Wiesbadener Tsgblatt
Verlag: Langgaffe 27.
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1896.
Fttitag, de» 1. Mai
N». 204.
Bezirks-Fernsprecher N». 52.
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
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der allgemeinen Unterstellung der Hausindustrie urter die Aufsicht der Gewerbe-Inspektoren befreunden zu können. Die Anhänger dieser Maßregel haben besonders in jüngster Zeit immer mehr Boden gewonnen; eine Thatsache, die ihre Erklärung in den schlimmen hausindustricllcn Zuständen • findet, die neuerdings an das Licht der Oeffentlichkeit gelangten. Die Neichsgesetzgebung wird Mittel und Wege zur Erfüllung dieser Forderung suchen müssen, wenn ihr an einer allgemeinen und wirksamen Durchführung der Arbeiterschutzgesetze gelegen ist. Bekanntlich werden zahlreiche Kinder, deren Beschäftigung seit einigen Jahren in der Fabrik verboten ist, jetzt in der Hausindustrie umso ärger geplagt. Ein derartiger Zustand kann auf die Dauer nicht bestehen bleiben. Voraussetzung seiner Beseitigung ist jedoch das Eingreifen der Neichsgesetzgebung und eine sehr erhebliche Vermehrung unserer Gewerbe-Inspektoren. Obgleich die Zahl derselben in den letzten Jahren sich stark gesteigert hat, so giebt es doch auch in dieser Beziehung noch sehr viele Wünsche. Namentlich hat man in letzter Zeit mit besonderem Nachdruck die Anstellung weiblicher Hülfskcäfte für die Gewerbe-Inspektion verlangt, und diese Forderung scheint derartig in den Verhältnissen begründet zu sein, daß sie schwerlich wieder von der Tagesordnung verschwinden wird. Einzelne Bundesregierungen sind bekanntlich der Anstellung weiblicher Hülfskräfte geneigt, die preußische Negierung hat sich jedoch bisher ablehnend verhalten, weil, wie der Handelsminister vor einiger Zeit ausführte, Erfahrungen auf diesem Gebiet noch nicht gemacht seien. Die weibliche Fabrik-Inspektion in England könne nur als geringfügig bezeichnet werden und man habe keine Ursache, die dort gemachten Erfahrungen als gute zu bezeichnen. In den Kreisen der englischen Sozialpolitiker wird dieser Anschauung jedoch widersprochen. So hat Sir Charles Dilke in den letzten Wochen Gelegenheit genommen, die Ansicht des preußischen Handelsministers zu berichtigen. Der bekannte englische Politiker weist darauf hin, sowohl der frühere wie der jetzige Staatssekretär des Innern habe die Einführung der weiblichen Fabrik-Inspektoren als eine Lösung betrachtet, und weder von dem Staatssekretär noch von dem gegenwärtigen General-Gewerbe-Jnspektor sei eine von dieser Ueber- zeugung abweichende Aeußerung gethan. Die Einrichtung habe sich in England bewährt, man ernenne fortgesetzt neue weibliche Fabrik-Inspektoren und fände dabei im Parlament sowohl den Beifall der Arbeitgeber, wie der Arbeitnehmer.
Jedenfalls ist das ein gewichtiges Zeugniß für die weibliche Fabrik-Inspektion. In England greift man auf sozialpolitischem Gebiet überhaupt mit weniger büreaukratlschem Bedenken zu, als in Deutschland. Es liegt das an der industriellen und polstischen Entwickelung des Landes und am Nationalcharakter. Einen Beweis hierfür bot wieder einmal jüngst die Erörterung im Unterhause über die Wohnungs- noth der arbeitenden Klassen. Es lag ein Gesetzentwurf vor, der die Gemeindevertretungen ermächtigt, Arbeitern, die sich ein eigenes Haus bauen wollen, dreiviertel des Baupreises v'orzuschießeu. Mau will damit eine große Anzahl kleiner Grnndeigenthümer schaffen; ein Gedanke, der zunächst allerdings verlockend aussieht, der jedoch bei den in England herrschenden wirthschaftlichen Verhältnissen seine recht bedenklichen Seiten hat. Zunächst erstrecken sich seine Vor- theile nicht auf die gänzlich oder fast gänzlich mittellosen
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seinem weißschimmernden Aeußern, sondern auch in seinem Innern; einen Theil des letzteren wird ein viel umfassendes maritimes Museum einnehmen, für welches auch unsere Reichsrcgierung ihr Interesse bekundet hat. Neben den Kajüten 1. und 2. Klasse enthält das Schiff luxuriös eingerichtete Salons für das Kaiserpaar, und nicht nur durch das Auge wird man sich von dem behaglichen Leben an Bord überzeugen können, sondern auch durch den Gaumen, da di« Küche kein bloßes „Schaugericht" sein, sondern für Atzung des Magens sorgen wird.
Von ungemeinem malerischen Reiz ist das Gegenstück zu dem prachtvollen Schiffe, die nahe Berliner Hütte, eine Nachahmung der in den Tiroler Alpen gelegenen letzteren, die dort wie hier ihr Entstehen dem deutsch-österreichischen Alpen-Verein verdankt. Aus Naturholz aufgeführt, mit felsbeschwertem Dach und luftigen Gallerieen, hat die Hütte einen prächtigen Hintergrund durch ein vom Maler Rummelspacher herrührendes Panorama erhalten, das uns mit einem Schlage mit seinen grünen Triften unten und seinen kühn darüber emporragenden schneebedeckten Gipfeln in die Alpenwelt versetzt. Noch mehr ruft diese Illusion das Innere der Hütte hervor, wo wir uns plötzlich inmitten des Zaubers des Zillerthaler Gebirgsstockcs befinden, unweit des Dorfes Jembach, um alsbald durch mechanische Hülfe zur Berliner Hütte zu gelangen und von unserem Standpunkt aus einen überwältigenden Rundblick auf die eis- umpanzerten Bcrgriesen nah und fern zu erhalten.
Zwischen dieser Berliner Hütte und dem Kaiserschiff erhebt sich, seine Hauptansicht der Spree zukchrend, das Gebäude für Fischerei und Schifferei, welches auch den Gruppen für Nahrungs- und Genußmittel, sowie für Sport einen Unterschlupf gewährt und das räumlich zu den umfangreichsten der Ausstellung gehört. Von K. Hoffacker im
rechnen und war der milde Winter nicht den Arbeiten sehr günstig? Wir fürchten, wir fürchten, der Eröffnungstag wird in obiger Beziehung manch arge Enttäuschungen bringen.
Doch, wie erwähnt, die Ausstellung bietet ja auch jetzt schon für das Auge genug, und namentlich die Sonder- Ausstellungen, vor Allem Alt-Berlin und Kairo, find fertig, ebenso, wie schon kürzlich hier vorausgesagt, die zahllosen Erfrischungsstätten, in denen all die Hungernden und Durstenden liebevolle Unterkunft und Aufnahme finden. Von den hauptsächlichsten Gebäuden verdient das vom Architekten H. Grisebach entworfene für Chemie, wissenschaftliche Instrumente und Photographie besondere Berücksichtigung, dessen kuppelgekrönter Ausbau, auf welchem sich eine Victoria erhebt, in leichtem Basilikastile errichtet ist, aber mit seinen beiden, flott aufgeführten, oben mit Gallerieen versehenen Thürmen nichts Schwerfälliges an sich hat. An diesem Ausbau, der zwei kräftig hervortretende Seitenflügel besitzt und an den sich als Fortsetzung eine langgestreckte Halle schließt, zieht sich ein künstlerisch fein durchdachter und sorgsam ausgeführter Fries entlang, der uns inmitten einer Guirlande von Pflanzen und Blättern frohsinnige Amoretten zeigt, die auch in den buntbemalten Fenstern wiederkehren. Etwas schmucklos muthet uns dagegen das Innere der Haupthalle dieses Gebäudes an, die gewölbte weiße Decke macht einen kühlen Eindruck, während weit behaglicher der vordere Theil wirkt, der zu Vorträgen und Experimenten benutzt werden wird.
In der Nähe dieses Chemiegebäudes finden wir auch das riesige Lloyd- oder Kaiserschiff, mit seinem gewaltigen Bug 50 Meter in die Spree reichend, während an seinem Steuertheil noch emsig gearbeitet wird. Es ist eine bis ins Kleinste gehende Nachbildung der mächtigen, nach fernen Erdtheilen gehenden Lloyddampfer, nicht nur in
Sozialpolitische Umschau.
— den 1. Mai.
Wir leben in einer Zeit sozialstatistischer Erhebungen Namentlich in den letzten Jahren hat das Arbeitsgebiet der ' Sozialstatistik mehr als irgend eine andere Wissenschaft an Breite und Tiefe gewonnen. Sie hat mit fester Hand den Schleier gehoben, der über viele böse Stellen unseres wirth- ichaftlichcn und sozialen Lebens ausgebreitct lag; der Reichsgesetzgebung hat sie völlig neue Gesichtspunkte eröffnet, ihr Richtung und Weg gewiesen. So ist die Sozialstatistik in neuester Zeit für unser Volksleben eine der wichtigsten, wenn nicht die wichtigste Wissenschaft geworden. Auch an Angriffen fehlt es natürlich nicht. Es ist schon immer so gewesen, daß derjenige, welcher gesellschaftlichen Mißständen zu Leibe ging, auf harte Fehde gefaßt sein mußte. Und als ehrliche Wissenschaft kam die Sozialstatistik in jüngster Zeit sehr oft in die Lage, Thatsachen zahlenmäßig festzustellen, deren Bloßlegung in manchen Kreisen wohl unangenehm empfunden werden mag.
Zu den schlimmsten dieser von der Sozialstatistik veröffentlichten Blätter aus dem Schuldbuch unseres heutigen Erwerbslebens gehören die kürzlich abgeschlossenen Ermittelungen über das Elend der Konfektions-Arbeiterinnen. So hat das Berliner Einigungsamt in der Herren- und Knabenkonfektion durch seinen Vorsitzenden Dr. Weigert jetzt folgende Thatsachen der Oeffentlichkeit übergeben: In Berlin verdienten 43 Frauen und Mädchen als Handnährrinnen bei der Herstellung von Hosen wöchentlich 272 Mk. 87 Pf. Das macht also für die Person etwa 6 Mk. 35 Pf. wöchentlich. Als Stepperinnen verdienten 41 Frauen und Mädchen 396 Mk. 90 Pf. wöchentlich. Das macht für die Person etwa 9 Mk. 70 Pf. in der gleichen Zeit. Es ist festgestellt, daß die meisten dieser Arbeiterinnen täglich 13 bis 17 Stunden schaffen müssen, um jenen traurigen Lohn überhaupt zu verdienen. Oft müssen diese Näherinnen und Stepperinnen noch 2 bis 12, auch wohl 18 Stunden wöchentlich bei der Arbeitsablieferung warten.
Daß selbst der anspruchsloseste Mensch mit einer derartigen Bezahlung weder in Berlin noch in irgend einer Großstadt Wohnung, Nahrung und Kleidung bestreiten kann, ist ganz unzweifelhaft. Es müssen daher zur Fristung des Daseins von vielen dieser Arbeiterinnen Wege eingeschlagen \ werden, die durch Gesetz und Ehre verboten sind. Es ist L unnöthig, hier Zustände nochmals ausführlich zu erörtern, die in letzter Zeit schon sehr oft besprochen sind. Gegen- ° wärtig wird in der Reichskommission für Arbeiterstatistik be- rathen, in welcher Art wenigstens den ärgsten Uebelständen im Konfektionsgewerbe abzuhelfen ist. Auch hier scheinen die Gegensätze zwischen den Vertretern der Unternehmer und Heuen der Arbeiter schier unüberbrückbar. Die Einen verlangen Betriebswerkstätten, elfstündigen Maximalarbeitstag und Beaufsichtigung der Hausindustrie durch die Gewerbe- - Inspektion, die Anderen betonen, dieses sei der Anfang vom Wnde. Man spricht die Befürchtung aus, daß Hunderttausende von Arbeitern aus Berlin weg nach den Vororten
oder nach kleinen Städten ziehen und daß durch die Betriebs- Werkstätten eine Steigerung der HersteMngskosten entstehe, die den Mitbewerb auf dem Weltmarkt erschwere. Es ist ganz gewiß richtig, daß wir auf die Verhältnisse in unseren Absatzgebieten Rücksicht zu nehmen haben. Aber es ist Aufgabe einer klugen Wirthschafts- und Sozialpolitik, zu prüfen, ob die Rücksicht auf den als Entschuldigung für die traurigsten Löhne meistens angeführten Mitbewerb auf dem Weltmarkt wirklich so weit zu gehen hat, daß man die moralische und physische Verkümmerung breiter Arbeiter- schichten gewissermaßen als Naturnothwendigkeit hinnehmen muß. Jndustriccn, welche dauernd ihren fleißigste» Hülfs- kräftcn kaum mehr als ein freud- und trostloses Armenhäusler-Dasein bieten können, tragen wenig zur nationalen Wohlfahrt bei. Sie zehren an dem Kapital unserer Volkskraft und Volksgesundheit und werden hierdurch selbst unserem nationalen Dasein gefahrvoll. Dessen sollte man sich weit mehr, als cs bisher geschehen ist, bewußt werden und bei Zeiten die Erwerbsthäligkeit einsichtsvoll von Jn- dustrieen ableiten, deren große Ausfuhrzisfern nicht darüber hinwegtäuschcn können, daß hinter ihnen gewissermaßen ein Raubbau an unserer Volkßkraft sich verbirgt, der in mehr als einer Beziehung zu schweren Befürchtungen Anlaß giebt.
Aus derartigen Erwägungen heraus hat man unter dem Eindruck der neueren sozialstatistischen Erhebungen selbst die völlige Aufhebung der Hausindustrie verlangt, die bekanntlich den bösen Leumund besitzt, in vielen Zweigen ganz besonders zu einer Verkümmerung der Arbeiter beizutragen. So verlangt in den kürzlich erschienenen neuesten „Jahrcs- berichtenderGewerbe-Aufsichtsbeamtcnim Königreich Württemberg" einer der dortigen Gewerbe-Inspektoren, daß die Hausarbeitvollständig verboten und in öffentliche Betriebswerkstätten verlegt werden solle. Damit würde man ja allerdings eine gründliche Lösung der Frage herbeiführen. Aber jedenfalls könnte eine derartige tiefgreifende Umwandlung nur sehr langsam und nur in einzelnen besonderen Zweigen jener Erwerbsgebicte erfolgen. Ob die Betriebswerkstätten in der Konfektion einznführen sind, wird voraussichtlich bereits in nächster Zeit entschieden werden. Nimmt sich die Reichsgesetzgebung dieser Forderung an, so betritt man damit ein völlig neues Gebiet, auf dem man Erfahrungen sammeln könnte und müßte. Vielfach übernimmt auch der Entwickelungsgang unserer Großindustrie die Durchführung jener Forderung. So ist bekanntlich die Zahl der hausindnstriellen Weber in den letzten Jahren stark zusammengcschmolzen, und auch in der Wirkerei geht die Hausindustrie zu Gunsten des Betriebs in großen geschlossenen Fabriken schnell zurück. Für die Arbeiter ist das ein erheblicher Vortheil. Die Beschäftigung in der Fabrik ist eine regelmäßigere, die Arbeitszeit ist kürzer und trotzdem der Lohn höher. Dabei stehen die Arbeiter in den Fabriken unter dem Schutz der Sozialgesetzgebung; es herrschen erträgliche gesundheitlich« Verhältnisse, während es mit Luft und Licht in den Stuben der hausindustriellen Arbeiter meistens sehr schlecht bestellt ist.
Trotz all der zahlreichen offenbaren Ucbelstände, welche im Gefolge der Hausindustrie deren Arbeiter belasten, wird es mit der von jenem württembergischen Gewerbe-Inspektor verlangten allgemeinen Einführung der Betriebswerkstätten wohl noch gute Weile haben. Eher scheint man sich mit
— 4». Jahrgang.
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(Nachdruck verboten.)
Streifziige durch die Berliner Gewerbe- Ausstellung.
Son Paul Lindenberg, m.
Berlin, 29. April.
„8fot 30. April wird Seitens der Feuerwehr Alles, was auf den Wegen lagert, wie Bretter, Balken, Sparren, Ge- - räthe rc., fort geräumt" — rothe Plakate künden dies ; Überall auf dem Ausstellungsgebiete an. Ach, wenn man : hoch unbekannte, hükfreiche Mächte gewinnen könnte, die bis zum Eröffnungstage, dem 1. Mai, alles Erforderliche in die Ausstellungsräume, soweit diese überhaupt schon zur Aufnahme all des Nützlichen und Sehenswerthen fertig sind, hineinräumten, wie heiß würden sie gesegnet werden! ■ Denn es sieht nicht sehr erfreulich aus mit dem inneren Mesen unserer Ausstellung,derenAeußeres ja schonpräscntabel ist und den vielgerühmten großartigen Eindruck macht. Aber Hinter den mit Stuckverzierungen bekleideten, oft auch bunt- ausgeschmückten Wänden der stolzen Hallen, o weh, o weh, da i schaüt's bös aus, und der wißbegierige Wanderer wird mit dem bekannten Grauen seine Schritte wenden und wird, falls er es auf den Kern und nicht bloß auf die Schaale : abgesehen hat, erst in einigen Wochen wiederkehren, um sich i von der Leistungsfähigkeit der Industrie und des Gewerbes Berlins zu überzeugen. Es ist ja das schlimme Recht der Ausstellungen, nie am Eröffnungstag fertig zu sein, aber E hätte doch von der preußischen „Fixigkeit" mehr erwarten
n, und die hat uns diesmal arg im Stich gelaffen; m dies geschehen, ist hier zu untersuchen nicht unsere ; tSache, die einzelnen Arbeiterausstände haben ja viel Störungen verursacht, aller mußte man mit ihnen nicht von vornherein
