WiesWmr 8agblatt
44. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
13,5®O Abonnenten
Uo. 420
Dienstag, den 8. September.
1896.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
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Abend-Ausgabe
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Salon geführt. Im mächtigen Kamin knisterte ein munteres Feuer, auf dem Boden war ein großes, weißes Eisbärenfell, das beit Gedanken gleich an den Nordpol hinlenkte, aus- gebreitct. In einer Ecke des Salons stand ein prächtiges Pianino, mit Photographieen von Nansen in den verschiedensten Stellungen und Kostümen völlig bedeckt, und über demselben war eine kolossale Büste, Nansen vorstellend, angebracht. Bequeme und elegante Möbel, Stickereien, Nippsachen und prächtige Blumen füllten das Zimmer und gaben der Wohnung einen zugleich vornehmen und traulichen Charakter. Das Schönste war jedoch die wundervolle Aussicht über den Fjord und die stille Bucht, von den schneebedeckten Tannen umrahmt. Die Sonne glitzerte auf dem Eis, das über dem Fjord lag, und die weite Fläche schien mit Millionen funkelnder Schneejuwelen bedeckt zu sein.
Während ich in diesen Anblick vertieft saß, wurde eine Thür geöffnet und Frau Nansen stand vor mir. Eine vornehme, prächtige Erscheinung! Ein schönes Profil mit scharf geschnittenen Zügen, große dunkelblaue Augen mit einem energischen. und zugleich wehmüthigen Ausdruck im Blicke, eine stolze Haltung, ein bezauberndes Lächeln, das eine Reihe prachtvoller Zähne zeigt, graziös in jeder Bewegung — das ist das Bild Eva Nansens.
Sie empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit und erkundigte sich nach ihren zahlreichen Freunden und Bekannten in Kopenhagen. Dann lenkte sich das Gespräch natürlich auf ihren abwesenden Gatten. Ich fragte sie, was sie von der Nachricht, daß Nansen nach Sibirien gekommen sei, meine.
„Es ist eine falsche Nachricht/ antwortete sie in einem sehr bestimmten Ton. • „Daß mein Mann sein Ziel erreichen mid zurückkommen wird, davon bin ich fest überzeugt, aber es ist noch zu früh, so schnell und so leicht wird es nicht gehen!"
Wir saßen beim Fenster, und ihr Blick schweifte über die weite eisbedeckte Fläche, die vor uns lag. Ich äußerte meine Bewunderung über die wundervolle Aussicht.
„Jetzt ist es ein wenig monoton hier, wenn Alles von
(Nachdruck verboten.)
Eva Nansen.
Einige persönliche 'Erinnerungen.
Augenblicklich, da der Name Nansen auf Aller Lippen schwebt, dürfte cs nicht ohne Interesse sein, über die Gattin des kühnen Polarforschers einige persönliche Erinnerungen und genauere Mittheilungen, als die kurzen Notizen, die die Tagespresse schon gebracht hat, zu erfahren. Wohl wenigen Frauen wurde es vergönnt, so große Triumphe wie die, welche Frau Nansen dieser Tage mit ihrem Manne in Norwegen feiert, zu erleben, aber auch wenige Frauen haben so lange und bange Tage in Ungewißheit und Angst über das Leben und Schicksal ihres Galten verbracht! Wenige Frauen auch haben mit solchem Heldcnmuth und so großer Seelenstärke die Prüfungen einer dreijährigen Trennung bestanden!
Eva Nansen gehört einer sehr angesehenen Familie in Christiania an. Ihr vor einigen Jahren verstorbener Vater Frederik Sars war Professor der Geschichte an der Universität Christianias und hat mehrere Werke, die in den wissenschaftlichen Kreisen der norwegischen Hauptstadt großes Ansehen genießen, veröffentlicht. Von den zwei Brüdern Eva Nausens ist der eine Professor an der Universität, der andere ein sehr angesehener Geograph. Die alte Frau Sars lebt noch, sie ist 80 Jahre alt und sie hat also in ihrem hohen Alter die große Freude erlebt, Zeugin des Triumphes i ihres Schwiegersohnes zu sein.
Es war keine Vernunftehe, die Eva Nansen einging. Die Familie Sars ist nicht vermögend, und auch Nansen ist nicht mit irdischen Gütern überhäuft. Die jungen Leute, die auf einer Schlittenfahrt Bekanntschaft gemacht hatten, fühlten sich jedoch mit unwiderstehlicher Sympathie zu einander hingezogen. Anfangs suchte Nansen seine Liebe zu bekämpfen, er fühlte, daß seine Zukunft zu unsicher sei, um an eine Heirath denken zu können, und er wollte das . Wrue und begabte junge Mädchen, das seine Liebe er
widerte, nicht überreden, viele Jahre auf ihn zu warten. Nachdem er aber von seiner ersten Gröulandsreise glücklich zurückgekehrt war und sein Name durch diese kühne Expedition schon eine gewisse Berühmtheit erlangt hatte, verlobte er sich mit Eva Sars, und kurz nachher wurde die Hochzeit gefeiert.
Das junge Paar bewohnte eine hübsche Villa in Lysaker, einer kleinen Stadt, die eine halbe Stunde von Christiania entfernt liegt. Ich hatte in diesem Winter Gelegenheit, Frau Nansen in ihrer Villa zu besuchen. Als im März die falsche Nachricht von Nansens Rückkunft nach Europa die Welt überraschte, hielt ich mich gerade in der norwegischen Hauptstadt auf, und ich beschloß, Frau Eva Nanseu'aufzusuchen, um ihre Meinung über die genannte Nachricht zu erfahren. Ich hatte ihr auch persönliche Grüße vom Großhändler Gamol in Kopenhagen, der Nansen 100,000 Kronen für die Grönlands-Expedition schenkte und dieselbe dadurch ermöglichte, zu überbringen.
An einem schönen Frosttag Anfang März langte ich in Lysaker an. Von der Station führte der Weg durch einen Wald, wo der Schnee unter jedem Schritt knirschte. Die Lust war hell und klar, Alles war so still, daß kein Laut die feierliche Ruhe, die in dieser weltverlorenen Gegend herrschte, unterbrach. Es war mir nicht schwer, die Villa Nansens zn finden, denn jedes Kind in der ganzen Umgegend kennt sie. Nachdem ich den Wald durchquert hatte, machte der Weg plötzlich eine Biegung, und ich stand vor einem schönen rothen Gebäude, von den starken Balken, die in Norwegen als Bauholz verwendet werden, aufgeführt. Hier wohnt also, dachte ich, die moderne Penelope und erwartet jihren Mann, der sich auf einer viel weiteren und viel gefährlicheren Reise als diejenige des Odysseus befindet. Wie groß muß die Energie und der Heldenmuth dieser Frau fein, dachte ich, um so viele Jahre ohne jegliche Nachricht von ihrem Gatten getrennt zu leben — und doch immer die Hoffnung und die Zuversicht zu bewahren!
Ich trat ins Hans hinein und wurde in einen großen
In der freiheitlichen Aera, die nun für Baden anhebt und in der Männer wie Stabe! und Lamay und später Mathy, Jolly und Andere den Bestrebungen Großherzog Friedrichs den rechten Boden gewannen, konnte die Entwickelung des badischen Landes die schönsten Früchte zeitigen. Das Leben des Volkes durchzog ein frischer Hauch und in dem „Musterstaat", wie Baden nach der Einführung des Gesetzes über die Kreisverfassung vielfach hieß, blühten Gewerbe und Handel, Kunst und Wissenschaft empor. Dann aber auch wurde der Großherzog seinem Volke ein Führer auf nationalem Gebiete. Daß die Einigung Deutschlands nur unter der Führung Preußens denkbar sei, erkannte er schon früh und wußte seiner Ueberzeugnng, die im Lande vielfach die süd- deutsche Hinneigung zu Oesterreich zu überwinden hatte, kraftvoll Ausdruckzuverschaffen. Schon am 29.Novemberl857antwortete er auf eine Adresse des Landtags: „Meine Pflichten gegen Preußen fallen mit meinen Pflichten gegen Deutschland zusammen." 3n diesem Sinne wirkte er fortgesetzt, so 1860 zu Baden-Baden bei der Zusammenkunft des Prinz-Regenten von Preußen mit Kaiser Napoleon, so 1863 auf dem Fürstentage zn Frankfurt. Und als nach dem Kriege von 1866, der ihn nur durch die Verhältnisse gezwungen auf der Seite Oesterreichs gesehen hatte, das Schutz-und Triitz- bündniß mit dem Norddeutschen Bund geschlossen ward, da war es nur die Sorge Bismarcks vor einem sofortigen Kriege mit Frankreich, welche den Eintritt Badens in den Norddeutschen Bund selbst nicht zur That werden ließ. Aber nicht lange mehr währte es und Schulter an Schulter mit den deutschen Brüdern von Nord und Süd erkämpften die badischen Schaaren auch das höchste Ziel, daran das nationale Streben des Großherzogs festgehalten hatte zu allen Zeiten: der deutschen Stämme Einheit, das neue Deutsche Reich. Der 18. Januar 1871, an welchem Tage Großherzog Friedrich dem ersten deutschen Kaiser den ersten jubelnden Heilruf darbrachte, er bedeutete die Erfüllung auch seiner schönsten Träume, aber auch feiner unablässigen Sorgen und Mühen, die auch in jenen Verhandlungen über die Reichsgründung auf das Lebhafteste und Erfolgreichste zu Tage traten. Das aber wird das deutsche Volk ihm nie und nimmer vergessen, wie denn sein unausgesetzt nationales Wirken ihm auch die innigste Freundschaft des alten Kaisers wie des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm eintrug und ihm des jetzigen Kaisers Dankbarkeit und Verehrung stets lebendig erhielt.
Auch heute noch ist Großherzog Friedrich im gleichen begeisterungsfreudigen Sinne thätig. Nicht des Alters Beschwerde kennt er, nicht großer Strapazen Ungemach, wenn es gilt, bald hier, bald dort im Lande die Männer seines Volkes, vor Allem die alten und jungen Krieger, anzuspornen: werth zu bleiben des Errungenen und für des Vaterlandes Größe einzustehen zu allen Zeiten. Mit sorgender Liebe steht ihm Großherzogin Luise zur Seite, Noih und Krankheit im Volke nach Kräften zu heilen, und wie innig die Herzeusgemeinschafi ist, welche diese beiden-«dein Menschen jetzt 40 Jahre mit einander verbindet, das zeigt am besten der Großherzogin Ausspruch am silbernen Hochzeitstag:
Leopold, sah Prinz Friedrich einen Regenten, der mit vollem Verständniß den auf die Einigung Deutschlands zielenden Bestrebungen entgegenkam, der persönlich in des Sohnes Begleitung den als Reichsvekweser erwählten Erzherzog Johann in Frankfurt a. M. aufsuchte und begrüßte. Dem Sohne selbst begegnen wir dann bald darauf im Hauptquartier des Generals v. Wrangel in Schleswig- Holstein, wohin er als Major im Dragoner-Regiment „Großherzog" mit den badischen Truppen geeilt, um an dem Kampfe für dir alte» deutschen Stammlande theilzunehmen, der leider im Waffenstillstände zu Malmö ein so unerwünschtes Ende fand. Uni) wieder treffen wir Prinz Friedrich in Karlsruhe an, wo er — im Jahre 1849 — inzwischen Bataillons-Kommandeur im Leib-Jnfanterie-Regiment geworden war. Und im Mai desselben Jahres war es dann, wo die revolutionären Bestrebungen, die durchs Land gingen, auch bei den Truppen Eingang fanden, wo auch des Prinzen persönliches, muthllolles Vorgehen vergebens war und er gleich dem Großherzog, den Ministern und den treu gebliebenen Offizieren das Land verlassen mußte, derselbe Prinz, dessen ganzes Leben ein Mühen war für die Größe und Einheit des deutschen Vaterlandes. Und ebenderselbe, dem er einst dieses geeinten Vaterlandes ersten huldigenden Kaisergruß darbringensollte, Prinz Wilhelm von Preußen, war es dann, der die Empörung in Baden für immer niederwarf.
Wenige Jahre nach jener unheilvollen Zeit, am 21. Februar 1852, übernahm der noch nicht 26-jährige Prinz Friedrich zuiiächst als Stellvertreter des schwerkraiiken Bruders die Regentschaft, um dann, da die Negierungsunfähigkeit des Großherzogs Ludwig als dauernde sich erwies, am 5. September 1856, also vor gerade 40 Jahren, der Würde des Regenten auch den entsprechenden Titel des Großherzogs hinzuzufügen. Und noch im selben Monat, am 20. September, gab Großherzog Friedrich in seiner jungen Gemahlin, der Prinzessin Luise von Preußen, der einzigen Tochter des späteren Kaisers Wilhelm, seinem Volke die treu sorgende Landesmuiter.
Gerade die elften Zeiten der Regierung des Großherzogs waren mancher schweren Sorgen voll. Das Konkordat, welches der badische Staat mit der Selbständigkeit fordernden katholischen Kirche nach mancherlei Kämpfen abgeschlossen, war es vor Allem, das der liberalen Mehrheit des Volkes unerträglich dünkte und gegen das in- und außerhalb der Kammer Sturm gelaufen wurde. Und Großherzog Friedrich, ohne sich durch die Wirren des Jahres 1849 in seiner eigenen freigesinnten Ueberzeugnng von Recht und Pflicht bei Fürst und Volk wankend machen zn lassen, stellte sich mit seiner fürstlichen Entscheidung in einer wirkungsvollen Proklamation am 7. April 1859 auf die Seite der Kammermehrheit. Bei dem Landtagsabschied desselben Jahres rief er den Abgeordneten jene herrlichen Worte zu, die ihn zu einem der volksthümlichsten Fürsten gemacht haben, die so recht ein Abglanz seines innersten Wesens sind: „Ich konnte nicht finden, daß ein feindlicher Gegensatz sei zwischen Fürstenrecht und Volksrecht!"
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(Nachdruck verboten.)
Zum 70. Geburtstage Großherzog Friedrichs von Baden.
(Am 9. September 1896.)
Von Albert Herzog.
.... „So ftifch blüht fein Alter, wie greifender Wein." ....
Der alte Arndtfche Vers, er kommt Einem in den Sinn, wenn man dem nun siebzigjährigen Großherzog von Baden in das leuchtende blaue Auge schaut, wenn man feine hohe, ungezwungene und leicht einherschreitende Gestalt erblickt, die gewinnenden Züge des auch im Ernste freundlich milden Antlitzes. Nur daß auf den Bart, der voll das Gesicht umrahmt, der Schnee des Alters sich gelegt, nur daß einzelne Runen auf der Stirn erzählen von dem bitter» Menfchen- leid, das auch vor Thronen nicht Hali macht. Noch Manches freilich erzählt uns das ganze Leben des Großherzogs Friedrich, von den stolzen Erfolgen feiner freimüthig edel» Gesinnung, die ihm das Herz feines Volkes unwandelbar gewann,^von dem echt-nationalen, treuen, jeden Widerstand besiegendes Einstehen für die Sache der deutschen Einheit, der Wiederaufrichtung des großen, herrlichen Vaterlandes, das ihm das Herz ganz Deutschlands in ausrichtiger Verehrung für alle Zeiten znwandte. Und so ist es leicht erklärlich, daß der Tag, an welchem Großherzog Friedrich das siebzigste Lebensjahr vollendet, nicht nur inner- HM der roth-gelben Grenzpfähle des unter seiner Regierung mächtig aufblühenden badischen Landes begeisterten Sinnes gefeiert wird, ^sondern daß überall in deutschen Landen seiner gedacht wird, wo mir immer die heldcnmüthigen Vorarbeiter ünd Paladine der schwer errungenen Reichseinheit als Vorbilder wahrer deutscher Art gepriesen werden.
Als zweiter Söhn des Prinzen und späteren Großherzogs Leopold von Baden und dessen Gemahlin Prinzessin Sophie Wilhelmine von Schweden hatte Prinz Wilhelm Friedrich Ludwig ursprünglich keine Aussicht, den badischen Fürstenthro» zu besteigen. Mit seinem um 2 Jahre älteren Bruder Ludwig genoß er gemeinsam Unterricht und militärische Erziehung, besuchte auch gemeinfam mit ihm die Universität zu Heidelberg zum fast zweijährigen Studium der Geschichte und Staatswissenschasten, bis seit dem Jahre 1845, in dem ein schweres Leiden des Erb- grotzherzogs feinenJhifang nahm, Prinz Friedrich allein in militärischer und wissenschaftlicher Beziehung der ferneren Ausbildung oblag. In Bonn, wo er vornehmlich noch staatsrechtlichen Studien sich widmete, war eS Dahlmann, der den jungen Prinzen besonders erzog. Die Beendigung der Bonner Studientage fiel in das Frühjahr 1848, das mit feiner für Baden verhäiignißvollen Folgezeit nicht ohne Eindruck auf des zukünftigen Fürsten Herz bleiben konnte. In seinem Vater, Großherzog
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