herüberhallt. Einer ist drüben zurückgeblieben. Aber er muß gerettet werden.

Noch einmal will Jürgen die Fahrt wagen, aber seine Mannschaft ist von den zwei Fahrten erschöpft, sie kann nicht mehr arbeiten.

Jürgen bittet, droht, aber — die Leute können mcht mehr.

Da eilt der tapfere Fischer auf fein eigenes kleines Boot zu, welches in der Nähe liegt. Mit kräftigen Armen schiebt er es auf dem schmalen Brett ins Wasser und macht sich bereit, dem Vergessenen Rettung zu bringen.