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Wiesbadener T ach Litt

Nnzeigen-PreiSr

1896

Freitag, den 19. Inni.

Bezirks-Fernsprecher 9io. 52.

P». 282.

Bezirks-Fernsprecher N-. 52.

Abend-Ausgabe

c.

Vornrtheil prüft.

Bergleute sind in

fast allen größeren

Die Sozialpolitik der Bergleute.

Unter allen Berufen ist am meisten die Arbeit des Bergmanns von Poesie und Sage grün umrankt. Doch Dichtung und Wirklichkeit bilden auch hier Gegensätze. Unsere Zeit ist gewohnt, nur mit den nüchternen Thatsachen zu rechnen, und so hat auch im Bergmannsleben die poetisch­stimmungsvolle Betrachtung sozialpolitischen Forschungen und Forderungen weichen müssen. Bekanntlich ragen unter den Kämpfen, welche in den letzten zehn Jahren von Arbeitern um die Besserung ihrer Lebenshaltung geführt wurden, be­sonders die Streiks der Bergleute durch Umfang und Leidenschaftlichkeit hervor. Auch unter erheblichen Schmierig­keiten hält diese Arbeiterklasse mit Zähigkeit an ihren Forderungen fest. Es ist dabei bemerkenswcrth, daß die letzteren sich keineswegs vorwiegend auf die Besserung der Löhne, sondern namentlich auch darauf richten, durch ver­kürzte Arbeitszeit und Vermehrung der Sicherheitsmaßrcgeln in den Gruben einen erhöhten Schntz für Leben und

arbeiter jener Länder ist und wenn man auch annehmen darf, daß die in Aachen nicht vertretenen Bergleute vielfach selbst Gegner von einzelnen der dort gefaßten Beschlüsse sein werden, so darf man die Wichtigkeit der letzteren doch nicht unterschätzen. Forderungen, die von mehr als einer Million europäischer Bergleute, darunter die in Arbeiter­fragen klar und nüchtern denkenden Engländer, gefaßt werden, sollten nicht mit einigen wegwerfenden Redensarten abgethan, sondern auch im Lager der Gegner der Berg­leute einer ernsten und würdigen Prüfung unterzogen werden. Denn sozialpolitische Forderungen, welche, wie jene der Bergleute, große Kreise der Arbeitcrbevölkerung ergriffen haben, verschwinden nicht wieder von der Tages­ordnung, bis man ihre Undurchführbarkeit entweder über­zeugend bewiesen oder ihnen nachgegeben hat.

Die jüngste Zusammenkunft in Aachen nahm gewiffer- maßcn eine Nachprüfung ber bisherigen Forderungen vor. Man verhandelte dabei im Allgemeinen nüchtern, Ziele ins Auge fassend, deren Erreichbarkeit nicht von vornherein aus­geschlossen ist. Als bemerkenswerth soll dabei erwähnt werden, daß die schärfsten Tonarten von den aus den engen politischen Verhältnissen ihres Vaterlandes kommenden Vertretern der österreichischen Bergleute angeschlagen wurden, während die aus der Heimath der größten politischen Bewegungsfreiheit stammenden Engländer,und ebenso die Deutschen.ini Allgemeinen ruhig, sachlich und ohne Bitterkeit sprachen. Als den Mittel- puntt der Verhandlungen kann man die Erörterung über die Einführung der Achtstundenschicht bezeichnen, welche auch von den deutschen Bergleuten bekanntlich eifrig erstrebt wird. Obwohl die Forderung auch auf vereinzelten deutschen Gruben bereits erfüllt ist und die Northumbcrländer Berg­leute seit längerer Zeit selbst eine sechsstündige Schicht durchgesetzt haben, wollen die Werksverwaltungen im All­gemeinen von der Achtstundenschicht wenig wissen. Sie sind höchstens geneigt, dieselbe ungerechnet Ein- und Ausfuhr zu bewilligen," und derart ist die Arbeitszeit denn auch that- sächlich in manchen deutschen Gruben seit dem Streik von 1889 geregelt; meistens herrscht jedoch die zehnstündige Schicht. Die Werksverwaltungen.betonen bekanntlich, daß bei der gewünschten Verkürzung der Arbeitszeit der Betrieb unlohnend werde. Bisher ist noch nicht genügend unter­sucht, ob derartige Befürchtungen zutrcffen. Jeden­falls ist es eine Forderung der Menschlichkeit, daß wenigstens an solchen Plätzen in den Gruben die Arbeitszeit erheblich beschränkt wird, wo „vor Ort" die Hitze außer­gewöhnlich groß ist. Die sächsische Regierung hat bereits vor einiger Zeit in der neuen Bergordnung derartige Fälle vorgesehen und zur Zuftiedenheit der Bergarbeiter geregelt. Die Aachener Versammlung beschloß, den gesetzlichen Acht­stundentag für alle Bergleute, ohne Unterschied, ob sie über oder unter der Erde arbeiten, zu verlangen. Auch die Frauenarbeit und die Beschäftigung von Kindern soll im Bergbau vollständig verboten werden. Mit dieser Forderung kann man sich namentlich einverstanden erklären, soweit es sich dabei um Arbeit unter der Erde handelt. Selbst aus Kreisen, die im Uebrigen viele Wünsche der Bergleute be­kämpfen, ist schon oft auf die sittlichen und gesundheit­lichen Schäden einer derartigen Frauen- und Kinderarbeit chingrwiesen. Für Deutschland kommt dieselbe nicht in Betracht. Auf deutschen Gruben werden Frauen und Kinder um über der Erde beschäftigt und es scheinen auch in

wegung heute hoch gehen. Solange die Bergleute sich mrt ihren Forderungen innerhalb der Grenzen der bestehenden staatlichen Ordnung halten, haben sie Anspruch darauf, daß man ihre Wünsche mit Wohlwollen ohne Leidenschaft und

dieser Hinsicht die neueren Arbeiterschutzbestimmungen der Reichsgewerbeordnung eine wohlthätige Wirkung zu äußern. So ist in Sachsen die Zahl der im Bergbau beschäftigten Kinder von 1889 bis 1893 von 417 auf 16 gesunken, in derselben Zeit die der erwachsenen Arbeiterinnen von 742 auf 584. In anderen Bergbaubezirken ist dagegen die Zahl der auf den Kohlenwerken beschäftigten Arbeiterinnen erheblich höher; so arbeiten im oberschlesischen Bergbau noch etwa 8000 Frauen. Wir bezweifeln, daß die Bergleute die völlige Fernhaltung der Frauen von den Gruben bald er­reichen werden. Ihre Beschäftigung ist im deutschen Berg­bau im Allgemeinen nicht schwer und meistens auch nicht gesundheitsgefährlicher als in zahlreichen anderen Erwerbs­zweigen. Es wird daher nicht leicht werden, den Wider­stand gegen die völlige Aufgabe der Frauenarbeit im Berg­bau zu überwinden, so wünschenswerlh es auch ist, besonders die verheirathete Frau in der Häuslichkeit statt im Bergwerks­betriebe thätig zu sehen.

Um den Bestrebungen für die Erhöhung der Bergarbeiter- löhne eine feste Grundlage zu geben, hatten die deutschen Vertreter in Aachen beantragt, einen Mindestlohn von 5 Mk. für die achtstündige Tageszeit festzusetzen. Die Engländer- miesen jedoch darauf hin, daß sie höhere Löhne gewohnt seien. Schließlich wurde auf den Vorschlag der Deutschen beschlossen, die Vertretung der Bergleute möge in jedem Lande nach den dort bestehenden Verhältnissen und Zeit­umständen einen Akindestdurchschnittslohn festsctzen, der dann für die Lohnbestrebnngen die Grenze nach unten zu bilden habe. Auf Vorschlag der deutschen Vertreter wurde weiter gutgeheißen, das gesetzliche Verbot von solchen Ueberstunden anzustreben, die zu einer Uebererzeugnng führen. Die Forderung ist in dieser Fassung kaum durchführbar. Die Regelung der Waarenerzeugnng ist eine der wichtigsten, aber auch eine der schwierigsten nationalökonomischen Fragen unserer Zeit. Diese Frage zu lösen, kennt man bisher keinen gangbaren Weg. Dieselben Schwierigkeiten, welche sich der Lösung auf anderen Erwrrbsgebieten eMgegenstellten, gelten auch im Bergbau. Das haben auch die Bergarbeiter in früheren Jahren sehr wohl gefühlt. Der geschäftliche Aus­schuß des in Berlin abgehaltenen internationalen Bergarbeiter­kongresses erhielt daher den Auftrag, die Frage der Uebrr- produktion im gesammten Umfange zu studire» und darüber Bericht zu erstatten. Das ist bisher jedoch nicht geschehen. Doch man braucht, um das Verbot der Ueberstunden zu recht­fertigen, überhaupt nicht auf die drohende Ueb«erzeugnng hin- zuweiscn. Schon aus gesundheitlichen Gründen ist es wünschens- werth, daß Ueberschichten in den Gruben nicht zu einer ständigen Einrichtung werden, wie das leider nach den Aeußerungen der Bergleute auf vielen Gruben der Fall zu sein scheint. Wenn hier die Gesetzgebung eine enge Grenze zieht, so wird sie jedenfalls auch den Beifall der meisten sozialpolitischen Kreise finden. Ebensowenig ist gegen die verlangte bessere Beaufsichtignng der Grnben durch die Berginspektoren einzuwenden. Der Bergbau bleibt nun einmal ein gefährliches Handwerk. Das Mindeste, was der Arbeiter verlangen kann, ist, daß die Sicherheitsvorrichtungen und Einrichtungen in den Gruben nicht nur auf der Höhe der Zeit stehen, sondern auch von unparteiischen Sach­verständigen häufig auf ihre Brauchbarkeit geprüft werden. Die Bergleute sind der Ansicht, daß eine Befahrung der Gruben durch die Berginspektoren zu selten erfolgt. Sie wünschen, die Zahl dieser Beamten möge vermehrt werden; in Aachen verlangten sie namentlich, die Regierung möge auch Arbeiter, die das Vertrauen ihrer Berufsgenossen be­sitzen, zur Berginspektion heranziehen. Warum nicht? — Wenn ein ehremverther Arbeiter die Fähigkeit zu einem der­artigen verantwortungsvollen Amt besitzt, so wird er jeden­falls Gutes zu wirken vermögen. Jedenfalls würde die Heranziehung begabter Arbeiter zur Fabrik- und Berg- inspektion sehr erheblich dazu beitragen, das Vertrauen der Arbeiter zu dem guten Willen der Regierungen in Angelegen­heiten der Arbeitersürsorge zu stärken. Ist man im Prinzip der Forderung nicht abgeneigt, so wird es verhältnißmäßig leicht sein, den heranzuziehenden Arbeitern Gelegenheit zu geben, sich die unerläßlichen technischen und anderen Vor­kenntnisse anzneignen. _

Obwohl die Verstaatlichung der Bergwerke, allerdings gegen die Stimmen der Deutschen, angenommen wurde, so empfängt man im Allgemeinen durch die Aachener Verhand­lungen doch den Eindruck, daß die Anschauungen unter den Bergleuten sich in den letzten Jahren erheblich geklärt haben. Jedenfalls ist die wirthschaftspolitische Einsicht dieser Arbeiter erheblich größer geworden. Die Forderungen richten sich, wie schon gesagt, meistens auf das zunächst Erreichbare, auf Ziele, die auch innerhalb des heutigen monarchischen Staates verwirklicht werden können. Namentlich von deutscher und englischer Seile verhandelte man besonnen, ohne viele radikale Phrasendrescherei. Die Znsammenknnft in Aachen läßt nicht daran zweifeln, daß die weit überwiegende Mehrheit der dort vertretenen Bergleute den guten Willen hat, zur Ver­besserung ihrer Lebenshaltung den gesetzlichen Weg inne- znhalten. Zu derartigen Bestrebungen hat der Arbeiter dasselbe Recht wie jeder andere Staatsbürger. Das soll man nicht vergessen, wenn auch die Wogen der sozialen Be-

Gesundheit zu erlangen.

Die hauptsächlichsten Wünsche der „ .

mehreren Versammlungen erörtert und festgestellt, die seit einigen Jahren in regelmäßiger Folge stattfanden und in denen Vertreter von Bergarbeitern aus fast allen größeren europäischen Staaten anwesend waren. Auch in den letzten Tagen des Mai ist wiederum eine derartige Zusammenkunft in Aachen abgehalten, bei der 57 Vertrauensleute der Berg­arbeiter ans England, Deutschland, Frankreich, Oesterreich und Belgien anwesend waren, die 1,087,000 Berufsgenossen vertraten. Wenn das auch nicht die Mehrheit der Berg-

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Deutscher Reichstag.

Kerli», 18. Juni.

Ans der Tagesordnung sieht zunächst die von den Antisemiten eingebrachte (gestern im Wortlaut schon von nns mitgethcilte. D. R.) Znterpellation, betreffend den Fall Bashsord. Abg. Liebermann v. Sonnenberg (Autis.) begründet dieselbe, zu deren Be­antwortung sich Staatssekretär v. Stephan bereit erklärt. Er sagt: Ich glaube, das hohe Haus wird es mir Dank wissen, wenn ich die Diskussion von dem hohen Ton, den der Herr Vorredner angeschlagen hat, wieder zurückbringe zu der leidenschaftslosen Be­handlung der Sache selbst. (Sehr richtig!) Ich kann dem Herrn Vorredner verstchern, daß ich mancher seiner Ausführungen zustimmen könnte, wenn die thatsächlichenVoraussetzungen richtig wären, von denen er anSgeht. Das ist aber keineswegs der Fall, die Darstellung ni einigen untergeordneten Zeitungen, solchen Zeitungen, von denen ein größeres Berliner Blatt sagt, daß sie auch das Unsinnigste glauben und weiter in die Welt erzählen, diese Darstellung leistet Großes an Uebertreibuugeu und Entstellungen des Sachverhalts. Es ist ja nur ein kleiner Thcil des Publikums, das sich des Lesens dieser Zeitungen schuldig macht. (Große Heiterkeit, Unruhe bei de» Antisemiten), aber die Behauptungen gehen aus diesem Kreise in andere Uber. Die erste Unrichtigkeit in den von solchen strotzenden Artikeln ist die, daß völlig verschwiegen wird, daß der Telegrapbenbeamt« den ersten Anlaß zum Zwist gegeben hat, und darauf kommt es an. (Sehr richtig! links.) Zur Beschleunigung des Dienstes der Zeitungen, die ja sehr gute Kunden der Telegraphenverwaltung sind (Aha! bei den Antisemiten), ist angeordnet worden, daß das Zählen der Worte, zu dem der Beamte ein Recht hat, aber nicht verpflichtet ist, nicht gleich bei der Aufgabe zu geschehen braucht, damit die Depesche sofort auf den Apparat gebracht werden kann. Nachher wird dann der Betrag sestgestellt und cingezogen. Das liegt nicht nur im Interesse der Zeitungen und der Beamten, die nachher in aller Ruhe zählen können, sondern auch tm Interesse des wartenden Publikums, dem daran liegt, daß nicht erst ein Telegramm von 1800 Worten durchgezählt wird. (Sehr richtig!) Diese Anweisung hat der Beamte nicht befolgt. Ich schicke voraus, daß es Sonntagsdienst und der Beamte nur ein Stellvertreter war, der sauft nicht Schalterdienst hat. Er hat augefangen zu zahlen, allerdings erst auf Anstiften des Nachbars, der gesagt hat: Der Herr verzählt sich öfter. Das war eine ganz überflüssige Bcmerkulig, denn die Wortzahl wird ja nachher festgestellt. Der Herr hat sich in der That mehrfach verzählt, um hundert Worte, aber zu seinem Nachtheil. Der Herr hat. als er das erste Telegramm aufgab, das etwa 700 Worte zählte, bemerkt, er werde gleich die Fortsetzung schreiben. Er schrieb eine Fortsetzung und den Schluß von über tausend Worten. Das hatte etwa eine halbe Stunde erfordert. Wie der Herr an den Schalter zurückkommt, um den Rest aufzugeben, sieht er noch ruhig fein Telegramm dort liegen, das er längst in London glaubte.und das auch längst in London geweseii wäre, wenn der Beamte seine Pflicht gethan und das nöthige Eutgegeukoinmen gegen da« Publikum be­wiesen hätte. Natürlich hat das den Herrn in Aufregung versetzt. Er sagte zu dem Beamten: „Machen Sie doch, daß es fortkommt. Der Beamte fängt aber wiederum an zu zählen. Wenn auf diese Weise ei» Telegramm über eine Stunde ausgehalten wird, so ist sein Zweck in vielen Fällen völlig verfehlt. (Sehr richtig.) DaS fragliche Telegramm hat 236 Mk. gekostet, die dann vergebens ausgegeben worde» waren. In seiner Erregung darüber hat der Herr mit den beiden Formularen nicht den Beamten ge­schlagen, sondern, wie er bchanptet, nur auf das Telegramm getupft, indem er sagte: Machen Sie doch, daß dies wenigstens wegkommt! Das ist ganz kritiklos in den Zeitungen auf­gebauscht worden, es ist sogar behauptet worden, er hätte mit dem Stocke herumgefuchtelt; er hat aber gar keinen Stock bei sich gehabt. (Hört! links.) Ich möchte doch auch denjeuigen Deutschen sehen, der sich von einem Ausländer ohne Weiteres aus die Finger klopfen läßt; das ist feit den Zeiten de« Tacitns nicht dagctvesen. (Heiter­keit.) Ter Herr bestreitet aufs Entschiedenste, daß es zu irgend welchen Thätlichkeiten gekommen ist. Dann kommt eine neue Un­gerechtigkeit. Es wird behauptet, der Herr sei zweimal bei m>r ge­wesen, das erste Mal wäre er abgewiesen worden. Das ist falsch. Wer zu mir komuit, den nehme ich an und sage ihm Bescheid, ohne Unterschied der Person, der Nation und der Religion. (Bravo ) Er ist zu mir gekommen und hat mir die ganze Sache Mitgelheilt mit herzlichem Bedauern und hat dringend um Entschuldigung gebeten. Ich habe zu ihm gesagt: „Ich bin nicht in der Lage, m das gericht­liche Verfahren eiugreisen zu können. Also es fit nicht allein nicht richtig daß ich, - wie behauptet wurde, das Ver;ahren sistirt hatte, sondern ich habe im Gegentheil gesagt, ich müsse ihm seinen Lauf lassen, es sei denn, daß der Beamte die Klage zurück- nähme. Nun haben wir seit Jahrzehnten bei der Postverwaltung die Tradition, daß, wenn Jemand, der sich vergessen hat, den Be­amten um Entschuldigung bittet und eine Suhue an die Postkaffe zahlt dann die Sache erledigt ist. Man muß doch nicht Alle« auf die Spitze treiben. Wir haben 30,000 Schalter, an denen täglich viele Millionen Menschen verkehren. Da ergeben sich selbst­verständlich viele Streitigkeiten. Die Telegraphen - Beamten werden durch ihren Berus leicht nervös und auch die Zeitungs- Korrespondenten haben einen sehr anstrengeiidcn Dienst; ich erinnere an das alte Wort vom genus in-itabile vatum. (Heiterkeit.) Würden alle Konflikte aus die Spitze getrieben, wir wurden aus den Strafen gar nicht heranskommeu. Nun ist gesagt worden, ich hätte den Herrn das zweite Mal empfangen, infolge der Einmischung höherer Personen. Das ist auch unrichtig. Ich glaube, ich habe über die Sache mit fernem Menschen gesprochen. Ich kenne auch den Staatssekretär des Reichs- postamts lange genug, um Ihnen versichern zu können, daß er nach seinem Charakter fremden Einflüffen unzugänglich ist. (Heiterkeit.) Dann ist gesagt worden, gegen Deutsche wird das gerichtliche Ver­fahren immer eiugeleitet, gegen Ausländer nicht. Es wird gegen Jeden eingeleitet, der nicht nm Entschuldigung, bittet und der Straf­antrag wird nur dann zurückgezogen, wenn der Beamte ih» selbst zurückzieht. Hier hat er es gethan, und bat er protokollarisch ausgesagt, daß er von Niemandem, besonders von keinem Vorgesetzten dazu veranlaßt worden sei. Dann noch die Unrichtigkeit, daß der Beamte Kaiser versetzt worden sei. Er hat lediglich eine St^vertretung an­genommen und ist dann an seine Stelle zurückgekehrt. Wenn endlich ge­sagt worden ist, es sei ein Ermittelungrverfahren gegen den Beamten ein- neieitet worden, ber den Vorfall in die Zeitungen gebracht habe, so ist auch dies absolut unrichtig. Der Staatssekretär weiß duvoa

44. Jahrgang.

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