WiksbÄkim Sagblatt
o
1896
Ä40
Samstag, den Ä3. Mai.
Bezirks-Fernsprecher No. 62.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
kV
Verlag: Langgasie 27.
13,000 Abonnenten
Nnzelgen-Preis:
Die einspaltige Petitzeile für lokale Anzeige« 15 Pfg., für auswärtige Anzeigen 25 Pfg. — Reklamen die Petitzeile für Wiesbaden 50 Pfg., für Auswärts 75 Pfg.
44. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. — Bezugs-Preis: 50 Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit begonnen werden.
kV 3 kV
s ■■ kV
CXD O KL O«
00 5«
£ « i
Xs
»S J E
^to |
Abend-Ausgabe.
(Nachdruck verboten.)
Ueber Feuerdestattuug.
(Eigener Aufsatz für das „Wiesbadener Tagblatt".) Die Geschichte der Herrschergeschlechter, der Eroberungen und Friedensschlüsse hat man eine Lehrmeisterin der Menschen genannt, aber die Kulturgeschichte ist das in hundertfach höherem Grade. Zwar fordert sie tieferes Studium und imponirt dem kindischen Sinne weniger als die Großthaten der Staatengeschichte, aber sie giebt uns nutzbare Lehren. Die Frage der Leichenbestattung ist hochwichtig, nicht nur für die Kenntniß alter Anschauungen und Sitten, sondern hauptsächlich weil sie eine brennende Frage ist; sie brennt seit einigen Jahrzehnten gewaltig.
Begräbniß und Scheiterhaufen waren zwar nicht die einzigen, doch die unter Kulturvölkern von je vorherrschenden Lestattungsarten. In dem uralten, noch nicht entschiedenen Kampfe zwischen ihnen haben zwar auch geographische und wirthschaftliche Umstände, vorwiegend aber religiöse Meinungen den Ausschlag gegeben, welche freilich mitunter von geographischen und wirlhschaftlichen Zuständen bedingt waren, rüdem z. B. die Holzarmuth mancher Länder die Feuerbestattung fast unmöglich machte.
Die alten Perser brachten ihre Todtcn in die Einöde, damit sie dort von Geiern und Schakalen verzehrt wurden. Die von Ormuzd rein geschaffene Erde sollte nicht durch vergrabene Leichen verunreinigt werden. Von einer ganz anderen religiösen Anschauung gingen die alten Egypter aus: sie verbargen ihre Tobten in Steingruften, unter Steinhaufen, und wer vermögend genug war, balsamirte de» Leichnam, um ihn vor Verwesung zu schützen. Forderte dort der Glaube die Vertilgung, so forderte er hier öle möglichste Erhaltung der Fleischesreste. Den Egyptern ähnlich verfuhren die Hebräer mit ihren Tobten; daß sie jedoch auch die Feuerbestattung kannten, wohl auch ausübten, darauf lassen mehrere Stellen des alten Testaments schließen, z. B. Jerem. 34, 5.
Bei den alten. Griechen und Römern, die über ein Fortleben nach dem Tode ziemlich unbestimmte, nicht dogmatisch fef^estellte Vorstellungen hatten, sehen wir die beiden Hauptarten der Todtenbestattung nebeneinander im Gebrauch, doch so, daß das Verbrennen über das Begraben allmählich die Oberhand gewann. In Griechenland scheint der Pelopou- nesische Krieg, in Rom die Zeit Sullas der Wendepunkt gewesen zu sein, von welchem ab der Scheiterhaufen die entschiedene Vorherrschaft hatte, die er im Römischen Weltreiche erst durch das Christenihum wieder .verlor. Freilich läßt Homer, der ältere Dichter, die vor Troja gefallenen Helden auf dem Scheiterhaufen verbrennen, der jüngere Dichter, Sophokles, läßt seine Antigone die Leiche des Bruders mit Erde bedecken, nachher nächtlicher Weile begraben. Aber hier entscheiden die Umstände. Patroklos ist ein Fürst, ihn bestatten seine Genossen als kriegsgewaltige Volksgebieter; Polyneikes ist zwar auch ein Fürst, aber ihn, den Geächteten, kann nur ein ohnmächtiges Weib dürftig bestatten. Die Feuerbestattung ist wohl ohne Zweifel ein Porzug der Vornehmen, Begüterten gewesen und wohl auch geblieben.
Jedenfalls stoßen solche Ausnahme-Beispiele jenes Er- gebniß der kulturgeschichtlichen Forschung nicht um, erinnern
uns an die bemerkenswerthe Thatsache, daß bei den Griechen und Römern die Wahl der Bestattungsform auch aus politischen und wirthschaftlichen Tendenzen hervorging, während bei den orientalischen Völkern das religiöse Vor- urtheil zwingender war und auf lange Zeiträume hinaus jede ruhige Reform ausschloß. Eine wohlthätige Reform ist aber der Fortschritt vom Begraben zum Verbrennen der Leiche unbedingt zu nennen, und zwar vom ästhetischphilosophischen, vom hygieinischcn und vom sozial-politischen Gesichtspunkt aus.
Die eigenthümlische Mischung buddhistischer, altjüdischer, neuplatonischer Rcligionselemcnte, welche als Christenthum in die Geschichte trat, den sozialen Inhalt mehr und mehr abstreifte und unter politischen Einflüssen ihrem Ursprünge immer unähnlicher wurde, charakterifirte sich frühzeitig durch ihre Welt- und Naturfeindschaft. Die Kreuzigung des Fleisches, die reine Geistigkeit, die Verachtung des Irdischen wurde der vorherrschende Zug. Im jenseitigen himmlischen Reiche sollte die sündige Seele erlöst sein. Der alte Dualismus des Ormuzd und Ahriman und der uralte Seelenwandcrungsglaube hatten ein neues Kleid angezogen; die Kirche lehrte, der Mensch werde, wenn Gott ihn begnadigte, im Jenseits mit einem verklärten Leibe auferstehen. Der aus dem Grabe erstandene und leiblich gen Himmel gefahrene Gottessohn war dafür Gewähr und Vorbild. Des Menschen Leichnam durfte nicht durch Feuer zerstört, er mußte, wie Jesu Leichnam, begraben werden. Die Erdbestattung war in die Alleinherrschaft wieder eingesetzt, jede andere war ketzerisch. Karl der Große verbot bei Todesstrafe die unter den Sachsen herrschende Feuerbestattung, und wie die Christen,' so wütheten auch die Bekenner des semitischen Islams gegen die Feuerbestattung.
Während des ganzen Mittelalters ließ der unglaublich niedere Stand des Naturwissens und die geflissentliche Feindschaft gegen dasselbe — wird doch selbst ein Papst, der naturfreundliche Gerbert, Sylvester II., als Zauberer verabscheut, sogar von dem freigesinnten Walther von der Vogelweide — eine bewußte Opposition gegen die Erdbestattung nicht aufkomuien, obwohl deren unheilvolle Wirkungen gerade damals mit Händen zu greifen waren. Nicht die alten Friedhöfe in den engen Städten, die Juden hatten die Brunnen vergiftet. Einsicht in die Gesundheitsbedingungen war dem Mittelalter versagt, ringt erst in neuerer und neuester Zeit langsam sich durch. Der Kampf gegen den mittelalterlichen Geist oder Ungeist begann zunächst auf anderen Gebieten, die ganze Zeit der Reformation und Renaissance durchweht ein lebensfreudiger revolutionärer Zug. Druck ruft Gegendruck hervor. Gegen das privilegirte Krieger- und Priesterthum empörte sich der Handwerker, der Bauer, zunächst mit spöttischen Liedern, dann auch mit gewaffneter Hand, und oft siegreich. Die überstiegene Moral des Ritters Toggenburg, die geistlose Litanei des Klerikers wurde verhöhnt, das Reinmenschliche forderte sein Recht, oft mit schmutziger Roheit, oft mit spottendem Uebermuth. Wie der deutsche Eulenspiegel, der spanische Don Quixote, so trägt die ganze Volkslitteratur jenes Zeitraums den Charakter der Auflehnung gegen alten Glauben und alte Formen. Auch die von Gunst und Geld abhängigen Künstler folgten diesem Zuge. Wo das fleischfeindliche Kirchendogma forderte, die vom Mann unberührte heilige Jungfrau darzustellen, da triumphirte dennoch die langunterdrückte Natürlichkeit: der begeisterte Künstler schuf in seiner Madonna ein Weib von glühender sinnlicher Schön
(Nachdruck verboten.)
Der „Salon" der Champs Elysties xrr Paris.
(Eigener Bericht für das „Wiesbadener Tagblatt".)
Wohlbekannt ist, daß Paris seit der Veruneinigung der Leiter der großen Gemälde-Ausstellung, die alljährlich im Calais de l’fndustrie stattfand und mit dem Namen „Salon“ bezeichnet wurde, zwei derselben gewonnen hat. Die Un- zufticdenen haben sich in den Räumen des Ausstelluugs- aebäudes von 1889 zusammengefunden, und anstatt infolge tiefer Spaltung eine große Leere in beiden zu erblicken, «wahrt man diese riesigen Säle überaus reich gefüllt, ein Beweis, daß dank des gewonnenen Platzes nur immer flotter darauf losgemalt wird.
Da er ältere Rechte besitzt, so sei der Salon der .Champs Elyse'es zuerst besprochen. Wir könnten auch das Citat: „Das Beste kommt zuletzt" als Grund anführen, doch, wir wollen nicht vorgreifen. Keine Beschreibung — nur eine Impression wollen wir heute, der Mode gehorchend, unseren Lesern geben. Zu überwältigend ist der Eindruck dieser Gemälde-Ausstellung fin de siöcle, als daß wir Alles sofort „gehörig zu klassifiziren" verständen. Welch überheizte, krankhafte Phantasie! Welch ein Aufwand von Fleiß, um ein paar dürftige oder barocke Ideen auszudrücken, aber um Schauder erregende und nur auf die Sinne wirkende Scenen vorzuführen, von denen man sich mit einem Andruck traurigen Unbehagens wegwendet. Ist das das Ziel der Kunsts Es giebt Perioden in der Kunstgeschichte, Jtoo das reine Schönheitsideal vergessen zu sein scheint. Ein Gang durch den kaum eine Viertelstunde entfernten Louvre
müßte diesen Herren die Augen öffnen — aber so wie sie meist nur eine Farbe sehen, so sehen sie auch nicht mehr, was schön ist. Das Ende des 19. Jahrhunderts begegnet sich hierin, wie in so vielen anderen Stücken, mit dem des 18. Voltaire schrieb seiner Zeit: Wir haben die italienische Kunst nicht mehr nöthig, nm uns zu begeistern. Lebrun übertrifft gewaltig einen Veronese. Man denke sich nun irgend eine Scene aus dem Leben des heiligen Bruno, eine Scene theatralischer Pose, neben der „Hochzeit zu Cana" des großen Venetianers!
Die heutige Generation will gleichfalls nichts mehr von den alten Meistern wissen, sie fühlt sich wohl auf den neuen, seltsamen Bahnen, die sie wandelt. Kaum ist die nöthige Fertigkeit im Handwerk erreicht, so wird fleißig der Pinsel gerührt, um jedes Jahr etwas Neues für die Salons zu liefern. Ein Meisterwerks Unmöglich! Eine große Leinwand, die Aufsehen erregt durch grobe Effekte aller Art, denn eines spricht noch mächtig mit: der Kampf ums Dasein. Wer es versteht, von sich reden zu machen, ist der Held des Tages — und um dieses edle Ziel zu erreichen, muß zu den tollsten Mitteln gegriffen werden. Nur zu oft ist cs trotz alledem nur ein Eintagsfliegen-Dasein.
Wie vermag ein echter Künstler jedes Jahr ein Meisterwerk zu schaffen! Wie können „vier Meilen-Bilder", wie ein kluges Kind trefflich bemerkte, nur Gutes darbieten! Seien wir nachsichtig mit den armen, ums Dasein kämpfenden Jüngern der Kunst, aber geben wir trotz alledem offen unseren Eindruck wieder.
Der Salon 1896 ist im Ganzen und nach Aller Ansicht mittelmäßig. Das, was wir zu sehen bekommen, ist das ae-
heit, ein Bild liebebeglückter Weiblichkeit. Den Künstlern folgten die Denker; nicht lange, da sprach Spinoza das gewaltige, erlösungsverheißende Wort: „Gott handelt nur nach den Gesetzen seiner Natur".
Wurde auch dieses Streben nach Natur und Freiheit wieder geknickt, folgte auch der Reformation das theologische Zeitalter, die Saat war gesäet und ging später üppig auf. Dem theologischen Zeitalter folgte das philosophische und diesem folgt jetzt das naturwissenschaftliche. Jetzt sorgt schon das materielle Bedürfniß dafür, daß es hinfort nicht länger möglich sein wird, selbst die breiten Volksschichten bei dem mit dem Naturgesetz unvereinbaren alten Glauben festzuhalten, der menschliche Leichnam müsse in einem Grab verfaulen, damit ihn Gott dereinst von dort vor seinen Richterstuhl rufe.
Aber der entscheidende Gesichtspunkt für die Bestattungsfrage ist unbestritten der gesundheitliche. Doch sei er nur kurz besprochen, denn auch dem Beschränktesten, wenn er nur gesunde Sinne hat und des Gebrauchs derselben nicht ganz entwöhnt worden ist, muß die Verseuchungs- und Vergiftungsgefahr einleuchten, die mit der Erdbestattun( verbunden ist. Das Wasser sickert durch die Gräber, gelang» auf kürzeren oder längeren Wegen in die Brunnen oder in die Bäche, welche der Wasserversorgung für Menschen und Thiere dienen, und die Verseuchung ist da. Außer den vielen nachgewiesenen Einzelfällen aus neuerer Zeit kann schon der in alten Zeiten immer wiederkehrende Nothschrei: „Die Brunnen sind vergiftet" an diese schauderhafte Gefahr mahnen, und der Trost, daß es damit jetzt nicht mehr so schlimm sei, wie vormals, ist ein sehr alberner. Es mag auch zugegeben werden, daß je nach der Höhenlage dieses und jenes Friedhofs, je nach der Beschaffenheit des Bodens, je nach einzelnen günstigen Umständen die Verseuchungsgefahr größer oder kleiner ist, ja, daß sie an einzelnen Orten gänzlich ausgeschlossen sein kann: als allgemein übliche Bestattungsform ist das Begraben aus gesundheitlichen Gründen unbedingt zu verwerfen.
„Aber der Friedhof kann ja weiter weg verlegt werden", sagt Einer, der blind an den Sitten der Vorfahren hängt. Ei, das geschieht ja fortwährend. Nehmt eine rasch wachsende Stadt mittlerer Größe. Zwei, drei, vier Friedhöfe, ehemals vor den Thoren, liegen jetzt inmitten der Stadt. Vor einem Menschenalter ist ein fernlicgender Friedhof angelegt worden, bald darauf ein zweiter, und beide sind schon wieder von Straßenzügeu erreicht. Die Scuchengefahr, die man von der Stadt abwehren wollte, lastet jetzt auf den Vorstädten und Dörfern. Auf alten und neuen, denn an jedem neuen großstädtischen Friedhöfe siedelt eine wachsende Kolonie von Gastwirthen, Steinmetzen, Gärtnern sich an, und wer fragt heute nach der Gesnudhcitsgefahr, wo es Geld zu verdienen giebt! Wir sind bei dem sozial-politischen Gesichtspunkt angelangt. Dieses fortgesetzte Ankäufen neuer Friedhofslündereien, dieses Fruktificiren derselben durch nachziehende Gewerbsleute befördert den Grundstückswucher, diese von Henry George und den Bodenreformern geschilderte Pest unseres Zeitalters verschärft also das Mißverhältuiß zwischen Besitzern und Nichtbesitzern, zwischen Arbeitenden und Rentnern. Es als ein Glück, als ein Wachsen des „Nationalreichthnms" zu preisen, wenn die von der Gesammtarbeit erhöhten Boden- werthe durch günstige Konjunktur einzelnen glücklichen Grundbesitzern zufallen, während sie allen Uebrigen durch Miethsteigernng die Lebenshaltung erschweren, über diese Wahnvorstellung sollten wir doch endlich hinaus
treue Spiegelbild des Zeitgeistes. Ob wir moderne Romane lesen, ob wir die Schauspielhäuser besuchen, philosophische und sozial-politische Vorträge hören — oder eine Gemälde- Ausstellung durchwandern: überall fin de siede, Dekadenz. Für das raffinirte Publikum: schlüpfrige Sittenschilderungen, eine Moral jenseits von Gut und Böse und spitzfinderige psychologische Probleme; für die Masse große Effekthascherei, blendende Farbenkunststücke; für die übersinnlichen Schwärmer endlich etwas Mystik und Symbolik, die noch tief unter der durchgeistigten neu-englischen Schule steht und im Vergleich zu vergangenen Jahren viel seltener auftritt. Umso mehr wird in der sozialen Frage gearbeitet.
Der Hauptsaal ist von Spaßvögeln „le Salon des Machabees“ benannt worden. Makkabäer aber nennen die Jünger Aeskulaps die Kadaver, die sie sccircn. Das sagt genug. Wir sehen auch zunächst zwei meterhohe Bilder, inspirirt durch Gustave Flauberts unvergleichlichen Roman „Salammbö“. Das erste (gemalt v. Sur and) zeigt das Heer der Barbaren, wie es von den gewaltigen Elephanten des Hamilkar Barkas förmlich zertreten wird. Das zweite von Thivier führt uns das in der Schlucht de la Hache eingeschlossene Söldnerheer vor, das dem Hungertode preisgegeben ist. An Grauen und Entsetzen werden diese beiden großen Gemälde noch durch Tattegrains Schöpfung übertroffen, die eine ganze Seitenwand ausfüllt: Les bouches inutiles (Die überflüssigen Esser). Mitten im Winter hat man Weiber, Kinder, Greise und Kranke aus der belagerten Feste in die Wallgraben gejagt, wo sie, von Feinden umringt, elendiglich Berti gern und erfrieren, nachdem sie eine Zeit lang von Leichen gezehrt haben. Die furchtbare Schilderung des
