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Vitsbademr Tagblatt.

44. Jahrgang.

Erscheint in zwei Ausgaben. — Beznas-Preisr SO Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann jederzeit be­gonnen werden.

Verlag: Langgasse 27.

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Bezirks-Fernsprecher No. 52.

Abend«Ausgabe

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f gemeinden von 1,067,081 auf 1,082,682. Einige Stabt

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gemeinden blieben bei ihrem Wachsthum gegen den Durch­schnitt des Landes zurück, einige andere hingegen überschritten ihn erheblich.

In rein lnndwirthschafilichen Orten ist keine Beschäftigung für den Zuwachs der Bevölkerung und er wird in Jndustrie- orte oder Städte getrieben. Wo aber auch auf dem Lande Industrie neben der Landwirthschaft betrieben wird, findet kein

Dir Verlegung der Industrie anfs Kund.

. Der Zug vom Lande in die Städte scheint in Baden Sten Höhepunkt überschritten zu haben, denn die Ergebnisse letzten Volkszählung geben den Beweis, daß derselbe innerhalb der letzten Zählperiode hinter ftüheren Perioden

zurückblieb. Wenn auch die kleinsten Gemeinden des Groß- herzogthums insgesammt eine Abnahme von 3788 Personen ergaben und die Hälfte der Gesammtzunahme der Bevölkerung auf die fünf größten Städte entfällt (32,854 von 67,603), so L haben doch weder die kleinen noch mittleren Gemeinden | (von 2- bis 5000 Einwohnern) insgesammt abgenommen.

Die Zahlen der vorläufigen Zusammenstellung der Volks­zählung vom 2. Dezember 1895 ergeben Folgendes: Die Gesammtbevölkerungszahl stieg von 1890 bis 1895 von 1,657,867 auf 1,725,470. Von den 11 Kreisen haben 9 zugenommen, 2 etwas abgenommen, und von 52 Amtsbezirken nahmen 15 ab und 37 zu. Von den Gemeinden nahmen 805 zu, 775 ab und 26 blieben unverändert. Es sind also nur Verschiebungen im Allgemeinen und nicht speziell vom Lande in die Städte zu verzeichnen, und es haben sowohl Städte wie Land­gemeinden insgesammt zugenommeu. Die 116 Städte stiegen von 590,789 Personen auf 642,788; die 1490 Land-

Abzug überschüssiger Bevölkerung statt. Sehr erheblichen Ein­fluß übt hierbei die Cigarrenindustrie, die in der Zählperiode stetig ausgedehnter wurde. Die Jahresberichte der Fabrik- inspekfion bestätigen es, daß deren Wachsthum den Land­gemeinden zu großem Segen gereicht. Auch der 1895er Bericht erwähnt wieder, daß diese Industrie, die größtentheils auf dem Lande durch zahlreiche Filialen betrieben wird, den AL Devölkerungsüberschuß festhält, beschäftigt und ernährt. Sind (CjE die gezahlten Löhne auch niedrig, so kommen dieselben den Ar kleinen Landwirthen, deren Familienangehörige, weil im Landwirthschaftsbetrieb überflüssig, in Cigarrenfabriken arbeiten, sehr zu Statten, ja bewirken sogar nach und nach 5 | einen gewissen Wohlstand.

eo Und nicht nur der Lohn an sich, der den Familien zu ® besserer Lebenshaltung zufließt, ist es, der die betreffenden

Gemeinden wirthschaftlich emporbringt, sondern auch der Land­wirthschaftsbetrieb wird durch die Industrie im Orte ertrag­reicher. Man wirthschaftet intensiver, man produzirt für die Arbeiterbevölkerung Milch und Milchprodukte, Geflügel, Eier und Fleisch sowie Gemüse und vermag am Orte die Produkte

zu gutem Preise abzusetzen, die man sonst an Händler billig M - abgeben oder unter erheblichem Zeitaufwand und etwas Un- £ kosten nach der Stadt bringen mußte. Wer also den Abzug

1896.

Dienstag, den 14. April

Bezirks-Fernsprecher No. 52.

vom Lande nach der Stadt verhindern will, der fördere die Verlegung der Industrie nach den Dörfern, wie das in Baden thatsächlich fürsorgliche Gemeindeverwaltungen häufig gethan haben. Hat doch im 1894er Bericht die Fabrik­inspektion erzählt, daß manche Gemeinden den Cigarren­fabrikanten entweder. Arbeitsräume umsonst oder zu mäßigen Miethspreisen stellten, um Fabriken in ihren Ort zu bringen.

Uebrigens dürften bei der steten Verbesserung der Ver­kehrsmittel manche Industrielle aus eigener Einsicht für ihre Interessen mehr und mehr zur Errichtung von Fabriken auf dem Lande schreiten, da namentlich die theueren Bau­plätze ebenso wie die höheren Arbeitslöhne der städtischen Arbeiter dazu drängen. Der Industrie-Arbeiter auf dem Lande und ganz besonders, wenn er auf dem Lande aufwuchs, ist immer zugleich etwas Landwirth, be­baut ein Stückchen Feld, hält etwas Vieh und ver­mag die Arbeit, die das erfordert, noch neben der Berufs­arbeit zu leisten. Ist der Arbeiter nicht von Haus aus im Besitz eines Grundstücks, so sucht er zu pachten, sucht aber auch zu sparen, um bei Gelegenheit ein Stück Feld zu erwerben. Die Dheilbarkeit der Grundstücke kommt ihm hierbei zu Statten und nur ein Mißstand kommt hier bereits in Erscheinung, daß die Grundstücke durch die vielfache Nachfrage oft weit über ihren Werth bezahlt werden. Ein bemerkensiverther Fall von Verlegung einer Industrie- Unternehmung von der Stadt auf das Land ist die Verlegung des Cementwerkes Heidelberg nach dem etwa 7 bis 8 Kilometer entfernten Dorfe Leimen. Die Stadt Heidelberg hat der Unternehmung ihren Grundbesitz zu hohem Preise abgekauft, als die Werke theil- weise durch Brand zerstört waren, um Baugcbiet zu ge­winnen, die Fabrik hat aber zu verhältnißmäßig sehr niedrigen Preisen Baugrund auf dem Dorfe erworben, wo ihre Stein­brüche liegen. Dabei wird die Wasserkraft des Neckars nach- wie vor zum Betriebe verwendet werden, indem sie elektrisch übergeleitet werden wird. Es unterliegt keinem Zweifel, daß bei dieser Verlegung alle Theile, sowohl die Gemeinden wie Unternehmer und Arbeiter, nur gewinnen dürften und Nach­ahmung ist sicherlich, wo irgend angängig, zu empfehlen, mm.

Deutsches Keich,

* Keelin, 14. April. Der frühere verantwortliche Nedaktenr des „Sozialist" Franz Künstler wurde auf der Straße verhaftet und in das Uutersuchungs- gefängniß abgeführt. Man nimmt an, daß die Verhaftung erfolgt ist wegen der Märznummer des „Sozialist", in der in nicht weniger als sechs Fällen strafbare Handlungen be­gangen sind. — Freiherr v. Schrader hat, nach einer Meldung des „Lokal-Anzeiger", unmittelbar bevor er sich zu dem Zweikampf begab, einen Brief an den Kaiser geschrieben. Nach den letztwilligen Bestimmungen ist dieser Brief nach dem Hinscheiden v. Schraders dem Kaiser zu- gestellt worden. Wie dasselbe Blatt erfährt, hat v. Kotze sich persönlich beim Gouverneur von Berlin und beim Kommandanten gemeldet und diesen Kenntniß von dem Verlauf des Duells gegeben. — Im Neichsamt des Innern ist gestern Vormittag, 10 Uhr, die schon mehrfach erwähnte Konferenz zusammengetreten.

welche über die geplante reichsgesetzliche Regelung deS Apothekerwesens berathen soll. — Bezüglich des Diph theritis-H eilse rums wird von dem Regierungs­präsidenten zu Potsdam zur allgemeinen Kenntniß gebracht, daß das von den Höchster Farbwerken hergestellte Serum mit der Central-Nummer 40 wegen der im Verlauf von 9 Monaten eingetretenen Verminderung seines ursprüng­lichen Gehalts an Jmmunisirungs-Eigenschaften zur Ein­ziehung bestimmt ist. Fläschchen mit dieser Kontrol-Nummer dürfen daher in Apotheken nicht mehr abgegeben werden. — Hofprediger a. D. Stöcker veröffentlicht folgende Er­klärung: „Die am 7. Februar in der Tonhalle gegen den Grafen v. Schlieben-Sanditten gethanen Acußerungen nehme ich, insoweit sie persönlich beleidigend sind, gern zurück". Bekanntlich wurde kürzlich die Nachricht verbreitet, daß Graf Schlieben-Sanditten seine Privat-Beleidigungs- klage gegen Stöcker zurückgezogen hat. — In der nächsten Woche werden, wie der „Nat.-Ztg." bestätigt wird, im Inter­esse der griechischen Staatsgläubiger die Vertreter der deutschen Jnteressenten-Gruppen und des hiesigen Schutz- Comitos zusammentreten, um Vorschläge über die nun an den griechischen Staat mit Aussicht auf Erfolg zu stellenden Forderungen entgegen zu nehmen und zu besprechen. Die Entscheidung über die schließlicheAnnahmeder Vorschläge Hai erst eine einzuberufende Gläubiger-Versammlung zu fällen. — Wie einer Meldung des „Lokal-Anz." zufolge verlautet, soll Professor Behring, der gegenwärtig auf Capri weilt, veranlaßt worden fein, sich zu dem Fall Langerhans zn äußern. — Entgegen der Meldung französischer Blätter wird der „Nordd. Allgem. Ztg." zufolge von Paris ans authentisch erklärt, daß Fürst Hohenlohe während seines dortigen Aufenthalts mit politischen Persönlichkeiten Frankreichs keinen Verkehr gehabt hat. — Der vom Abg. Lenzmann bearbeitete Bericht über den Gesetz­entwurf, betreffend Aenderungen und Er­gänzungen des Gerichtsverfassungsgesetzes und der Strafprozeßordnung, ist fertig und wird sofort nach Schluß der Osterferien in der betreffenden Kommission des Reichstags festgestellt werden. Die Kommission hat folgende Resolutionen gefaßt: Der Reichstag wolle be­schließen: 1. den Herrn Reichskanzler zu ersuchen, eine reichsgesetzliche Einführung der bedingten Verurtheilung in Erwägung zu ziehen; 2. den Herrn Reichskanzler zu er­suchen, dem Reichstag baldigst einen Gesetzentwurf vor­zulegen, wodurch dieVollstreckung gerichtlich erkannter Freiheits­strafen reichsgesetzlich geregelt wird.

Ausland.

* Belgien. Gestern tagte in Brüssel der vlämische Volksrath. Derselbe nahin eine Glückwunsch-Adresse an den Präsidenten Krüger an. Den vläniischen Arbeiter» wurde empfohlen, nach Transvaal auszuwandern. Alsdann wurde ein Referat angenommen, welches die Gleichberechtigung der vläniischen Sprache in Belgien verlangt.

* Großbritannien. Die Blätter besprechen die Kotze- A sfaire und halten es für dringend erforderlich im Interesse b« deutschen Ansehens, daß endlich dem Duellunsug durch einen Macht­spruch des Kaisers ein Ende gemacht werde.

* Zponir». Bei den Kammerwahlen werden nach den bisher bekannten Resultaten gewählt werden: 280 Konservative, 65 Liberale, 3 Republikaner, 3 Karliste» und ein Sozialist.

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(Nachdruck verboten.)

Transvaal.*)

*) 53ei dem anhaltenden großen Interesse, das die südafrikanische 3. «publik in der politischen Welt in Anspruch nimmt, dürfte dieser j, Wtttfel aus der Feder eines hervorragenden Publizisten unseren ■ k. «fern gewiß willkommen sein. Zwei weitere Artikel über Ver- >2 iassuuas- tttfb volkswirthschaftliche Fragen sollen demnächst folgen.

I. Geschichtliches.

Manches Kulturvolk mit hochberühmter Vergangenheit hat feit Jahrtausenden nicht so viel erlebt, wie die süd­afrikanische Republik Transvaal, mit der sich die Gegenwart ^.-ttrabe in ber letzten Zeit so mannigfach beschäftigen mußte. Wenn man bie Geschichte bieses Staates, wie sie sich etwa

Überziehen läßt, so muß man staunen über die Großartigkeit vld Mannigfaltigkeit der Eindrücke, die in eine verhältniß- Aäßig knappe Zeitspanne zusammengedrängt sind. Man wird auch dem Muth, den die Boeren von Transvaal den Gelüsten fremder Eroberer gegenüber an den Tag gelegt haben, ihrer Thatkraft und Tapferkeit volle Anerkennung zollen müssen. Aber ebenso läßt sich nicht leugnen, daß dem Staatswesen und seinen Einrichtungen manche Fehler und Unzuträglichkeiten anhaften. Wenn die südafrikanische Republik bie Sympathie, bie sie im Rache ber Völker besitzt.

d [eit zwei Jahrzehnten abgespielt hat, an seinem Geiste vor­

weiter genießen, wenn sie bie wichtige Stellung, die sie, ein ? Lchter Punkt im dunklen Erdtheil, nicht nur behaupten, - Hindern auch ausdehnen will, müssen unter allen Umstünden Aenderungen stattfinden und Reformen eingeführt werden, i wie sie durch die fortschreitende Kultur und die Ereignisse ber jüngsten Zeit nun einmal bedingt sind.

f; Die Transvaal-Republik hat etwa die Größe des König­reichs Italien, ist also ein stattliches Reich, das überdies den Vorzug genießt, daß es unter dem glücklichsten Himmel

und in fruchtbarster Gegend gelegen ist. Herren des Landes sind bie Bauern (boern, bueren), germanische Ansiebler, ursprünglich hollänbischer Abkunft, bie allerbings mit mannig­fachen anderen Bevölkerungs - Bestandtheilen untermischt würben. Im Jahre 1652 ließen sich bie ersten Eimvanberer an ber Taselbai nieder, nachdem das Land, eine ursprüng­lich portugiesische Republik aus der Zeit, da dies Reich mit Spanien verbunden worden, in den Besitz der Holländer gelangt war. Als das Königreich Holland von den Franzosen eingenommen wurde, eroberten die Engländer die Kapkolonie. Das geschah im Jahre 1795; 1806 setzten sie sich dann endgültig in den Besitz des reichen Landes. Die holländischen Ansiedler hatten einen energischen Vernichtungs­krieg gegen die Hottentotten und Buschmänner geführt, waren aber bei ihrem Vorschreiten nach Norden hin auf den Widerstand der Kaffern gestoßen. Die Engländer schoben sich, nachdem sie von der Kapkolonie Besitz genommen hatten, gleichzeitig über Natal in das Kafferngebiet vor, wobei sie anfänglich von den Bauern sehr thatkräflig unter­stützt wurden. Bald aber bildeten sich Gegensätze zwischen ihnen heraus, bie bereits in ben dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts zu ernsten Zerwürfnissen führten. Der Grund lag zum großen Theil in der Behandlung, die den Kaffern von Seiten der Bauern widerfuhr. Diese hatten die ge­fangenen Eingeborenen einfach zu Sklaven gemacht, um sie als Arbeitskräfte für ihre Zwecke auszunützen. Die eng­lischen Missionare erhoben Einspruch gegen solches Ver­fahren; sie wiesen , darauf hin, baß es sich mit ihren Grunb- sätzcn von Humanität unb Christenthum nicht vertrage, ruhig einer Handlungsweise wie dieser zuzuschauen. Da schritt die englische Regierung im Jahre 1833 zu der extremen Maßregel, die Vergewaltigung der Eingeborenen auf jede Weise zu verbieten und die Zurückgabe des Landes an die Kaffern zu verlangen. Za, man verweiarrte den Anfiedlern

sogar jede Entschädigung für diesen sehr wesentlichen Ein­griff in ihren bisherigen Besitzstand.

Unter ben Bauern gohr bie Unzufriedenheit und brach schließlich zu lichten Flammen auf. Sie wanderten weiter nach Norden an ben Oranje-Vaal unb Limpopo-Fluß unb grünbeten 1836 am Vaal selbständige Staatswesen. Zwei Jahre später von bcu Natalkolonisten zu Hülfe gerufen, führten sie unter Prctorius mit wechselndem Erfolge Krieg mit ben Engländern, bis sich ihr Führer über ben Vaal nach Norben znrückzog unb jenseits desselben eine selbständige Republik gründete. England sah sich gezwungen, im Jahre 1854 nicht nur die Unabhängigkeit dieser Transvaal- Republik, sondern auch diejenige des Oranje-Freistaats südlich von Vaal anzuerkennen, ein Gebiet, das sie bereits 1848 in Besitz genommen hatten. Die Anerkennung des ersteren Staates hatte England schon im Jahre 1852 zu­gestehen müssen. Er hatte sich aus drei Gemeinwesen ver­einigt unb bie Bezeichnung „Südafrikanische Republik" für sich in Anspruch genommen.

Aber inneren Frieben sollte diese nicht genießen. Zwei Männer, ber schon oben genannte Pretorias unb Pottgieter, kämpften unausgesetzt um ben maßgebenden Einfluß. Zu biesem Zwiste, ber unter ben Nachfolgern berfelben fort­gesetzt würbe, gesellten sich religiöse Kämpfe, finanzielle Schwierigkeiten unb überdies Anfstänbe der Kaffern. England, das immer ein wachsames Auge auf bie sich hier abspielenbeit Vorgänge hatte, hielt endlich den Zeitpunkt für gekommen, in den Besitz des von ihm so sehr begehrten Landes zu gelangen. Als die Wirren immer größer unb bie Lage des Staatswesens immer bedrängter wurde, proklamirte England darum — das geschah am 18. Avril 1877 — offiziell seine Oberherrschaft über bie „Südafrikanische Republik".

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