Wiesbadener TsgblÄ.
44. Jahrgang.
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Uo. 232
Dienstag, den 19. Mat
1896,
BczirkS-Ferusprecher No. 52.
LezirkS-FernfPrecher No. 52.
Abend«Ausgabe,
Das Abkommen mit der Ueugmnea- Compagnie.
Das zwischen der Reichsregierung und der Neuguinea- Compagnie getroffene Abkommen bezüglich der Uebernahme der Landeshoheit über das Schutzgebiet der genannten Gesellschaft durch das Reich beseitigt die letzte Spur der Anomalie in der Verwaltung der deutschen Kolonieen. Die Neuguinea- Compagnie ist bekanntlich die einzige deutsche Kolonialgesellschaft, welche bis jetzt noch neben ihren wirthschaftlichen Aufgaben mit der Ausübung von Hoheitsrcchten betraut war, nachdem zuerst die südwest - afrikanische Gesellschaft und dann auch die ostafrikanische Gesellschaft alle Hoheitsrechte aufgegeben hatten. Die Denkschrift, welche der in dem jetzt dem Reichstag vorliegenden Nachtragsetat enthaltenen Forderung von 273,000 Mk. für die Uebernahme der Landeshoheit durch das Reich beigegcben ist, bestätigt die bereits in der vorigen Session von Seiten der Kolonialverwaltung wie von verschiedenen Mitgliedern des Reichstags hervorgehobenen Unzuträglichkeiten, die sich aus der andauernden Ausübung staatlicher Hoheitsrechte durch eine private Erwerbsgesellschaft ergeben müssen. In der Reichstagssitzung vom 28. Mürz v. I. führte der CerNrumsabgeordnete Bachem Klage über die Behandlung der katholischen Missionare von Seiten der Leitung der Neuguinea-Compagnie, und der Abg. Dr. Hamrnacher sprach im Verlaufe der Erörterungen die Ucber- zeugung aus, daß cs an der Zeit sei, den bei der Ueberlassung der Hoheitsrechte an die Gesellschaft vor 10 Jahren begangenen Jrrthum gutzumachen. Ministerialdirektor Kayser sicherte damals zu, den Versuch zu machen, mit ber Neuguinea - Compagnie betreffs Uebernahme der Hoheitsrechte durch das Reich in Unterhandlungen zu treten. Das Ergebniß dieser Unterhandlungen ist das jetzt vorliegende Uebcreinkommen, welches den am 17. Mai 1885 der Gesellschaft ausgestellten „Schutzbrief" in den auf die Ausübung der Landeshoheit bezüglichen Bestimmungen abäudert. Das Abkommen ist ein definitives
und unterscheidet sich dadurch schon sehr zu seinem Vortheil von dem am 23. Mai 1889 zwischen dem Auswärtigen Amt und der Neuguinea-Compagnie abgeschlossenen, durch welches die Ausübung der landcshoheit- lichen Rechte einschließlich der Gerichtsbarkeit „auf Kündigung" auf das Reich übertragen wurde. Die Gesellschaft machte schon nach 3 Jahren von dem Rechte der Kündigung Gebrauch, sodaß seit dem September 1892 wieder das alte Verhältniß in Kraft war. Das neue Ab- kouwicn trifft außer über die Landeshoheit auch Bestimmungen über die Eigenthumsrechte der Neuguinea- Compagnie. Es sichert dem Reich das Recht zu, gegen eine gewisse Geldleistung die der Gesellschaft noch belassenen Rechte und Befugnisse bis zum 1. April 1905 abzulösen. Die Ablösungssumme ist, falls die Ablösung bis zum 1. April 1900 stattfindet, auf 4 Millionen Mark bemessen, sie steigert sich dann jedes Jahr um 120,000 Mk., würde sich also im äußersten Falle auf 4,6 Millionen Mark be
laufen. Angesichts der Thatsache, daß die Neuguinea- Compagnie für die wissenschaftliche Erforschung des Schutzgebiets, für Anlegung von Stationen und für die Verwaltung bereits eine Summe von 10 Millionen Mark aufgebracht hat, wird man diese Ablösungssumme schwerlich als zu hoch gegriffen bezeichnen können. Von kolonialfeindlicher Seite ist schon im vorigen Jahre der Versuch unternommen worden, gegen die Uebernahme der Verwaltung des Schutzgebiets auf das Reich mit der Behauptung Stimmung zu machen, daß jede Möglichkeit, wirthschaftlichen Nutzen aus der Kolonie zu ziehen, ausgeschlossen sei. Dieser Behauptung stehen indessen die Untersuchungen Dr. Hollrungs, Hugo Zöllers und anderer Kenner des Landes, sowie das Urlheil des früheren Landeshauptmanns Schmiele gegenüber, der die Fruchtbarkeit von Kaiser Wilhelms-Land weit über die von Sumatra und Ceylon, ja über die Javas stellt. Die Vorbedingung einer ausgiebigen Nutzbarmachung des Landes ist indessen eine festgeordnete Verwaltung. Das einzige Opfer, welches das Reich bisher für das Kolonialgebiet der Neuguinea-Compagnie gebracht hat, besteht in der seit ein paar Jahren eingesührten subventionirten Dampferlinie, die sich von der ostafrikanischen Linie abzweigt und einen Zuschuß von 218,000 Mk. erfordert. Wir sind der Meinung, daß die aussichtsreiche Entwickelung jener Kolonialgcbiete, um deren Behauptung Fürst Bismarck einst einen energischen diplomatischen Feldzug mit England führte, wohl das jetzt geforderte Opfer einer Viertelmillion werth ist.
Deutscher Reichstag.
O Berlin, 18. Mai.
Am BmideSrathstiscb Reichskanzler Fürst Hohenlohe, Freiherr v. Marschall und KricgSmimster Bronsart v. Schellcndorff. Auf der Tagesordnung steht die erste Lesung der Gesetzes n ov ekle, betreffend die F rieben spräsenz stä rke, und des Nachtrags zum Etat. — Kriegsminister Bronsart v. Schclleiidorss beschränkt sich darauf, die militärischen Motive darznlegen, welche für die Umformung der vierten Bataillone sprechen. Der Grundgedanke der Heeresverstärkrnig sei f. Z. gewesen: die Feldarmee müsse verstärkt werden, und zwar vornehmlich derjenige Theil, der den ersten Stoß ausznhalten habe. Es bleibe ein unbestreitbares Verdienst des Grafen Caprivi und feines, des Redners, Vorgängers, diesen Grundgedanken richtig erfaßt zu haben. Reserve und Nenforniatiou seien minderwerthig, nicht an Tapferkeit, aber an Leistuugssähigkeit. Sie seien nicht zu vergleichen mit vollwertbigen, mobil gemachten Fricdenstrnppen. Der jetzt dem Hause vorliegende Gedanke rühre etwa nicht von ihm, dem Minister, her, sondern schon vom Kaiser im Jahre 1891. Daß im Jahre 1893 keine Voll-, sondern nur Halbbataillone gebildet worden seien, liege daran, daß mau bei der Vermehrung des Heeres dem Volke ein Aequivalent habe geben wollen in der zweijährigen Dienstzeit. Nun habe sich herausgestellt, daß die vierte» Bataillone keine glückliche Maßnahme gewesen seien. Es herrsche die Ueberzeugung, daß die jetzt geschaffenen Vollbataillone durchaus da« leisten würden, was jetzt den Halbbatailloueu an Ausbildung übertragen sei. Es habe sich bei den Halbbataillonen nm einen Versuch gehandelt und da sei Niemand zu tadeln; das gelte vor Allem auch für die Militärverwaltung. Die Ergebnisse dreier Kriege hätte» doch bewiesen, daß die deutsche Militärverwaltung so ungefähr das Richtige zu treffen wisse. (Beifall und Heiterkeit.) — Abg. Lieber (Centr.) führt aus, für seine parlamentarischen freunde gebe es kaum eine größere Gcnugthuuua, als die, welche das Centrum in der Vorlage und in der soeben gehörten Rede finde. ES bestätige sich jetzt, was das Centrum seiner Zeit gegen die vierten Bataillone eingewendet habe. Redner kommt sodann auf das Duell zu sprechen und hanpisächlich darauf, daß vor Kurzem das „Militär- Wochenblatt" das Duell verthcidigte, sogar unter Berufung aus die
Bibel. Des Weiteren berührt Abg. Lieber die Reformen der Militär- Strafprozeßordnung. Er wolle nicht schildern, wie tief die Mißstimmung seiner Freunde darüber fei, daß alle die vielen gemachten Zusagen noch immer nicht erfüllt seien. Man möge zur Vorlage stehen, wie man wolle, eine solche Behandlung des Reichstags errege überall Mißstimmung und werde auch Einwirkung auf die Entscheidung des Reichstags in dieser Frage zur Folge haben. Für das Ccntrum liege der Schwerpunkt der Vorlage in dem Zusammenhang der vierten Bataillone mit der zweijährigen Dienstzeit. Der Herr Kriegsminister habe ja schon auf diesen Zusammenhang hingewiesen, er habe die vierten Bataillone „Aschenbrödel" genannt, im Jahre 1893 aber sei dieses Aschenbrödel eine Prinzessin gewesen. (Heiterkeit.) Damals waren, so fährt Rednei fort, die vicrl-n Bataillone die Voraussetzung für die Einführung der zweijährigen Dienstzeit, eine Geivährleistung der ferneren KriegS- tüchtigkeit des Heeres. Da macht es doch einen wenig glaubhaften Eindruck, wenn der Kriegsminister jetzt glauben machen will, es habe sich damals nur um einen Versuch gehandelt. Meine Freunde müssen nun doppelt vorsichtig sein gegenüber jeder Aenderung, welche in ihren Konsequenzen die zweijährige Dienstzeit erschüttern könnte. Es wird deshalb sehr bestimmter Er
klärungen Seitens der Militärverwaltung in der Kommission bedürfen. Meine Freunde sind bereit, die Vorlage ernsthaft zu prüfen, sind aber nicht geneigt, die Vorlage zu fördern, wenn sie nicht die Gewähr erhalten, daß die zweijährig« Dienstzeit dadurch nicht erschüttert wird und daß die Vorlage nicht den Weg öffnet zu neuen Forderungen.(Beifall.)—Reichskanzler Fürst H o henlo h e: Der Herr Vorredner hat den Wunsch ausgedrückt nach offiziellen Erklärungen über den Stand der Militär-Strafprozcß- r e f o r m. Ich bin bereit, die Anfrage des Vorredners zu beantworten. E s ist allgemein bekannt, daß das Militär- Strafverfahren der Verbesserung bedarf und daß die Armee eines einheitlichen Strafverfahrens nicht entbehren kann. Das hat dazu geführt, daß schon seit längerer Zeit eine Kommission mit der Ausarbeitung einer neuen Strafprozeßordnung betraut wurde. Der Entwurf einer solchen ist nunmehr so weit vorbereitet, daß ich bc- stininil erwarten darf, denselben im Herbst dieses Jahres den gesetzgebenden Körperschaften vorlegen zu können. (Bravo!)
Derselbe wird vorbehaltlich der Besonderheiten, welche die militärischen Einrichtungen erheischen, aus dem Grundsätze der modernen Rechtsanschauung aufgebaut sein. (Bravo!) Im Uebrigen muß ich es selbstverständlich ablehnen. Näheres über den Entwurf mitzutheilen, so lange er nicht im BundeSrath berathen ist. — Abg. Richter (sreis. Volksp.) erklärt zunächst, der Abg. Lieber habe ihm einen großen Theil seiner Ausführungen vorwcggenommen und zwar in Bezug auf den Militär-Strafprozeß und die zweijährige Dienstzeit. Selbstverständlich verlangten auch er und seine Freunde Sicherstellung der zweijährigen Dienstzeit. Was die Vorlage anbelange, so hätten auch die anderen Ressorts in derselben ihre Wünsche vorgebracht in einem Rachtragsetat, obwohl dazu doch gewiß noch im nächsten Jahre Zeit gewesen wäre. Nach finaiizpolitischen und finanztechnischen Ausführungen berührt Redner den Zusammenhang der Umwandlung der vierten Bataillone mit der zweijährigen Dienstzeit. Die vierten Bataillone seien allmählich zum Schwamm und jetzt nun gar zum Aschenbrödel geworden. Vor Allem aber fragt Redner: Wie denkt die Regierung darüber? Ist auch bei der Verminderung des Personenstandes der bisherigen Vollbataillone durch kleinere Abgaben an die bisherigen vierten Bataillone die zweijährige Dienstzeit aufrecht zu erhalten? Wir beantragen gesetzliche Festlegung der zweijährigen Dienstzeit und von der Annahme oder Nichtannahme dieses Antrags werden wir unsere endgültige Stellung zu der Vorlage abhängig machen. Wir verlangen die Festlegung der zweijährigen Dienstzeit auch deshalb, damit nicht etwa 1898 deren Festlegung erkauft werde durch abermalige Erhöhung der Präsenzstärke. Eine Andeutung des Kriegsministers hat mich befremdet, nämlich betr. Schaffung eines neuen Armeecorvs aus den neugcschaffcucn vierten Bataillonen. Wir sollen, wie der Minister sagte, 1893 mit den vierten Bataillonen einen Sprung ins Dunkle gemacht haben. Mir scheint cs dabei, als ob wir mit dieser Vorlage hier einen Sprung ins Dunkle machen würden. Mit dieser Vorlage ist der Bundesrath fertig geworden, mit der Reform des Militär-Strafprozesses noch nicht. Da sollen wir wohl noch ein Jahr warten? Wir können diese Vorlage nur anuehmeii, wenn uns reale Garantieen für die Erfüllung unserer
(Nachdruck verboten.)
Die Krönungsfeierlichkeilen in Moskau.
Von Paul Lindenberg.
I.
Auf der Reise nach Moskau.
Bahnhof Friedrichstraße Abends 7 Uhr — was ist das jetzt dort für ein Drängen und Schieben, Leben uyd Treiben, wenn mit seiner langen Wagenkette der Eilzug nachAlexan- drowo einbraust! „Achtung! Achtung!" wahrlich, man muß Äe Augen gehörig öffnen und die Ohren tüchtig spitzen, denn aus den Versenkungen steigen ganze Koffer-Gebirge empor und werden in ihren einzelnen Theilen zu den Gepäck-Waggons getollt, Couriere und Leibjäger kommen mit vielumfassenden Reisetaschen und sonstigen zahlreichen Gepäckstücken angehastet «nd helfen ihren Herrschaften beim Einsteigen und dem Eequemmachen im Coupe, Offizierburschen reichen ihren in «drettem Civil erscheinenden Herren Helmschachteln und Sabrlfutterale hinein, die Diener und Zofen vornehmer Mamilien empfangen von letzteren nochmals einige Dutzend Verhaltungsmaßregeln, hier wird ein reizender Scidenspitz Apn seiner nicht minder reizenden Herrin zärtlich gclicbkost, ®«rt unterdrückt die hübsche junge Gattin mühsam die Abschiedsthränen, da komplimentiren einige Botschaftsherrcn «m ihren gestrengen Chef herum, während Ihre Excellenz kaum noch die duftigen Blumensträuße halten kann, deutsches, französisches, russisches, englisches Sprachgewirr schallt an unser Ohr, und nun: „Einsteigcn! Einsteigen!" Die Thüren Riegen zu, die Räder rucken an, und hinaus geht's aus der Uon dumpfem Tosen erfüllten gewaltigen Eisenhalle dem fernen Ziele, Moskau, zu.
_ Schon seit acht Tagen sind sämmtliche Schlafwagenplätze »tteat und von Warschau aus giebt's bis zum 20. Mai
überhaupt keine Billets mehr für die Waggons lits, Alles strömt nach Moskau, von Frankreich, England, Italien her, und der Weg wird meist über Berlin und Warschau genommen, da er der schnellste ist, denn in 24 Stunden hat man von den Ufern der Spree diejenigen der Moskwa erreicht. Sind wir doch schon bald nach 1 Uhr Nachts in Alexandrowa. Ruffische Gendarmen fordern unsere Pässe ab und es geht zurZoll-Abfertigung,die verhältnißmäßig rasch und liebenswürdig verläuft; nur den gewaltigen Koffer-llngethümen der Damen wird einige nähere Aufmerksamkeit geschenkt und allerhand Spitzen-, Seiden- und Sammet-Gewirr, allerhand sonst den Augen sterblicher Erdensöhne unzugängliche Toiletten-Geheimniffe kommen da zum Vorschein und cs wird hoch und lheucr geschworen, daß Alles, Alles schon benutzt worden ist, obwohl jene lange, kostbar gestickte Schleppe wohl noch nie das glatte Parquet eines Ballsaals berührt, jenes blumen- und federverzierte Hütchen kaum je von den Sonnenstrahlen getroffen, jene schmalen Sohlen und spitzen Absätze mehrerer Paare winziger Stiefelchcn noch nicht einen Staubatom aufzuwcisen haben, ferner jenes mit verschiedenen Schleifen versehene Spitzen-.......doch knack, fliegt der.
Koffer zu und wird der grüne Zettel draufgeklebt, und die dunkellockige Inhaberin all der Herrlichkeiten, deren Augenspiel beredter wie ihre Worte gewesen, athmet erleichtert auf und läßt sich das erste Glas dampfenden russischen Thees im Wartesaale noch einmal so gut munden.
Um 8 Uhr ist Warschau erreicht, fröhlich begrüßt uns die goldige Morgensonne, und gern verschmähen wir die zu dem weiten Moskauer Bahnhose führende Verbindungsbahn und vertrauen uns einem fragwürdigen und mit noch fragwürdigeren Pferden bespannten Gefährt an, das wahrscheinlich schon beim Rückzüge der großen französischen Armee seine bereits damals fragwürdigen Dienste getban. Aber wie kann
der Kerl fahren, wie greifen die Klepper aus, im gestreckten Galopp geht's dahin, „daß Kies und Funken stoben" und unsere Gliedmaßen eine Polka aufführten, an die sie noch lange denken werden. Ganz Warschau hat geflaggt, die weiß-blau-rothen Fahnen flattern uns überall entgegen, der Namenstag des Großfürsten-Thronfolgers ist ja heute, und die um diese „frühe" Morgenstunde noch verschlafene Stadt macht dadurch einen freundlichen Eindruck. Aber bitte, nicht zu viel Umschau halten, man macht sonst ganz direkte Bekanntschaft mit dem Straßeupflaster der einstigen Residenz Augusts des Starken, hops, schon wieder ein Prellstein, wupps, von Neuem in eine Kute, klirr, zum dritten Mal an einen Wagen 'ran, unser schmierigerKutscher fuchtelt drohend mit der Peitsche und flucht fortwährend den stumpfsinnigen Lenkern der Lauernkarren sein „Psa krew“ — „Hundeblut" — entgegen, zehnmal drohen wir umzuwerfen und zehnmal geht's weiter, immer schneller, nun eine steil abfallende Straße mit großartig gräßlichem Pflaster hinunter, daß das Handpferd mehrfach schon im Sturz zusammenknickt, aber stets wieder sofort emporgerissen wird. Jetzt donnern die Hufe über das eiserne Pflaster der riesigen neuen Weichselbrücke, nun geht's durch das Judenviertel mit seinen kaftanumhüllten Bewohnern, deren jüngste männliche Sprossen von drei, vier Jahren in Kleidung und Wesen schon den ältesten Altvordern gleichen und alle unserem großen Ludwig Knaus zu seiner köstlichen „Judenschule" Modell gestanden zu haben scheinen, und endlich halten wir vor dem wenig imposanten Bahnhofsgebäude und können vorsichtig fühlen, ob sich nicht doch eine Bein- oder Arm» Verrenkung so heimlich eingestellt hat.
Bald läuft der Moskauer Schnellzug ein und wir suchen es uns möglichst wohnlich zu machen in dem kleinen Raum, der uns bis rum Nachmittag des nächsten Taaes beherbergen
