Wiestm-mer (Tanlildtt.
44. Jahrgang.
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No. 428.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Samstag, den 12. September.
LezirkS-Fernsprecher No. 52.
1896.
Abend-Ausgabe.
(Nachdruck verboten.)
Die wirthschastliche Lage Kretas.
Von Gustav Kreuke.
Es find nicht nur nationale, religiöse »nd politische Fragen, aus denen sich Volksaufstände entwickeln, auch wirthschaftliche Gründe können zur Erhebung eines Volkes führen oder wenigstens wesentlich dazu beitragen. Ein neues Beispiel dafür liefert Kreta. Nationale und religiöse Fragen bilden scheinbar die einzigen Gründe der Empörung, aber diese würde trotz alle» Schürens von außen schwerlich den jetzigen Umfang angenonimen haben, wenn die türkische Regierung durch eine fürsorgliche VolkSwirthschaft der Insel ihren einstigen Wohlstand erhalten hätte. Den Türken ist cs aber nicht eingefallen, die Erwerbsquellen der Inseln zn fördern; vielmehr hat es ihre Mißwirthschaft dahin gebracht, daß die Kreter bei einem Aufstand an äußeren Gütern nicht viel zu verlieren haben.
Am Südende Europa» gelegen, das größte Eiland des griechischen JuselmeereS, befindet fich Kreta an einer großen Handelsstraße ehe» Europa, Asten und Afrika und scheint berufen, der Haupt- lplatz für den Handel dieser Gebiete z» werden. Bei einer Länge von nicht weniger als 240 km und einer Breite bis zu 60 km hat die Insel einen Flächeninhalt von 8000 Geviertkilomctern und ist 51 Seemeilen von der Südostecke Moreas und 95 Seemeilen von Asten entfernt. Bei dieser günstige» Lage ist cs nicht wunderbar, daß die Kreter im Altcrthum einst die Herrschaft über die Meere besaßen, ihre Schiffe nach säinmllichcu Küsten des Mittclmecrcs entsandte» und zur Unterstützung ihres Handels Kolonicen in Sizilien gründeten. Andererseits reizte aber die bevorzugte Lage Kretas zur Eroberung; den Doriern folgten die Römer, dann die Byzantiner, Araber, Venetianer und die Türken. Besonders unter venctianischer Herrschaft war Kretas Blülhezeit; seitdem aber die Türke» zn Ende des siebzehute» Jahrhunderts die Insel besitzen, ist der Wohlstand schnell abwärts gegangen. Abgesehen von Griechenland möchte namentlich England die Erbschaft der Türken antreten.
Gegenwärtig wird Kreta von einem Vali oder General- gouverucur, der von der Pforte ernannt wird, verwaltet; zur Seite steht dem Bali ein Muschavir oder Unter-Gouverneur, und zwar solle» beide nie gleicher Nationalität oder vielniehr Religio» sein, sondern der eine Mohammedaner, der andere Christ, sodaß beide Religionen vertreten sind. Gewöhnlich ernennt übrigens die Psorst einen Mohammedaner zum Vali und einen Christen zum Muschav c, während die Kreter das umgekehrte Verhältniß wünschen, da die Mehrheit aus Christen besteht. EineNalionalvcrsainmlnngvon 80Abgeordneten, nämlich 31 Mohammedanernund49 Christen, wird durchmittel- bare Wahlen provinzweise gewählt. Die Tagung dauert 40 Tag« und findet unter dem Vorsitz des Vali statt: die Verhaudlunge» erfolgen in griechischer Sprache und die Br" ..ässe über den Haushalt und die örtlichen Gesetze werden unter Vorbehalt der Bestätigung durch bett Sultan mit Zwcidrittel-Mehrheit gefaßt. Die Nationalversammlung wählt überdies je zur Hälfte aus Mohammedauern und Christen die 10 Mitglieder eines allgenteineu Verwaltuug«- rathcs, welcher dem Vali zur Seite steht. Dem Vali uutcrstchcn die Gouverneure der fünf Provinzen: Kaikea, Nhithyinno, Sphakia, Kandia und Lasithi; jedem Gouverneur steht ein Provinzialrath zur Seite.
Nach der letzten Zählung (1887) hat Kreta 294,192 Einwohner, von denen 88,487 Mohammedaner und 204,781 orthodoxe Griechen sind; letztere haben einen Erzbischof-Metropoliten, der direkt dem Patriarchen in Konstantinopel untersteht. Um beiden Nationen gerecht zn werden, theilen sich die Richter, die von der Nationalversammlung eruannt werde», in Mohammedaner und Christen, auch Verden alle amtlichen Urkunden in türkischer und griechischer Sprache oerfaßt. Von den Einwohnern treiben noch nicht 10,000 ein Handwerk, kaum 3800 widmen sich dem Handel, höchstens 41,000 sind Landwirlhe und etwa 7500 Hirten. Wen» auch die Dichtigkeit der Bevölkerung im Verhältiiiß zum Flächenraum größer als in der europäischen Türkei und in Griechenland ist, so ist sie doch nur gering im Vergleich zimi Alterthum, wo Kreta über eine Million Eiu-
wohner gehabt haben soll. Dieser Rückgang der Bevölkerung ist zugleich ein Zeichen des zurückgegangknen Wohlstands. Nur das Alterthum konnte i» Kreta die Wiege des Plutns, den Ceres auf einem Garbenbett geboren, erblicken, heute wäre das »»denkbar.
Und doch ist Kreta bei mildem Klima ein fruchtbares Land. Im Sommer übersteigt das Thcriuometer selten 32 Grad Celsius und im Winter hält es sich durchschnittlich aus 8 Grad; bereits im Februar beginnt der Pflanzenwuchs sich zu entwickeln. Judeffen ist die Landwirthschaft ebenso zurückgcbliebeu wie in Griechenland; der unwissende Bauer hat feilten Unternehmungsgeist, verwendet nur veraltete, ganz eiusache Geräthe und hat ein mangelhaftes Aubau- und Ernte-Veifahren, er erzielt demnach auch mir alle zwei Jahre, namentlich vom Olivenbaum, gute Er"'".i. Bei allen seinen Arbeiten verliert der Laudwirth viel Zei. und erreicht mir geringe Erträge, bereit Güte zu wünschen übrig läßt. Auch bei den Laud- flütern von größerer Ausdehnung ist es nicht viel anders; der Betrieb wird schlecht geleitet, in Abwesenheit des Herrn folgt der Pächter der alten Überlieferung und baut die Früchte an, ohne Kenittniß von der Beschaffenheit des Bodens zu haben. UeberdieS ist der kretische ,Laudwirth stets verschuldet und demnach nicht in der Lage, eine nutzbringende Ausgabe zn inachen.
Ein fernere Hittderuiß für das Gedeihen der Landwirlhfchaft sind die trostlosen BeförderungSverhältniffe. Wirkliche Wege fehlen vollständig uud man ist gezwungen, fich der Manlthiere zu bedienen; mir in der Umgegend von Cauea sind die Wege für Karren fahrbar, ober eS handelt sich dabei nur um Strecken von höchstens 6 km Länge. Sehr häufig sind selbst die Saumpfade, wenn sie durch Regen ober Schnee ausgewaschen sind, auch für Manlthiere nicht gangbar; die wenigen gemauerten Brücken, welche vorhanden sind, haben hauptsächlich den Veutliattern ihren Urfpritng zu verdanken. Endlich bezüglich der Häfen, die mit dem Innern kaum in Verbittdung stehen, sind die ehemals von den Venetianerit hergestelltett Kunstbanten, die zur Zeit ihres Entstehens eine außergewöhnliche Wichtigkeit hatten, ans Mangel an Sorgfalt versandet; die Dampfer können nicht einlaufe» und das Ein- und Anrladen der Maaren geht nur sehr mühsam vor sich.
Aus allen diesen Gründen sind, wen» wir dein „Moniteur des intdrets materiels“, der uns hauptsächlich als Quelle diente, glauben dürfen, die verschiedenen landlvirthschaftlichen Erzeugnisse wenig ergiebig und von geringer Güte. Sowohl au Gerste, die aus der ganzen Insel augebaut wird und nicht nur den Bauern, sondern auch Pferden und Manlthieren zur Nahrung dient, als auch an hartem oder weichein Korn bringt Kreta nicht wesentlich mehr als 1860 hervor, jedenfalls bedeutend weniger, als für den eigenen Gebrauch nothwendig ist; gleichwohl bringt besonders in der Messara-Ebene das Getreide vorzüglicher Güte sünf- tiudzwanzigfachen Ertrag, und diese Ebene allein köunte nicht nur ganz Kreta ernähren, fonbern auch noch einen lieber« schuß zur Ausfuhr liefern. Im Johauuisbrodbanm könnten bi« Kreter einen sehr leicht zu bebaiibeltibeu Gegenstand des Obstbaus finden, beim es genügt, bett wilben Baum zu pfropfen; auch würde der Anbau sehr lohnend sein, da auf dem eiiropäischen Markt beständig Nachfrage nach Johannisbrod ist. Bezüglich der Knoppereiche ist eS noch besser, da sich die Arbeit auf das Abschlagen und Sammeln der Eiche' t beschränkt, und doch ziehen die Einwohner n icht de» Vortheil daraiis, wie sie könnten. Der Anbau des Oelbaums ist am wichtigste» für die Jufel uud müßte eine Quelle des Reichthums werden, aber man widmet dem Baum nur ganz ungenügende Sorgfalt, man beschneidet ihn weder, noch putzt man ihn aus, auch düngt man ihn nur feiten; wenn daher die Ernte von 1886/87 55 Millionen kg brachte, so ergab das folgende Jahr höchstens 12 Millionen kg. Aber auch das Verfahren der Oelgewinuung ist sehr mangelhaft geblieben; man hat wohl einige mechanische Pressen eingesührt, aber im Allgemeinen werden di« Oliven in Säcke» ans Ziegenhaar unter bet Mühle zerstoßen. Da die Einwohner die Früchte erst samineln, wenn sie voni Baume fallen, so sind sie stets verdorben, wenn man sie preßt und das Oel ist mir zur Beleuchtung verwendbar. Eist neuerdings hat mau daran gedacht, die Oeltrester zu verwenden; früher warf man sie fort, ohne sic zu benutzen. Auch aus dem Weinbau könnte man riesige Erträge erzielen; gegenwärtig ergiebt er etwa 2 Millionen Mark. Aber obwohl man der Rebe nicht mehr ganz unbearbeitetes Land widmet, so überläßt man sie doch allzusehr der Natur, und das Verfahren der Kelterung besonders
ist außerordentlich roh; die Trauben fwerden in einen Bottich der im Weinberg eingemauert ist, geschüttet und, mit Gips bestreut, etwa zehn Tage lang der Gärung überlassen. Die Bewohner nutzen bei Weitem nicht die köstlichen Eigenschaften des getvürzige« Honigs, den die Blimie» bet Insel geben, aus. Der Seidenbau ist trotz ber massenhaft im ganze» Land vorhandenen Maulbeerbäume geradezu im Verfall. Endlich vom Gewerbebetrieb ist kaum zu reden, höchstens Seideuzeug oder Filzluch, aus grober Schafwolle verfertigt, ist erwähueuswerth; nur Seife wird in mehreren Fabriken hergestellt.
Der nUgenieiue Handelsverkehr Kretas belief sich 1855 auf etwa 20 Millionen Mark, die sich ziemlich gleichmäßig auf Ein- und Ausfuhr vertheilten; heute erreicht er etwa das Anderthalbfache Indessen hat diese Verutehrung kaum die Bedentitng, wie eS auf den ersten Blick scheint, wenn man bedenkt, daß feitdein 4 Jahrzehnte verflossen find und daß allerwärtS mit beut Uebergnng von ber Natural- zur Geldwirthschast ein riesiger Aufschwung beS HanbelSverkehrS stattgefunben hat. Znr Ausfuhr bringt Kreta höchstens für 13 Millionen Mark Olivenöl, für 1'/- Millionen Mark Wein, für l1/« Millionen Mark Johannisbrod, für 250,000 Mark Knopper (Eichengalläpfel), für 150,000 Mark Orangen und Citrone» und ebenso viel Mandeln. Dagegen führt es für Millionen Siet«, Mehl, Gerste und Getreide ein — Erzeugnisse, die eS feinem eigenen Boden entnehmen könnte; man muß auch Salz einfübren, da man das zur Zeit ber venetianischen Herrschaft anSgebeutete Salzbergwerk von Tuyla hat verfallen lassen.
Das ist jebenfalls klar: ber wirlhschastliche Nothstand ist in Kreta ebenso schwer als ber politische. Schwierig aber ist bie Abhülfe; benn ob bie Türkei ober Griechenland die Herrschaft über die Insel hat, ober aber ob diese die volle oder beschränkte Selbständigkeit erringt, das ändert an der Wirthschastslage Kretas gar nicht«. Anders wäre es allerdings, wenn etwa England die Verwaltung Kretas übernehinen würde, wie s. Z. Cyperns; nur liegt diese Lösung durchaus nicht im Interesse der übrigen Schiffahrt treibenden Nationen Europas; beim die schon jetzt allzu mächtige englisch« Postenkette im Mittelnieer: Gibraltar, Malta, Cypern und Egypten würde durch Kreta noch unerwünscht verstärkt und dadurch bie Befahrung des Mittelmeers unter Umftäiibeit von Englands Willen abhängig werben.
Politische Toges-Rundschau.
— Türkisches. Ans Konstantinopel, 8. September, wird uns geschrieben: Der Sultan benimmt sich als echt orientalischer Despot, indem er den Botschaftern gegenüber sehr hochfahrend auftritt und durch die offiziösen Blätter verkünden läßt, nur durch freundschaftliche Vorstellungen könnten sie etwas erreichen; als ob sie den Padischah erst anflehen müßten und Europa nicht berechtigt wäre, die Erfüllung der von der Pforte gegebenen Versprechen zu verlangen. Wenn auch momentan die Ordnung hergestellt wurde, so sind doch, wie die Verhältnisse jetzt liegen, jeden Tag wieder neue Unruhen zu erwarten. Eine Aenderung zum Bessern kann auch nicht eintreten, ehe die Beamten nicht von dem praktischen Einflüsse Europas überzeugt werden. Die Energie, welche die Vertreter der Mächte zeigen, kann aber gar keinen Eindruck auf die Bevölkerung machen, denn diese erfährt nichts davon. Der Depesche vom 29. vorigen Monats, in welcher die Botschafter ihr Bedauern über die Vorkommnisse aussprachen und erklärten, wenn dieselben nicht sofort aufhörten, würde dies der Türkei und der Dynastie den größten Schaden bringen, darf kein Blatt auch nur Erwähnung thun. Das Einzige, was die ottomanische Regierung bisher zur Nachgiebigkeit zu bewegen vermochte, war die Geldnoth. Die türkische Diplomatie hat nun ein neues Mittel ausfindig ge-
(Nachbrnck verboten.)
FrauenemanriPatio».
Novellette von F. v. Kapff-Effcnther.
„Ich muß mich ernstlich beklagen," sagte Doktor Herrmann in dem ihm eigenthümlichen nachdrücklichen, etwas pathetischen Tone.
Er war ein sehr hübscher, schlanker Mann, etwa Mitte der Dreißig, mit schönem, sonorem Organ und dem ernsten Wesen eines Pädagogen, der ganz bei der Sache ist. Leider hatten Wäsche und Kleider etwas Vernachlässigtes, der Gegenstand seiner „ernstlichen Klage" war ein kleines blasses Mädchen von etwa dreizehn Jahren, das Privatunterricht genoß, weil ein Fußübel es am Schulbesuch hinderte. Dies schwächliche Geschöpfchen kontrastirte schroff mit der üppig blühenden Erscheinung der Mutter, einer prächtigen Blondine.
„Na, lieber Doktor, worüber beklagen'S sich denn eigentlich?" sagte die schöne Frau so recht gemüthlich. Der Doktor war durch diesen Ton etwas aus der Fassung gebracht. Nicht ohne Mühe fand er seinen großen Ernst wieder. „Johanna," sagte er, nach dem kleinen Mädchen deutend, „war in der Physikstunde wieder besonders unaufmerksam. Und ich habe doch durch eine Reihe interessanter uud leicht- faßUcher Experimente"---
„Ich hab's nicht verstanden", schluchzte Johanna, sonst auch „Hansi" genannt.
„Aber liebes Kind, die Elektricität, d. h. das Elektro- skop, es giebt nichts Einfacheres! Du warst nur ganz unaufmerksam" —
„Schäm' Dich, Hansi," sagte die Mama streng. „Der Herr Doktor ist doch so lieb zu Dir, Du müßtest ganz glücklich sein, daß er sich mit einem Fratzen, wie Du's bist, abgiebt! Und nun geh' und iß Deine Eierspeise auf, aber- schnell, und ttink' Deinen Unaarwein aus, aber schnell, schnell!" —
„Lieber Herr Doktor," rief Frau Pauline, nachdem das schmollende Kind die Thür hinter sich geschlossen hatte, „sci'n Sie nicht bös, aber wollen wir nicht lieber die ganze Elektricität weglasscn? Ich hab' auch keine blasse Ahnung davon. Wozu denn? Wenn man zn Hause was braucht, läßt man doch den Elektrotechniker holen. Ich bitt' Sie, ein Mädel, das soll ja bisset was lernen, aber nur nicht gelehrt werden! Ich bitt' Sie"---
So gutmnthig, so liebenswürdig dies Alles vorgebracht wurde, Herrmann blieb sehr ernst.
„Ich muß Ihnen leider widersprechen, gnädige Frau. Sie verkennen Erfordernisse unserer Zeit hinsichtlich der Franenbildung. Da handelt es sich nicht ums „Brauchen", um das praktisch Anwendbare, sondern nm die Fähigkeit, zu erkennen und zn nrtheilen. Gerade in den letzten fünfzehn Jahren, meine Gnädige, seit Ihre Ausbildung vollendet wurde, hat sich Vieles geändert. Die Natur- erkenntniß und ihre technische Anwendung, das ist ja so wunderbar, so großartig, weshalb sollte nicht auch die Seele eines Weibes sich daran bilden und erheben? Das fängt mit dem Einfachsten an."
„Aber es geht halt nicht hinein in der Hansi ihr Köpfchen. Lieber Doktor, nehmen Sie doch einen Schluck Wein und sein's gemüthlich." Sie schenkte den blaßgoldenen Sherry in zwei zierliche fein geschliffene Gläschen. Draußen lag der Sonnenschein auf den herbstlichen Bäumen des Gartens, zu welchem man aus dem traulichen kleinen Salon direkten Zutritt hatte. Es war Alles auf Gemüthlichkeit gestimmt, nur der Doktor wollte nicht recht gemüthlich werden.
„Sie nehmen die Sache zu leicht, gnädige Frau," fuhr er fort. „Ihre Kleine ist etwas verwöhnt, kann und sollte aber lernen, • e ein anderes Kind. handelt sich heute um die geistig. Ebenbürtigkeit des Weibes. Ich bin ein Mann, aber von der inneren Nothwendigkeit dazu durchdrungen, nur aus einer tüchtigen modernen Bildung, aus der
Schulung des Denkvermögens kann eine Gleichberechtigung der Frau hervorgehen."
Nun war auch Pauline ernst geworben.
„Sie sind also ein Anhänger der Frauenemanzipation?" „Nun, natürlich, in dem Sinne, wie ich eben sprach, natürlich! Wie sollte ich denn nicht?"
Und er sah die schöne Frau fest aus seinen klaren, grauen Augen an. Sie war dunkelroth geworden.
„Sie sind es selbst, gnädige Frau, eine so kraftvolle, energische Natur, wie Sie."
„Das bin ich, wenigstens glaub' ich's sicher," versetzte sie „wenigstens hab' ich meinem Manne die Wirthschaft, es war eine große Landwirthschaft, in Ordnung gehalten, und so, daß es sich lohnte, wirklich verlohnte. Und von seinem Leichtsinn hab' ich ihn kurirt. Und dann, — das Unglück auf der Jagd, — dafür konnte Keiner! Seine eigene Unvorsichtigkeit! Aber wenn wir, mein Kind und ich, nun eine gesicherte Zukunft haben, so ist's mein Verdienst. Und daß dies Kind noch lebt, daß es nicht für immer unglücklich wird, sehen Sie, lieber Doktor, da hab' ich das Meine auch dazu beigetragen. Und so kann jede Frau in ihrem Kreise schaffen und wirken, auch wenn sie gar nicht emanzipirt ist. Mich hat's nie darnach gelüstet, das Wahlrecht auszuüben, das auf unserem Grundstück haftete. Die Politik, die hält nur von der Arbeit ab, und die Männer verbummeln sich dabei."
„Aber liebe gnädige Frau —"
Sie winkte eifrig ab. f
„Natürlich, ich weiß, was Sie wollen. Ich schweife ab — Frauenart. Doch wollte ich Ihnen nur dabei beweisen, daß ich die „Errungenschaften", oder die „Ziele" der Frauenemanzipation nicht abweise ans bloßer Dummheit, sondern daß ich darüber nachdenke. Diese ganze Frauenbewegung ist eine bloße Modesache, ein Zeitvertreib für verschiedene Frauen und alte Jungfern mit Geld. — Wir
