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Abend-Ausgabe
37<?* Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Der Gesetzentwurf über die Organisation des Handwerks
stellt beinah« hinter jede Bestimmung Behörden und Staats- x^vissare.. Und doch zieht sich durch den ganzen Entwurf M Bedenken hin, daß alle Bevormundung nicht ausreichen Möchte, eine wirklich lebensfähige und leistungsfähige Organisation des Handwerks zu schaffen. In letzter Linie kommt doch Alles darauf an, ob die Handwerker selbst gewillt sind, die Bestrebungen, welche sich der Organisationsplan zum Ziele gesetzt hat, zu ihren eigenen zu machen oder nicht. Der Entwurf und noch mehr die Begründung desselben erkennen das auch unumwunden an. Der § 83a sieht bereits die Möglichkeit eer- daß die Bildung einer Innung unterbleibt, weil die Mehrzahl der dabei bctheiligtcn Gewerbetreibenden derselben widerspricht. Die Begründung, welche dieser Bestimmung brigegeben ist, führt mit Recht aus, daß „der Regel nach" von einer gedeihlichen Thätigkeit der Innung nur da die Rede sein kann, wo „mindestens die Mehrheit" der ihr zn- grwiesencn Handwerker bereit ist, „mit Energie und Nach- halsigkeit" an die Erfüllung der Jnnungsaufgaben heran- Mehen und die dadurch bedingten Mühewaltungen zu über- «hmen. Fehlt es an dieser Voraussetzung, sagen die Motive Wester, und muß nach der Entschiedenheil, mit welcher sich die Mehrzahl der beiheiligten Handwerker gegen die Bildung tat Innung oder die Zutheilung zu einer Innung auflehnt. erwartet werden, daß sie sich demnächst von der Jnnungsthätigkeit dauernd fernhalte» oder gar ihr hindernd in den Weg treten, so wird man besser daran thun, von der Errichtung einer Innung oder der Zuweisung solcher Handwerker zu einer Innung Abstand zu nehmen, und sich mit dem Vorhandensein des Handwerksausschusses zu begnügen. Daß dieser Fall sehr häufig eintreten wird, erzielst sich nicht nur aus der Stellung, welche die überwiegende Mehrheit der Handwerker bis jetzt dem Jnnungswesen gegenüber eingenommen hat, sondern auch aus anderen Umständen. Die Motive W dem Gesetzentwurf besagen, in den breiten Schichten des Handwerkerstandes sei der Gemeinsinn augenscheinlich nicht lebendig genug gewesen, um den Widerwillen gegen die Verordnung des unmittelbaren eigenen Vortheils unter die Interessen der Gesammtheit mit dauerndem Erfolg bekämpfen « können. Den fakultativen Innungen sei es nicht ge- sttngcn, den größeren Theil der Handwerker in sich zu ver- eimgen, vielfach habe sich nur ein kleiner Bruchtheil zum Anschluß an sie bereit finden lassen. Die Begründung des Gesetzentwurfs bestätigt sodann die von tat Zünftlern vielfach angefochtene Behauptung, daß nur etwa ein Zehntel sämmtlichcr Handwerker den freiwilligen Jnnnngen beigetreten sei. Und diese Abneigung sollte sich Zwangsinnungen gegenüber, die ht ihren Befugnissen im Vergleich zu den fakultativen Innungen beschnitten, dafür aber mit weitgehender behördlicher Bevormundung bedacht sind, weniger geltend machen? Als eines der wesentlichsten Ziele der Organisation ist die Regelung und Hebung des Lehrlingswesens hingestellt. Die
Dienstag, den 11. Angust.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
1896.
Motive zu dem Gesetzentwurf geben indessen zu, daß diejenigen Handwerksmeister, welche ohne Gesellen und Lehrlinge arbeiten, an diesem Zweck der Jnnnngen weniger interessirt seien. Die ohne Gesellen und Lehrlinge arbeitenden Handwerksmeister machen aber die Mehrheit aus; sie betragen im Ganzen 55,5 pCt. und in den ländlichen Bezirken sogar 60,9 pCt. aller Handwerksmeister. Die Vermuthung liegt sehr nahe, daß sich diese Mehrzahl energisch gegen eine Organisation wahren wird, die, statt greifbare Vortheile zu gewähre», nur persönliche und finanzielle Leistungen von ihr verlangt. Für die Bereitwilligkeit der Handwerker, solche Leistungen zu übernehmen, liefern den besten Maßstab die Aufwendungen, welche die bestehenden Innungen für Zwecke gemacht haben, die sich in der Hauptsache mit den Aufgaben der zukünftigen Zwangsinnnngen decken. Dieselben sind durchweg minimal, ja in vielen Fällen gleich Null. Siud doch Fülle konstatirt, wo die Junungsmcistcr sich gegen die Erhebung von Beiträgen in der Höhe von 10 Pf. gesträubt haben. Daß sich auf dem Boden der Zwangsinnung eine größere Opferwilligkeit ergeben wird, bezweifeln wir billig. Man wird also von vornherein damit rechnen müssen, daß der eigentliche Unterbau der Organisation und der wichtigste Bestand- thcil derselben höchst lückenhaft sein wirb. Der Nothbehelf der Handwerksansschüsse aber wird an ähnlichen Erscheinungen kranken und dann wird man am Ende der Zwangsmittel angelangt sein, wen» man nicht die Maßregel des § 90 e: Auflösung und Neuwahlen in Permanenz erklären will.
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Das Maß der behördlichen Bevormundung, welches die Organisationsvorlage dem Handwerk zngedacht hat, festzustellen, ist nicht ganz leicht. Die bezüglichen Bestimmungen sind über den ganzen Entwurf mit seinen 130 Paragraphen und Artikeln vcrtheilt. Schon der Umstand, daß nicht weniger als 50 von diesen Paragraphen nnd Artikeln ganz oder theiliveise der Sicherung des Einflusses des Bundesraths, der Landcs-Central- bchörde, der höheren Verwaltnngsbchördeu, der unteren Verwaltungsbehörden, besonderer Staatskommissare und der Gemeindebehörden gewidmet sind, läßt erkennen, daß die künftigen Organe des Handwerks von einer behördlichen „Fürsorge" umgeben sein werden, wie sie iu diesem Umfang in den OrganisationSbestinnnungen anderer Berufe, so bei den Handelskammern und den preußischen Landwirthschafts- kammern, nicht zu finden ist. „Von derWicge bis zum Grabe" werdcnJnuungen.HandwerksausschüssenndHandwerkskammern von behördlicher Bevormundung begleitet sein. Niemand wird etwas dagegen einzuwenden haben, daß die geplanten „Organe der Selbstverwaltung des Handwerks", wie sich die Motive etwas euphemistisch ausdrücken, gleich allen anderen Organen derSelbstvcrwaltungderAufsichtdcrzuständigenStaatsbchörden unterstellt werden, aber den Verfassern dieses Entwurfs scheint die Aufsicht die Hauptsache gewesen zu sein. Wenn in der Begründung die Nothwcndigkcit „einer weitergehcndcn Mitwirkung der Behörden" mit Hinweisen auf die Ausbildungsschwierigkeiten, „den Mangel an Initiative" sowie „einer unzureichenden Gewandtheit und Sicherheit in der Behandlung der geschäftlichen Formen" bei den Handwerkern dar- gethan werden will, so muß man, mit einem Seitenblick auf
die Organisation der Landwirthschaft in Preußen, bei deren Einrichtung dergleichen Rücksichten für überflüssig galten, doch fragen, woher die Behörden die Zuversicht leiten, den Handwerkern die in den Motiven vermißten Eigenschaften einimpfen und die dort erwähnten Fehler abgewöhnen zu können. Die Innungen sind nach dem Entwurf der Aufsicht der unteren Verwaltungsbehörde unterstellt, welche „insbesondere" die Befolgung der gesetzlichen und statutarischen Vorschriften überwacht. Diese Bestimmung entspricht im Allgemeinen dem jetzigen § 104 derGewerbe-Ordnung. Das Wort „insbesondere" ist indessen neu und dürfte ohne genauere Auslegung eine Quelle von Unzuträglichkeiten zwischen Aufsichtsbehörde und Innung werden. Neben dieser allgemeinen Bestimmung laufen aber so viele Einzelbestimmungen her, welche der höheren Verwaltungsbehörde und der Landes-Centralbehörde Eingriffe in das Leben der Innung gestatten, daß das Institut der „Polizei-Aufsicht" in den Schatten gestellt erscheint. Noch ausgedehnter ist die Ueberwachnng bei dem Handiverksausschnß. Der „Kommissar", den die Aufsichtsbehörde bei dem Ausschuß zu bestellen hat, ist, kurz gesagt, der Kommandeur dieses Organs. Genau so ist cs bei dem „Kommissar", den die Handwerkskammer erhält. Um ja nichts zu übersehen, enthält der Entwurf dann noch „gemeinsame Bestimmungen" für Innung, Handwerksausschuß und Handwerkskammern, welche die Befugnisse dieser Körperschaften noch weiter einschränkcn, sowie Bestimmungen, die die Mitwirkung der Behörden speziell bei der Regelung des Lehrlingswesens und der Gesellenprüfung sichern sollen. Wenn irgend etwas geeignet ist, den Handwerkern, und gerade den befferen Elemente» unter ihnen, die geplante Organisation z» verleiden, so ist es diese Häufung der Vorschriften über die „Mitwirkung der Behörden". Die Begründung des Entwurfs beruft sich zur Rechtfertigung derselben anch ans die in Oesterreich gemachten Erfahrungen. Ucberall da, wo die Zwangsgenossen- schaftcn des Kleingewerbes in Oesterreich erfreuliche und anerkcnnenswerthe Erfolge anfznweisen hätten, sei dies nicht nm letzten Ende der „dauernden Anregung und unmittelbaren Mitwirkung der staatlichen und städtischen Behörden" zn verdanken. Um bett Werth dieser Beobachtung bemessen zu können, müßte man Genaueres darüber kennen lernen. Wir find der Meinung, daß es dem deutschen Handwerk keineswegs zur Ehre gereicht, wenn man eö durchweg mit dem österreichischen auf eine Stufe stellt und das Maß der nothweudigen behördlichen Bevormundung nach dem in tschechischen ober polnischen Lanbeslheilen Oesterreichs üblichen bemißt.
(Nachdruck verboten.)
Inkorrseqiienxett im Eisenbahnwesen.
Von @. I. Hardt.
Der Verein deutscher Eifeiibahnverwaltiiiiaen hat am 29. Juli und den folgenden Tagen das 50-jährige Jubiläum feines Bestehens gefeiert. Von einem hervorragenden Redner wurde dabei Die Hoffnung ausgesprochen, die jetzige Generation möge noch die Reform des Personentarifwesens erleben..
Als ich int Sommer 1858 mit meinem Tornister zum ersten Mal von Berlin nach München fuhr und mein Billet vorwies, sagte mir ein kluger Manu im Coups, ich babe thöricht daran gehandelt, ein direktes Billet von Berlin nach München zn nehmen, da dasselbe mehrere Thaler theuerer sei, als wenn ich ein Billet Berlin-Hof und ein zweites Hof-München genommen hätte. Ich wollte die Sache
(Nachdruck verboten.)
Mo ist Mama?
Aus dem Tagebuch meiner Mutier.
Von van Wermcskcrken-JnniuS.
Die Glocke hat nur eben zwölf geschlagen, und schon fommen die ersten Schuljungen daher gerannt, darunter auch mein Nettester ....
Da steht er athemlos und erhitzt, jeden Angriff mit seiner Büchertasche abwehrend, die er am Riemen nmher- schleudert. Daun steigt er triumphirend die Stufen unseres Beischlags hinauf.
Ich kann fein prächtig verbranntes Gesicht gerade am Fensterspiegel sehen. Die Mütze schief auf dem Kopf, die Haare verwirrt, feine blaue Bluse ohne jede Spur einstiger Frische, leider! Aber doch besser ein Wildfang als ein Geck.
Das Mädchen öffnet die Thür.
! „Wo ist Mama?" klingt seine Helle Jungensstimme, und wenn er Bescheid erhalten, erscheint er im Zimmer, wo ich dabei bin, meine Näharbeit zusammenzulege». „GutenTag, Mama!"
t Unsere Blicke begegnen sich. Sollten meine nicht immer wieder voll unaussprechlicher Liebe auf ihm ruhen!
Auf feiner Seite liegt mehr Zärtlichkeit im Auge, als im Ton; er hat das Alter erreicht, in welchem ein Junge sich äußerlicher Zärtlichkeit zu schämen Beginnt.
„Guten Tag, Junge!"
- ■ Mehr sage ich nicht, aber er weiß, daß fein Kommen stets eine Freude für mich ist. Er weiß, wenn er vielleicht ta der Schule meiner gedenkt, daß ich mich auf fein Kommen freue und daß ich am Fenster nach ihm ansschauen werde, er weiß, daß er einen Theil, einen sonnigen Theil meines Lebens ausmacht, daß sein Glück mein Glück, fein Schmerz
mein Schmerz ist. Er weiß, daß ich feine Fortschritte mit lebhaftestem Interesse verfolge und daß ich leide, wenn er Strafe verdient. Er weiß, daß, so lange ich lebe, mein Haus fein Heim fein wird und daß, wenn auch die ganze Welt gegen "ihn wäre, fein Mütterchen an ihn glauben würde.
Wenn wir uns ansehen — wie flüchtig und gleichgültig es auch scheine — ist es das Lesen einer Seele in der anderen; und diese Seelen sind voll Liebe und Zärtlichkeit.
Es kommt weiter Jemand.
Es ist das Schwesterlein.
Hübsch artig und bedächtig kommt sie daher. Der Anzug ist wohlgeordnet, die Büchertasche hängt am Arm, sie klingelt leise.
„Wo ist Mama, Betty?" fragt sie, während sie ihre Sachen sorgfältig an den Kleiderriegel hängt; sie tritt ruhig ein, mit kleinen Schritten, giebt mir einen Kuß und hilft mir gleich bei den Vorarbeiten für bett Kaffeetisch. Sie ordnet die Stühle, sieht nach, ob auch eiuFußkisicn für mich da ist, belegt die Butterbrode, Alles in gesetzter, mütterlicher Weise. Unterdessen erzählt sie Etwas mit feinem Lächeln und lieblicher Stimme. Mit königlicher Verachtung straft sie die Brod- kügelchen, die der älteste Bruder ihr zuwirft, und wohl- gemuth erträgt sie sein unbändiges Gelächter, wenn eins der Geschosse sie trifft. Ueber „Jungen" fühlt sie sich viel zu hoch erhaben, als daß sie sich darüber ärgern sollte. Die Kleine fühlt sich Eins mit Mama und eignet sich allmählich etwas von meiner Ruhe und Würde an. Es herrscht ein stilles Einvernehmen zwischen uns Beiden, das keinen anderen Grund hat, als daß wir beide „Damen" find und das heißt nach Schwesterleins Ansicht sehr verständige und schlaue Leutchen.
Sie ist meine rechte Hand. Obgleich erst zehn Jahre alt, kann sie schon sehr nett den Thee serviren, sie kann auch die Jungen beschäftigen, wenn ich einmal abwesend
bin ober mich angegriffen fühle, und wer sie gar als Kranken- pflcgerin kennt, räumt ihr für immer ein Plätzchen im Herzen ein. Doch genug, von der zwischen uns herrschenden Liebe kann ich nicht reden, ohne daß meine Augen feucht werden.
Klingeling! Klingeling! läßt sich's hören — noch lauter — das ist der Benjamin.
Das Kinderfräulein aus der Fröbelschule, das ihn nach Hause bringt, muß ihn immer aufheben, damit er selbst klingeln kann; und — daran nicht genug — klappert er jetzt auch noch mit dem Verschluß des Briefkastens. Welchen Lärm vollführt er!
Es wird ausgemacht, und mit feiner groben Stimm« ruft er laut: „Guten Tag, Betty! wo ist Mama?"
In ihm steckt ein Offizier, sagte Großpapa immer.
Der kleine Uuband hat das Ablegen seiner Mütze und seines Ueberziehers noch nicht in die Zahl seiner Pflichten ausgenommen, ebenso wenig das Abwischen der Füße. Er geht schnurstracks in das Zimmer in dem Bewußtsein des Rechtes dort zu fein, wo feine Mutter ist.
Da ist er, rosig, strahlend, lachend. Man muß ihn wirklich küssen, das weiß er, er wartet nur darauf. Und ich knie neben ihn, küsse seine weichen Backen und er schließ' seine Aermchen fest, fest um meinen Hals.
Ich möchte wohl rniffen, ob es köstlicheren, reineren Genuß giebt, also geküßt und durch solche Aermchen umschlungen zu werden. O! Du lieber, kleiner Engel, könntest Du immer so bleiben, so urwüchsig, so tapfer, so durchtrieben, so zart, so rein!
„Wo ist Mama?" — Einst werdet Ihr, meine Lieblinge, Alle von mir gehen. In ferne Lande, vielleicht in ein eigenes Heim, ober wohin die Pflicht Euch ruft. Auch ich werde einst von Euch scheiden, um nie zurück zu kehren. Vergeßt nie die alte Frage, die ich so gern hörte in den
