Wiesbadener Tagblatt
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Sl«jeigen-PreiSr
44. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27,
13,500 Abonnenten
Uo. 408.
Dienstag, den 1 September.
1896.
BezirkS-Fernsprecher No. 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
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„Ich denke denn doch. Soviel ich weiß, wird Niemand Dir streitig machen."
„Theoretisch, ja."
Deutsches Deich.
* flof- und Personal-Nachricht«». Eine plötzliche Reise der Koiserin nach Plön, am Freilag Vormittag, war durch die Meldung von einem Unwohlsein des P r i n z e u E i t c l F ric d r i ch veranlagt worden. Der Prinz war, als er mit seinem Pony über ein Stoppelfeld rill, mit demselben gestürzt und von diesem leicht am Fuße beschädigt worden. Er liest sich zwar sogleich auf das Pferd beben und ritt zur Stadt zurück; die Kaiserin aber wollt« sich selbst von dem Zustande ihres Sohnes überzeugen und fuhr sofort nach Plön.
* Berlin, 1. September. Die „Nordd. Allgem. Ztg." schreibt: Aus Wien bringt der Telegraph die erschütternde Knude von dem Ableben des russischen Ministers des Auswärtigen, Fürsten Lobanow-Rostowski. Mit aufrichtiger Theiluahme wird von der kaiserlichen Negierung dieser plötzliche Todesfall beklagt, der das befrenndete Rußland so unerwartet seines Leiters der auswärtigen Politik in einem Augenblick beraubt, wo die europäische Diplomatie sich vor die Lösung ernster Aufgaben ge-
ist vorzüglich. Und . . . Sie, Kellner, bringen Sie mir noch ein Glas Bier! — Du hast doch den Hausschlüssel, Tilly?"
Tilly nickte. Er muß erst satt sein und die Cigarre angesteckt haben, dachte sie. Dann wird er sich schon aussprechen.
Aber die Cigarre brannte schon lange und Albert war noch mit keinem Worte auf die Erbschaft zurückgekommen. Lauter Geschichten von seiner Reise kramte er aus, die Tilly nicht im Mindesten interessirte. Endlich begann sie: „Gehört das Geld nun. mir?"
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: SO Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
(Nachdruck verboten.)
Der Cxar in Daris.
Paris, 30. August.
8L: Es ist wahrhaftig Zeit, daß der Czar kommt. Die Geschäfte .. eheu derart schlecht —1 — B.: Na, in Kriegszeitcn gehen sie doch noch viel schlechter. — 81.: „Wer spricht von Krieg — ? — B.: Aber bester Freund, — der Czar in Paris, — das ist doch Krieg! — A.: Ei, wieso denn? — B.: Na, weil die Kehrseite der Medaille: ,,ES lebe Nustland l" doch „Nieder mit Deutschland!" ist. Der Czar m Paris — das ist der Rückgewinn von Elsast-Lotbringen. — A. (ironisch): E» würde uns wenigstens für die Milliarden entschädige», die wir ihm geborgt haben.
ES giebt kein Kaffeehaus, keine Privatlvohuung, in denen der für den 5. Oktober angekündigte Besuch des Czarcupaares nicht schon jetzt häufig den Hauptgegcnstand des Gesprächs bildete, ohne daß freilich der Glaube au einen baldigen Krieg wie in obigem Wirthrhausgespräche vorherrscht. Man hat eben in Frankreich und selbst in Paris ziemlich unklare Vorstellnugen von Rnstland und seinem absoluten Herr», und bildet sich eben gerade deswegen ein, daß cs nur einer ich möchte sagen schiedsrichterlichen Macht- sprucheS des Czaren bedürfe, um die „geraubten Schwesterproviuzeu" wieder in Frankreichs Grenzen hiucinziizaubern. Nicht minder verkehrt find die Vorstellungen, die sich das Publikum, dauk den systematischen Lügen der Pariser Presse, von der „Freundschaft deö russischen Kaiserhauses" gebildet hat. Millionen von die Czareusaiuilie darstellenden Bilder» in Oelsarbcndrnck mit der Unterschrift „Die Freunde Frankreichs" sind in die Provinz verschickt worden, und diese Form der Neklamc für das russisch- französische Bündniß, au dessen Vorhandensein allerdings noch viele einsichtige Patrioten zweifeln, ist nicht »»geschickt. Das große Publikum hat in der That wenig Sinn sür die lediglich aus wirklicher oder vermeiutlichcr Jntercssengemeiuschaft beruhende Vcrnunstehr zweier Staaten) es hat authropomorphische Neigungen und sieht im Czaren willig einen in die Republik Marianne — statt in Julia — verliebten Romeo, ohne Anstoß an der widersinnigen Vor- stellmig eines die Henkcriu von Louis Capet liebenden Autokraten. Und so beschäftigt sich denn alle Welt mit dem glänzenden Empfang, der ihm bereitet werde» soll und bereits zu den abenteuerlichsten und hirnverbranntesten Vorschlägen Anlaß gegeben hat. So schlug der „Figaro" bekanntlich vor einiger Zeit vor, dem noch ungcborcncn Czarenkinde eine Wiege zu stiften, was Cassagnac zu dem ironischen Versprechen Anlaß gab, sein Blatt werde die Windeln, ein anderes die Amme, ein drittes das Sang- fläfchchen liefern. Trotzdem die Negierung offenbar auf Anlaß des russischen Botschafters diese wohlgemeinte, aber taktlose Begeisterung mit dem kalten Wafferstrahl amtlicher Noten etwas abznkühlen bestrebt war, arbeitet die Eiu- bildmigskrast in den Köpseu doch rastlos lveiter und Jeder malt sich — natürlich unter dem Vorwand des Patriotismus! — in seiner Weise die persönlichen Vortheile aus, die er vou dem Besuch des Czaren und der Czarin haben könnte, und wäre es auch nur, um sein hysterisches Bedürfniß, gesehen zu werden und von sich reden zn machen, so viel wie irgend möglich befriedigen zu können. Betrachten wir unter diesem Gesichtspunkte etliche Pariser Type»!
Der Börsianer. Unser Börsiailer mit einem nicht selten deutsch klingenden Name» spekulirt im Voraus darauf, daß dem Czaren zu Ehren die Kurse der zahllose» russischen Anleihe» erheblich steigen werden, er rühmt sich dieser Spekulation in den Cafös in der Rue Vivienne als einer patriotischen und betont, daß der Ezar ohne ihn, der für die hundertfache Ueberzeichunug der jüngsten Anleihe eingetreten ist, überhaupt nicht gekommen wäre. Er ist gern bereit, sich an dem Geschenke zn betheiligcn, das die Pariser Börse dem Hohen Gaste überreichen könnte, denn er ist, wie gesagt, zum Mindeste» ein ebenso gnter Patriot wie andere Leute, und er wünscht nur, daß sein Name aus der dem Czaren zu überreichenden Gcderliste einen i» die Augen springenden Platz erhalte.
Der ehrliche Republikaner. Mit gestutztem Boulangcr- bart. Fühlt sich sehr lebhaft als Abkomme Derer, die für
(Nachdruck verboten.)
Frauen unter Vormundschaft.
Novellctte von Wilhelm Berger.
Frau Tilly Herzog hatte geerbt. Ganz unerwartet waren ihr vierzigtausend Mark in den Schooß gefallen. Heute Morgen hatte sie es erfahren, und noch immer sauste und brmlste es in ihrem Kopfe.
Diese alte Tante Cornelia Schneegansl Da hatte Tilly
F immer geglaubt, sie bestritte ihre geringen Ausgaben ails einer kleinen Rente und könnte sich nichts gönnen, nicht einmal ein Stück Kuchen zum Sonntagnachmittagskaffce. Und deshalb hatte die gutherzige Tilly, seit sie verheirathet war und in gute Verhältnisse gekommen, der alten darbenden Person zu Weihnachten und zum Geburtstage jedesmal ein Poftpacket mit allerlei sclbstgebackenen Leckereien geschickt, und außerdem noch im Winter, wenn es einmal tüchtig fror, ein paar Flaschen Portwein zum Warmwerdeu. Und nun stellte sich heraus, daß Fräulein Cornelia Schneegans in der Wolle gesessen hatte und nur an häßlichem Geiz gelitten.
'Albert, Tillys Mann, der zum Begräbniß gereist war, hatte es ihr geschrieben. Zuweilen im Lauf des Tages durchschoß sie der Gedanke: sollte Albert sich auch einen schlechten Scherz erlaubt haben? Dann zog sie den Brief aus ihrer Tasche und las ihn, zwischen Furcht und Hoffen.
„Was hat Papa geschrieben?" fragte die kleine Lina, die beständig beobachtend um ihre Mutter Herumstrich.
„Er kommt heute Abend," erwiderte Tilly. „Und das ist auch ein Glück; länger halt' ich's nicht aus."
Am Abend ging sie zum Bahnhof, eine Stunde vor der Zeit. Und als endlich der Zug gekommen und Albert dem Wagen entsUegen war, hängte sie sich sofort an seinen Arm: Ist es denn wirklich wahr?"
Albert lächelte bei dieser Antwort. Tilly sah ihn aufmerksam an, überlegte einen Augenblick und sagte dann: „Faktisch stehe ich unter Deiner Vormundschaft. Ist rL nicht so?"
„Du hast mit Nutzen die Vorträge über 1 ie Frauensrage im letzten Winter gehört."
„DaS heißt also: ich kann über daS Meinige nicht ohne Deine Einwilligung verfügen?"
„So ist es, mein Mäuschen."
„Das ist doch eigentlich empörend, Albert."
„Lästere unsere Gesetzgeber nicht I Sie wollten das Beste."
„Das glaube ich nicht," erwiderte Tilly hitzig. „Sie hätten die Frau vor dem Manne schützen sollen."
„War das so sehr nöthig? Auch in unserem Falle?"
„Das nicht. Und doch ... Du bist Kaufmann; Du spekulirst zuweilen, wahrscheinlich mehr, als Du mir sagst. Ist mein Geld sicher bei Dir — wirklich vollständig sicher?"
Albert sah seine Frau mit einem eigenthümlichen Blick an, doch erwiderte er gutmüthig: „Ich will die Vertrauensfrage nicht stellen. Lieber komm' ich Dir entgegen. Vrr-
gesellschaftlicher Vorgänge, sowie die ernste Kunstkritik mit seiner Indiskretion und Ueberschätzmig des persönlichen, der äußeren Wahrheit, des Uebersächlichen, des Milieu aus der Gunst der Leser verdrängt. Die Zeit ist nahe, wo es interessanter erscheinen wird, zu wissen, wie der Czar schläft, ißt und trinkt, als wie er über Frankreich denkt. Ein Aufenthalt im Vorzimmer des Czaren, eine Unterredung mit ihn: würde die Krönung seiner journalistischen Laufbahn und ein Interview des Fürsten Lobanow wenigsten» eine seiner größten Thaten sein. Er zerbricht sich bereits jetzt den Kopf darüber, durch wessen Vermittlung, durch welchen sinnreichen Einfall, bei welcher Gelegenheit er dies höchste Ziel feilte» Leben» erreichen könnte. Nie hat er mit solchem Eifer, mit solcher Ausdauer minirt, intriguirt und reptilienhaft gekrochen. Inzwischen suchen die Pariser Blätter einander auszustechen, indem sie sich mit Festideeu und BegrüßungSpläneu überbieten und sich um den armen Beherrscher aller Reußen wie um den Leichnam des Patroklus reißen. Nach der Wiege des „Figaro" und der korsischen Leibwache, die lieber» reichung der im Krimkriege eroberten, in einem Thnrm der Notre Dam« angebrachten „Glocke von Sebastopol", die offenbar, wenn mir das kühne Bild gestattet ist, — eine Tochter des Rakoczyschen Säbels ist, den der Czar den Ungarn geschenkt hat! In der Hoffnung, daß dieser dem Beispiel Li-Hung-Tschangs, des Königs der Belgier, der Großfürsten folgen und dem „Figaro" einen Besuch Abflauen wird, thut man in der Redaktion, wie weiland Macbeth, kein Auge mehr zu, und wie Hamlet über das „Sein und Nichtsein" nachdachte, so fragt mau sich fortwährend: „wird der Czarzum Lohnsür die Reklame, die wir ihm unablässig machen, zu uns kommen oder nicht?" Hunderte von gntfranzösischen, die Würde der Republik vertretenden Federu zittern bei dem Gedanken, daß da» amtliche Programm ihren Stand zu stiefmütterlich behandeln könnte, und es flieht keinen Journalisten, der sich nicht aus Patriotismus bereit fände, die für die Gleichheit schwärmende Presse dem russischen Autokraten gegenüber zn vertreten und sich sogar die gegen jegliche Tyrannei zum Barrikadenkampf bereite freie Männerbrust von einem russische» Orden verunstalte» zu lasse».
Die kleine Pariserin ist auch sehr patriotisch, so frfjr, daß sie sich in das Strabengedränge bis in die vorderste Reihe vorwagen wird, um von dem vorübergehende» Czaren gesehen zu werden, aus daß dieser, wo nicht zur Gattin, einer Deutschen, so doch zu seinem Gefolge spreche: „Wahrhaftig, die kleinen Pariserinnen sind doch gar zu chic!" Sie findet eS besonders geschmackvoll, sich die Haare roth wie eine Tizianische Schöne, oder der neuesten Mode entsprechend pechrabenschwarz wie eine Madegassin zu färben, den kleinen Finger adzuspreizen, wie es auf allen Mode-Illustrationen vorgeschriebeu ist, und unsagbar zu trippeln. Sie erinnert sich, daß vor einigen Jahre», zur Zeit, wo sie noch die Gemeiudeschule besuchte, der russische Admiral Avellau mit seinen Flottenosfizieren von den Pariserinnen unmenschlich abgeküßt wurden, und sie wäre bereit, dies selbst dem Czaren zn gestatten, — natürlich ans Patriotismus! Ader wird die deutsche Czarin nicht eifersüchtig werden?
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Shuetgen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 5Ö Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
Ludwig XVI. das Schaffst eben auf dem Platze errichteten, wo man jetzt eine Prunktribüne zur Begrüßung des Kaisers bnnen wird, die „es lebe Polen!" riefen und die den Czareumörder in Schutz nahmen. Er nennt sich mit Stolz den Sohn der Revolntiou nud geräth nun mit sich in einen schwere» Konflikt. Indessen macht ihn fein — Patriotismus aus einem Sanlus zu einem Paulus, aus einem Jakobiner zu einem Moskoviter, und wenn er im Elyfse wohnt, fragt er sich, ob er die Büste der Republik während der Anwesenheit des Autokraten nicht lieber in der Versenkung verschwinden lassen soll. Wenn er ein Journalist ist, debattirt er die Frage, ob man in der Straße „es lebe die Republik!" wird rufen können und gelangt zu dem Ergebniß, daß „es lebe die Republik!" ein »»patriotischer Ruf fein würde. Ist et Polizeipräfekt, so ist er weit mehr auf die Sicherheit und Annehmlichkeit der Gäste, als auf die der Pariser bedacht. Er veranstaltet täglich Razzias und holt aus bett verstaubten Akten alte Vorschriften hervor, um die sich bisher, Pariser Brauch gemäß. Niemand gekümmert hat. So verhängt er schon jetzt unbarmherzige Geldstrafeu über bett Droschkenkutscher, bet raucheub auf feinem Bock befunden wird, um ihn au eine Discipliu zn gewöhnen, an welcher der Czar fein Wohlgefallen haben wird. Für den Pariser war der Monopolcigarreu-Nauch gut genug, aber cS scheint, daß der Russe empfindlicher ist. Mau hat den Vorschlag gemacht, den Kutschern das Nanche» russischen Tabaks zu gestatten.
Der M onarchi st. Mit einem Henri IV-Bart. Er athmet ans und spricht: „endlich ist es erlaubt „es lebe der Kaiser!" zu rufen. Ach, wenn es doch ewig so bliebe, hier unter dem wechselnden Mond!" Seit langer Zeit hat er über die Republikaner nicht so schadenfroh gelacht: „sie schämen sich ihrer Marianne, und sie haben auch wahrlich Grund dazu. Wir, wir haben natürlich das Recht, als gute Patrioten den Czaren zu feiern, aber sie —! Und doch sind sie, schmeichelnd und kriechend, beinahe russifcher als der Czar!"
Die Mondaine. Als er sie heirathete, war er eine ziemlich dunkle Größe. Wer konnte Vorhersagen, daß er Minister werden würde —! Sie stammt aus einer kleinen Bourfleoissamilie, wo man sich um das savoir vivro, nm vornehme Manieren umso weniger kümmert, als man darans in der republikanischen Gesellschaft keinen Werth legt. Herr Felix Fanre war Gerber und von dem kleinen Advokaten Grovy behaupteten boshafte monarchistische Zungen sogar, daß er seine Köchin geheirathet hätte. Die Frau Präsidentin der Republik mit der Kücheuschürze die Czarin empfangend unb vielleicht kaum wagend, sich nachher neben ihr auf das Bescheidenste der Polstermöbel niederznlassen, — welches Bild! 2)1 it einem Male schämt man sich feiner republikanische» Schlichtheit, nachdem man auf sie bisweilen gepocht hat. Und jede Mondaine, die Aussicht hat, bei dem Galadiner im Elyfse oder bei anderer Gelegenheit mit de» russischen Gästen in Berührung zu kommen, weilt noch länger als bisher vor dem Toilettespiegel und übt sich davor, tiefere Verbeugungen zu machen, als es tu Frankreich Sitte ist, wo eiig- lifche Steifheit und englische Kopfverbengnugen die alle Anmuth der geselligen Formen gestört haben, — und zwar womöglich im Schleppkleide. Wie sehr wird Frau und Fräulein Faure vou ihr beneidet! Hat sie auch keine Aussicht, nut Arm des Czaren einher- zustolziren — der schönste Augenblick ihres Lebens wäre das — so will sie ihm doch weniflstenS ansialleti, um von ihm aitflerebet zu werben. Sie wirb sich ja auch mit dem einen ober nnberen Mitglieds des russischen Gefolges zu miterhalteu haben, und so ist sie in jeder Weife bemüht, sich mit russische» Bräuche» und LebeuS- anschauungen vertraut zu machen. Sie hört Vorträge von Franzose», die der Czarenkrönnng beiwohnte», die Ansstellung von Nishnij-Nowgorod befuchteii und barlegett, daß der Czar der Fetisch aller Russe» fei und ihn ehre», alle seine Uuterthaiten ehren heiße. Sie führt russische Gerichte tu ihrer Küche ein, sie kann sich das Leben nicht mehr ohne den Samovar denken, sie raucht Cigaretten, ein Laster, das bekanntlich die Nnssinnen damit be- niätitelu, daß es die Bronchieti gegen die eiskalte Lust von St. Petersburg schütze. Sie bereichert vor Allem ihre Kleiderstände mit russischen, leicht französisch zngestntzten Trachten, wenn sie ihr gut stehn, — wohlverstanben nur ans Patriotismus. Sie bringt eben ein Opfer, ganz wie es für manche vornehme Dame ein Opfer ist, in einem Wohlthätigkeitsbazar in auffallender Tracht sich in einer mehr oder weniger paffenden Form den Hof machen zu lasse».
Der Jonrualist. Reporter von Berus, Deiitscheusresser vou Temperament, Russeitschwärmer — ans PatriotismnS! Der srau- zöfische Journalisiints hat Dank ihm eine wahre Umwälzung erfahren. Der Reporter hat die gründliche Erörterung politischer und
„DaS mit dem Mamtliou?" versetzte er lachend. „Ei freilich! Hast Du daran gezweifelt?"
„Hub eS sind vierzigtausend?"
„Etwas mehr oder etwas weniger."
„Hast Du es mitgebracht?"
„Wo denkst Du hin? Erst müssen noch allerlei Formalitäten erfüllt werden. — Wie geht's den Kindern?"
„Gut," war die kurze Antwort. Diesmal halte Tilly nichts Drolliges von ihrem Herzblättchen zu erzählen.
Der Gatte berichtete: „Ich bin iu ein unruhiges Gasthaus gerathen. Keine Nacht hab' ich ordentlich geschlafen. Dazu alle die Laufereien und Scherereien — ich fühle mich ganz zerrüttet. Und hungrig bin ich auch. Hast Du etwas Warmes für mich zu Hause?"
„Ich weiß nicht ... ich war so aufgeregt heute. . . . Aber Kathrine wird daran gedacht haben."
„Darauf will ich mich lieber nicht verlassen. Wir wollen in ein Restaurant gehen. Solch ein Nest! Nichts Vernünftiges war zu haben. Wie verwöhnt wir Großstädter sind, merken wir erst, wenn wir einmal in ein Landstädtchen verschlagen werden."
Tilly hatte sich die erste Begegnung nach dem großen Ereigniß anders vorgestcllt. AIS sie am gedeckten Tische saßen, fragte sie ihren Manu vorwurfsvoll: „Freust Du Dich denn gar nicht?"
„Worüber? Daß ich etwas mehr zu verwalten habe? — Weiter ändert sich doch nichts."
„Hast Du mich jetzt nicht lieber?"
„Welche närrische Frage! Woher denn?"
Tilly verstand ihren Mann nicht; sie kam sich so gehoben, so viel wichtiger vor als bisher; dafür schien er gar keine Empfindung zu haben.
„Du ißt ja nichts," sagte Albert. Das Wiener Schnitzel
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