Einzelbild herunterladen
 

Uiksbckkmr TsgM.

Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — BeziiaS-PreiS: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgasse 27.

13,500 Abonnenten

Anzeigen-PreiS:

Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.

Uo. 422.

BrzirkS-Fernfprecher No. 52.

Mittwoch, den 9. September.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

1896.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Protektorat-Kolonie.

Unser Londoner o-Korrespondent schreibt uns:

Das stete Vordringen Rußlands in Ccntralasien be­unruhigt Großbritanuien seit vielen Jahren, weil die un­mittelbare Nachbarschaft eines großen Militärstaates, der zudem in nächster Zukunft in der Lage sein wird, zahlreiche Mannschaften und Kriegsmaterial per Eisenbahn fast bis an die Grenze Indiens zu befördern, eine stehende Gefahr für das anglo-astatische Kaiserreich bildet. Diese Beunruhigung vermehrt sich durch die offenbare Ueberlegenheit der russischen Diplomatie über die englische, die sich sowohl während des chinesisch-japanischen Krieges als beim Friedensschlüsse bemerkbar machte. Der Czar ver­folgte eben ein bestimmtes Ziel, als er China erst Freundschaftsdienste leistete und es sich dann tribut­pflichtig machte, als er die Garantie für die erste chinesische 4-procentige Anleihe von 400 Millionen Francs übernahm, bei der er — nebenbei gesagt — weder einen Pfennig riskirte noch verausgabte, da die Franzosen das nöthige Geld bereit­willig hrrgaben. Die Engländer schwankten damals bekanntlich zwischen einer Begünstigung Japans und Chinas; sie wollten sich womöglich beide Reiche verpflichten, um ihre Handels­beziehungen auszudehnen, und erregten dadurch sowohl in Peking als in Tokio Mißtrauen. Das Resultat war, daß die in ganz Asien mit Geschicklichkeit verbreitete Meinung, die Weltmacht und der Reichthum Großbritanniens befänden sich im Niedergänge, eine Bestärkung erfuhr. Das Prestige des letzteren Staates nahm also in Asien erheblich ab, und in demselben Grade wuchs das Ansehen Rußlands. Der Ein­druck, den Li-Hung-Tschang auf Grund seiner persönlichen Beobachtungen mit nach Hause bringt, kann an dieser That- sache schon deshalb nichts ändern, weil im chinesischen Reich keine Zeitungen existiren, derer sich der außerordentliche Gesandte Chinas zur Verbreitung seiner Erfahrungen be­dienen könnte.

Da sich nun der Einfluß Englands in Asien vermindert, so sucht es sich dafür in Afrika zu entschädigen. Seine Thätigkeit in letzterem Erdtheil entzieht sich einigermaßen der allgemeinen Beurtheilung, weil sie sich an so vielen Stellen zu gleicher Zeit entfaltet. WaS sich z. B. in diesem Jahre in Transvaal und in Rhodesia zugetragen hat, darum be­kümmerte sich die ganze Welt, weil sie ein direktes Interesse daran besaß, wogegen andere, zurKonsolidirung derbritisch­afrikanischen Besitzungen veranstaltete Unternehmungen weniger Beachtung fanden, als ihnen gebührte. Das gilt unter Anderem von der Expedition gegen die Achantees, die keinerlei Opfer an Menschenleben forderte — nur der deutsche Gemahl der jüngsten Tochter der Königin Victoria starb dabei am Fieber — und im gewissen Sinne sogar vom Kriege gegen die Derwische im Sudan. Anfangs rief letzterer ja allerdings diplomatische Streitigkeiten hervor.

doch bezogen sich dieselben mir auf den Geldpunkt und harren noch jetzt ihrer Erledigung. Die zehn Millionen Mark, die England zur Bestreitung der Kosten aus dem egyptischen Reservefonds entnahm, wogegen Rußland und Frankreich protestirten, reichen aber nicht weit, denn erstens ist die britische Kriegsführung überhaupt sehrkostspielig,zweitens sind dieHinder- niffe, welche die Elemente dem Vordringen des Heeres entgegen« stellen, ungleich größer, als man voraussah oder vielleicht voraussehen wollte, während endlich das Endziel des Er­oberungszuges mit jedem noch so kleinen Erfolge weiter hinausgeschoben wird. Es liegen in diesem Augenblick aus­führliche Berichte von Koscheh vor, die sich zwar zum großen Theil mit Kleinigkeiten befassen, aber doch erkennen lassen, daß es sich thalsächlich nm einen Vernichtungskrieg, um die Eroberung des ganzen Sndangebiets bis Khartum handelt, das durch das tragische Ende Gordons eine so traurige Berühmtheit erlangte. Selbstverständlich gießt man vor, die Provinz für Egypten gewinnen zu wollen, doch kommt es auf den Namen des Kindes wenig an, denn daß das Chedivereich mehr als je in englische Abhängigkeit gerathen wird, wenn diegroße Gebielsausdehnnng es der hiesigen Regierung erleichtert, den Termin zur Zurückziehung ihrer Truppen auf unabsehbare Zeit hinauszuschieben, das liegt auf der Hand und ist auch der Hauptzweck des Feldzuges. Trägt Großbritannien zudem die weiteren Kosten selbst, so bessert sich seine Stellung noch, da es in dem Falle darauf pochen dürfte, mit eigenem Gut und Blut Egyptens Sicher­heit erkauft zu haben.

ließet die neuliche Episode in Zanzißar erfolgte endlich Seitens des Auswärtigen Amtes eine offizielle Bekannt­machung, die in ihrem Wortlaut ganz unschuldig klingt, sich aber nichtsdestoweniger der aufmerksamen Prüfung, be­sonders Seitens Deutschlands, empfiehlt, da die Folgen der Affaire recht weitgehende sein dürften. Das Dokument erklärt nämlich, daß sämmtltche Gebiete in Ostafrika, die unter dem Protektorat Ihrer Majestät stehen, mit Ausnahme der Inseln Zanzibar und Pemba, so­wie des Uganda-Protektorats, zu Verwaltungszwecken eine einheitliche Regierung unter dem Titel „Ostafrikanisches Protektorat" haben sollen. Dasselbe umfaßt die Territorien, die nördlich bis an den Jubastrom gehen, östlich vom in­dischen Ocean begrenzt sind, sich südlich bis an das deutsche Interessengebiet erstrecken nnd westlich bis an das Uganda- Protektorat reichen. Im Weiteren sind sämmtliche Inseln inbegriffen, die zwischen den Flußgebieten des Juba und Umba liegen. Ein Blick auf die Karle belehrt darüber, daß es sich um eine sehr bedeutende Gebietskoiisolidirung handelt, die den deutsch-afrikanischen Interessen hinderlich werden könnte.

Der Begriff „Protektorat" wirb hier übrigens sehr ver­schiedenartig ausgelegt. So lange das betreffende Land werthlos ist, läßt man es wirklich beim Protektorat be­wenden, sobald aber eine wirthschaftliche Entwickelung in Aussicht steht, verwandelt es sich in eine abhängige Kolonie, d. h. in eine britische Provinz. Dies ist das Schicksal, welches man auch Egypten zudenkt, und es wird speziell

alle auglo-afrikanischen Gebiete treffen, aus denen sich ein geschäftlicher Nutzen herausschlagen läßt. Die Heldenthaten John Bulls gegen Neger, Araber und im Allgemeinen all die machtlosen fremben Stämme, die noch nicht einsehen gelernt haben, daß sie ihre Freiheit und ihren Besitz opfern müssen, um Altenglands Reichthum zu vermehren, geben ihm nach seiner Meinung die vollste Berechtigung dazu.

Politische Tages-Krrndschair.

— Zum Czarenbesuch. Die „Neue freie Presse" in Wien widmet dem Czarenbesuch in Breslau einen langen Leitartikel, in welchem sie zwar zugiebt, daß die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens dadurch gestärkt fei, es aber eigenthümlich findet, daß man in Rußland mit großer Sorg­falt bemüht sei, ausschweifende Hoffnungen, die etwa in den Staaten des Dreibundes an den Czarenbesuch geknüpft werden könnten, im Keime zu ersticken.

— Innere Kolonisation. Um das Werk der inneren Kolonisation zu fördern, ist die Staatsregierung, abgesehen von der Thätigkeit der Ansiedelungs-Kommission und der General-Kommissionen, auch in der Weise vor­gegangen, daß sie in umfangreichem Maße staatlichen Grund und Boden für die Besiedelung bestimmte. Zu diesem Zweck sind zunächst ca. 3000 Hektar von bereits in Kultur befindlichem Domänen- und forstfiskalischen Besitz zur Ver­fügung gestellt worden, auf denen bis jetzt 123 Renten­güter mit 312 Hektar Flächeninhalt begründet sind, während die Errichtung weiterer Reutengüter aus forst- fiskalischem Besitz in den Provinzen Ost-, Westpreußen und Posen im Gange ist. Die Ansiedler sind durch Bauprämien, amortisirbare Baudarlehen und Beihülfen zur erstmaligen Einrichtung wesentlich unterstützt worden. Um ferner für die fiskalischen Forsten Waldarbeiter dauernd zu gewinnen, sind solche auf fiskalischen Pachtflächen seßhaft gemacht worden, wobei ihnen in gleicher Weise bei Errichtnng eigener Gebäude mit staatlichen Mitteln geholfen wurde. Endlich ist die Kultivirung ausgedehnter fiskalischer Moorländereien fortgesetzt und neu in Angriff ge­nommen und von diesen Fläche» zunächst ein Areal von 3340 HKlar zur Auslegung von 435 Stellen bestimmt worden. Es kommen hier vornehmlich in Betracht das Mar- cards- und Kehdinger-Moor in der Provinz Hannover, das Augstumal- und Rupkalvener Moor, sowie das Große Moos- bruch in der Provinz Ostpreußen. Hier ist überall mit der Urbarmachung durch Entwässerung und Befestigung des Moors mit seiner Herrichtung zur Hochmoor- und Fehnkultur durch Kanal-, Straßen- und Feldbahnanlagen, mit der Vorbereitung des Bodens durch Düngung, mit der Anlegung von Ver­suchsfeldern und Wiesen begonnen, und auf den schon länger kultivirten Flächen sind mit staatlichen Mitteln Kolouate errichtet worden, die im Wege der Rentenguts­bildung aus dem Pacht- in das Eigenthumsverhältniß über­geführt werden sollen. Für alle diese kolonisatorischen Maß­nahmen sind feit dem Jahre 1892 unter der Zweckbestimmung „für die Errichtung ländlicher Stellen auf staatlichem Grund

(Nachdruck verboten.)

Dir französische Uational-Sibliolhek.

Pari«, 7. September.

Frankreich nimmt e§ stets und mit Recht als einen ganz besonderen Ruhm in Anspruch, eine National-Bibliothek in feiner Hauptstadt zu besitzen, wie sie in der Welt nicht noch einmal in solchem Umfang und solcher Reichhaltigkeit existirt; selbst die oft mit ihr verglichene des Britischen Museums in London kann sich in dieser Beziehung nicht mit ihr messen. Die Pariser National-Bibliothek umfaßtmehr als 3,000,000 Bände und die Fluth steigt noch unaufhörlich. Jedes Jahr gelangen infolge der gesetzlichen Vorschrift, daß von jedem Druckwerke ein Exemplar an die Bibliothek abgeliefert werden muß, 30,000 Bände an dieselbe, ca. 6000 einschließlich fremder werden jährlich von ihr angekauft und 4000 ihr zum Geschenk gemacht. Auch die Sammlungen an Manuskripten, Stichen rc. sind mit die prachtvollsten, die man finden kann.

Trotz dieses NcichthumS dürfte aber die französische Naüonal-Bibliothek der Allgemeinheit weit geringere Dienste leisten als manche weit weniger umfangreiche, und dies ist, wie leider so häufig in Paris, auf die mangelhaften Ein­richtungen znrückznführen. Allerdings sind über 3,000,000 Bände vorhanden, aber da es an einem vollständigen Katalog fehlt, so steht nur ein Theil derselben den Lesern zur Ver­fügung, und mancher Fremde, der von dem Vorhandensein dieses ober jenes Werkes in der hiesigen Bibliothek Kenntniß hat und eine Reise unternimmt, um es zu ftubiren, findet zu seiner nicht geringen Enttäuschung, daß es zwar da, aber nicht erhältlich ist.

Seit langen Jahren spricht man bereits davon, daß ein Katalog eine absolute Nothwendigkeit sei, ohne daß bisher auch nur der Anfang mit dem Druck eines solchen gemacht worben wäre. Der Grund dafür ist immer der gleiche, nämlich daß, während man auf der einen Seite Millionen gleich nichts achtet, für gemeinnützige Zwecke Tausende

nie zu Gebote stehen. So hat man es bisher noch nicht zur Einführung des elektrischen Lichts gebracht, und da Lampen mit Recht als zu feuergefährlich betrachtet werden, sieht man sich im Winter, der Zeit, die für das Studium doch die geeignetste ist, genöthigt, die Bibliothek früh zu schließen. Um drei Uhr bereits werden Bücher nicht mehr ausgetheilt, sobald es vier schlägt, müssen die er­haltenen zurückgegeben werden.

Von den wenigen Stunden, die so verbleiben, ist aber noch eine halbe, ’/*> eine ganze, ja hin und wieder selbst

l* 1/» in Abzug zu bringen, die zwischen der Zeit, in welcher man feinen Zettel niedergelegt und man das Buch erhält, vergehen. Es hängt dies von der Menge der Besucher, dem Werke, welches man wünscht, und vor Allem von der Schnelligkeit und Intelligenz der Beamten ab.

In letzterer Beziehung bleibt aber gar Manches zu wünschen übrig. Abgesehen davon, daß man gerade in der National- Bibliothek, wo doch viele Fremde hinkommen und man es auch mit geschulteren Leuten zu thun haben sollte, von der berühmten französischen Höflichkeit noch weit weniger an- trifft als irgendwo anders, sind auch viel zu wenig An­gestellte vorhanden. Das Resultat ist, daß dieselben überarbeitet sind und sie sowohl als auch die Leiter sogar oft die Geduld verlieren. Es gießt dies zu Reklamationen Veranlassung, wodurch man das Gewünschte aber nicht schneller, sondern im Gegentheil meist noch lang­samer erhält. Die Zahl der Beamten beträgt nämlich 54, während z. B. die Bibliothek des Britischen Museums deren 122 hat, und die gewährten Gehälter sind nicht dazu an- gethan, geschickte und intelligente Personen anzulocken, denn für diese 54 Angestellten finden sich zusammen nur 130,000 Mk. im Budget ausgeworfen. Da die Biblio­thekare gut bezahlt werden, so bleibt für die kleineren Beamten nicht viel übrig, und die Dienstleistungen stehen, wie dies überall zu fein pflegt, mit den Salairen in Uebcreinftimmung. Gegen die oberen Angestellten ist nichts

zu sagen, dieselben benehmen sich in jeder Weise zuvor­kommend und unterstützen die Arbeitenden nach Kräften, aber sie sind eßen nicht im Stande, viel zu thun mit einem zu beschränkten Personal und den geringen Krediten, die die Haliptschnld daran tragen, daß ein vollständiger Katalog noch immer nicht vorhanden ist.

Ganz eigenthümliche Vorschriften sind auch in Kraft, die wohl ihre raison d’6tre haben, aber mit dazu beitragen, daß die National-Bibliothek ihren eigentlichen Zweck so wenig erfüllt und, statt ein Institut zu sein, das den Studirenden möglichste Erleichterung gewährt, mehr ein riesiger Aufbewahrungsplatz für Bücher rc. ist. So dürfen z. B. Revuen und Zeitschriften, die nur in einem Exemplar vorhanden, nicht ausgelegt oder überhaupt irgendwie zugänglich gemacht werden, ehe sie ge­bunden sind. Es hat dies insofern seine Berechtigung, als wohl sonst Manches davon verloren gehen könnte, aber da bei der Menge der eingefanbten Veröffentlichungen 2 bis 3 Jahre vergehen, ehe diese aus der Hand des Buch­binders kommen, so besitzen sie für die meisten der Leser überhaupt keinen Werth mehr. Ebenso wird es nicht ge­stattet, ein Buch mit in de» Lesesaal zu bringen, sodaß es unmöglich ist, Vergleichungen mit anderen Werken, mit Auf­zeichnungen und dergleichen anzustellen. Der eigenthümlich mißtrauische Charakter der Franzosen läßt sie nämlich be­fürchten, es würden Diebstähle verübt werden, wenn man mit Büchern unter dem Arm die Bibliothek verlassen dürfte, eine Auffassung, die der Ausländer als beleidigend empfindet, die dem Hiesigen aber berechtigt erscheint. Selbst wenn Letzteres jedoch nicht der Fall wäre, würde er sich nicht ein­fallen lassen, Einwendungen zu erheben, denn dieses Ab­wechslung liebende, undisziplinirte Volk ist dabei auch das leichtlebigste und geduldigste der Erde, und daher kommt es, daß längst als veraltet erkannte Einrichtungen fortbestehen und Paris stets die letzte Stadt ist, die sich die der Neuzeit zu eigen macht. W. Waldau.