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Viesba-kmr Sagblatt

4«. Jahrgang»

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U». 252. Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Montag, den 1. Ium.

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

1896.

Abend-Ausgabe.

(Nachdruck verboten.)

Die Kronnngsfeierlichlreiten in Moskau.

Von Paul Lindenberg.

IX.

Lie Illumination am Krönungsabend.

Moskau, 27. Mai.

Ein grandioser, märchenhafter Schluß des unvergeßlichen, feierlichen Kröuungstages, die Illumination des gestrigen Abends, welche die nach den Vorbereitungen bereits höchst­gespannten Erwartungen noch übertraf und einen stunden­lang in einen wahren Zauberbann versetzte!

Des Flammenmantels, in welchen sich schon am Abend des Einzugs des Kaiserpaares die ganze Stadt gehüllt, haben wir eingehend bereits früher gedacht, auch gestern wieder legte ihn sich Moskau um, und noch weit schöner und strahlender erschien er wie damals, denn diesmal be­iheiligten sich auch die kaiserlichen Gebäude an der Illu­mination und ragten aus ihr durch ihre majestätische Licht- fülle und ihre feurigen dekorativen Schmuckstücke, zu denen wochenlange Vorbereitungen nöthig gewesen, bestechend hervor. Die kaiserlichen Theater, die Museen, die Schulen und Kasernen rc., sie waren übersäet mit einem unzähligen Kerzengeflimmer, aus dem sich mächtige buntfarbige Transparente abhobcn mit Huldigungen für das Kaiserpaar. Wieder erglühten all die schon beschriebenen Pavillons mit ihren tausendfachen Ver­zierungen, ihren leuchtend ihr Farbenspiel wechselnden Spring­brunnen, ihren sich drehenden Sonnen, Kronen und Initialen, wieder strahlten die Ehrensäulcn ihr merkwürdig sammet­artiges Licht aus und mar die kolossale Front der Duma mit glühenden Arabesken umsponnen; aber was will das Alles sagen gegen den Kreml, diese herrliche Dichtung in Flammenschrift, diese wunderbare Schöpfung von bisher un­erreichter Schönheit, wie man sie Menschenhand und Menschen­geist nie zugetraut, diese Zauberinsel inmitten eines aus Feuergarben gebildeten Meeres!

Wie schwach sind Wort und Farbe, auch nur annähernd den Eindruck wiederzugeben, den dieses phantastische Werk gemacht! Sprachlos, wie berückt stand man da, von einem tiefen Glücksgefühl durchdrungen, daß unsere Augen so viel Schönes und Herrliches sehen konnten! Von kleinen weißen Lämpchen, deren Zahl sich auf Hunderttausende beziffern mochte, waren die Zinnen der endlos langen Mauer eingefaßt, darüber aber nun erhoben sich die Thürme, die bastionartigen Ausbuchtungen, die weiter vorspringenden Terrassen in sinnberückendem, farbigem Feuerglanze. Jeder der Thürme ist sowieso schon anders geformt, der eine schwerfällig, mit kurzem und stumpfem Aufbau, der andere zierlich leicht emporstrebend, der drille von Bogen durchbrochen und mit Gallericen umgeben, der vierte kranzförmig mit einem hallenartigen oberen Geschoß, und so fort, und diese architektonische Mannig­faltigkeit trat noch weit mehr wie sonst in diesem bunten, flammenden Guirlanden-Gewande hervor, mit welchem all dies« Bauten bedeckt waren. Nichts glich sich in diesem ent­zückenden farbigen Aufputz, und mit immer neuer Be­wunderung schweiften deshalb die Blicke umher und konnten sich nicht satt sehen an diesem Strahlenreichthum, der den ganzen Kreml in einen einzigen, aus feurigen Linien be­stehenden Schleier gehüllt. , .

Hier dieser Thurm war unten blau, seine erste Gallerte grün, die vier Seitenthürmchen derselben roth, die Spitze gelb, ein anderer stieg aus purpurrother Basis empor, seine Fenster waren mit weißen Streifen eingefaßt, seine Spitze gelb mit kirschrothen Seitenlinien, die sich diamantartig an­einander reihten, ein dritter Thurm dunkelgrün mit hell­grünem Aufbau, sein Nachbar ganz weiß mit violetten Ver­zierungen an seinem Thorweg, den Fenstern, den Luken, den Seitengängen, während der die oberste Spitze krönende Kaiser­adler in sattem Roth erglühte, und an verschiedenen dieser Thürme wechselten von Minute zu Minute die Farben und warfen von ihren Gallericen blendende Scheinwerfer ihre weißen Lichtfluthen auf die nähere Umgebung, wie auf die unten liegende Stadt.

Ein Wunderwerk wieder für sich war der sich nahe dem Kaiserlichen Palais mit seinen 5 Stockwerken über 80 Meter hoch erhebende Iwan Welicky, keck feine goldene Kuppel mit ihrem mächtigen goldenen Kreuze tragend, wie auch die sich an ihn anschmiegenden kleinen Kapellen mit goldenen Kuppeln versehen sind. Nur von weißem, elektrischem Strahlengewebe war dieser Thurm umsponnen, in den offenen Bogen seiner Gallericen aber glühte rothes _ bengalisches Licht, aus welchem geheimnißvoll die frei hängenden ge­waltigen Glocken dunkel heraustauchten; auf seine und die benachbarten kleineren Kapellen-Kuppeln aber war ein ganzes Sternenmeer herabgefallen und hatte sich zu Perlenschnüren Lmeinandergereiht, die in ihren zarten Gliederungen dicht die Kuppeln umrahmten, deren Schein auf den benachbarten fünf goldenen Kuppeln der Uspensky-Kathedrale so wider­glühte, als ob letztere aus flüssigem Erz beständen.

Liegt dieser Thurm innerhalb der Kreml-Mauern, so der

Geheime Thurm, der seinem Namen nach früher manch düsteres Mysterium umschlossen haben mag, außerhalb der­selben. Sein massives unteres Portal hob sich grün von den weißbeleuchteten Mauern ab, darüber folgte ein rothes Stock­werk mit gelben Arkaden, dann der trotzige thurmartige Aufbau bordeauxroth; von ihm herab ergoß sich in vielen Abstufungen ein breiter Wassersturz in die Moskwa, dessen Wassermassen in ihren einzelnen Theilen durch Magnesinm- beleuchtung stets andersfarbig waren und sich mit ihren feurigen Wogen gleich Tausenden funkelnder Schlangen in den Fluß stürzten. Seitlich hinter dem Thurm erhebt sich die Front des Kaiserlichen Palais, zwischen dem Wege vor letzterem und der in diesem Punkt weiter hinaus- geschobencn Kreml-Mauer erstrecken sich langsam abfallende Grasflächcn, in die feurige Beete, Rosetten, weite Gänge und schmale Pfade eingelassen waren, aus denen sich gleich rothen Rosenbosquets purpurrothe kleinere Kreise abhoben.

Einzig schön ist der Blick von dieser Stelle auf den jenseits der Moskwa sich auSbreitcnden Theil der Stadt, zu der über den röthlich dahinströmendcn Fluß, dessen Quaimauern mit flammenden, untereinander durch Guirlanden verbundenen Kränzen geschmückt waren, zwei Brücken führen, die aus feurigen Edelsteinen zusammengesetzt erschienen. Zwischen diesen Brücken aber welch eine Flammenpracht an den Fassaden der Privathäuser und Paläste! Herrliche Ornamente breiteten sich glühend und sprühend aus, hier von gewaltigen Kaiserkronen, da von dem doppelköpfigeu Reichsadler, dort von den kaiser­lichen Initialen, die in seltsamem Farbenspiel auf- und niederzutanzen schienen, überragt, und über die Dächer hin­weg erglommen aus dem weiten Hänsermeer wie riesenhafte feurige Kugeln die Kuppeln der Kirchen und Kathedralen, deren Thürme und Thürmchen einem feurigen, zierlichen Netzwerk glichen, über welches sprühend Leuchtkugeln und Raketen hinwegschossen oder das plötzlich durch die Schein­werfer in blendendem Tageslicht aufleuchlete.

Ungeheure Menschenmengen wogten da unten auf und nieder, und von ihnen drang gleich brausender Mceres- brandung stürmisches Hochgernfe herauf zum Kreml, der für die großen Massen gesperrt und scheinbar schweigend, in sein flammendes Prachtgewand gehüllt, dalag, erhaben auf das Gewimmel tief unten herabblickend.

Nun wenden auch wir unsere Schritte hinab, einen der hochgewölbten südlichen Thurm-Thorwege passirend — ah, welch ein neuer zauberhafter Anblick: rechts und links dehnt sich ein Feengarten ans mit dichtfluthcndcn Blumenanlagen und Wegen, mit schimmernden Kirchen und Pavillons, mit strahlenden Ehrenpforten und Triumphbögen, und unter ihnen schreiten wir dahin inmitten des Gedränges der Volks- masscn, die sich mit wenigen Ausnahmen musterhaft ruhig und gesittet benehmen, als wären sie durch diese Strahlenpracht rings herum wie in einen veredelnden und läuternden Bann geschlagen. Der Alexander-Park ist es, den wir durchmessen und von dem wir nochmals auf den Kreml steigen und oben auf seiner Mauer hinter den Zinnen, wo einzelne Soldatenposten Wache halten, entlangwandern, um noch einmal hier in dieser Abgeschiedenheit, hoch über dem Lärm und Getriebe, all das unaussprechlich Schöne auf uns ein­wirken zu lassen.

Nicht zu trennen vermag man sich von diesem wunderbar herrlichen Schauspiel, Stunde auf Stunde verrinnt, Mitter­nacht ist schon nah' und der volle Mond bereits ein gut Stück seines Weges gewandelt, vergeblich mit seinem ver- söhnend-mildcn Scheine, der sonst so phantastisch auf der alten Czarenstadt ruht, die Aufmerksamkeit der Menschen­kinder zu erwecken suchend: Ja, ja. Du alter Geselle, Du magst schon viel auf Deinen tausendjährigen Wanderungen gesehen haben, aber eine solche Nacht, wie diese des Krönungstages, die hast Du wohl doch noch nicht erlebt, scheint sie doch selbst Dich roth gefärbt zu haben mit ihrer Gluth, oder sollte cs gar Scham sein, daß Du diesmal so gänzlich unterlegen?---

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Moskau, 30. Mai. Heute Nachmittag fand auf dem Chobynsky-Fclde beim Petrowsky-Palais die H n l d i g n n g des Volkes statt, wobei Gedenkkrüge und andere Gaben ver- theilr wurden. Als das Kaiserpaar vom Palai» nach dem gegenüberliegenden Pavillon abfubr, erfolgte der Aufstieg zahlloser SignatballonS. Die Geschützbatterie begann ihre Salven und ein mchrtausendstimmiger Chor intonirte: „(Sott schütze den Czareu". Als das Kaiserpaar sich auf dem Balkon dem Volke zeigte, erfolgten von Hunderttanscnden brausende Hurrahs. Das Kaiserpaar verneigte sich während der ganzen Dauer der Ovation. Die erwähnte Hymne und darauf die Hymne aus dem „Leben für den Czaren" wurden mehrfach wiederholt, immer wieder von Hurrahs begleitet. Der Himmel war fast wolkenlos. Nach Beendigung der Huldigung begab sich das Kaiserpaar nach dem Petrowsky-Palair, wo cs Deputationen verschiedener Moskauer Körperschaften, darunter eine Deputation der deutschen Kolonie, welche cineAdresseüberreichle.empfingen. Daraus war in drei gewaltigen Zelten vor dem Palais die Speisung von mehreren Hundert Dorfältesten. Das Kaiserpaar durchschritt alle drei Zelte huldvoll grüßend. Der Kaiser dankte den Dorfältesten für die ausgedrückteu Gefühle der Treue. Die Sorge um das Wohl der Bauern sei seinem Herzen ebenso nahe wie seinem Großvater und unvergeßlichen Vater. Die Aeltesten möchten der Worte des Vaters bei besten Krönnng ge­denken. Er wolle, daß feine Worte für die Bauern stets eine feste Richtschnur hüben. Möge Gott ihnen stets Gesundheit und Erfolg iu der Arbeit und in guten Werken gewähren l

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1138 Menschen erdrückt und zertrete».

Die glänzenden Festlichkeiten, seit Tagen und Wochen im Mittelpunkt des Interesses stehend, haben einen unerwartet gräßlichen Abschluß gefunden, nicht etwa durch die ver­brecherische Thätigkeit der Nihilisten, von denen man einen Anschlag befürchtete, sondern durch die ungezügelte Gier un­gebildeter Volksmassen, ließet das Unglück, dem weit über lausend Menschen zum Opfer fielen, liegen folgende Meldungen vor:

C.T.C. Moskau, 30. Mai. Auf dem ChodyuSky-Felde bei dem Petrowsky-Palais sind feit gestern Abeud mehrere Hunderttausend Menschen versammelt, um au der heutigen Vertheilung der Gedenk­krüge und Speisen Theil zu nehmen. Als die Vertheilung begann, entstand ein fürchterliches Gedränge. Der Kaiser läßt 1000 Rubel an jede verwaiste Familie zahlen und die Begräbnißkosten auf seine Rechnung nehmen. — Es wurde amtlich festgestellt, daß die Zahl der getödtcten oder den Verletzungen erlegenen Personen sich auf 1138 beläuft.

C.T.C. Moskau. 31. Mai. Nicht nur aus Moskau, sondern auch aus den umliegenden Dorfschasien strömten bereit» vorgestern Abend große Massen ans das Chodynsky-Feld. Gegen 12 Uhr hatten sich bereits gegen 200,000 Personen an gesammelt. Die Menge ließ sich wie in einem Lager nieder, zündete Wachtfeuer an und ver­brachte die Nacht singend und sich belustigend. Als der Morgen dämmerte, strömten immer gröbere Mcnschenmasseu herbei. Die Menge wuchs von Minute zu Minute und hatte sich gegen 4 Uhr nahezu verdoppelt. Die speziell anläßlich der Krönnng gebildete Polizei, welcher die Wache oblag, verlangte Verstärkung durch die stündfge Polizei. Infolge dessen trafen gegen 5 Uhr Mann­schaften von Kosaken und Polizei ein. Inzwischen halte die Menge einen bedrohlichen Umfang angenommen und begann gegen die am Rande des Feldes errichteten Schaubuden vor- zndringen, in denen die Gaben für das Volk aufgespeichert waren. Die Menge brach gewaltsam in die Buden ein. In der sechsten Stunde wurde beschlossen, mit der Vertheilung zn beginnen. Die hundert mit der Vertheilnng beauftragten Personen konnten gegenüber der nngestüni andrängendcn Menge nicht schnell genug die in Bündeln vereinigten Gaben vertheilen; in den engen Zügen zwischen den Schaubuden entstand ein furchtbares Gedränge, welches unter dem Nachdrängen der nach Hunderttanscnden zählenden Menge von Augenblick zu Augenblick wuchs und die bereits erwähnte schreckliche Zahl von Opfern zur Folge Halle. Man hörte herzzerreißendes Schreien nnd Scnfzcn, bis es endlich den Kosaken gelang, einen Theil der Menge vom Platze zn drängen. Viele Tausende kehrten schon zeitig, von panischem Schrecken ergriffen, in die Straßen der Stadt zurück. Bis zum späten Nachmittag sah man die Wagen der Feuerwehr und Arbeitswagen langsam durch die Straßen der Stadt hinein­ziehen, welche die Leichen nach den Höfen der Hospitäler und die Kranken nach den Hospitälern brachten. Die Verunglückten sind meistens Frauen, auch zahlreiche Kinder befinden sich darunter, lieber die Katastrophe wird weiter berichtet: Etwa dreißig Faden von den Buden, worin die Geschenke und Erfrischungen auf- gespeichert waren, befindet sich ein tiefer, nenil Faden breiter Graben. Die herandrängende Menge stürzte nieder und die vorderen Reihen fielen in denselben. Hunderte von Menschen füllten im Laufe von kaum 15 Minuten den Graben. Die von hinten mit elementarer Gewalt geschobenen Massen gingen über die niedergestürzten Leiber hinweg, ohne zu merken, ob sie Erde oder Menschen unter den Füßen hatten. Bis zn den ausgespeichcrten Gaben vor- aedrnngen, begann die Menge, dieselben unter die herandrängenden Massen zu schleudern. Es entstand ein furchtbares Gewühl, welches weitere zahllose Opfer, mehr Verstümmelte als Todte, forderte. Die meisten Menschen erlitten den Erstickungstod. Nachdem die Ord­nung wiederhcrgestellt war, kam die Masse wieder zur Besinuung. Durch den entsetzlichen Anblick ernüchtert, begann die Menge, über das Erlebte tief erschüttert, selbst die Leichen ans dem Graben herauf- zubeförderu. Hierbei gab es herzerschütternde Scenen, wenn Angehörige vermißt wurden. Die herdeigernfeiien Militärärzte begannen sofort, die Verwundeten zu verbinden. Die Verwundeten wurden in Militärlazarethwagen in die Krankenhäuser gebracht und die Leichen auf Feuerwehrwagen, mit Strohmatten bedeckt, nach den Fenerwehr­revieren und Krankenhäusern übergesührt. Die vieltausendköpfige Menge folgte in gedrückter Stimmung. In ein Hospital wurden drei Personen eingeliescit, bei welchen akute Geistesstörung (vor Schreck!) eingetreten war. Der Zustand dieser Personen hat sich inzwischen wieder gebeffert. — lieber die Ursache der Kata­strophe sind verschiedene Versionen verbreitet. Man erzählt, das Unglück sei dadnrch herbeigesührt worden, daß die Begleiter bet Wagen, auf denen die Gaben nach dem Lertheilungsorte gebracht wurden, auf Bitten der ihnen folgenden, nicht eben zahl­reichen Personen Bündel unter die Menge warfen, obwohl die Ver­theilung erst um 11 Uhr Vormittags beginnen sollte. Wie ein Lauf­feuer verbreitete sich bann unter den Hunberttausenden aus dem Platze lagernben Menschen die Kunde, daß die Vertheilung begonnen habe. Sofort erhoben sich die Mafien und stürzten fort in der Richtung auf die Buden, wo die Katastrophe ent­stand. Die Leichen warben in ber Nacht nach bem Wagankow- Kirchhos gebracht, wo sie behufs Feststellung der Personalien burch die Angehörigen ber Verunglückten aufgebahrt sind. Zur Feststellung der Ursache ber Katastrophe ist eine gerichtliche Untersuchung eingeleitet worben. Die Gerichtsbehörde nahm heute eine Besichtigung des Ortes ber Katastrophe vor. Auf bem Wag ankow-Kirchhof liegen 128 2 Leichen, mit Tüchern bebeckt unb nur theilweifc in Särgen. Der Anblick ist ein wahrhaft furchtbarer. Die Gesichter unb ©lieber sinb so verstümmelt, baß bie Einzelnen nur an ben Kleibern erkennbar sinb, wofern nicht biese ebenfalls zerfetzt sinb. Der Kirchhof ist von weinenbcn Menschengruppen angefüllt, welche ihre Angehörigen suchen; immer weitere Mafien bewegen sich zmn gleichen Zweck nach bem Kirchhofe. Die Polizei hält die Ordnung anfrecht. Die Verunglückten sind meist Bauern und Arbeiter. — Von den Ausländern, welche an­läßlich der Krönungsfeierlichkeiten hierher gereist sinb, würbe bei ber gestrigen Katastrophe Nieuianb gelobtet ober verwundet.

D.B.H. Moskau, 1. Juni. Die Stadt steht noch unter bem Eindruck des großen Unglücks auf dem Chodynsky-Felde, welches gestern, nachdem Tobte und Verwundete weggeschafft waren, einem Schlachtfelbe gleich sah. Eine Anzahl Tobte hat mau gestern noch gefunden. Es verlautet, daß die Zahl ber umgekommenen Menschen sich auf etwa 3000 beläuft. Zu den Buden, wo die Tobten mit theilweifc ganz entstellten Gesichtern untergebracht nnb, haben nur btt« jenigen Personen Zutritt, welche Angehörige ermitteln wolle». Nach ben Angaben ber Polizei hatten bie Unfälle schon um 4 Uhr Morgen» begonnen, zu welcher Zeit etwa 3/« Millionen Menschen zusammen