1896
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
U«. 160
Bezirks-Fernsprecher No. 52.
Abend-Ausgabe
Sterben und Merden.
der kleinen Schwester an dem blanken Messingstab norm Schaufenster der großen Buchhandlung in der Fleischstraß und drängte das Gesicht an die Scheiben. Da waren viel Osterkarten ausgelegt, bescheidenere und reichere, geschmacklose und geschmackvolle; überall Frühlingsblüthen, blau, weiß, rothe, Ostereier Osterhasen — aber eine, eine in der Mitte —
„Hah!" Die blaßblauen Augen des Kindes wurden dunkelglünzend, es wies krampfhaft mit dem Finger hin: „Kuckstc, kuckste. Da sind se — o die Engelcher, wie goldig, wie lieb!" „
Ja richtig, zwei Engel tn weißen Kleidern mit lächelnden Mienen, Kränze im Haar, läuteten große Glocken, die vom Himmel zur Erde hingen; und in den Glocken stand's mit goldenen Buchstaben — Sus entzifferte sie brennenden Blicks —
Lange hab' ich mich gesträubt. Endlich gab ich nach;
Wenn der alte Mensch zerstäubt, Wird der neue wach.
Und so lang' Du das nicht hast Dieses: stirb und werde!
Bist Du nur ein trüber Gast Aus der dunklen Erde.
— Das französische Kabinett, über das seit Tagen besonders finstere Wolken hinzogen, hat am Donnerstag zwei sehr entgegengesetzte Dinge eingeheimst, die beide mit der Frage der auswärtigen Politik zusammenhängen. ^n der Deputirtenkammer gab's ein Vertrauensvotum mit 309 gegen 213 Stimmen, im Senat ein Tadelsvotum in derselben Sache mit 155 gegen 35 Stimmen. In der Kammer erklärte Bourgeois, Berthelots Rücktritt bedeute keineswegs einen Umschwung in der auswärtigen Politik. Die Regierung glaube, ihre Pflicht vollkommen gethan zu haben, und die Kammer werde ihr ein Zeugniß darüber nicht versagen. Nach weiteren Angriffen gegen die Regierung von Seiten Deloncles und Francs Charmes und nachdem 'letzterer einfache Tagesordnung vorgeschlagen hat, erklärt Bourgeois, die Regierung könne sich mit letzterer nicht begnügen, sondern verlange ein ausdrückliches Vertrauens- zeugniß. Die einfache Tagesordnung wird darauf abgelehnt, de Mahy und Brunet schlagen vor: „Die Kammer hat Vertrauen zur Regierung, genehmigt deren Erklärungen und geht zur Tagesordnung über." Dieser Beschluß wird mit 309 gegen 213 bei 522 Anwesenden angenommen. Die Regierung ist zum ersten Mal aus der Berathung in der Kammer mit einem Siege hervorgegangen. Im Senat verlangt Bisseuil, daß die Interpellation über die auswärtige Politik bis nach den Osterferien verschoben werde, Franck-Chauveau betont dagegen, die aufgeworfenen ernsten Fragen müßten ohne Verzug erledigt werden. Ministerpräsident Bourgeois unterstützt den Antrag auf Vertagung unter Hinweis auf seine bereits tm Senat und der Kammer abgegebenen Erklärungen, denen er zur Zeit nichts hinzufügen könne. Eine neue Debatte würde die schwebenden Verhandlungen nur stören und die Autorität der Regierung bei der Vertretung Frankreichs nach Außen hin schwächen. Äm Schluß seiner Rede appellirte der Ministerpräsident an den Patriotismus des Senats. Der Antrag Bisseuil wurde mit 159 gegen 112 Stimmen abgelehnt. Ministerpräsident Bourgeois giebt alsdann die Erklärung ab, daß er über die egyptische Frage gleichfalls keine änderen Mittheilungen machen, also die Interpellation nicht beantworten könne. (Vereinzelte Bravorufe.) Milliard begründet alsdann die Interpellation und erklärt, daß die patriotische Beunruhigung, welche die Dongola-Expedition und der Rücktritt des Ministers Berthelot hervorgerufen hätten, noch fortbestehe. Die Regierung habe sich durch die Ereignisse überraschen lassen. Redner bringt alsdann eine Tagesordnung ein, welche besagt: der Senat erachtet die Erklärungen der Regierung für unzureichend und erklärt, daß dieselbe nicht sein Vertrauen besitzt. Diese Tagesordnung wurde darauf mit 155 gegen 35 Stimmen angenommen. Die Minister verließen den Saal. Demöle beantragt infolge dieser Abstimmung die Aufhebung der Sitzung und Vertagung bis zum 21. d. M., um dann die Vorlage über die Madagaskarkredite zu berathen. Der Antrag wurde mit 182 gegen 97 Stimmen angenommen und darauf die Sitzung aufgehoben. — Die Minister traten infolge der Senatssitzung sofort am Quai d’Orsay zn einer Berathung über die durch das Senatsvotum geschaffene Lage zusammen.
Politische Tages-Kund sch rm.
— Eingeb orene Truppen in uns eren K olo- nieen. Die Mittheilungen, welche die neueste Nummer des amtlichen Kolonialblatts über die Erfolge macht, die mit der Heranziehung der Eingeborenen in den Kolonieen zu regelmäßigem Militärdienst erzielt worden sind, berechtigen zu der Erwartung, daß auf diesem Gebiete tn absehbarer Zeit sehr gute Resultate werden erreicht, werden. „ Es ist allerdings zu berücksichtigen, daß die Versuche zunächst auf die südwestafrikanische Kolonie beschränkt sind, und daß das dort zur Verfügung stehende Menschenmaterial auf einer verhältnißmäßig höheren Stufe steht,, wie die eingeborene Bevölkerung in unseren übrigen afrikanischen Besitzungen. Indessen werden die Erfahrungen, welche in Südwestafrika gemacht werden, zweifellos dazu beitragen, anderweitige Versuche zu erleichtern, zumal die beiden Hauptschwierigkeiten, die Abneigung der Eingeborenen gegen einen geordneten Militärdienst und die ntangelnde Sprachkenntniß in Südwestafrika ebenso gut vorhanden sind, wie in anderen Kolonieen. Was die Vortheile der Heranziehung der Eingeborenen zum Militärdienst speziell für Südwestafrika anlangt, so liegen dieselben auf der Hand. Sowohl der stellvertretende Truppen- Kommaudeur wie der Landeshauptmann vertreten die Ansicht, daß die militärisch ausgebildeten Eingeborenen eine vorzügliche Hülfstruppe für den Fall eines Krieges in dem Schutzgebiet abgeben werden. Damit eröffnet sich die Aussicht, daß mit der Zeit die Schutztruppe durch Eingeborene ersetzt werden kann, was in mancher Beziehung im Vortheil sein wird, und geeignet ist, uns unsere südwestafrikanische Kolonie noch werthvoller zu machen. Unleugbar wirkt, speziell in dem vorliegenden Falle, der „Militarismus" als Kultur- element in Südwestafrika. Der Bericht des stellvertretenden Truppenkommandeurs über die bisher erzielten Erfolge stellt das außer Frage, sodaß man auch unter diesem Gesichtspunkt das Vorgehen der dortigen Verwaltung nur freudig begrüßen kann.
— Neue Kämpfe gegen Crispi. Mehrere Mitglieder der radikalen Partei werden bei Wiedereröffnung der Kammer einen Feldzug gegen Crispi unternehmen und hoffen, daß die Kammer Crispi in Anklagezustand versetzen werde. Die Interpellanten haben sich mit Schriftstücken ausgerüstet, aus denen hervorgeht, daß Crispi während der letzten Jahre das Grünbuch gefälscht und das Parlament in der gröbsten Weise getäuscht hat. Außerdem soll der Beweis geliefert werden, daß die abessynische Katastrophe das Werk Crispis und mehrerer hoher Offiziere, darunter auch General Baratieri, sei, welche bei Sammlung der Crispi kompromittirenden Schriftstücke Dienste geleistet haben.
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Die Osterglocke«.
Novellettc von C. Vicbig.
Leise rührt es an den Glocken. Kein voller eherner Klang, nur ein zartes Tönen — ein Hauch von oben weht über die engen Gassen der alten Stadt.
„Hörstes" sagte das kleine Mädchen in der Rindertanz- straße°und hob die mageren Finger in die Höhe — „Hörste, Sus, de Engelcher läuten!"
„Was — Engelcher?!" Die große Schwester schüttelte gleichgültig den Kopf und zerrte die Kleine hinter sich drein — „Se probiren nur — sieben Uhr — wart, gleich läuten se Feierabend." Sie seufzte und sah mit den großen umschatteten Augen trübselig vor sich hin. „Wieder ein Tag zu End und dann kommt wieder en Tag und wieder einer — o Jeß! — und noch derzu morgen Ostern, ich wollt, ich —"
„Still, Sus, Hörste," flüsterte scheu die Kleine und faßte hastig nach dem Kleid der Großen — „Hörstes!"
Sie blieben stehen. Vom Dom her kam wieder das seltsame Läuten, oder war's von der Liebfrauenkirch' s Kein regelrechtes Bimbam, nur ein schüchternes Bi—i—im — jetzt stockte es plötzlich, aus war's!
„Was den Küster eieren nur macht?" Susanna Schommer, kurzweg Sus genannt, sah sich verwundert um. „Se läuten ja e so kornisch!"
Das Kind an ihrer Hand lachte über das ganze blasse Gesicht und nickte triurnphirend: „Siehste, das is net den Herr Gieren, das sind de Engelcher, die sind vorn Himmel geflogen un läuten nu die Osterglocken. Komm bei den Herr Lintz in de Fleischstraß, Sus! Da kannste se kucken mit weiße Röckcher und Kränzcher auf em Kopf, da sind se abaemalt — komm, rasch!"
44. Jahrgang.
Erscheint in zwei Ausgaben. - B°zuas-Preis: so Pfennig monatlich für beide Ausgaben zusammen. — Der Bezug kann lederzert be- gouueu werden.
Wir künden und wir sagen Bon Anferstehungstagen! Es läuten mit Frohlocken Die Engel Osterglocken.
* * *
Fröhliche Ostern!
„Mir nicht — mir nicht", murmelte Susanna Schommer und "zog fröstelnd ihr ärmliches Tuch um die Schultern. Sie wandte den Blick vom hell erleuchteten Schaufenster ab — wie trüb und düster die Straße schon! Graue Dämmerung kam niedergeflogeu und überwob Alles mit spinnwebfarbenem Schleier — die blankgeputzten Scheiben, die frisch aufgesteckten Gardinen, das papierblumengeschmückte Lamm bei Metzger Dietrich, die Fastenbretzeln und zuckerbestreuten Rodonkuchen beim Bäcker an der Ecke. Die Glocken hallen nicht mehr, mit einem letzten „Bum" sind fie verstummt. Es ist fast finster.
Goethe.
Das Leben der Natur und Menschheit ist ein Sterben und Werden! Daran sollten wir uns an jedem Tage, namentlich aber in der Osterzeit, erinnern, wenn der Winter vergeht und der Frühling ersteht und der feierliche Oster- morgen anbricht. Wie der Säemann feine Saat dem Schooße der Erde anvertraut, Io bergen wir Menschenkinder noch köstlicheren Samen trauernd in der Erde Schooß und hoffen, daß er aus den Särgen erblühen soll zu schönerem Loos. Was wäre das Christenthum ohne die Charwoche, in welcher unser Heiland den schwersten Todes- kampf zu kämpfen hatte, aber zugleich die innigste Gemeinschaft mit Gott und die höchste Liebe zu seinen Mitmenschen bekundete und den Beweis von der Wahrheit seiner Lehre und der Festigkeit seiner Ueberzeugungen lieferte! Die ganze Geschichte des Christenthnms beweist, daß aus dem Tod des Erlösers und seiner Jünger und Nachfolger das wahre Leben für die Kirche und für die Gemeinschaft der Gläubigen hervorgegangen ist. Ohne Leid und Kampf ums Dasein können weder einzelue Personen noch ganze Völker zu innerer Reife und höherer Entwickelung gelangen. Selbst Epideniieen, Seuchen, Kriege, Erwerbskrisen und andere Heimsuchungen dienen der Menschheit als Warnungstafeln und nöthigen sie, den Ursachen trüber Erscheinungen nachzuforschen und ihr Land und zukünftige Geschlechter vor ähnlichen Gefahren zu schützen.
Wir sollen an jedem Abend abrechnen mit dem alten Menschen, sollen Zorn und Leidenschaften begraben und an jedem Morgen von Neuem geboren werden mit edleren Entschlüssen und festerem Willen zu guten Thaten. Unser Gemüth soll jedoch nicht bloß das Irdische, sondern auch das Ewige mit Hellem Sinn umschließen. Wir sollen uns dessen bewußt bleiben, daß wir trotz unserer leiblichen und materiellen Bedürfnisse doch zugleich göttlichen Geschlechts und zur Gemeinschaft mit Gott, sowie zu beglückender selbstloser Menschenliebe berufen sind. Die Gewähr der Rettung unseres Innern liegt aber nicht in unserem Verdienst, sondern in dem ernsten Streben nach Vollendung, in der göttlichen Liebe und Gnade, welche aller Welt, auch den Nichtchristen, durch den Erlist er der Welt zu Theil geworden ist, sobald sie nur mit reinem Herzen und aufrichtiger Gesinnung ihre menschlichen Pflichten erfüllen. Jeder zum Besseren aufstrebende Mensch kann auch aus den schwersten Verirrungen durch die Gottesliebe erlöst und neu geboren werden.
Das Sterben und Werden ist auch em Gesetz des sozialen Fortschrittes der Menschheit. Viele alte Weltanschauungen und Gewöhnungen müssen begraben und auf- gegeben werden, damit neue, bessere und gerechtere Organisationen an ihre Stelle treten. Vor Allem muß an
Samstag, den 4. April.
die Stelle der Selbstsucht und Habsucht der Gemeingeist und die Opferwilligkeit treten. Statt des vergänglichen materiellen Besitzes müssen wir unvergängliche ideale Guter zu erwerben suchen und danach den persönlichen Werth und die Leistungsfähigkeit der Menschen und ihre Stellung tn der Welt benrtheilen. Der Klassenhaß muß abfterbcn und menschenfreundlicher Sinn Überall neu entstehen; bann wird mit der rechten Osterstiminung auch der soziale Friede sich weiter verbreiten!
Kättchen Schommer, die kleine Lahme, zog die große Schwester eilig mit sich fort, sie lief, so flink sie konnte; die kranken Füße thaten ihr weh auf dem holprigen Pflaster, aber sie rannte doch. Jetzt waren sie auf dem Damfreihof — im Dom Alles still — merkwürdig, Alles still! Aber von der Liebfrauenkirche ein volles stattliches Läuten, ein ganzer Chor von Glocken fällt ein — und jetzt, jetzt — endlich! nun fäugt's auch vom Dom an!
„O weh" — das Kind schlägt die Hände zusammen — jetz" läuten de lieben Engelcher nimmeh, nu is es Widder den Herr Cleren mit de Jungens! Die Engelcher sind net e so stark, die thun nut ganz leis dran tippen — gelt Du, Sus?"
„Bim—bam-bim—bant" — von allen Kirchen der alten Stadt rufen die ehernen Stimmen, von allen Kapellen gesellen sich hellere Stimmlein zu. Das sind mächtige Ton- wellen die ins Land hinausströmen, mächtige Klänge, die der Welt verkünden: „Wir tönen! Wir läuten! Freut Euch des Festes!" ., . . .
Da ist Niemand in der ganzen Stadt, der das nicht hören könnte; über die grauen Schieferdächer ruft es hm, über die blaue Mosel, über die Berge jenseits mit dem wunderbaren Roth der Felsen und den frühen Blüthen- bäumcn am Fuß, über die Rasenhänge am Wald mit den ersten scheuen Blurneit. Und die gelbe Primel, der Himmel- ftfilüffel schläat die Glöckchen aneinander und klingelt mit 'm großen Chor: „Ich töne! Ich läute! Ich,. schließe den Himmel auf, den Frühlingshimmel — er ist offen, tretet ein!"
Ostern, Ostern! Sonst läuten die Glocken alle in Moll, hent läuten sie in Dur; wer nur die Modulation recht verstehen lannl
SckornmerS Sus verstand sie nicht. Sie lehnte mit
