MtsbÄemr TsgM
M
2
44. Jahrgang.
Verlag: Langgasse 27.
18,500 Abonnenten.
1896
N-. 400.
Donnerstag, den 27. August.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
vezirkS-Fernsprecher Wo. 52.
1 n »
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werde».
Anzeigen-PrelS r
Die einspaltige Petitzeile für locale Anzeige» 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklame» die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
8
Abend-Ausgabe.
S
#
ro
rr
eo
S
-»
#
Abendgesellschaft. Sammet-
Liv es
vs es
»
-» 3 £ « » »
Dreißig Jahre sind es her, seit ich diese Notizen f)tn= ®arf- Die Bleistiftzüge sind halb verwischt. Da steht
rv •Q
(Nachdruck verboten.)
Im Kann der Mode.
Bon Martha Asmns.
„Was hast Du für eine schöne Figur!"
k Wie mir die Worte folgten! Es war, als hätten sie sich n meinen Ohrmuscheln gefangen und «muten da nicht hinaus, als prallten sie von einer Windung an die andere Knd formten sich zu einem kleinen melodischen Rhythmus: °»Was hast Du für eine schöne Figur!"
t Es war mir heute öfter gesagt worden bei den Arbeiten, dir die Räumereien des Untzugs mit sich brachten, den ^Wnnastischen Künsten, den Hebungen und Biegungen des Körpers. '
L 3ch bin doch immer noch empfänglich gerade für diese Anerkennung! Mein Gesicht — mit dem ist es nun einmal vorbei und zum Glück auch zugleich mit meiner Eitelkeit Darauf. Es hat seine Zeit gehabt, nun mag es ausruhen ^°u dem häufigen Erröthen. Aber mit meiner Gestalt — hat seine eigene Bewandtniß. Es erregt mich so sonderbar in Wehmuth, Trotz, ein wenig Bitterkeit!
L Dazu muß ich nun heute gerade, beim Ausräumen dieses Schrankes, ein altes Notizbuch finden. 1866 steht darauf. Daneben liegen, in Papier gewickelt, zwei große Pholographieen.
(Nachdruck verboten.)
New-Uorlrer Brief.
Von John Tnider.
Mißerfolg des Silberkandidalen. - Erbitterter Wahlkampf prophezeit. — Wunderlicher Gelehrter. — Der sechste Welttheil. — Erbitterung gegen italienische Arbeiter. — Besuch Li-Hung-Tschangs.
Urm-Norir, 15. August.
Je näher wir der Novemberwahl fouimcti, je hitziger wird der *■ Kampf. Es ist aber eine seltsame und gleichzeitig erfreuliche Er- scheiuuug, daß sich der Enthusiasmus für deu Silberkandidatcn Bryan immer mehr und mehr verflüchtigt. Es hat fast den Anschein, als ringe fich die gesunde Beruunft des amerikanischen Bolles immer mehr und mehr an die Oberfläche. Herr Bryan, der Unbekannte, welcher schon Wochen vorher, ehe noch irgend Jemand an seine Nomination zu denken vermochte, seinen Kollegen von der Feder erklärte, daß er der nächste Präsident der Vereinigten Staaten sein würde, wird sich doch noch als schlechter Prophet erweisen. Das Schimmste, was ihm passiren konnte, ist bereits eingetroffen; man glaubt nicht mehr an seine hinreißende - Beredsamkeit, seitdem ihm nachgewiesen worden ist, daß er die glänzenden Phrasen seiner Nominationsrcde nicht etwa in spantaner Erregung herausgesprudclt hat, sondern daß dieselben von ihm beliebte Redewendungen waren, welche er schon Jahre vorher in politischen Versannnluugen gebraucht hatte. Namentlich die Phrase: „daß sich das amerikanische Volk nicht an ein Kreuz von Gold schlagen ließe", welche int Chicagoer Silberkonvent die erhitzte Delegateuversammlung in ■ einen augenblicklichen Rausch des Entzückens versetzte, hat der gefährliche Demagoge nachweislich schon ein halb Dutzend Mal vorher benutzt. Ein instinktives Gefühl hat Herrn Bryan zuerst nach New-Dork geführt, um hier in unserem beliebten Madisou- Square-Gartcn seine politisch« Wahlcampagne zu beginnen. Die Ricsenhalle war theilweise von seinen Freunden, theilweise aber auch von Neugierigen überfüllt, welche gekommen waren, den berühmten ,boy-orator“ zu hören. Als dieser nichts weiter vorzubringen wußte, als die Allen schon bekannten, hochtönenden und inhaltlcereu Phrasen zu wiederholen, da schrumpfte auch der Enthusiasmus 5ür ihn «unter mehr und mehr zusammen und noch am selben Abend meldete der Telegraph durch das ganze Land den bedeutuugs- ' vollen Mißerfolg des Silberkandidaten. Einen geradezu schlechten Eindruck aber machte es auf die Versammlung, als Herr Bryan nicht nur versprach, falls er ins „Weiße Haus" gelangen sollte, für die Arbeiter und alle Nuterdrücktcn des Landes reichlich zu sorgen, . sondern auch auf die Hälfte des Präsidentengehalts zu verzichten. Da das Gehalt jetzt schon für den ersten Bürger eines so groben und reichen Staatswesens ein geradezu lumpiges ist, nämlich 60,000 Dollar, so wird das Verspreche» Bryans ganz richtig nur als eine weitere bombastische Redensart aufgefaßt, um die urtheilslose Masse nm io sicherer zu packen. Nach und nach fangen auch die Farmer des Landes an, mit klareren Augen die politische Situation zu erfaffeu. Diese wahrhaft bedauerns- Wercheu Leute, welche br.rdj die andauernd ungünstigen Geschäftsjahre am allerschwerstc» zu leiden hatten, und von denen heute eine unzählige Menge geradezu vor dem Ruin steht, jubelten dem neuen Heiland, der ihnen schleunigste Rettung aus all ihrer Roch versprach, selbstverstäudlich im ersten Augenblick zu; nachdeut ihnen aber jetzt durch einsichtsvolle Und auf dem Gebiet der Sozialpolitik bewanderte Männer das Silberheilmittel iii seiner wahren Gestalt gezeigt wird, fangen sie an, skeptisch zu werden.
r Wirklich treu sind ihm bis jetzt nur die sozialistisch augehauchteu Arbcitcrkreise geblieben und alle jene Unzufriedenen, welche von einer neuen Regierung Alles zu erwarten und Nichts zu fürchten haben.
k Dieses revolutionäre, die unteren Schichten der Bevölkerung bi» zur Leidenschaft aufregende Element, welches Herrn Bryan in diesen Wahlkampf hineingetrageu hat, kann leicht zu Konsequenzen führen, welche das ganze Land bis ins Innerste erschüttern können.
• “c°en dem heutigen Datum: fftlu<.«vyt|6uf«#«!•. ^uuimci= aä * °$1Ie Krinoline. Richard. Frau Zurnesten." Die
j» Ochsten Blätter sind unausgefüllt. Die Hand hat nicht ** ^togerooCt an die kurzen trockenen Notizen. Ich kann «cht weiter räumen, ich muß mich ein wenig setzen.
gi Am 25. März! Merkwürdig, wie so lange Gestorbenes
• Mötzlich zu vollem Leben erweckt werden kann! Es ist mir
Es gtebt Leute genug hier, und sie gehören nicht zu deu am schlechtest Beratheuen, welche noch vor Ablauf dieser Campagne von einem erbitterten Kampfe spreche», den Arm gege» Reich im ausbrechenden Groll führen werden. Das klingt ein wenig düster, aber unsere wirthschafklichen Verhältnisse sind wirklich recht trauriger Art und die geheime Erbitterung der arbeitenden Klassen gegen das Großkapital hat im Großen und Ganzen nur zu sehr seine Berechtigung.
. Unter den Anhängern Bryans befindet sich auch eine Persönlichkeit, welche auch in deutschen Gelehrteukreisen nicht unbekannt geblieben ist, nämlich Ignatius Donnelly. Das ist in der That ein merkwürdiger Mensch, aus Gcfthrtenthum und Verschrobenheit zusammengesetzt, ein politischer Harlequin, der sich mit kindischem Trotz in eine Idee verrennt; ein Phantast, der Jahre seines Lebens vergeudete, um aus Shakespeares Werke» eine Geheimschrift zu entziffern, in welcher der große Dichter das Bekenntiuß ablegt, daß er nur ein erbärmlicher Fälscher und Lord Bacon der eigentliche Verfasser der Weltdramen sei; ein wirklicher Gelehrter, der in seiner „Atlantis" einen genial erdachten und genial ansgefnhrten Versuch augestrebt hat, die Wiege der Menschheit wieder z» finde». Seine darin entwickelte Theorie gipfelt bekanntlich in der Äehauptimg, daß dereinst zwischen Europa und Amerika ein sechster Welttheil — die Atlantis — gelegen habe, auf welchem sich »och vor der Aegypter Zeiten die böchste Kultur entwickelt habe, und daß von hier aus alle Kultur, alle Götter- und Sintflnthsagen, kurz alle Ueberliesernngen, welche bei den Völkern der Erde noch heute lebe», auSgegangen sind. Er bezeichnet die heutigen Azoren als die höchsten Bergspitzen jener bei einem furchtbaren Natnrereigniß in die Tiefe versunkenen Welt uud behauptet, daß Nachgrabungen auf diesen Inseln nicht nur seine Ausichleu bestätigen, sondern Schätze zur Welt schaffen wurden, die alle bisherigen Lehren vom Ursprung der Völker über de» Haufen werfe» würde«. Dieser seltsame und aus alle Fälle bedeutende Mensch hat sich leider verirrt, sich ins Schlepptau eines Bryan nehme» lasse». Die Rede» aber, welche er bisher für seinen Erwählte» gehalten, schade» diesem mehr als sie ihm «ützen.
Natürlich tritt Herr Bryan auch für die Kubaner ein und verlangt, wenn auch nicht eine Annektion der Insel Seitens der Vereinigten Staaten, so doch die Verkündigung der cubanischen Selbstständigkeit. Er befindet sich darin auch im direkten Gegensatz zu seinem großen Parteigenossen, dem jetzigen Pläsidente», welcher sich genugsam abquält, die den Spaniern zngesicherte Nentralität aufrecht zu erhalten. Der rechtlich denkende Sin» unteres Präsidenten, dessen vielfache Tugendeit zu würdigen erst einer spätere» Zeit Vorbehalten bleibt, ist jeder unbefugte» Einmischung zuwider und zeigt fich immer bereit, jede auftauchende Störung ans friedliche Weise zu lösen. Es zeigte sich dies wieder am deutlichsten bei dem bedanernswerthen Vorfall in New-Orleans, wo von einem verrohten Volkshanseiian italienischen StaatsangehörigcnLynchjustizgenbt wurde. Die Erbitterung der südlichen Bevölkerung gegen die italienische Einwanderung reicht viele Jahre zurück und seitdem vor nicht zu langer Zeit das Bestehen einer italienischen „Mafia" thatsächlich uachgewiesen worden war, nahm dieseErbitternng schon einmal einen sehr gewaltthätigen Ausdruck an. Es ist leider eine Thatsache, daß die Italiener, welche Arbeit suchend nach den Vereinigten Staaten herüberkommen, mit zu den schlechtesten Elementen gehören, welche den Schutz der Regierung beanspruchen. Ungebildet, roh, fanatisch und bigott, nehmen sie wohl all« Freiheiten des Landes für sich in Anspruch, ohne aber jemals wirkliche Bürger unseres Landes zu werden; sie bilden ein Volk im Volke und ziehen dadurch naturgemäß die Abneigung, ja deu Haß der amerikanischeu Bevölkerung auf sich.
Daß sich der große Chinese, Li-Hnug-Tschang, jetzt auf dem Wege zu uns befindet, erregt hier mehr Verlegenheit als Enthusiasmus. Die eigenthümlichen Beziehungen, welch« zwischen den Vereinigten Staaten und dein östlichen Kaiserreich bestehen, und welche durch das Verbot jeder ferneren chiiiesischen Einwanderung einen fast feindliche» Charakter angenommen haben, machen es schwer, diesem seltsamen Gaste besondere Ehren zu erweisen. Für die europäische Begeisterung für Li - Hung - Tschaiig «xistirt hier nicht einmal das leiseste Verständniß und die Zeitungen des Landes widmen schon jetzt dem greisen Diplomaten höchst origiiielle Begrüßungsartikel. Eine derselbe», und das ist typisch für alle, sagt darin ungefähr Folgendes: „Hunde uiid Katzen steigen hoch im Preise und die bunten Papierlateruen
liegen in Hausen gesammelt in den Häusern der Wohlhabenden in Klein-China, beim ein großer Freudentag steht der Kolonie unserer bezopften Mongolen bevor. Kommt doch ihr berühmter Landsmann hierher, der Mann mit dem schönen Namen Li-Hung-Tschang, der Mann, um den sich in letzter Zeit die Völker de» Abendlande» förmlich risse», der Man», der dem Ruse Bismarcks gewaftigKonkurrenz gemacht hätte, wäre er nicht noch in letzter Stunde von dem kleinen Japan aufs Haupt geschlag«» worden, lieber diesen Schmerz hat ihn mm wohl seine Eitropareise getröstet. Denn in Petersburg war sein Empiang feierlich, in Berlin liebenswürdig, in Paris prächtig, in Loudon großartig — aber hier in New-Aork wird er herzlich fein. New-Norks „china-town" wird ihm eine Illumination von beispielloser Großartigkeit bieten. Li-Hmig-Tschaug muß und wird das Chinesenviertel besuchen und sich bann im Hanse des Gesandten des himmlischen Reiches an heimathlichen Leckerbissen erfreuen. Ha-Wa-Lee hat zu dem Fest die größte Ratte, Siug-Shing die dickste Katze uiib Wa-Kong den gemästetste» Mops beigesteuert, uud die Augen Seiner Excellenz »erben mit Wohlgefallen auf den Ehrengaben ruhen. Li-Hung-Tschang soll von einer Deputation frisch gewaschener Waschonkel empfangen uiib dann in eine Muster-Wäscherei geführt werden, wo die berühmte gelbe Jacke nach allen Regeln der chinesischen Waschkunst gereinigt werden wird. Auch unter dem Militär harrt man mit Schmerzen darauf, sich dein großen Li zu präseutireu, um die schon verschiedenfach abgegebene Versicherung zu hören, daß unsere Armee die beste der Welt sei."
So viel steht fest, daß man den östlichen Bismarck ruhig kommen und ruhig wieder gehe» sehen wird.
Ganz gegen meinen Willen ist aus meiner beabsichtigten Plauderei über allerlei Interessantes unserer Stadt ein politischer Brief geworden. Sie können daraus ermessen, wie schwer eS hält, jetzt, wo aus jedem Schuljungen uyd boot-blak ein eifriger Politiker geworden ist, wo in den bar-rooms, Klubhäusern, in den Theatern, aus beu Straßen unb iii beit Familien fast ausschließlich über Politik gesprochen wirb, von anderen Dinge» zu reden als eben von dieser. Es hangt ja auch so unendlich viel für die Wohlfahrt unseres Landes, ja von Europa und der ganzen Welt, von dem Ausgange der komuiendeii Wahl ab, daß ein gewiffeuhaster Korrespondent es für feine allererste Pflicht erachten muß, gerade von ihr und der uns broheiibeu Gefahr zu sprechen. Das nächste Mal will ich Ihnen mehr von Land und Leuten erzählen.
Deutsches Kelch.
* Berlin, 27. August. Wegen Beleidigung des Oberhofmeisters Freiherrn v. Mirbach ist gegen den Herausgeber des antisemitischen „Deutschen General- Anzeigers", Karl Sedlatzeck, auf Veranlassung des Ober- staatsanmalts Drescher ein Strafverfahren eingcleitet worden. Beanstandet ist ein Artikel in dem genannten Blatt mit der Ueberschrift: „Der Judengeld-Sammler für die Berliner Kirchenbanten".
Der Kolonialrath, welcher im vorigen Jahre am 28. Oktober zu seiner Herbst-Session einberufen wurde, wird diesmal wahrscheinlich schon im September einberufen werden, da der Reichstag fast einen vollen Monat früher als 1895 Zusammentritt.
* Koloniale». Wi« die Berliner „Reuest. Nachr." melde», steht für die fämmtlicheu westafrikanifcheit Schutzgebiete eine Erhöhung der bisherigen Neichszuschüsse in Aufsicht. Der Etat für Südlvest-Asrika werde eine sehr stark« Erhöhung aus- weise», da eine Verstärkung der Schutztruppe dayi» gesandt worden ist, die einer Verdoppelung des bisherige» Bestandes nah« kommt. Togoland steht vor einer Gebiets-Vergrößerung, die durch den Abschluß von Schntzverträgetimit vielen Völkerschaften im Norden uiidOsten 18Ö5 eingeleitet worden ist. Ein internationaler Abschluß der neuen Interessensphäre werde nicht allzulange mehr attsbleibeti. Zn den 30jährigen Stationen nördlich vom bisherigen Töäogebtet würde» in dem am meisten bedrohten Gebiet nach Borg» hin noch neue kommen. Bei der Attsdehnung der Verwaltung auf neue Landstriche reichte die dortige Schutztruppe nicht aus und bedürfte
in diesem Augenblick, als liebe ich ihn noch, den jungen hübschen Mann mit dem weichen welligen Haar und den klugen dunklen Augen, meinen Bräutigam. Ich kann mich sogar wieder htneiiwersetzen in das Gefühl der Dcmuth, seinem Wissen und Urtheil gegenüber. Wie stolz war ich auf ein Lob von ihm! Das kam auch ziemlich häufig. Gr betrachtete meine Seele wie ein bisher unbeschriebenes Blatt, gut geeignet, die Zeichen zu empfangen, die er hineinschrieb. So lobte und liebte er sein eigenes Werk. Nicht weniger Freude machte ihm daher meine Unwissenheit. Waren wir allein, so führte er mich gern aufs Glatteis und weidete sich dann förmlich an meinen Dummheiten. Wenn er mir eine Stelle aus der Ueber- setzung einer fremdartigen Poesie vorlas unb ich das Unglück hatte, auf seine gntgespielte Verurtheilung einzugehen,, weil mir diese Art von Schönheit noch ein völlig unbekanntes Gebiet war, so ergötzte et sich an meiner Beschämung, einen Horaz oder einen Sophokles verurtheilt zu haben. Oder wenn ich eine ihm wohlbekannte Größe einige Jahrhunderte zu ftüh oder zu spät in die Geschichte stellte, so klang fein Lachen und mitleidiges Spötteln über sein dummes kleines Weib, wie er mich gern nannte, wie der Triumph der alten Weisheit, daß die Frau erst ganz Weib ist, wenn sie ihre geistigen Schwächen dem Manne gegenüber zeigt. Seine Liebkosungen, die auf diese Demüthigungeu immer besonders zärtlich waren, hatten bann für mich etwas Erkältenbes. Ich begriff es nicht, wie er in solchen Augenblicken voraussetzen konnte, baß ich bazu aufgelegt wäre. So mischte sich in das Glück meiner Liebe beständig die leise Furcht vor solchen Seenen.
Auf den 25. März hatten meine Eltern eine Gesellschaft geladen. Es stand zu erwarten, daß sich vor dem Scheiden des Winters noch einmal der volle Glanz der Saisontoiletten entfalten würde. Ich freute mich darauf, in
meinem neuen grünen Sammetkleide zu erscheinen, und hoffte, sogar die schöne unb elegante Frau Znrnesten überbieten zu können. Mein Herz klopfte in dem Gcbanken, wie mein Bräutigam, im Geräusch ber allgemeinen Unter» Haltung, mir ins Ohr flüstern würbe: „Du bist bie Königin, mein kleines Weib!" Ich hörte schon genau den Tonfall seiner Stimme.
Ja, wahrhaftig! in diesem Augenblick, nach dreißig Jahren, fühle ich noch einmal die schnellen Herzensschläge in der Vorstellung. Solche Thorheit! um ein Nichts! Aber die Jugend thut es nicht anders!
Mich hatte ein wahrer Wetteifer ergriffen in der Freude über meine junge Schönheit. Ich wollte eine neue Haartracht wählen unb Nicharb überraschen. Aber am Abend vorher plauderte ich ihm Alles aus. „Du sollst sehn, ich werde eine reizende Toilette haben und schön fein!" lachte ich ausgelassen. Da kam es wieder. Er nahm mich in die Arme und sprach mir in zärtlich neckendem Tone den echten Schönheitssinn ab.
„Schön sind unsere Moden überhaupt nicht, und Du hättest nicht den Muth, gegen die Mode schön zu fein. Du hast noch zu wenig gesehen, kleine Nonne! Du weißt noch gar nicht, was schön ist, klassisch schön. Du bist mein süßes, dutnnies, kleines Weib!"
Ich entzog mich ihm ziemlich heftig. Es war schon spät. Er sagte meinen Eltern Adieu, und als er mich zum Abschied küßte, flüsterte er mir zu: „Na, wir werden ja morgen sehn!"
Dies Morgen kam und brachte endlich die ersehnte Aukleidestinide. Ich war allein in meinem Schlaf-jmmer, das im oberen Stock lag. Fast zitternd vor Erwartung ging ich an mein Werk. Hnerst machte ich mein Haar, Wie schön es war! Ja, ihr dünnen, grauen Flechten, ihr wart vor dreißig Jahren tiefschwarz, lang und seidenweich!
