Seite S. 8. Juni 1896.
Wiesbadener Tagblatt (Abend-Ausgabe). Verlag r Langgufse 37.
44. Jahrgang. 9t9i 36».
„Pnppenfee". Samstag, den 13.: „Lili - Tsee". Hierauf: »Bajazzo". Sonntag, den 14.: .Tannhäuser". — Schau- sv > elh ans. Dienstag, den 9. Juni: Schiller - Chkius, in. Abend: „Kabale und Liebe", „Kalb": Herr Biehlcr als Gast. Mittwoch, den 10.: „Die Zaubergeige", „Verlobung bei der Laterne", „FortunioS Lied". Donnerstag, den 11.: Geschloffen. Freitag, den 12.: Schiller-Cyklus, V. Abend: „Don Carlos". Samstag, den 13., zum ersten Male: „Hotel zum Freihafen", Schwank in 3 Akten vou^Georges Fcydcan, übersetzt und bearbeitet von Renno ^acobson. Sonntag, den 14., zum ersten Male wiederholt: „Hotel zum Freihafen". Montag, den 15., neu einstudirt: Der Probepfeil . „Egge": Herr Biehler als Gast.
? Ortschaften stehen noch aus, welche nur mit etwa 100 Stimmen Betracht kommen. Der Schriftsteller Conrad scheint also gesiegt zu haben. — Das .Posener Tageblatt" veröffentlicht ein Schreiben der Regierung in Posen, betreffend den Vorfall im Kreise Jarotschin, in welchem die Richtigkeit der Schilderung des Vorfalls nicht in Abrede gestellt wird. Dem Propst sei alsbald die Leitung des Religionsunterrichts entzogen und der Lehrer sei auf seinen eigenen Wunsch versetzt worden. Das erzbischöfliche Konfi- storinni habe der Regiernng uiitgetheilt, daß der Propst ans eine andere Pfarrei versetzt worden sei; auch bort sei ihm von ber Regierung dieErlaubniß znrErtheilung des Religionsunterrichts versagt wordeu. — Als niedliche Illustration zum preußischen Vereins gesetz Wird mitgetheilt, daß in Celle ein Ball des Lokalverbandes der Zimmerer nicht abgehalten werden durfte, weil die Betheiligung bo? Frauen au den Versammlungen politischer Vereine verboten ist. Die Behörden der Provinz Hannover hätten es sich, meint dazu der sonst zu offiziösen Mittheilungcn benutzte „Hamb. Korresp.", Neuerdings zur löblichen Aufgabe gemacht, das preußische Vereins- gesctz ad absurdum zu führen.
Aus Stadt und Karrd.
Wiesbaden, 8. Juni.
Allgemeine Uebetstcht über die Lage von Handel und Industrie.
Der Bericht der Haudelskamuier zu Wiesbaden für 1895, soeben erschienen, spricht sich unter vorstehender Uebcrschrift also ans: ~ „Das verflossene Jahr 1895 brachte fast für alle Handels- und Industriezweige eine Besserung der Geschäftslage. Dieselbe ist nächst dein Sicherheit gewährenden andauernden Frieden, den Stetigkeit schaffenben Handelsverträgen, vor Allem der gesteigerten llnter- nehviungslnst und dem Arbeitseifer in unserem Geschäftsleben und in anderen Ländern zu verdanken. Die jüngsten wirthschasts- politischcn Mabnahmen des Deutschen Reichs haben fast gar nichts zu der Besserung beigetrageu. Die äußere Handelspolitik ist unfruchtbar gewesen, die innere Handelspolitik wurde in Bahnen gedrängt, die den befruchtenden Strom des Ilnter- nehmervertranens in eine sichere freie Zukunft von verschiedenen Industrie- und Handelszweigen immer mehr abdämmen. In der äußeren Handelspolitik ist das energische Tempo des Fortschritts fast vollständig erstorben. DerZollkrieg mit Spanien dauert fort. Der nothwendigen Erneuerung anderer Handelsverträge wie mit Argentinien und Chile widerstreben die Vertreter der Groß- landwirthschaft, trotzdem die mit Abschluß der ersten Handelsverträge gemachten Erfahrnngen eine Fortsetzung der bisher erfolgten Handelspolitik zweifellos als nothweudig erscheinen lassen. Der Kampf der einst so sreihändlerisch gesinnten landwirthschastliche» Großbetriebe für ein abgeschlossenes nationales Wirlhschaftsgebiet j widerstreitet den Interessen des deutschen Handels und der denlschen ^ndnstiäe, welche einen Weltma rk sür ihre gedeihliche Entwickelung nöthig haben. Während die Anhänger des abgeschlossenen nationalen Wirth- schastsgebiets in der äußeren Handelspolitik bisher nur einen Stillstand bewirkt, haben sie in der inneren Handelspolitikschon weitere recht erhebliche positive Erfolge zu verzeichnen. Bis zu einer Erreichung ihres Ideals, der festen Regelung der Getreidepreise oder gar der Verstaatlichung des Getreidehandel?, haben sie es noch nicht gebracht. Dagegen haben sie sehr bedenkliche Beschränkungen der Gewerbe und recht erhebliche Vortheile für die Landwirthschast zu erkämpfen gewußt, wie sie die Novelle zur Gewerbe-Ordnmig, das Margarinegesetz, das Börsengesetz, die Beschränkung der Mnhlenkonti, das Zuckerstenergesetz re. bringen werden. Mit Glück haben dabei die Vertreter der Landwirthschast Die in den letzten Jahren in den Kreisen von Handel und Judnstrie ans Beseitignng unlauteren Wettbewerbs gerichteten Bestrebungen zur Förderung ihrer Zwecke zu benutzen gelvußt. Die uothwcndige öffentliche Erörterung bestehender Mißstände, welche man als unlauteren Wettbewerb in den letzten Jahren zu bezeichnen pflegte, hatte in weiteren Kreisen die Vorstellung erweckt, als ob dieser unlautere Wettbewerb' in letzterer Zeit ganz besonders gefährlich im Handel anftrete und allgemein verbreitet fei. Mit Hülfe dieser Vorstellung war es einer energischen Agitation möglich, auch bei der Regierung Gehör für die weitgehendsten Beschränkungen des Margarinegesetzes, des Börsen- gesetzes 2C„ sowie der noch drohenden Gesetzentwürfe zu finden. Außer riesen Gesetzesinaßnahinen zur Beschränkmig der Unternehmer bei der Produktion und beim Absatz wurden nod> weitere fireife durch die Vorbereitung neuer sozialpolitischer Maßnahmen beunruhigt, welche wohl tu einzelnen Mißständen in Großstädten begründet sein mögen, aber nut bei einer völligen Verkennung der gewerblichen Vcrhält- iiifse auf dem Lande möglich wurden. Immer allgenieiner verbreitet sich die Ueberzengung) daß wir an einer Ueberprodii ktio n von Gesetzen leiden. Es wird dabei noch zu rasch aus Bestellung gearbeitet. Man glaubt die in den verschiedenen Ministerien und llieichsamtern vorräthigen Gesetzesinaschiueu mibediiigt andauernd ind fieberhaft beschäftigen zu müssen. Die gesctzgebeiideu Körpet- chaften wollen da nud) nicht zurückstehen. Was Wunder, daß die lesten Maschinen unfertige, iiugenügeud vorbereitete Gesetzesvorlagen Herstellen. Allerorts herrschtdahcr G e sc tz esm üdi g keit, so sehr, daß große »erlügen, wie das bürgerliche Gesetzbuch, in der öffentlichen Meinung nicht die gebührende Würdigung finden. Das kommende neue Handelsgesctzbiich sieht mau ohne Spanuniig he ran nahen. Das Fallen des an sich tüchtigen und für Handel und Industrie fruditbarcii Handelskammergefetzcs wird kau in beachtet. Handel und Gewelbe sind eben zu sehr mit der Abwehr von Gesetzes- Vorschlägen beschäftigt, als daß sie Lust zu tiueii haben sollten. Leider geht diese Gesetzesinüdigkeil im Gewerbestaude schon so weit, daß auf eine Mitarbeit an den öffentlichen Ausgaben des Gewerbestandes immer mehr verzichtet wird. Wemi wir auch den Umstand würdigen, daß durch den steten oufreibeubeii Wettbewerbskampf die Kräfte der Kaufleute und Industriellen stark beschäftigt sind, müssen wir es bod) als durchaus nothweudig bezeichnen, daß die Angehörigen des Eewerbestandes mit voller Energie für die Vertretung ihrer Interessen auch künftig unausgesetzt thatig sind. Einen merkwürdigen Gegeniatz zu der Uebersülle an Neuerungen und Erperimenteii auf dem Gebiete der Handels- und Gewerbegefetzgebung bietet die Wirth schafls Politik unserer VerkehrSaiistalten. Mit unausgesetztem Fleiß und Uinfidrt suchen dieselben zwar den kleinen Berrchrsbedürfiiissen der Erwerb«- klasien gerecht zu werden. Mit großer Ruhe aber stehen die Verkehrsanstalten unter dein Drucke der Fiuanzveiwaltuiig den Forderungen uadj Neuerungen im Tarifwesen gegenüber. Von der ^ernfprechverwaltung ist dies ja allgemein bekannt. Von der Eisenbahuverwaltiing hatte man mehr erwartet. Eine unüberwindliche Scheu vor größeren Tarifresorinen beherrscht dieselbe, besonders wenn es sich um Ermäßigungen handelt. Nur in letzter Acit , hat sich etwas Geneigtheil zur Verallgemeinerniig gewisser ! ^artlniaßignugen (wie Soniitagskarleii) gezeigt. Man weiß nicht, ist es grundsätzliche Abneigung vor Tarifueiiernngen oder mehr ; Furcht davor, daß bei Inangriffnahme von neuen Tarifsystemen l unter Einfluß beS in unserem Finanzministerium verkörperten rziskalismns eher eine Erhöhung der bestehenden Tarife, als eine । Ermäßigung derselben zu Stande kommen kann. Merkwürdig ist i es jedenfalls, daß der unauslöschliche Durst nach Geld unsere 1 Fiiiauzverwaltiing sogar nach Einführung von Schiffahrtsgebühreii । auf natürlichen Wasserläufen und kanalisirten Flüssen trachten läßt. ■ Solche Umstände sind es, die die Ziifriebenbeit mit den Verkehrs- ! anstalten, insbesondere den Effenbahnen, bestehen laffen, auch wenn । fie nicht mit Neuerungen und neuen Gesetzen glänzen, sondern allein ! gut verwalten, wie dies z. B. in unserem Bezirk der Fall ist, der sich einer Pflege seiner Interessen durch die Eisenbahn erfreut, ! w>e z. B. die Eröffnung der Strecke Homburg-llsingen, sowie deren bevorstehende Fortführung nach Weilmünster, ferner die i Vorbereitung des Umbaues der Bahnhöfe in Wiesbaden erkennen laßt. Aus dem Voraiisgegaugenen erkennt man leicht, daß i die Reichsregiernng die Förderung der Produktion und die | Erhöhung der Reinerträge nuferer Gewerbe nicht mehr als Haupt- i jiel ihrer Thätigkeit ansieht, daß sie vielmehr diese Förderung ans i mannigfachen Gründen bei Seite fetzt. Der preußische Finanz- i Minister hat auch schon ausdrücklich ausgesprochen, daß nicht so sehr : bte Vermehrung der Produktion, als vielmehr die Art der »er» i «S- "5r Einkommen fernerhin Hauptziel der 1
Äe ? des Staates sein müsse. Er hat i
Dabei sich.dafür erklärt, daß der Staat auch aus die Vertheilung । ec "(einen Landestheilen und nicht bloß der V e r - ! woge«, sondern vor Allem auch der Menschen hinzuwirken habe. 1
Aus Kunst uud Lebe«.
* Frankfurter tztadttheatrr. (Wochen-Spielentwiirf.) Opernhaus. Dienstag, den 9. Juni: „Margarethe". Mittwoch, den 10.: Schiller-CyklnS, 4. Abend: „Dell". „Aitinghaufen": Herr Liehler als Gast. Donnerstag, den 11., neu einstudirt: „Josef in Laypten". Freitag, den 12.; „Hänsel und Grethel". Hieraus:
Wir verkennen »wht die Aufgabe des Staats auch auf eine gefun^l Vertheilung der Einkommen hinzuwirken, aber ber Art wie Aufgabe vom Finanzmiuister anfgefaßt wird und wie deren wirklichung schon in einzelnen Gesetzen angestrebt wird, können nicht zustimmen, das heißt Berg und Thal gleichmachen woll» ff Eine mechanische Gleichmacherei der verschiedenen Gegenden verschiedenen Erwerbsklassen Deutschlands kann nie und nimm»! zu einem Segen für Handel und Gewerbe ausschlagen Durchschnitt war der Gang der Geschäfte im Bezirk int Jahre MM fceffer als im Jahre 1894. Das Mühlengeschäft war im FrühjaW lustlos, spater trat bei andauernder Trockenheit eine Steigern«« em, der aber infolge von besseren Erntc-Anssichten und großen aül fuhren ansländifcheii Getreides bald ein Rückgang folgte Do M Wettbewerb des Westens nach Aufhebung des Identitätsnachweis« ■ Diel schwacher geworden, war der Ertrag besser. Das HolzgesMM war recht lebhaft im Herbst trat sogar eine PreissteigeZ I ein. Die Produktion von Thonerde, Dachschiefer, iusbesoiidft! ff von Manganerz ging im Bezirk nicht unerheblich zurück ff Die Erzeugung von Gußwaaren flieg, stetig war die H^W steUuiig von Metallkapseln, nur wird von wenig Nutzen bringend» 1 Preiseiibenchtet Das Gleiche gilt von der Fabrikation von BiNI und Schnelldruckpresfen, die ebenso unter den hohen Zöllen d«W Auslandes leidet. Lebhafter als im Vorjahre gestaltete sich i?y I Geschäft in der Fabrikation von Ellenkonstruktionen, Auftüae»M Euenwaareu als Hülfsartikel für Gas- und WasserleitnnW 8 ortifcl und in der Elektrotechnik. Unverändert war der Abiad I ber Perlkranzfabrikation. Die Herstellung von Thonplatten leid« I unter lleberprobuftion, die Cementwaareufabrikation ist inäV verändert, die Fabrikation von feuerfesten Steinen und Backsieii,« I erfreute sich b esse reu Absatzes, dagegen leidet die Graukalkindustrst»
Wettbewerb der Moselwerke und unter Rückgom I beS Absatzes. --Die chemiicheii Hndustrieen hatten gröfetenibeift ff normalen Geschäftsgang, zum Theil erfuhren sie eine Beffcniii, I Für Anilinfarben ergab sich erhöhter Absatz, der Betriebs. » erivkitcrnngeu zur Folge Halle, normal war der Absatz von Oral. I fnure, SBeinfteiiiiäure, schwärze. Für Gelatine waren bessere Zeiten I ba ber Absatz nach Amerika ziiiiahm. Dagegen war das Ge. » schäft in Holzdeftillaten unbefriedigend. — Die Herstellung von I ö-etten war wesentlich höher, die von Seifen unberänbert Die I lertuge. Sej tliHbuftrie unserer Bezirke, Struinpftvaaren- und Leinen- 1 fabrikatio» hatten besrieoigendeu, zum Theil lebhafteren Gang. Für W die Leder iiidi,sine war 1895 ein äußerst bewegtes Jahr Die Ge- 1 schäfte gingen jowohl in Sohlleder wie in farbigem lieber und W tJeinleber .flott Doch brachten die heftigen Preisschwankungen I mandjen, msvesondere aber den Haiitc- und Fellhändlern Der- I lufle. — Tte Wachstuchfabrikation erfreute sich^ eines Anf- fe'!äßS- «T Unbefriedigend war das Geschäft in Cellulose, i Pc>ppe», Kifttn. Geiabezn unlohnend war die Talgschmelzeret und bereit Abnehmer die Margarinefabrikation, die eine um - °0 PCt. geringere Erzeugung hatte nud durch die Gesetzentwürfe bc'UMihigt wurde. Uiigiiiislig war auch die Zuckerfabrikation. ' Icr '^lr voii Ltter, Wein und Schaumwein war befriedigend, i Das Geschäft in Baumaterialien war IM Allgemeinen lebhafter do» ; toar infolge ber Schleiiderkoukiirreiiz der Ertrag geringer' In Parketboden und Baiischreinerarbeiten war der Gang unverändert ' infolge der langen Kredite sind wie früher häufige Verluste au tragen' I DusGypsgeschaft ergab trotz ber Befferuug im zweiten Halbjahr einen ä Rückgang gegen bas Vorjahr. Die Asphalt- und Dachpappenfabrikatioi» bie Glasmalerei uttb Mobelf abrikation sind von 1895 befriedigt. Von den Handelsgeschäften erfreute fick) das Bankgeschäft eines sehr günstigen Wahres. Wahrend die Ladengeschäfte in Wiesbaden etwas besseren Absatz erzielten, blieben die Verhältnisse für die Ladengeschäfte auf I de"' Londe die wie früher über den Wettbewerb der Hausirer Detailreisenden, Versaiidgefchäfte klagen, unberänbert. Die Bäder i unseres Bezirks wie auch die Fremdenplätze am Rhein erfreuten sich i eines befriedigenden Besuchs, nur in Soden war der Besuch etwas! schwacher. Jnsbeioiidere wirkte die 25-jährige Erinnerungsfejer an 1 bte Siege von 1870 belebend auf den Fremdenverkehr unserer Gegend J und den Verkehr unserer Bahnen, insbesondere die Niederwald- ; bahnen. Dankbar haben wir dabei anzuerkenneit, daß durch bie 1 wiederholten Besuche allerhöchster Personen in Wiesbadcit bet j Fremdeiistrom wieder mehr als in früheren Jahren nach bei» 1 Tauuusbadern und dem Rhein gelenkt wird. Nachdem die alle i vinbre neu auftauchendcn Luftkurorte, Bäder und neu entdeckten 1 Re'ftziele des Norde ns und Südens jahrlaug unseren schönen 1 Gegenden Abbruch im Fremdeiiverkehr gethan, giebt nnseren Ver- < wattungen der günstige Wechsel der letzten Jahre auch wieder Muth zu größeren lluternehinniigen, welche die Freinben an unser Land - zu fest ein geeignet sind." 3
Die Jubiläums Festlichkeiten des „Turn-Vereins" haben gestern mit einer Ehrung der verstorbenen Mitglieder ihren An aiig genominen. Zu diesem Akte der Pietät hatten sich bie SWtebet um 8'/- Uhr im Vereinsheim, Hellniiindstraße 25 recht zahlreich uerfanunelt, um fid) von hier aus in zwei Abtheistmaen nach dem alten Friedhöfe an der Platterftraße und dem israelftischei» Fricdhot au der Schönen Aussicht z,i begeben und daunzu der Haiiptfeier auf dem neuen yriebljDf vor dessen Portal wieder zusamiuenzutreffen. Uns dem allen chnsttichett Friedhof wurde au deut Grabe des fiNheren Vcrcinspräsideuten, Kanfmaiin Louis fireiupel, ein Lorbcerkraiiz niedergelegt und das Gleiche geschah auf dem Israelit,sei,cn Friedhof an dein Grabe des früheren Vorftands- mitgliedes Hanfmaun Leopold Reifenberg. Die Hanptfeier fand aut dem neuen Friedhof an dem Grabe des langjähiiaen verdienstvollen Turnwarts August Mahr statt, dem der Verein s. Z.. ein dem fchlmjten Wesen dcs Verstorbeiien entsprechendes Grabuial, einen mächtigen Waldstein, auf den, eine Platte mit dem Bildniß des Vorstorbeneu eingclafftu ist, errichten liefe. Mit dem von der Gesangriege des Verems gesiiugenen Chor „Unter allen Wipfeln ist R>'d wurde die Feier stiniiniingsvoll eingeleitet. Der Vereins- Präsident, Herr Lehrer Wilhelm Schmidt, richtete eine Ansprache än die Versammlung, worunter sich auch viele Angehörige der Verstorbenen befanden, in welcher er ausführte, daß der Verein ge- S anbt habe, fein JnbiläumSfcst nicht passender ciiileiteii zu können, 015 mit einer Ehrung Derjenigen, die aus seiner Mitte gerissen worden. Es sei eine lange Reihe theurer Verstorbenen, die ans den verschiedenen Friedhöten ruhten, Jüiiglinge, Mäimer in der Vollkraft der Iah« und Greise der Zahl der Jahre nach, aber jung im Herzen und begeistert für die edle Turusache. Ihr Streben für den Verein werde unvergessen bleiben. Für Alle, welche auf diesem Friedhöfe nihen, lege der Verein einen Kranz auf das Grab des allverehrlen Turnwarts Mahr, des Vorbildes deutscher Treue und Strebsain- keit. Mit dem Gesang des Chores „Wie sie so sanft ruh'»"
schloß die erhebende Gedenkfeier. Derselben reihte sich noch eine kleine Feier an dem Grabe des im vorigen Jahre oerftoibeueit Kaufmanns Philipp Kleber, des langjährigen verdieitteu Obmanns der Gesaiigriege, an. Ihm widmete die letzte« einen Lorbeeikranz, der wie die übrigen Kränze auf roth-weißen Schleifen die Wibniung trug. - Nachmittags hielt der „Turn- ~_erelP >n seiner Turnhalle ein großes Schau-Turnen und --fechte» ad, das außent zahlreich, u. A. von dem Kommandeur bei Rkg'nieiit« v. Gersdorff, v-rrn Oberst Lö!höffel v. Löwen- p ru»g-dem Kommaiidenr der hiesigen Abtheiftmg des Rass. Feld- Artillerie-Regmients Nr.27, Herrn Major Be r n h a rd, S. Erc. Herr» Vice-Admiral z D. Mensing, Herrn Stadtverordneien-Borsteher Geh. Hofrath Profeffor Dr. R. Fresenius, Herrn Kurdirektor Hey l, Herrn Kreistnrnwart Heidecker und Vertretern von Turn- vereinen der Nachbarorte, besucht war. Die Veranstaltung nahm eine» schonen, den Verein in hohem Grade ehrenden Verlaus. Nach dem Einmarsch der stattlichen Turnerschaar trug die Gesangriege de» von ihrem Dirigenten Herrn Lehrer C.Schauß komponirten schwunv vollen Chor: Das Vaterland" vor, worauf der Vorsitzende, He« Lehrer W. Schmidt, die Gäste und Mitglieder begrüßte und mi Verlauf feiner längeren Ansprache darauf hinwieS, daß der Verein die Schalltnrnen nicht veranstalte, um nach außen zu prunken, fändew um zu zeigen, worf» er feine Aufgaben suche, um seine Mitglieder aufs Neue für die Turnsache zu begeistern und derselben neue Ft ' Auch m den Dienst der Wohlthätigkit habe der
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Ausland.
* Italien. Im Senat wurde eine Interpellation über die geheimen Gesellschaften eingebracht, welche, ohne sich so zu nennen, auf das Freimanrerthuin hnizielen. Die Interpellation stellt speziell die Frage, was die Regierung zu thnu beabsichtigt, «m das Freimaiirerthum unter das gemeine Recht znrückzuführen. Mlmsterprastdent Rndini erwiderte, die Frage sei sehr schwierig, weder in der Verfassung, noch in den Gesetzen sei hiervon die Rede. Er glaube, daß die geheimen Gesellschaften nichts Gutes leisteten; diejenigen wenigstens, die aufgehört hätten, geheim zii sein, leisteten jetzt mehr Gutes, als ehedem. Das yjci5“5rer-®uni werde feinem Zweck entsprechen, wenn es öffentlich Ware; bleibe es geheim, so werde eS eine Gefahr für die Lauterkeit der öffentlichen Verwaltung fein. Er glaube nicht, daß letzt der Augenblick gekommen fei, entsprechende Maßregeln vorzuschlagen. Er werde dies jedoch thun, wenn sich eine Gelegenheit bieten werde, nicht um das Freiniaurerthum als solches, sondern alle geheimen Gesellschaften zn treffen. (Beifall.)
* Frankreich. Das Befinden Jules Simons ist hoffnungslos. Eine Katastrophe scheint bevorstehend, trotzdem geftern eine leichte Besserung eintrat.
* Spanien. Zwei Dynamitpatronen explodirteii por dem Hanse des Pfarrers in Crendain in der Nähe von Sau Sebastian. Der Schaden ist bedeutend. Personen sind nicht verletzt. _ * Rußland. Der Kaiser nahm gestern Mittag bei herrlichstem Sonnenschein die Parade über etwa 50,000 Mann ab. Die Truppen waren auf dem Chodinskoje-Felde.deni Unglücksfelde, ausgestellt. Die Tribünen waren dicht besetzt, »lud) die von den Truppen freigelaffenen Stellen des Feldes waren vom Publikum eingenommen. Die Parade wurde von dem Grofefürsten Wlabiniir kommandirt. Nachdem die geladenen Persönlichkeiten eingctroffeu Waren, stieg der Kaiser am Petrowrky-Palais zu Pferde. Während die Großfürsten und ausländischen Fürstlichkeiten zu Pferde folgten, nahmen die Kaiserin und Kaiserin-Wittwe, sowie bie Großfürstinnen und Prinzessinnen in Galawagen Platz. Als der glänzende Zug sich dem Chodinskoje-Felde näherte, brachte das Publikum brausende Hnrrahruse ans. Der Kaiser ritt, von dem glänzenden Gefolge begleitet, auf die Front der Truppen zu. Die Musikkapellen begannen zu fpielen, die Fahnen und Standarten falutirten. Der Kaiser ritt die Front ab und begrüßte die Truppen. Die Kapellen intonirten die Nationalhymne, die Truppen beantworteten den Grnfe des Kaisers mit donnernden Hurrahrufen. Rach dein Abreiten der Front nahm der Kaiser den Parademarsch ab. Nach der Parade fand im Petrowsky- Palais ein Frühstück statt. Nachmittags 2 Uhr wurden die Prinzen zum Abschied empfangen. Nachmittags 4 Uhr wurden bie Botschafter unb Gesandten empfangen. Abends 7 Uhr sand im Kreml-Palais ein Festmahl für bie23ertreter der Moskauer unb Petersburger Behörden statt. — Rach Petersburger Berichten sollen daselbst am Krönuugs- tage, sowie an dem nächstfolgenden Jllumiiiationsabend ernste Ruhestörungen auf dem Newsky-Projpekt ftnttgefunben haben. Ein Hanfe Betrunkener erstiirnite mehrere Häuser. Die einschreitenden Kosaken wurden mit Steinen, toeldje der Pöbel aus dein Straßeu- pflaster riß, empfangen. Viele Polizei-Offiziere und Kosaken wurden von ihren Pserdeii geriffelt und schwer verivundet. Die Zahl der Todten und Verwundeten auf beiden Seiten soll 250, die der Verhafteten über 500 betragen. — Die Untersuchung scheint zu konstatiren, dafe vor dem Anfang ber Vertheilung der Festgescheuke mehrere Hundert tausende derselben fehlte». Anstatt 400,000 waren höchstens 150,000 Festgeschenke vorhanden. Zwei Drittel der B i e r t o u n e n waren leer ausgestellt worden. Somit scheint die Katastrophe den Schuldigen willkommen gewesen zu sei», um bie Spuren des Betrugs und des Diebstahls zu verwischen.
* Türkei. Die Nachrichten aus Kreta lauten andauernd alarmitenb. Das Sengen, Brennen unb Morden ber Türken dauert immer noch fort. In Kanea haben ueuerbings arge Metzeleien ftattgefnnden. Die Situation wirb immer schlimmer. Ans Athen erhalten die kretensischen Christen große Geldsiinimen und Mumtion. — Die revolutionäre Bewegung in bau Ueskueler Bezirk Nimmt einen erregten Charakter an. Die türkischen Behörden verhasien Mlreiche Professoren und Lehrer. Fahnen mit der Inschrift: „Erhebt Euch, bie Stunde ber Befreiung hat geschlagen" wurden beschlagnahmt. — Nach einer Depesche der „Ephemeris" aus Kanea vom Sanistag Morgen haben die Truppen, welche nach Kisamo abgesandt waren mehrere Ortschaften niedergebrannt. In Polemarchi haben bie Soldaten zwei Christen ermordet, unter ihnen einen Prediger. Eine andere Abiheilung hat Wonkolies in Braud gesteckt. Ter Markt in Kanea ist noch immer geschlossen. Es sind neue Truppensendniigen eingetroffen. Die Soldaten bedrohen die Christen. Die Beughas warfen nach den, Wagen des russischen Konsuls mit Steinen, als sich dieser von Haleppe nach Kanea zurückbegab. In Selino entstand zwischen den Soldaten und Christen ein Streit, in dessen Verlaus 3 Christen und 6 Türken gc» tobtet unb 9 andere verwundet wurden. Die Muselmanen sind bis an die Zähne bewaffnet und drohen bie eiugeschlossenen Christen zu ermorden. — In ber Audienz, welche der französische Botschafter, Cambon, am Samstag beim Sultan hatte, wiederholte er seine bereits früher gemachten Rathschläge über Kreta. Die nach Kreta entsandten Verstärkungen sind uunuiehr bis auf 2 Bataillone dort eingetroffen, sodaß die gegeiiwäriige Besatzung der Insel 32 Bataillone beträgt, eine Stärke, welche auch für den Fall genügen dürste, daß ber Aufstand größere Dimensionen amiehmen follte. — Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, richtete die Pforte auf die letzten Borstellungen der Botschafter be- zuglich Zeituns durch ihre diplomatüchen Vertreter iin Auslanbe ein Rundschreiben an die Mächte, in dem bie Bewohner Zeituns neuer
1 r Gewaltthätigkeiten gegen die Truppen angeklagt unb die Machte ersucht werben, auf die Ernennung christlicher Kaimakams, welche zu einem spateren Zeitpunkte für alle diejenigen Distrikte, in denen es geboten erscheint, erfolgen wird, jetzt nicht zu bringen, da sonst erneute Unruhen zu befürchten seien.
* Afrika. Das „Reutersche Büreau" meldet ausAkascheh: Die sudanesischen und egyptischen Truppen griffen nach einem Marsche, welcher die ganze Nacht hindurch gedauert hatte die Derwische am Samstag früh 5 Uhr bei Firket (Ferkeh) an unb zerstreuten sie vollständig. Die Derwische erlitten empfindliche Verluste. Die Verluste auf englischer Seite sind unbebcutenb.
